Der Deutsche als Rebell

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Ste­fan Scheil –

Der Deut­sche gilt nicht als gebo­re­ner Revo­lu­tio­när. Ganz im Gegen­teil schreibt das herr­schen­de Kli­schee ihm eher einen über­trie­be­nen Respekt vor der jeweils gel­ten­den recht­li­chen, gesell­schaft­li­chen und staat­li­chen Ord­nung zu. Der frü­her sprich­wört­li­che »deut­sche Michel« zog es dem­nach zu allen Zei­ten angeb­lich vor, mög­lichst in Ruhe sei­nen Pflich­ten und Nei­gun­gen nach­zu­ge­hen, statt sich risi­ko­reich mit den Ver­hält­nis­sen anzulegen.

Die­se Ansicht hält sich hart­nä­ckig, obwohl es an Revo­lu­tio­nen und Auf­stän­den in der deut­schen Geschich­te eigent­lich nicht man­gelt. Man kann als Bei­spiel an die eher bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Umstür­ze von 1848 und 1918 den­ken, an den von brei­ten Schich­ten getra­ge­nen dik­ta­to­ri­schen Umbau der Nati­on von 1933, an den von Demons­tra­tio­nen beschleu­nig­ten inne­ren Zer­fall der DDR im Jahr 1989 oder an regio­na­le Auf­stän­de wie den nach sei­nem Anfüh­rer benann­ten Frank­fur­ter Fett­milch­auf­stand von 1614. Zu des­sen Nie­der­schla­gung muß­te immer­hin der Kai­ser höchst­per­sön­lich in Akti­on treten.

Auch die Luthe­ri­sche Refor­ma­ti­on läßt sich als revo­lu­tio­nä­rer Akt lesen. An sie schloß sich zeit­nah jener welt­li­che Groß­auf­stand an, der sich in die­sen Tagen zum fünf­hun­derts­ten Mal jährt: der Deut­sche Bauernkrieg.

Nun wer­den als mate­ri­el­le Ursa­chen von Revo­lu­tio­nen und Auf­stän­den immer wie­der zwei recht kon­trä­re Grün­de ange­führt. Zum einen wird oft Not durch Staats­ver­sa­gen als Ursa­che genannt. Die Rede ist von einer Not, die den ein­fa­chen Mann trotz aller Mühen und Gefah­ren auf die Stra­ße brin­ge, weil er kei­nen ande­ren Weg mehr sehe.

Sehr zutref­fend wer­den für das Jahr 1933 und den Auf­stieg der NSDAP die vor­aus­ge­gan­ge­ne Welt­wirt­schafts­kri­se und die mil­lio­nen­fa­che Arbeits­lo­sig­keit als Grün­de für die hohe Akzep­tanz des revo­lu­tio­nä­ren Umbaus in Deutsch­land ange­ge­ben. Auch wer dem Natio­nal­so­zia­lis­mus skep­tisch gegen­über­stand, sah oft Bedarf für eine »natio­na­le Erhe­bung«. Sie galt 1933 aller­dings nicht nur den inne­ren, son­dern auch den als uner­träg­lich emp­fun­de­nen äuße­ren Verhältnissen.

Das Jahr 1989 läßt sich eben­so nicht ohne den in der DDR herr­schen­den Man­gel an allem ver­ste­hen und nur durch Zustän­de begrün­den, die offen­sicht­lich untrag­bar gewor­den waren. Die dama­li­gen Mon­tags­de­mons­tra­tio­nen ver­lie­fen durch Städ­te, die in wei­ten Tei­len nicht nur sym­bo­lisch, son­dern buch­stäb­lich vor dem Zusam­men­bruch standen.

Ein inter­na­tio­na­ler Zusam­men­hang läßt sich hier eben­falls fest­stel­len, zer­fiel doch zeit­nah zur fried­li­chen Revo­lu­ti­on der DDR der gan­ze maro­de Ost­block. Zudem tra­ten noch ein­mal die deut­schen Kriegs­geg­ner auf den Plan, um eine »abschlie­ßen­de Rege­lung in bezug auf Deutsch­land« zu erzwingen. 

Mit Blick auf inne­re Ver­hält­nis­se wer­den Revo­lu­tio­nen aber oft auch den besit­zen­den Krei­sen zuge­schrie­ben. In die­sem Fall ist es weni­ger die Not, die den Umsturz antreibt, als viel­mehr das Selbst­be­wußt­sein einer auf­stre­ben­den Schicht, die jene aus dem Weg räu­men will, die sie an der wei­te­ren Ent­fal­tung hin­dern. Ein gutes Bei­spiel für letz­te­res ist die berühm­te Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on von 1789.

Der »Drit­te Stand«, der in Paris damals rhe­to­risch geschickt behaup­te­te, »Nichts« zu sein, aber auf ein­mal »Alles« wer­den zu wol­len, bestand nicht aus den Armen des Lan­des. Er wur­de aus den Besit­zen­den gebil­det, aus der Bour­geoi­sie, wie man das bald nann­te. Kei­ner der berühm­ten fran­zö­si­schen Revo­lu­tio­nä­re han­del­te aus armen Ver­hält­nis­sen her­aus, kein Mira­beau, kein Dan­ton, kein Robes­pierre und kein Saint-Just. Die radi­ka­le »Berg­par­tei« der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on rekru­tier­te sich zwar aus der Pari­ser Unter­schicht. Sie wur­de jedoch nur gezielt ein­ge­setzt, sie stell­te nur das Fußvolk.

Zu die­sen mate­ri­el­len Ursa­chen kom­men natür­lich in allen Revo­lu­tio­nen, die die­sen Namen ver­die­nen, auch ideel­le Moti­ve hin­zu. Der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on von 1789 gin­gen Jahr­zehn­te der intel­lek­tu­el­len Unter­mi­nie­rung der bis­he­ri­gen feu­da­len Ver­hält­nis­se durch Ratio­na­lis­mus und Auf­klä­rungs­den­ken vor­aus, und die Jah­re vor dem Deut­schen Bau­ern­krieg waren, wie bereits gesagt, ange­füllt von der Refor­ma­ti­ons­tä­tig­keit Mar­tin Luthers.

Die­se Vor­ge­schich­te läßt sich vom Bau­ern­krieg kaum tren­nen, denn sie befeu­er­te die Unzu­frie­den­heit mit den Ver­hält­nis­sen sehr stark, und sie hat­te nicht zuletzt ein Bei­spiel gelie­fert, daß die alte Ord­nung erfolg­reich erschüt­tert wer­den konn­te. All­ge­mein griff man in Deutsch­land nun argu­men­ta­tiv zur Bibel, die in immer neu­en Auf­la­gen mut­ter­sprach­lich vor­lag und offen­sicht­lich auch sehr gründ­lich gele­sen wur­de (was zu man­chen Annah­men bezüg­lich des dama­li­gen Alpha­be­ti­sie­rungs­gra­des nicht immer recht pas­sen will).

Luthers Ver­le­ger mach­te jeden­falls ein Ver­mö­gen mit etwa ein­hun­dert­tau­send ver­kauf­ten Bibeln, die zeit­na­he Gesamt­auf­la­ge wird nebst Raub­drucken weit höher geschätzt. Bei einer dama­li­gen Bevöl­ke­rung von etwa neun Mil­lio­nen Men­schen wäre das heut­zu­ta­ge mit einem Mil­lio­nen-Best­sel­ler gleichzusetzen.

Zugleich mach­ten in gro­ßen, wenn auch quan­ti­ta­tiv schwer faß­ba­ren Men­gen sowohl pro- als auch kon­tra-refor­ma­to­ri­sche Flug­blatt­po­le­mi­ken die Run­de, die sich in illus­trier­ter, aber auch schrift­li­cher Form an das Volk wand­ten, in der berech­tig­ten Annah­me, es sei des Lesens mächtig.

Das wirft Fra­gen zu dem ange­mes­se­nen Bild auf, das man sich vom »Bau­ern« des sech­zehn­ten Jahr­hun­derts zu machen hat. Genau­er gesagt, vom süd- und mit­tel­deut­schen Bau­ern, denn der Bau­ern­krieg begann in der Boden­see­re­gi­on und spiel­te sich zwi­schen den Voge­sen und Augs­burg ab sowie zwi­schen Thü­rin­ger Wald und Harz. Mit etwas Ver­spä­tung kamen noch Tirol und das Salz­bur­ger Land hin­zu. Nord- und Ost­deutsch­land blie­ben ruhig, wenn sich auch Ver­le­ger der bäu­er­li­chen Recht­fer­ti­gungs­schrif­ten im Osten bis hin nach Bres­lau fanden.

Als ein Auf­stand der Armen oder per­sön­lich zu kurz Gekom­me­nen kann der Bau­ern­krieg allen­falls teil­wei­se auf­ge­faßt wer­den. Die Bau­ern sahen sich mehr­heit­lich wohl selbst nicht so. Das wird bei­spiels­wei­se am Schick­sal einer der Vor­läu­fer­be­we­gun­gen deut­lich, dem »Armen Kon­rad« in Würt­tem­berg 1514.

Hier eröff­ne­ten in der Tat nament­lich bekann­te Tage­löh­ner den Auf­stand, der sich gegen eine indi­rek­te Steu­er­erhö­hung rich­te­te. Auf Anord­nung des Her­zogs Ulrich von Würt­tem­berg waren die Maße und Gewich­te gekürzt und ver­rin­gert wor­den. Das Pfund war kein Pfund mehr, muß­te aber in alter Wei­se ver­steu­ert werden.

Die Auf­stän­di­schen bewie­sen einen gewis­sen Witz, der sich neben­bei auch über ande­re Herr­schafts­prak­ti­ken lus­tig mach­te. Mit den neu­en Gewich­ten ver­an­stal­te­ten sie eine iro­ni­sche Hexen­pro­be und war­fen sie in den Fluß. Da sie unter­gin­gen, muß­ten sie wohl ein Werk des Teu­fels sein.

Ihr Auf­stand hat­te vor­über­ge­hen­den Erfolg, jedoch mün­de­te der Auf­stand nach eini­gen Mona­ten in einen Sieg des Her­zogs und umfas­sen­de Hin­rich­tun­gen. Der »Arme Kon­rad« stell­te damals als Begriff eine Art Syn­onym zum »deut­schen Michel« dar. Poli­tisch ver­stand er sich als Schwur­ge­mein­schaft aller, die sich durch einen gemein­sa­men Eid von der bis­he­ri­gen Herr­schaft los­ge­sagt hat­ten. Wer dabei unwill­kür­lich an die Schwei­zer Eid­ge­nos­sen denkt, liegt inso­fern rich­tig, als die Schweiz in der Bau­ern­kriegs­ära bereits als posi­ti­ver Mythos galt: Die Vor­stel­lung, am Ende so »wie in der Schweiz« leben zu kön­nen, war ein weit­ver­brei­te­tes Motiv.

Inter­es­san­ter­wei­se ver­schwand der »Arme Kon­rad« mit sei­ner Nie­der­la­ge nicht nur als Orga­ni­sa­ti­on, son­dern auch als Begriff. Es hielt sich statt des­sen über Jahr­zehn­te und in gewis­ser Wei­se sogar bis heu­te der »Bund­schuh« als Sym­bol des Auf­stands des ein­fa­chen Man­nes. Vor des­sen mög­li­cher Rück­kehr hat­ten die Behör­den des 16. Jahr­hun­derts Respekt.

Vom »Armen Kon­rad« sprach nach 1514 nie­mand mehr, was wohl auch dar­an lag, daß die Trä­ger des Auf­stands im Bau­ern­krieg sich eben nicht als ver­arm­te Per­so­nen ver­stan­den wis­sen woll­ten. Sie han­del­ten nach eige­nem Selbst­ver­ständ­nis als Men­schen, die von einer tyran­ni­schen Obrig­keit um ihre her­ge­brach­ten Rech­te betro­gen wor­den waren, und im übri­gen als Chris­ten, die eine legi­ti­me Herr­schaft ver­lang­ten, wie sie aus der Bibel abge­lei­tet wer­den konnte.

Inso­fern stell­te der Bau­ern­krieg auch kei­nen Auf­stand zur Her­stel­lung der heut­zu­ta­ge viel­zi­tier­ten »sozia­len Gerech­tig­keit« dar. Grund­sätz­lich akzep­tier­ten die Bau­ern die tra­di­tio­nel­len Herr­schafts­ver­hält­nis­se. Die Auf­stän­di­schen waren, modern gespro­chen, kei­ne »Lin­ken«, und sie hät­ten Rous­se­aus oben zitier­te Behaup­tung, nie­man­dem kön­ne legi­ti­mer­wei­se Grund und Boden gehö­ren, nicht unterschrieben.

Grund und Boden soll­ten nach ihren Vor­stel­lun­gen in jenen Tei­len der Dorf­ge­mein­schaft gehö­ren, wo das als »All­men­de« ein alter Brauch gewe­sen war. Wo immer der Adel oder die Kir­che sich Wie­sen und Äcker aus sol­chem Gemein­de­be­sitz ange­eig­net hat­ten, soll­ten die­se der jewei­li­gen Gemein­de zurück­ge­ge­ben wer­den. Auch soll­ten nach den Vor­stel­lun­gen der Bau­ern die Wäl­der wie­der für die All­ge­mein­heit nutz­bar sein, was sowohl für den Ein­schlag von Holz als auch für die Jagd auf Wild und Fisch gel­ten sollte.

Ein­zel­ne Bau­ern­hau­fen führ­ten eine Flag­ge, die Tier und Pflan­ze im Wap­pen auf­wies. Das gehör­te als ein Punkt zu den zwölf zen­tra­len Arti­keln, in denen die For­de­run­gen der Bau­ern­kriegs­be­we­gung zusam­men­ge­faßt waren. Es wur­de aber nicht gefor­dert, Kir­chen- oder Adels­be­sitz gene­rell anders zu ver­tei­len. Man bestritt des­sen Legi­ti­ma­ti­on grund­sätz­lich nicht.

Fron­diens­te, Abga­ben und Gerichts­ver­fah­ren soll­ten wie­der nach alter Art gere­gelt wer­den, Pfar­rer künf­tig von der Gemein­de gewählt und bezahlt wer­den. Die Leib­ei­gen­schaft soll­te auf­ge­ho­ben wer­den. Letz­te­res konn­te als revo­lu­tio­närs­te For­de­rung der Bau­ern­kriegs­zeit ange­se­hen wer­den, galt aller­dings sinn­ge­mäß bereits im drei­hun­dert Jah­re zuvor ver­faß­ten Sach­sen­spie­gel als deut­sches Gewohnheitsrecht.

Nun wur­de es hier unter Bezug­nah­me auf die Bibel noch ein­mal als Anlie­gen for­mu­liert. Jesus sei schließ­lich für alle Men­schen am Kreuz gestor­ben. Die Bau­ern ver­lang­ten also die Wie­der­her­stel­lung älte­rer Rech­te vor dem Hin­ter­grund eines durch das Chris­ten­tum erneu­er­ten Zugangs zu ihnen. Sie waren vor die­sem Hin­ter­grund trotz allen auf­ge­stau­ten Zorns ver­gleichs­wei­se schnell zu Zuge­ständ­nis­sen und Ver­hand­lun­gen mit den alten Auto­ri­tä­ten bereit. Das wie­der­um wur­de ihnen immer wie­der zum Ver­häng­nis. Die »Zwölf Arti­kel« jeden­falls schick­ten die Auf­stän­di­schen vor Ort an die jewei­li­gen regio­na­len Auto­ri­tä­ten, an Bischö­fe wie an Grafen.

Zugleich fan­den die Auf­stän­di­schen mit ihren Anlie­gen auch den Zuspruch man­cher Stadt­rä­te sowie ande­rer Bevöl­ke­rungs­grup­pen in einem Aus­maß, das den Begriff »Bau­ern­krieg« nach Ansicht man­cher His­to­ri­ker zur Beschrei­bung des Gesche­hens unbrauch­bar macht. Städ­te wie Günz­burg, Leip­heim oder das damals meh­re­re hun­dert Qua­drat­ki­lo­me­ter Land kon­trol­lie­ren­de Rothen­burg ob der Tau­ber stell­ten den Bau­ern pha­sen­wei­se trotz inne­rer Wider­stän­de eine städ­ti­sche Basis zur Verfügung.

Kein Knecht im gan­zen Land zu Schwa­ben wol­le sich wider die Bau­ern bestel­len las­sen, son­dern alle sind mit ihnen

heißt es in einer zeit­ge­nös­si­schen Quel­le. Bereits bereit­ge­stell­te Kriegs­knech­te droh­ten offen mit Meu­te­rei, soll­te es einen Feld­zug gegen die Bau­ern geben.

Es sagt viel über die deut­schen Ver­hält­nis­se aus, wenn die Obrig­keit in Gestalt des Georg Truch­seß von Wald­burg dar­auf nicht mit Dro­hun­gen, son­dern mit Über­re­dungs­kunst reagier­te. Die Bau­ern sei­en gar nicht so harm­los, erklär­te er vor der ver­sam­mel­ten Mann­schaft. Sie woll­ten kei­nes­wegs nur das Chris­ten­tum umge­setzt wis­sen, und im übri­gen wür­den die Knech­te noch sehen, wo sie denn blei­ben wür­den, wenn die Bau­ern erst die neu­en Her­ren wären. Die Knech­te lie­ßen sich am Ende überzeugen.

Gehal­ten hat sich der Begriff »Bau­ern­krieg« trotz der Kri­tik an ihm, und wir wol­len uns an die­ser Stel­le nicht mit Begriffs­akro­ba­tik auf­hal­ten. Das Gesche­hen im Jahr 1525 war viel­schich­tig, aber die Bau­ern waren nun ein­mal sei­ne haupt­säch­li­chen Trä­ger. Jedoch fand der Bau­ern­krieg eben in Deutsch­land statt und hat­te mit den spe­zi­fi­schen Vor­aus­set­zun­gen zu kämp­fen, die dies mit sich brachte.

Revo­lu­ti­on in Deutsch­land zu machen, das hieß zu kei­ner Zeit, ein­fach eine Macht­zen­tra­le an sich zu brin­gen und dann von dort aus zu regie­ren. Eine Bas­til­le wie in Paris oder ein Win­ter­pa­lais wie im rus­si­schen St. Peters­burg konn­ten die Bau­ern nicht stür­men. Es gab kei­ne deut­sche Macht­zen­tra­le. Die Bau­ern tra­fen auf die Stär­ke und die Klein­tei­lig­keit des regio­nal struk­tu­rier­ten Macht­ge­fü­ges in Deutsch­land, das sich trotz vor­über­ge­hen­der Nie­der­la­gen immer wie­der sta­bi­li­sie­ren konnte.

Der Adel wuß­te um die­sen Vor­teil und ergriff ganz bewußt ent­spre­chen­de Ver­hand­lungs­tak­ti­ken. Es galt, die Bau­ern auf dem Ver­hand­lungs­weg zu zer­tren­nen, und die ört­li­chen Beson­der­hei­ten der Stim­mungs­la­ge sowie die regel­mä­ßig leicht abge­wan­del­ten Fas­sun­gen des grund­sätz­li­chen Zwölf-Punk­te-For­de­rungs­ka­ta­logs lie­fer­ten dafür die nöti­gen Ansatzpunkte.

Die Obrig­kei­ten spiel­ten auf Zeit, sie reg­ten Schlich­tungs­ver­fah­ren an, durch­zu­füh­ren mög­lichst sepa­rat in jedem ein­zel­nen Herr­schafts­ge­biet; sie ver­mie­den es, die von den Bau­ern im Süd­wes­ten gegrün­de­te Christ­li­che Ver­ei­ni­gung als zen­tra­len Ver­hand­lungs­part­ner anzu­er­ken­nen. Schließ­lich kam es immer wie­der zu Kämp­fen, deren Ergeb­nis regel­mä­ßig bäu­er­li­che Nie­der­la­gen und die Hin­rich­tung von Auf­rüh­rern waren, außer­dem Plün­de­run­gen von Hab und Gut sowie Gemet­zel an ihren Anhängern.

Aber es wur­den auch regio­na­le Abkom­men mit dem Pas­sus geschlos­sen, es sol­le aller gegen­sei­ti­ger »Unwil­le, der zwi­schen Obrig­keit und Unter­ta­nen wäh­rend der Empö­rung zuge­tra­gen«, ein Ende haben. Wei­te­re Rache­ak­tio­nen soll­ten für bei­de Sei­ten aus­ge­schlos­sen sein, und damit sozu­sa­gen das frie­de­wah­ren­de Ver­ges­sen ein­tre­ten, das lan­ge Zeit Teil euro­päi­scher Ver­trags­wer­ke auf Augen­hö­he gewe­sen ist. Teil­wei­se folg­ten sogar erstaun­li­che Kar­rie­re­schrit­te für so man­chen, der sich auf Bau­ern­sei­te expo­niert hatte.

Der Deut­sche hat zwei­fel­los einen eige­nen Zugang zu Revo­lu­tio­nen und Auf­stän­den. Er ver­traut tat­säch­lich lan­ge den Selbst­hei­lungs­kräf­ten des jewei­li­gen Herr­schafts­sys­tems und hofft, es möge für ihn im ver­spro­che­nen Sinn auch arbei­ten. Die räum­li­che Klein­tei­lig­keit inner­deut­scher Herr­schafts­aus­übung kann als eine Kon­stan­te der Natio­nal­ge­schich­te gelten.

Sie begüns­tig­te einer­seits die Ent­wick­lung eines stol­zen, regio­na­len Selbst­be­wußt­seins, ande­rer­seits mach­te sie gro­ße Umbrü­che immer sehr schwer. Soll­te man das men­ta­le Ergeb­nis nun als deut­sche poli­ti­sche Träg­heit bezeich­nen oder als Anzei­chen von Ver­nunft werten?

Die Natio­nal­be­we­gung des 19. Jahr­hun­derts gab dar­auf die Ant­wort des »Deutsch­land über alles«, nach­dem unter dem Druck der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­trup­pen im Jahr 1806 die Auf­lö­sung des alten deut­schen Staa­tes erzwun­gen wor­den war. Mit die­sem Leit­satz war nicht gemeint, sich über den Rest der Welt zu stel­len, son­dern den regio­na­len Ego­is­mus in Land und Stadt bei der Ent­schei­dungs­fin­dung stets zuguns­ten des Wohls der Gesamt­na­ti­on zurückzustellen.

Die ent­spre­chen­de ers­te Stro­phe der Natio­nal­hym­ne wird heut­zu­ta­ge nicht mehr offi­zi­ell gesun­gen. Ande­rer­seits beklagt man aller­or­ten die Schwer­fäl­lig­keit der Ent­schei­dun­gen im Land, bis dann end­lich jeder mit­ge­re­det hat. So gese­hen han­delt es sich um typisch deut­sche Zustände.

Der Bau­ern­krieg blieb eine inner­deut­sche Ange­le­gen­heit. Das sei abschlie­ßend erwähnt, da er fast die letz­te gro­ße inner­deut­sche Aus­ein­an­der­set­zung ohne aus­län­di­sche Inter­ven­ti­on geblie­ben ist. Ein Jahr­hun­dert spä­ter wur­de Deutsch­land nach inne­ren Kon­flik­ten im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg bereits zum Schlacht­feld der Inter­es­sen­po­li­tik halb Europas.

An des­sen Ende stand mit dem West­fä­li­schen Frie­den 1648 ein Ergeb­nis, das die Ver­hält­nis­se in Deutsch­land zum Teil einer »euro­päi­schen Frie­dens­ord­nung« wer­den ließ und ihm also nicht nur die äuße­re, son­dern auch die inne­re Ent­schei­dungs­frei­heit dras­tisch beschnitt. Aus die­ser Situa­ti­on konn­te sich Deutsch­land seit­dem immer nur pha­sen­wei­se befrei­en. Auch der Deut­sche Bund von 1815 stell­te kei­nen frei­wil­li­gen Zusam­men­schluß deut­scher Staa­ten dar, son­dern folg­te in sei­ner Aus­ge­stal­tung einer Vor­ga­be euro­päi­scher Sie­ger­mäch­te, die kei­nen deut­schen Staat in Zen­tral­eu­ro­pa wünschten.

Ein Jahr­hun­dert, eine Bis­marck­sche Reichs­grün­dung und einen Welt­krieg spä­ter stei­ger­te der Ver­sailler Ver­trag von 1919 das noch: Die deut­sche Unter­schrift – und damit die Aner­ken­nung von Nie­der­la­ge und Kriegs­schuld – setz­te zugleich die Völ­ker­bund-Akte in Kraft. Somit beruh­te buch­stäb­lich die gan­ze neue Welt­ord­nung von 1919 for­mal auf der deut­schen Unterwerfung.

In die­sen Tagen nun ist es acht­zig Jah­re her, seit der letz­te revo­lu­tio­nä­re deut­sche Ver­such zur Erlan­gung der Kon­trol­le über sich selbst und über Mit­tel­eu­ro­pa mit einer gewal­ti­gen mili­tä­ri­schen Nie­der­la­ge zu Ende ging. Wie und wann auch immer sich der Deut­sche künf­tig zu revo­lu­tio­nä­ren Umge­stal­tun­gen auf­raf­fen wird – eine rein inner­deut­sche Ange­le­gen­heit wird dies auch künf­tig kaum wer­den kön­nen. Des­sen kann man sich sicher sein.

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