Sprechblasen

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Dani­el Pommerenke –

Der Bau­ern­krieg, jene Chif­fre der Unru­he, kann als »das ers­te medi­al indu­zier­te, ange­trie­be­ne und flan­kier­te mili­tä­ri­sche und poli­ti­sche Groß­ereig­nis der euro­päi­schen Geschich­te« betrach­tet wer­den. Dies wur­de nicht nur durch den Buch­druck begüns­tigt, son­dern auch durch die »typo­gra­phi­sche Repro­du­zier­bar­keit von Bil­dern«, wel­che den »Bau­ern immer ›sicht­ba­rer‹ bzw. zum Gegen­stand visu­el­ler Reprä­sen­ta­tio­nen« mach­ten. Die­se visu­el­le Reprä­sen­ta­ti­on des »Gemei­nen Man­nes« fand auch, wie es der ver­stor­be­ne His­to­ri­ker Peter Blick­le nann­te, als Comic statt.

Even­tu­ell mag der Begriff des Comics irri­tie­rend wir­ken, und ein­zel­ne in jener Zeit ent­wor­fe­ne kari­kie­ren­de Dar­stel­lun­gen fal­len kaum dar­un­ter, aber im Rah­men der hier fol­gen­den Betrach­tung kön­nen gewis­se Erzeug­nis­se als – zuge­ge­ben – ziem­lich grob­kan­ti­ge Ori­en­tie­rungs­punk­te die­nen: etwa die Wei­ße­nau­er Chro­nik (1525) von Jacob Murer, auf die auch Chris­ti­an Gries, Lei­ter der Abtei­lung Digi­ta­le Muse­ums­pra­xis & IT im Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg, als Refe­renz für das zum Bau­ern­krieg ent­wi­ckel­te digi­ta­le Comic­pro­jekt »LAUTseit1525« verweist.

»Comics ver­han­deln Geschich­te auf ganz unter­schied­li­che Wei­se. Wie Fil­me oder Roma­ne nut­zen sie Geschich­te als ›Mate­ri­al­fun­dus‹ und erzeu­gen eige­ne Per­spek­ti­ven auf das zugrun­de­lie­gen­de his­to­ri­sche Sub­strat.« Die­ses »in fik­tio­na­len Wer­ken erin­ne­rungs­kul­tu­rell rele­van­te Wir­kungs­po­ten­ti­al« kann vom Comic-Leser auf­ge­nom­men wer­den, und das kann wie­der­um einen Schwung für die Bewußt­wer­dung sei­ner Iden­ti­tät bedeuten.

Fer­ner ver­mi­schen sich in Comics »fik­ti­ve Geschichts­bil­der mit fak­ti­schen«, so die Anglis­tin Bar­ba­ra Kor­te und die His­to­ri­ke­rin Syl­via Palet­schek in einer Aus­ein­an­der­set­zung mit popu­lä­ren Medi­en, die dann »eine hohe Rele­vanz für das Ent­ste­hen natio­na­ler Geschichts­bil­der und natio­na­ler Iden­ti­tät« haben. Schließ­lich spricht der Comic vor­erst eine spe­zi­fi­sche, jedoch durch­aus sozi­al viel­schich­ti­ge Grup­pe von Kon­su­men­ten an, wel­che sonst wohl eine gerin­ge­re bis kei­ne Berüh­rung mit dem Bau­ern­krieg haben dürften.

Es wäre also durch­aus span­nend, wenn das Ver­dikt von Anto­nio Gramsci ein­tre­ten würde,

daß Leser aus dem Volk nicht mehr zwi­schen tat­säch­li­cher Welt der gesche­he­nen Geschich­ten und Phan­ta­sie­welt unter­schei­den kön­nen und über Roman­ge­stal­ten so dis­ku­tie­ren, wie sie es über die­je­ni­gen tun wür­den, die sie erlebt haben, son­dern auf über­tra­ge­ne Wei­se, um zu ver­ste­hen, daß die Phan­ta­sie­welt im intel­lek­tu­el­len Leben des Vol­kes eine beson­de­re mär­chen­haf­te Kon­kret­heit annimmt.

Bereits seit 2010 fin­det man auf dem Comic­markt die Geschich­ten um Haupt­mann Veit, wel­che bis­her in vier Bän­den von Lutz Nosof­sky, genannt Nofi, akri­bisch recher­chiert und anschlie­ßend gezeich­net und geschrie­ben wur­den. In einem bei­gefüg­ten Inter­view zum ers­ten Band erklär­te Nofi, daß ihm die Idee zu Veit wäh­rend einer »Urlaubs­lek­tü­re […] über den Deut­schen Bau­ern­krieg« gekom­men sei – der namens­ge­ben­de Prot­ago­nist nimmt mit einem Bau­ern­hau­fen aktiv dar­an teil.

Bereits durch die­se Ver­bin­dung des Lesers mit einer titel­ge­ben­den Bezugs­fi­gur zeigt uns die Geschich­te in gewis­ser Wei­se, wie wich­tig Anfüh­rer für Bewe­gun­gen sind, die mit dem »Gemei­nen Mann«, wel­cher immer­hin rund 80 Pro­zent des Vol­kes aus­mach­te, ver­bun­den sind und es auch blei­ben. Man kann hier von »orga­ni­schen Intel­lek­tu­el­len« spre­chen, die aus ihrem Hau­fen her­vor­tra­ten. Die­se Anfüh­rer waren damals und sind auch heu­te als Bezugs­punkt für Bewe­gun­gen von enor­mer Bedeutung. 

Wenn also Veit sei­ne Trup­pe in den Kampf um Leip­heim führt, dann wird der comic­af­fi­ne Leser nicht nur mit­ten in eine pop­pi­ge und action­rei­che Illus­tra­ti­on hin­ein­ge­zo­gen, son­dern bekommt Gescheh­nis­se prä­sen­tiert, die sich mit der For­schung decken. Denn

am Über­gang über das Flüß­chen Biber hat­ten die Bau­ern mit Wagen eine Stra­ßen­sper­re errich­tet […], weil die Rei­te­rei an die­ser engen und sump­fi­gen Stel­le nicht direkt zum Ein­satz kom­men konnte.

Und genau jene klei­ne Sze­ne, natür­lich für das Medi­um und die Geschich­te modi­fi­ziert und unter dem Kom­man­do von Veit ange­trie­ben, befin­det sich im Comic.

Wenn der his­to­ri­sche Hin­ter­grund akku­rat dar­ge­stellt ist, kann ein Nar­ra­tiv – auch wenn die erzähl­te Sto­ry fik­tio­nal ist – einen guten Ein­druck davon ver­mit­teln, wie sich eine Epo­che ›anfühl­te‹

hielt der His­to­ri­ker Kees Rib­bens fest. Und genau die­se füh­len­de Erin­ne­rung an unse­re eige­ne Iden­ti­tät mit ihren his­to­ri­schen Wur­zeln ver­sucht jener Comic durch die ein­gangs erwähn­te Ver­knüp­fung von einer fik­ti­ven mit einer fak­ti­schen Erzäh­lung und der Haupt­fi­gur zu schaf­fen, ohne dabei den pri­mä­ren Cha­rak­ter der Unter­hal­tung zu igno­rie­ren. Nofi beläßt es aber nicht nur bei einer zeich­ne­ri­schen Dar­stel­lung von krie­ge­ri­schen ­Aus­ein­an­der­set­zun­gen, son­dern ver­sieht sei­ne Comics mit einem his­to­ri­schen Anhang. Die­ser »Sekun­där­teil über die geschicht­li­chen Hin­ter­grün­de ist immer ein fes­ter Bestand­teil  des Kon­zep­tes. Das run­det die Bän­de ent­schei­dend ab, und dadurch erhal­ten sie erst ein his­to­risch unter­hal­ten­des Niveau«, so Nofi in einem Interview.

Auf den Covern der Veit-Bän­de weht die Bund­schuh­fah­ne. Mit dem eben­so berühm­ten Ban­ner »Frÿheit« zie­hen die drei Abra­fa­xe Bra­b­ax, Abrax und Cali­fax auf dem Cover des Mosa­ik-Hefts 592 nun in »Unru­hi­ge Zei­ten«, in den Bau­ern­krieg. Das Ele­ment der Zeit­rei­sen ist für die Figu­ren des ehe­ma­li­gen DDR-Pro­dukts nichts Unge­wöhn­li­ches: So besuch­ten die Abra­fa­xe bereits das anti­ke Grie­chen­land, das Japan der Mei­ji-Zeit und diver­se Epo­chen der deut­schen Geschich­te – nun also, im Jubi­lä­ums­jahr, die Bauernkriege.

In einem fran­ko-bel­gisch ange­hauch­ten Stil, wel­cher eher car­toon­ar­tig zu ver­ste­hen ist und das Gegen­teil vom Haupt­mann Veit dar­stellt, wird der Leser direkt mit der Her­ab­wür­di­gung der Bau­ern und der anschlie­ßen­den Aus­beu­tung der soge­nann­ten Nie­der­wäl­der für den Fürst­abt kon­fron­tiert. Fer­ner wer­den auch in die­sem Comic his­to­ri­sche Per­sön­lich­kei­ten ein­ge­bun­den, aller­dings wer­den die blu­ti­gen und ver­hee­ren­den Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Bau­ern und ihren Geg­nern dann nur in Text­form abgehandelt.

Der Comic nutzt recher­chier­te his­to­ri­sche Umstän­de für die eige­ne Inter­pre­ta­ti­on. So hilft Bra­b­ax, der klügs­te der drei, beim Nie­der­schrei­ben der »Zwölf Arti­kel« – jenes Ver­hand­lungs­ka­ta­logs, wel­cher mit sei­nen sozia­len For­de­run­gen, wie Ver­sor­gung der Armen und deren Zugang zu natür­li­chen Res­sour­cen (Wild, Holz), eine enor­me Auf­merk­sam­keit erzeug­te und somit unwei­ger­lich im publi­zis­ti­schen Zen­trum des Bau­ern­krie­ges stand.

Er erhielt sogar in eini­gen Fäl­len unter­schied­li­che Titel­bil­der, wobei »das Zusam­men­spiel von Text und Bild« – übri­gens wie in einem Comic –, so der His­to­ri­ker Gerd Schwer­hoff, »eine ziem­lich ein­deu­ti­ge Aus­sa­ge« schuf, in der »die Bau­ern selbst­be­wußt und kampf­be­reit, aber zugleich und vor allem auf das Wort, auf Dia­log und Dis­pu­ta­ti­on aus­ge­rich­tet« erschienen.

Ähn­lich wie bei Haupt­mann Veit wer­den his­to­ri­sche Erklä­run­gen als kur­ze infor­ma­ti­ve Sei­ten dem Comic bei­gefügt. Daß man die »Zwölf Arti­kel« an einer Stel­le als grund­le­gen­de Men­schen­rech­te aus­legt, ist auf meh­re­ren Ebe­nen ein Miß­griff. Schließ­lich kämpf­te der »Gemei­ne Mann« nicht für »Mon­sieur Tout-le-mon­de«, son­dern ledig­lich für eine Über­win­dung sei­ner Armut und für eine gewis­se Gerech­tig­keit. »Die Rhe­to­rik der Men­schen­rech­te«, so Alain de Benoist, ist »das ideo­lo­gi­sche Gerüst der Glo­ba­li­sie­rung« und damit unwei­ger­lich des Kapitalismus.

Im Früh­ka­pi­ta­lis­mus des Jah­res 1525 kann davon kaum bis gar nicht die Rede sein, »der gesam­ten Welt deren Prin­zi­pi­en auf­zu­er­le­gen.« Gera­de wenn man den Lesern die Viel­falt von his­to­ri­schen Epo­chen zu ver­mit­teln ver­sucht, soll­te man sol­che ahis­to­ri­schen Begrif­fe strei­chen, weil es geeig­ne­te­re Mög­lich­kei­ten gibt, die im Kern berech­tig­ten Anlie­gen der dama­li­gen Bau­ern dar­zu­stel­len – was der Comic an vie­len ande­ren Stel­len auch spie­le­risch schafft und somit einen Zugang zu unse­rer Ver­gan­gen­heit liefert.

Einen ande­ren gra­fi­schen und erzäh­le­ri­schen Stil im Ver­gleich zu Veit und Mosa­ik wähl­te der Comic 1525. Der Auf­stand des His­to­ri­kers und Zeich­ners Giu­lio Cama­gni, wel­cher bei Bahoe Books ver­öf­fent­licht wur­de. Als an Cama­gni die Idee her­an­ge­tra­gen wur­de, die­sen Comic umzu­set­zen, las er sich, ähn­lich wie Nofi, »beim Strand­ur­laub in die Mate­rie ein – mit Peter Blick­les nach wie vor gran­dio­ser his­to­ri­scher Dar­stel­lung des Bau­ern­kriegs.« Auf jenen His­to­ri­ker, der »an mar­xis­ti­sche Deu­tun­gen anknüpf­te«, so Schwer­hoff, »die­se aber undog­ma­tisch trans­for­mier­te«, wird – ähn­lich wie hier – als Quel­le im Comic verwiesen.

Und tat­säch­lich wirkt die undog­ma­ti­sche Ver­wen­dung von moder­nen Begrif­fen wie »pri­va­ti­siert« und »Pro­le­ta­ri­at« nicht stö­rend, wäh­rend die Geschichts­klit­te­rung zu den Men­schen­rech­ten auch hier im Nach­wort ein­zieht. Durch schie­fe Wie­der­ho­lun­gen in diver­sen Medi­en wer­den ahis­to­ri­sche Inter­pre­ta­tio­nen kei­nes­wegs zutreffend.

Dras­tisch dar­ge­stellt sind his­to­risch ver­bürg­te Ereig­nis­se etwa im Rah­men der »Blut­tat« von Weins­berg: Die Erstür­mung der dor­ti­gen Burg und die Exe­ku­ti­on des Gra­fen, der nach sei­ner Gefan­gen­nah­me durch die Spie­ße gejagt wur­de, und die spä­te­re Hin­rich­tung des Bau­ern­an­füh­rers Jäck­lein Rohr­bach, der an einen Wei­den­baum gebun­den und lang­sam gerös­tet wur­de, sind gra­fisch und text­lich eingefangen.

Das gra­vie­ren­de Pro­blem des Comics ist jedoch eher sein Auf­bau. In einer Rezen­si­on der Tages­zei­tung jun­ge Welt wird er als »über wei­te Stre­cken fast schon lexi­ka­lisch, päd­ago­gisch lehr­reich« bezeich­net, weil er ver­su­che, »his­to­ri­sche Genau­ig­keit mit künst­le­ri­scher Qua­li­tät im rea­lis­ti­schen Zei­chen­stil zu ver­bin­den«. Genau dies aber ist sei­ne größ­te Schwä­che. Natür­lich kann man Axel Lapp, Lei­ter der MEWO Kunst­hal­le Mem­min­gen und Anstif­ter für den Comic, gewis­ser­ma­ßen beipflichten:

Ent­we­der macht man einen 2000-Sei­ten-Wäl­zer, für den man kein Publi­kum fin­det. Oder man ver­sucht es auf eine ande­re Weise.

Doch gera­de der zum Ein­satz kom­men­de Zei­chen­stil des Aqua­rells oder Aqua­rell­strichs wirkt abseits des Fokus auf Por­träts eher detail­arm und ist viel­mehr Aus­druck einer quan­ti­ta­ti­ven Red­un­danz. Fer­ner ver­min­dert der Comic sei­ne Mög­lich­keit und ver­kommt so zum Nach­schla­ge­werk und zu einem illus­trier­ten Zeit­strahl, statt die pop­pi­gen Optio­nen der sequen­ti­el­len Erzähl­kunst zu nutzen.

Kann man ein Fazit zie­hen? Alle drei Comics über­zeu­gen nicht, bie­ten aber Berüh­rungs­flä­chen. Sie kön­nen auf die­se Wei­se unbe­darf­ten Lesern hel­fen, sich all­mäh­lich ihrer his­to­ri­schen Iden­ti­tät bewußt zu wer­den. Ein Teil der Geschich­te wird zugäng­lich, Lebens­um­stän­de wer­den plas­tisch, die Dis­kre­panz zwi­schen dem »Gemei­nen Mann« und der herr­schen­den, füh­ren­den Klas­se rückt ins Bild. Die­se unbe­darf­ten Leser gibt es auch auf Man­dats­ebe­ne, und pop­kul­tu­rel­le Erzeug­nis­se las­sen sich pro­blem­los auch wäh­rend einer Sit­zungs­wo­che ver­dau­en. Sie bie­ten nicht alles, oft sogar nicht viel – jeden­falls aber nicht nichts.

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