von Daniel Pommerenke –
Der Bauernkrieg, jene Chiffre der Unruhe, kann als »das erste medial induzierte, angetriebene und flankierte militärische und politische Großereignis der europäischen Geschichte« betrachtet werden. Dies wurde nicht nur durch den Buchdruck begünstigt, sondern auch durch die »typographische Reproduzierbarkeit von Bildern«, welche den »Bauern immer ›sichtbarer‹ bzw. zum Gegenstand visueller Repräsentationen« machten. Diese visuelle Repräsentation des »Gemeinen Mannes« fand auch, wie es der verstorbene Historiker Peter Blickle nannte, als Comic statt.
Eventuell mag der Begriff des Comics irritierend wirken, und einzelne in jener Zeit entworfene karikierende Darstellungen fallen kaum darunter, aber im Rahmen der hier folgenden Betrachtung können gewisse Erzeugnisse als – zugegeben – ziemlich grobkantige Orientierungspunkte dienen: etwa die Weißenauer Chronik (1525) von Jacob Murer, auf die auch Christian Gries, Leiter der Abteilung Digitale Museumspraxis & IT im Landesmuseum Württemberg, als Referenz für das zum Bauernkrieg entwickelte digitale Comicprojekt »LAUTseit1525« verweist.
»Comics verhandeln Geschichte auf ganz unterschiedliche Weise. Wie Filme oder Romane nutzen sie Geschichte als ›Materialfundus‹ und erzeugen eigene Perspektiven auf das zugrundeliegende historische Substrat.« Dieses »in fiktionalen Werken erinnerungskulturell relevante Wirkungspotential« kann vom Comic-Leser aufgenommen werden, und das kann wiederum einen Schwung für die Bewußtwerdung seiner Identität bedeuten.
Ferner vermischen sich in Comics »fiktive Geschichtsbilder mit faktischen«, so die Anglistin Barbara Korte und die Historikerin Sylvia Paletschek in einer Auseinandersetzung mit populären Medien, die dann »eine hohe Relevanz für das Entstehen nationaler Geschichtsbilder und nationaler Identität« haben. Schließlich spricht der Comic vorerst eine spezifische, jedoch durchaus sozial vielschichtige Gruppe von Konsumenten an, welche sonst wohl eine geringere bis keine Berührung mit dem Bauernkrieg haben dürften.
Es wäre also durchaus spannend, wenn das Verdikt von Antonio Gramsci eintreten würde,
daß Leser aus dem Volk nicht mehr zwischen tatsächlicher Welt der geschehenen Geschichten und Phantasiewelt unterscheiden können und über Romangestalten so diskutieren, wie sie es über diejenigen tun würden, die sie erlebt haben, sondern auf übertragene Weise, um zu verstehen, daß die Phantasiewelt im intellektuellen Leben des Volkes eine besondere märchenhafte Konkretheit annimmt.
Bereits seit 2010 findet man auf dem Comicmarkt die Geschichten um Hauptmann Veit, welche bisher in vier Bänden von Lutz Nosofsky, genannt Nofi, akribisch recherchiert und anschließend gezeichnet und geschrieben wurden. In einem beigefügten Interview zum ersten Band erklärte Nofi, daß ihm die Idee zu Veit während einer »Urlaubslektüre […] über den Deutschen Bauernkrieg« gekommen sei – der namensgebende Protagonist nimmt mit einem Bauernhaufen aktiv daran teil.
Bereits durch diese Verbindung des Lesers mit einer titelgebenden Bezugsfigur zeigt uns die Geschichte in gewisser Weise, wie wichtig Anführer für Bewegungen sind, die mit dem »Gemeinen Mann«, welcher immerhin rund 80 Prozent des Volkes ausmachte, verbunden sind und es auch bleiben. Man kann hier von »organischen Intellektuellen« sprechen, die aus ihrem Haufen hervortraten. Diese Anführer waren damals und sind auch heute als Bezugspunkt für Bewegungen von enormer Bedeutung.
Wenn also Veit seine Truppe in den Kampf um Leipheim führt, dann wird der comicaffine Leser nicht nur mitten in eine poppige und actionreiche Illustration hineingezogen, sondern bekommt Geschehnisse präsentiert, die sich mit der Forschung decken. Denn
am Übergang über das Flüßchen Biber hatten die Bauern mit Wagen eine Straßensperre errichtet […], weil die Reiterei an dieser engen und sumpfigen Stelle nicht direkt zum Einsatz kommen konnte.
Und genau jene kleine Szene, natürlich für das Medium und die Geschichte modifiziert und unter dem Kommando von Veit angetrieben, befindet sich im Comic.
Wenn der historische Hintergrund akkurat dargestellt ist, kann ein Narrativ – auch wenn die erzählte Story fiktional ist – einen guten Eindruck davon vermitteln, wie sich eine Epoche ›anfühlte‹
hielt der Historiker Kees Ribbens fest. Und genau diese fühlende Erinnerung an unsere eigene Identität mit ihren historischen Wurzeln versucht jener Comic durch die eingangs erwähnte Verknüpfung von einer fiktiven mit einer faktischen Erzählung und der Hauptfigur zu schaffen, ohne dabei den primären Charakter der Unterhaltung zu ignorieren. Nofi beläßt es aber nicht nur bei einer zeichnerischen Darstellung von kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern versieht seine Comics mit einem historischen Anhang. Dieser »Sekundärteil über die geschichtlichen Hintergründe ist immer ein fester Bestandteil des Konzeptes. Das rundet die Bände entscheidend ab, und dadurch erhalten sie erst ein historisch unterhaltendes Niveau«, so Nofi in einem Interview.
Auf den Covern der Veit-Bände weht die Bundschuhfahne. Mit dem ebenso berühmten Banner »Frÿheit« ziehen die drei Abrafaxe Brabax, Abrax und Califax auf dem Cover des Mosaik-Hefts 592 nun in »Unruhige Zeiten«, in den Bauernkrieg. Das Element der Zeitreisen ist für die Figuren des ehemaligen DDR-Produkts nichts Ungewöhnliches: So besuchten die Abrafaxe bereits das antike Griechenland, das Japan der Meiji-Zeit und diverse Epochen der deutschen Geschichte – nun also, im Jubiläumsjahr, die Bauernkriege.
In einem franko-belgisch angehauchten Stil, welcher eher cartoonartig zu verstehen ist und das Gegenteil vom Hauptmann Veit darstellt, wird der Leser direkt mit der Herabwürdigung der Bauern und der anschließenden Ausbeutung der sogenannten Niederwälder für den Fürstabt konfrontiert. Ferner werden auch in diesem Comic historische Persönlichkeiten eingebunden, allerdings werden die blutigen und verheerenden Auseinandersetzungen zwischen den Bauern und ihren Gegnern dann nur in Textform abgehandelt.
Der Comic nutzt recherchierte historische Umstände für die eigene Interpretation. So hilft Brabax, der klügste der drei, beim Niederschreiben der »Zwölf Artikel« – jenes Verhandlungskatalogs, welcher mit seinen sozialen Forderungen, wie Versorgung der Armen und deren Zugang zu natürlichen Ressourcen (Wild, Holz), eine enorme Aufmerksamkeit erzeugte und somit unweigerlich im publizistischen Zentrum des Bauernkrieges stand.
Er erhielt sogar in einigen Fällen unterschiedliche Titelbilder, wobei »das Zusammenspiel von Text und Bild« – übrigens wie in einem Comic –, so der Historiker Gerd Schwerhoff, »eine ziemlich eindeutige Aussage« schuf, in der »die Bauern selbstbewußt und kampfbereit, aber zugleich und vor allem auf das Wort, auf Dialog und Disputation ausgerichtet« erschienen.
Ähnlich wie bei Hauptmann Veit werden historische Erklärungen als kurze informative Seiten dem Comic beigefügt. Daß man die »Zwölf Artikel« an einer Stelle als grundlegende Menschenrechte auslegt, ist auf mehreren Ebenen ein Mißgriff. Schließlich kämpfte der »Gemeine Mann« nicht für »Monsieur Tout-le-monde«, sondern lediglich für eine Überwindung seiner Armut und für eine gewisse Gerechtigkeit. »Die Rhetorik der Menschenrechte«, so Alain de Benoist, ist »das ideologische Gerüst der Globalisierung« und damit unweigerlich des Kapitalismus.
Im Frühkapitalismus des Jahres 1525 kann davon kaum bis gar nicht die Rede sein, »der gesamten Welt deren Prinzipien aufzuerlegen.« Gerade wenn man den Lesern die Vielfalt von historischen Epochen zu vermitteln versucht, sollte man solche ahistorischen Begriffe streichen, weil es geeignetere Möglichkeiten gibt, die im Kern berechtigten Anliegen der damaligen Bauern darzustellen – was der Comic an vielen anderen Stellen auch spielerisch schafft und somit einen Zugang zu unserer Vergangenheit liefert.
Einen anderen grafischen und erzählerischen Stil im Vergleich zu Veit und Mosaik wählte der Comic 1525. Der Aufstand des Historikers und Zeichners Giulio Camagni, welcher bei Bahoe Books veröffentlicht wurde. Als an Camagni die Idee herangetragen wurde, diesen Comic umzusetzen, las er sich, ähnlich wie Nofi, »beim Strandurlaub in die Materie ein – mit Peter Blickles nach wie vor grandioser historischer Darstellung des Bauernkriegs.« Auf jenen Historiker, der »an marxistische Deutungen anknüpfte«, so Schwerhoff, »diese aber undogmatisch transformierte«, wird – ähnlich wie hier – als Quelle im Comic verwiesen.
Und tatsächlich wirkt die undogmatische Verwendung von modernen Begriffen wie »privatisiert« und »Proletariat« nicht störend, während die Geschichtsklitterung zu den Menschenrechten auch hier im Nachwort einzieht. Durch schiefe Wiederholungen in diversen Medien werden ahistorische Interpretationen keineswegs zutreffend.
Drastisch dargestellt sind historisch verbürgte Ereignisse etwa im Rahmen der »Bluttat« von Weinsberg: Die Erstürmung der dortigen Burg und die Exekution des Grafen, der nach seiner Gefangennahme durch die Spieße gejagt wurde, und die spätere Hinrichtung des Bauernanführers Jäcklein Rohrbach, der an einen Weidenbaum gebunden und langsam geröstet wurde, sind grafisch und textlich eingefangen.
Das gravierende Problem des Comics ist jedoch eher sein Aufbau. In einer Rezension der Tageszeitung junge Welt wird er als »über weite Strecken fast schon lexikalisch, pädagogisch lehrreich« bezeichnet, weil er versuche, »historische Genauigkeit mit künstlerischer Qualität im realistischen Zeichenstil zu verbinden«. Genau dies aber ist seine größte Schwäche. Natürlich kann man Axel Lapp, Leiter der MEWO Kunsthalle Memmingen und Anstifter für den Comic, gewissermaßen beipflichten:
Entweder macht man einen 2000-Seiten-Wälzer, für den man kein Publikum findet. Oder man versucht es auf eine andere Weise.
Doch gerade der zum Einsatz kommende Zeichenstil des Aquarells oder Aquarellstrichs wirkt abseits des Fokus auf Porträts eher detailarm und ist vielmehr Ausdruck einer quantitativen Redundanz. Ferner vermindert der Comic seine Möglichkeit und verkommt so zum Nachschlagewerk und zu einem illustrierten Zeitstrahl, statt die poppigen Optionen der sequentiellen Erzählkunst zu nutzen.
Kann man ein Fazit ziehen? Alle drei Comics überzeugen nicht, bieten aber Berührungsflächen. Sie können auf diese Weise unbedarften Lesern helfen, sich allmählich ihrer historischen Identität bewußt zu werden. Ein Teil der Geschichte wird zugänglich, Lebensumstände werden plastisch, die Diskrepanz zwischen dem »Gemeinen Mann« und der herrschenden, führenden Klasse rückt ins Bild. Diese unbedarften Leser gibt es auch auf Mandatsebene, und popkulturelle Erzeugnisse lassen sich problemlos auch während einer Sitzungswoche verdauen. Sie bieten nicht alles, oft sogar nicht viel – jedenfalls aber nicht nichts.