von Uwe Wolff –
In Ernst Jüngers Parabel Auf den Marmorklippen (1939) wächst am Rande der Schinderhütte des Oberförsters eine seltene Orchidee. Sie trägt den Namen Rotes Waldvögelein (Cephalanthera rubra) und symbolisiert das Blut der Märtyrer, das hier vergossen wird. Jünger nennt die Stätte des Grauens Köppelsbleek nach einer Flurbezeichnung in Goslar. Hier hatte er für einige Zeit gelebt.
Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schändung der Menschenwürde schauerlich ergötzt.
Im Umkreis blühen viele Orchideen. Ein Kundiger hatte uns den Standort des Roten Waldvögeleins anvertraut. So machen wir uns auf den Weg über den Höhenzug des Hebers. Er verläuft zwischen Lamspringe und Bad Gandersheim. Das Zeichen der Wolfsangel begleitet uns. Mit ihm markierten einst die Oberförster des Königreiches Hannover die Grenze zum Herzogtum Braunschweig.
Wie angelt man einen Wolf? An einem Ende des Hakens steckte ein Stück Fleisch, das andere Ende hing an einem Ast. Wenn der Wolf sprang und sich im Köder verbiß, hatte er das Eisen im Hals. Ein schrecklicher Tod durch Ersticken war die Folge.
Plötzlich stehen wir vor dem Roten Waldvögelein. Im Tal liegt das Dorf Helmscherode. Vor der Gutskapelle steht ein Schild: »Wilhelm Keitel – Problematisches Gedenken«. Man nennt uns die Adresse einer alten Frau, die einen Schlüssel zur Kirche verwaltet. Ihr Mann öffnet die Tür und schimpft, weil es bald Mittagessen gebe. Seine Frau verweist auf die Gedächtnisschwäche ihres Gatten und begleitet uns in die Kirche.
Auf der Empore hängen noch immer die Bilder der Familie Keitel. Neben dem Altar erinnert eine Tafel an die Gefallenen des Dorfes. Unter ihnen befindet sich auch der Name von Wilhelm Keitel (1882 – 1946), der am 16. Oktober 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet wurde. Er wurde gehängt, berichtet unsere Kirchenpädagogin, aber da sein Genick nicht brach, hing er vierzehn Minuten röchelnd am Strick.
Später wurde Keitels Kapelle der Kirchengemeinde Helmscherode übertragen. Gehören Bilder und Tafel nicht abgehängt und geschreddert? Die evangelische Kirche habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Schließlich werden in der Kapelle noch immer Gottesdienste gefeiert. Wilhelm Keitel, hören wir, wäre lieber Bauer als Soldat geworden. Doch sein Vater hielt die Zügel in der Hand. Anfang der dreißiger Jahre, als der alte Gutsherr starb, wollte sein Sohn den Dienst quittieren und Landwirt am Rand des Hebers werden. Es kam anders.
Das Gitter zum Friedhof und zur Familiengruft an der Nordseite der Kapelle wird für uns geöffnet. Mit Pflaumenkernen gespickte Leichen der Helmscheroder Gutsherren wurden hier aufgebahrt. Karl-Heinz Keitel (1914 – 1968) legte, dem letzten Wunsch seines Vaters folgend, eine Gedenkstätte an. Sie erinnert auch an den Bruder Hans Georg Keitel (1919 – 1941). Und wo liegt der ehemalige Chef des Oberkommandos der Wehrmacht begraben? Unsere Begleiterin blickt verwundert.
Ob wir nicht wissen, daß seine Asche in einem Zulauf der Isar verstreut wurde? Es sollte keinen Gedächtnisort geben. Auf diese damnatio memoriae nimmt eine Informationstafel Bezug: »Das Keitel-Kenotaph – Leeres Grabmal, Holzkreuz und Nekrolog-Schale«. Hier gibt der Sohn der Asche des Vaters eine überraschende Deutung:
Und der Wind fuhr auf und trug sie fort / und streute sie bald hier bald dort. /Die rauschenden Wälder, die sanften Höhn, / die silbernen Bäche, die Fluren so schön, / die lieblichen Auen, der steile Grat, / sie alle empfangen die seltsame Saat. / Und es raunt und es flüstert landauf, landab: / Wo ist des letzten Helden Grab? / Ist es nirgends? – Nein, es ist überall! / Ganz Deutschland wurde ihr Ehrenmahl!
Die Landeskirche Braunschweig hat sich dafür entschieden, diese in Bronze gegossene Tafel nicht einschmelzen zu lassen. Aber sie wollte die Verklärung des Sohnes nicht unkommentiert lassen:
Das hohe Maß ihrer Verantwortlichkeit für die Planung und Durchführung des Angriffskrieges, für Verbrechen gegen den Frieden und die Menschlichkeit und für den Holocaust wird ebenso verschwiegen wie die Tatsache, daß zahllose Opfer dieser Verbrechen gleichermaßen eingeäschert wurden oder namenlos in unbekannten Massengräbern ruhen.
Auf alle Ewigkeit verworfenes Gelichter: Das ist die Hölle. Am Grab, sagt die alte Dame, enden alle menschliche Gerichtsbarkeit und Selbstgerechtigkeit.