Schäuble vs. Schönbohm

Am Montag abend besuchte ich eine Buchpräsentation in der Landesvertretung Brandenburg / Mecklenburg-Vorpommern in Berlin.  Vorgestellt wurden die Erinnerungen Jörg Schönbohms mit dem schönen Titel Wilde Schwermut, erschienen im Landt-Verlag. Am Podium neben dem Autor:  Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und als Moderator der ehemalige FAZ-Redakteur Karl Feldmeyer.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Jörg Schön­bohm ist wohl einer der letz­ten wirk­li­chen Kon­ser­va­ti­ven aus altem, vor­wie­gend preu­ßi­schem Schrot und Korn, die in der ver­mer­kel­ten CDU ver­blie­ben sind. Sein Büch­lein Poli­ti­sche Kor­rekt­heit läßt an Deut­lich­keit nichts zu wün­schen übrig und zeugt von einem unab­hän­gi­gen, kan­ti­gen Geist, der in der Par­tei sel­ten gewor­den ist.

Das kann man nun von Wolf­gang Schäub­le nicht gera­de sagen, den man getrost zu den zwie­lich­tigs­ten Gestal­ten zäh­len darf, die zur Zeit an der Spit­ze der Bun­des­re­pu­blik ste­hen.  Frei­lich wur­den nun sowohl Schäub­le als auch Schön­bohm nicht müde, zu beto­nen, daß sie trotz “Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten” dicke Freun­de sei­en, und stimm­ten einen fami­liä­ren Plau­der­ton­fall an.

In die gemüt­li­che “feelgood”-Stimmung ver­such­te Karl Feld­mey­er tap­fer mit bri­san­te­ren Fra­gen Rich­tung Schäub­le vor­zu­sto­ßen: Wie steht es denn nun mit dem von Schön­bohm beklag­ten “nega­ti­ven Natio­na­lis­mus”, der zum Sur­ro­gat für eine gesun­de deut­sche Iden­ti­tät gewor­den ist? Wie mit der “Ost­al­gie” der Ossis, die vom Wes­ten nur Kon­sum, aber kei­ne Wer­te ange­bo­ten beka­men? Und wie steht es denn nun wirk­lich mit der Mei­nungs­frei­heit Rich­tung Rechts von der Mit­te (es fie­len die Namen Wal­ser, Hoh­mann, Eva Her­man und Gün­zel)? Dar­auf­hin ging erst­mal quer durch den Raum ein ner­vö­ses Hus­ten, aber Schäub­le ver­stand es natür­lich sou­ve­rän, einer kon­kre­ten Ant­wort aus­zu­wei­chen, vor allem was die Behand­lung von Mei­nungs­ab­weich­lern betrifft (all­ge­mei­nes Auf­at­men!). Dabei bedien­te er sich einer auf das über­wie­gend kon­ser­va­ti­ve Publi­kum zuge­schnit­te­nen Wort­wahl und eines rou­ti­niert gemeis­ter­ten Tonfalls.

Die­ser Sound ist das, was als “kon­ser­va­tiv” gilt:  alt­vä­ter­lich-jovi­al, abge­klärt, gütig, wei­se, “so sind wir Men­schen” mit einem Strei­cheln über den sat­ten Bauch. Die Welt ist gut, Deutsch­land fort­schritt­lich und in Ord­nung und “der Mensch” trotz sei­ner Mäkel lie­bens­wert und mensch­lich. Sogar die Deut­schen sind inzwi­schen nett und wohl­erzo­gen, und ach­ten artig dar­auf, daß das Fah­nen­schwen­ken nicht mehr aus dem Ufer läuft.

Und natür­lich darf der in der Poli­ti­ker­pro­fes­si­on obli­ga­te Opti­mis­mus nicht feh­len, hier eben in der ker­ni­ge­ren “kon­ser­va­ti­ven” Vari­an­te:  man darf nie auf­ge­ben, nie auf­hö­ren, zu hof­fen, man muß immer forsch vor­an und zupa­cken, wofür Jörg Schön­bohm, der schon in sei­ner Kind­heit und Jugend alles Elend der Nach­kriegs­zeit mit­ge­macht und über­stan­den hat, ein leuch­ten­des Vor­bild sein möge.  Das ist ja prin­zi­pi­ell schön und gut, aber erst ein­mal soll­te man rea­lis­tisch die Lage bestim­men, für die das preu­ßi­sche Durch­bei­ßer­tum von­nö­ten ist, ehe gro­ße Wor­te gespuckt wer­den. Dies­be­züg­lich hat sich Schäub­le aber bis­her eher unrühm­lich hervorgetan.

Und die Gret­chen­fra­ge? Die Nati­on, das Natio­na­le kön­ne man nicht mehr so wie im 19. Jahr­hun­dert auf­fas­sen, so Schäub­le. Gut, geschenkt. Das Natio­na­le sei heu­te “die Inte­gra­ti­on”.  Aha. “Inte­gra­ti­on” wes­sen, wozu und in was hin­ein? Und dann fal­len im Umkreis die­ser Leer­for­mel selbst­re­dend Schlag­wor­te wie “Euro­pa”, “euro­pä­isch” und “West­bin­dung”.  “Natür­lich ist die Nati­on Inte­gra­ti­on! Licht­mesz, da den­ken Sie nicht rich­tig! Außer­dem glau­be ich, haben Sie Schäub­le in die­sem Punkt falsch ver­stan­den,” rüg­te  mich anschlie­ßend Dr. Peter Furth, ein wei­te­rer Autor des Landt-Verlages.

Ich ging in mich, fürch­te aber, ich habe ihn lei­der doch rich­tig ver­stan­den. Natür­lich wirkt die Nati­on inte­gra­tiv, aber das Natio­na­le selbst muß doch inhalt­lich defi­niert sein, um eine Rich­tung der “Inte­gra­ti­on” auf­zu­zei­gen. “Inte­gra­ti­on” ist an sich kei­ne Inhalts­be­stim­mung und auch kein Selbst­zweck.  Ansons­ten ist man bei einer blo­ßen Leer­for­mel ange­langt, die sich wie die sym­bo­li­sche Schlan­ge in den Schwanz beißt. Ver­gleich­ba­re Flos­keln wären:  “Das Natio­na­le bedeu­tet Tole­ranz! Das Natio­na­le bedeu­tet Weltoffenheit!”

Und genau­so­gut könn­te man sagen: das “Natio­na­le” des Deut­schen von heu­te besteht in der Ver­pflich­tung, sich wie eine Brau­se­ta­blet­te im Was­ser­glas auf­zu­lö­sen.  Wenn man dann auch noch an all die Zuwan­de­rer denkt, die sich Schäub­le mehr­fach expli­zit gewünscht hat, um das demo­gra­phi­sche Loch auf­zu­fül­len, und die ihrer­seits inte­griert wer­den müs­sen in den Inte­gra­ti­ons­pro­zeß, dann haben wir qua­si eine poten­zier­te Inte­gra­ti­on vor uns.

Das ein­zi­ge halb­wegs Hoff­nungs­fro­he an der Ver­an­stal­tung war der pseudo-“altersweise”, pseu­do-groß­zü­gi­ge Ges­tus sowohl von Schäub­le als auch Schön­bohm: Wir alten Säcke tre­ten nun all­mäh­lich ab, jetzt sol­len die Jun­gen ran, die gewiß vol­ler Dank­bar­keit sind für die Welt, die wir ihnen hin­ter­las­sen haben. Na, dann ab in den Ruhestand.

Einen Alter­na­tiv­be­richt vom ande­ren Ufer gibt es hier zu lesen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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