Im Umkreis (IX): Rotes Waldvögelein

PDF der Druckausgabe aus Sezession 126/ Juni 2025

von Uwe Wolff –

In Ernst Jün­gers Para­bel Auf den Mar­mor­klip­pen (1939) wächst am Ran­de der Schin­der­hüt­te des Ober­förs­ters eine sel­te­ne Orchi­dee. Sie trägt den Namen Rotes Wald­vö­ge­lein (Cephalan­the­ra rubra) und sym­bo­li­siert das Blut der Mär­ty­rer, das hier ver­gos­sen wird. Jün­ger nennt die Stät­te des Grau­ens Köp­pels­bleek nach einer Flur­be­zeich­nung in Gos­lar. Hier hat­te er für eini­ge Zeit gelebt.

Stank­höh­len grau­en­haf­ter Sor­te, dar­in­nen auf alle Ewig­keit ver­wor­fe­nes Gelich­ter sich an der Schän­dung der Men­schen­wür­de schau­er­lich ergötzt.

Im Umkreis blü­hen vie­le Orchi­deen. Ein Kun­di­ger hat­te uns den Stand­ort des Roten Wald­vö­gel­eins anver­traut. So machen wir uns auf den Weg über den Höhen­zug des Hebers. Er ver­läuft zwi­schen Lam­sprin­ge und Bad Gan­ders­heim. Das Zei­chen der Wolfs­an­gel beglei­tet uns. Mit ihm mar­kier­ten einst die Ober­förs­ter des König­rei­ches Han­no­ver die Gren­ze zum Her­zog­tum Braunschweig.

Wie angelt man einen Wolf? An einem Ende des Hakens steck­te ein Stück Fleisch, das ande­re Ende hing an einem Ast. Wenn der Wolf sprang und sich im Köder ver­biß, hat­te er das Eisen im Hals. Ein schreck­li­cher Tod durch Ersti­cken war die Folge.

Plötz­lich ste­hen wir vor dem Roten Wald­vö­ge­lein. Im Tal liegt das Dorf Helm­sche­ro­de. Vor der Guts­ka­pel­le steht ein Schild: »Wil­helm Kei­tel – Pro­ble­ma­ti­sches Geden­ken«. Man nennt uns die Adres­se einer alten Frau, die einen Schlüs­sel zur Kir­che ver­wal­tet. Ihr Mann öff­net die Tür und schimpft, weil es bald Mit­tag­essen gebe. Sei­ne Frau ver­weist auf die Gedächt­nis­schwä­che ihres Gat­ten und beglei­tet uns in die Kirche.

Auf der Empo­re hän­gen noch immer die Bil­der der Fami­lie Kei­tel. Neben dem Altar erin­nert eine Tafel an die Gefal­le­nen des Dor­fes. Unter ihnen befin­det sich auch der Name von Wil­helm Kei­tel (1882 – 1946), der am 16. Okto­ber 1946 als Kriegs­ver­bre­cher hin­ge­rich­tet wur­de. Er wur­de gehängt, berich­tet unse­re Kir­chen­päd­ago­gin, aber da sein Genick nicht brach, hing er vier­zehn Minu­ten röchelnd am Strick.

Spä­ter wur­de Kei­tels Kapel­le der Kir­chen­ge­mein­de Helm­sche­ro­de über­tra­gen. Gehö­ren Bil­der und Tafel nicht abge­hängt und geschred­dert? Die evan­ge­li­sche Kir­che habe sich die Ent­schei­dung nicht leicht gemacht. Schließ­lich wer­den in der Kapel­le noch immer Got­tes­diens­te gefei­ert. Wil­helm Kei­tel, hören wir, wäre lie­ber Bau­er als Sol­dat gewor­den. Doch sein Vater hielt die Zügel in der Hand. Anfang der drei­ßi­ger Jah­re, als der alte Guts­herr starb, woll­te sein Sohn den Dienst quit­tie­ren und Land­wirt am Rand des Hebers wer­den. Es kam anders.

Das Git­ter zum Fried­hof und zur Fami­li­en­gruft an der Nord­sei­te der Kapel­le wird für uns geöff­net. Mit Pflau­men­ker­nen gespick­te Lei­chen der Helm­sche­ro­der Guts­her­ren wur­den hier auf­ge­bahrt. Karl-Heinz Kei­tel (1914 – 1968) leg­te, dem letz­ten Wunsch sei­nes Vaters fol­gend, eine Gedenk­stät­te an. Sie erin­nert auch an den Bru­der Hans Georg Kei­tel (1919 – 1941). Und wo liegt der ehe­ma­li­ge Chef des Ober­kom­man­dos der Wehr­macht begra­ben? Unse­re Beglei­te­rin blickt verwundert.

Ob wir nicht wis­sen, daß sei­ne Asche in einem Zulauf der Isar ver­streut wur­de? Es soll­te kei­nen Gedächt­nis­ort geben. Auf die­se dam­na­tio memo­riae nimmt eine Infor­ma­ti­ons­ta­fel Bezug: »Das Kei­tel-Kenotaph – Lee­res Grab­mal, Holz­kreuz und Nekro­log-Scha­le«. Hier gibt der Sohn der Asche des Vaters eine über­ra­schen­de Deutung:

Und der Wind fuhr auf und trug sie fort / und streu­te sie bald hier bald dort. /Die rau­schen­den Wäl­der, die sanf­ten Höhn, / die sil­ber­nen Bäche, die Flu­ren so schön, / die lieb­li­chen Auen, der stei­le Grat, / sie alle emp­fan­gen die selt­sa­me Saat. / Und es raunt und es flüs­tert land­auf, land­ab: / Wo ist des letz­ten Hel­den Grab? / Ist es nir­gends? – Nein, es ist über­all! / Ganz Deutsch­land wur­de ihr Ehrenmahl!

Die Lan­des­kir­che Braun­schweig hat sich dafür ent­schie­den, die­se in Bron­ze gegos­se­ne Tafel nicht ein­schmel­zen zu las­sen. Aber sie woll­te die Ver­klä­rung des Soh­nes nicht unkom­men­tiert lassen:

Das hohe Maß ihrer Ver­ant­wort­lich­keit für die Pla­nung und Durch­füh­rung des Angriffs­krie­ges, für Ver­bre­chen gegen den Frie­den und die Mensch­lich­keit und für den Holo­caust wird eben­so ver­schwie­gen wie die Tat­sa­che, daß zahl­lo­se Opfer die­ser Ver­bre­chen glei­cher­ma­ßen ein­ge­äschert wur­den oder namen­los in unbe­kann­ten Mas­sen­grä­bern ruhen.

Auf alle Ewig­keit ver­wor­fe­nes Gelich­ter: Das ist die Höl­le. Am Grab, sagt die alte Dame, enden alle mensch­li­che Gerichts­bar­keit und Selbstgerechtigkeit.

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