Willi Fährmann zum 80.

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

Seit Jahren fällt auf, daß auf den Auswahllisten zum Deutschen Jugendliteraturpreis kaum noch deutsche Autoren auftauchen. Drum bleibt’s meist beim Rückgriff auf Altbewährtes, ...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

… wenn die Töch­ter nach Lek­tü­re fra­gen. Als wir in der sieb­ten Klas­se einen neu­en Deutsch­leh­rer beka­men, ließ er sich auf­zäh­len, was wir Schü­le­rin­nen so zu Hau­se lasen. Die Out­si­ders stan­den damals hoch im Kurs, Mor­ton Rhu­es Die Wel­le; auch Gud­run Pau­se­wang und ihre Atom­kraft-Wer­ke sorg­ten für durch­le­se­ne Näch­te und Alpträume.

Der Leh­rer nann­te das alles »Sozi­al­kitsch«, der den Geschmack ver­der­be und ohne­hin nicht unter »Lite­ra­tur« zu rubri­fi­zie­ren sei. Nun stand sozi­al­kri­ti­sche Lite­ra­tur aber auf dem Lehr­plan. Wir lasen Wil­li Fähr­manns Aus­sied­ler­ge­schich­te Kris­ti­na, ver­giß nicht, und bei Fähr­mann bin ich dann ein paar Mona­te hängengeblieben.

Klas­sen­lek­tü­re mei­ner klei­nen Schwes­ter war acht Jah­re spä­ter (also im Sozi­al­kri­tik-Alter) dann schon Hans-Georg Noacks Koma-Sauf-Geschich­te Roll­trep­pe abwärts, noch spä­ter las mei­ne Ältes­te ein unsag­bar schlech­tes Buch mit Titel Sonst bist du dran (The­ma: Mob­bing) und (wohl­ge­merkt: als Klas­sen­satz!) ein Buch über ein Mäd­chen mit soge­nann­tem selbst­ver­let­zen­dem Ver­hal­ten, eine »Rit­ze­rin«. Die – auch lite­ra­ri­sche – Aus­ein­an­der­set­zung mit gesell­schaft­li­chen und indi­vi­du­el­len Pro­blem­la­gen gehört zur Mensch­wer­dung, zur umfas­sen­den Bil­dung dazu. Der umgrei­fen­de Sozi­al­kitsch jedoch, der in Büchern über schwan­ge­re Mäd­chen, aids­kran­ke Jugend­li­che, homo­se­xu­el­le Com­ing Outs und Asy­lan­ten­schick­sa­le seit den Sieb­zi­gern ans Kind gebracht wird, hat die Her­an­wach­sen­den ver­drieß­lich gemacht, zumal die meis­ten Deu­tungs­we­ge zurück­zu­füh­ren schei­nen – nach »Hit­ler­deutsch­land«.

Als eine der ers­ten hat­te vor Jah­ren Anna, Toch­ter des ehe­ma­li­gen Bun­des­prä­si­den­ten Johan­nes Rau, jenen Über­druß an oktroy­ier­ter »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« (heißt schlicht: Drit­tes Reich und Holo­caust) öffent­lich­keits­wirk­sam beklagt. Ob im Kon­fir­man­den­un­ter­richt oder in der Schu­le, »man spricht in fast allen Fächern dar­über. Da stumpft man irgend­wie ab.«

Gnä­di­ger Schluß­strich für die Uren­kel­ge­nera­ti­on? Nein, war­um auch – es wäre unge­schicht­lich. Der Unter­schied besteht zwi­schen moralintrun­ke­nem »die Levi­ten lesen« und einem geschichts­be­wuß­ten Lehr­bei­spiel. Hans Peter Rich­ters Klas­si­ker Und damals war es Fried­rich von 1961 (mitt­ler­wei­le, schar­fer lin­ker Kri­tik zum Trot­ze, in der 57. Auf­la­ge!) etwa wäre lesens­wert. Oder eben vie­les von Wil­li Fähr­mann. Der klei­ne­re Teil sei­ner Jugend­ro­ma­ne bezieht sei­nen Stoff aus jenen Jah­ren der deut­schen Geschich­te. Berühmt wur­de Fähr­mann durch sein 1962 erschie­ne­nes Buch Das Jahr der Wöl­fe, das die furcht­ba­re Flucht einer Fami­lie (die spä­ter durch wei­te­re Bän­de zur Jahr­hun­der­te umfas­sen­den »Bien­mann-Saga« ergänzt wird, mehr­fach preis­ge­krönt dar­un­ter Der lan­ge Weg des Lukas B.) aus Ost­preu­ßen the­ma­ti­siert, ohne die Vor­ge­schich­te zu ver­schwei­gen. Auch im her­vor­ra­gen­den Jugend­ro­man Der Mann im Feu­er (1989) dient der Natio­nal­so­zia­lis­mus als Zeit­ko­lo­rit. Kin­der den­ken in Kate­go­rien von Schwarz und Weiß, Jugend­li­che darf man mit den Grau­stu­fen mensch­li­chen Han­delns kon­fron­tie­ren: Wer hät­te das wie Fähr­mann beherzigt?

Jubi­lar Fähr­mann wur­de am 18. Dezem­ber 1929 in Duis­burg gebo­ren, sei­ne Vor­fah­ren stam­men aus Ost­preu­ßen. Nach Jah­ren im jugend­be­weg­ten (und beson­ders dem katho­li­schen) Wan­der­vo­gel und einer Mau­rer­leh­re hol­te er auf der Abend­schu­le das Abitur nach und begann in den fünf­zi­ger Jah­ren als Volks­schul­leh­rer zu arbei­ten. 1963 wur­de er als Schul­lei­ter nach Xan­ten beor­dert, hier lebt (und schreibt) der Vater drei­er Kin­der (der bekann­te Kame­ra­mann Tom Fähr­mann ist sein Sohn) noch heute.

Gold wert sind auch Fähr­manns Nach­er­zäh­lun­gen aus dem ger­ma­ni­schen Sagen­kreis, sein Sieg­fried von Xan­ten (1987) und Wie­land der Schmied (1992) etwa. Oder die Paro­le »Geschich­te erleb­bar machen« – Fähr­mann gelingt’s ganz vor­treff­lich in sei­nen »Oma«-Geschichten. Auch sei­ne in Anek­do­ten gepack­te aktu­el­le Auto­bio­gra­phie (Das Glück ist nicht vor­bei­ge­gan­gen. Wil­li Fähr­mann erin­nert sich, Würz­burg: Are­na 2009., 18 €) ist ein Genera­tio­nen-Buch im guten Sinne.

Bücher von Wil­li Fähr­mann (Aus­wahl):
Das Jahr der Wöl­fe, 1962
Es geschah im Nach­bar­haus, 1968
Kris­ti­na, ver­giß nicht, 1974
Ein Platz für Karin, 1977 (auch als: Die Stun­de der Puppen)
Der lan­ge Weg des Lucas B. 1980
Zeit zu has­sen, Zeit zu lie­ben, 1985
Mei­ne Oma war Erfin­de­rin, 1986
Sieg­fried von Xan­ten, 1987
Kriem­hilds Rache, 1988
Gud­run, 1991
Wie­land der Schmied, 1992

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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