Sezession
18. Dezember 2009

Willi Fährmann zum 80.

Ellen Kositza

pdf der Druckfassung aus Sezession 33 / Dezember 2009

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

fährmannSeit Jahren fällt auf, daß auf den Auswahllisten zum Deutschen Jugendliteraturpreis kaum noch deutsche Autoren auftauchen. Drum bleibt’s meist beim Rückgriff auf Altbewährtes, wenn die Töchter nach Lektüre fragen. Als wir in der siebten Klasse einen neuen Deutschlehrer bekamen, ließ er sich aufzählen, was wir Schülerinnen so zu Hause lasen. Die Outsiders standen damals hoch im Kurs, Morton Rhues Die Welle; auch Gudrun Pausewang und ihre Atomkraft-Werke sorgten für durchlesene Nächte und Alpträume.

Der Lehrer nannte das alles »Sozialkitsch«, der den Geschmack verderbe und ohnehin nicht unter »Literatur« zu rubrifizieren sei. Nun stand sozialkritische Literatur aber auf dem Lehrplan. Wir lasen Willi Fährmanns Aussiedlergeschichte Kristina, vergiß nicht, und bei Fährmann bin ich dann ein paar Monate hängengeblieben.

Klassenlektüre meiner kleinen Schwester war acht Jahre später (also im Sozialkritik-Alter) dann schon Hans-Georg Noacks Koma-Sauf-Geschichte Rolltreppe abwärts, noch später las meine Älteste ein unsagbar schlechtes Buch mit Titel Sonst bist du dran (Thema: Mobbing) und (wohlgemerkt: als Klassensatz!) ein Buch über ein Mädchen mit sogenanntem selbstverletzendem Verhalten, eine »Ritzerin«. Die – auch literarische – Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und individuellen Problemlagen gehört zur Menschwerdung, zur umfassenden Bildung dazu. Der umgreifende Sozialkitsch jedoch, der in Büchern über schwangere Mädchen, aidskranke Jugendliche, homosexuelle Coming Outs und Asylantenschicksale seit den Siebzigern ans Kind gebracht wird, hat die Heranwachsenden verdrießlich gemacht, zumal die meisten Deutungswege zurückzuführen scheinen – nach »Hitlerdeutschland«.

Als eine der ersten hatte vor Jahren Anna, Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau, jenen Überdruß an oktroyierter »Vergangenheitsbewältigung« (heißt schlicht: Drittes Reich und Holocaust) öffentlichkeitswirksam beklagt. Ob im Konfirmandenunterricht oder in der Schule, »man spricht in fast allen Fächern darüber. Da stumpft man irgendwie ab.«

Gnädiger Schlußstrich für die Urenkelgeneration? Nein, warum auch – es wäre ungeschichtlich. Der Unterschied besteht zwischen moralintrunkenem »die Leviten lesen« und einem geschichtsbewußten Lehrbeispiel. Hans Peter Richters Klassiker Und damals war es Friedrich von 1961 (mittlerweile, scharfer linker Kritik zum Trotze, in der 57. Auflage!) etwa wäre lesenswert. Oder eben vieles von Willi Fährmann. Der kleinere Teil seiner Jugendromane bezieht seinen Stoff aus jenen Jahren der deutschen Geschichte. Berühmt wurde Fährmann durch sein 1962 erschienenes Buch Das Jahr der Wölfe, das die furchtbare Flucht einer Familie (die später durch weitere Bände zur Jahrhunderte umfassenden »Bienmann-Saga« ergänzt wird, mehrfach preisgekrönt darunter Der lange Weg des Lukas B.) aus Ostpreußen thematisiert, ohne die Vorgeschichte zu verschweigen. Auch im hervorragenden Jugendroman Der Mann im Feuer (1989) dient der Nationalsozialismus als Zeitkolorit. Kinder denken in Kategorien von Schwarz und Weiß, Jugendliche darf man mit den Graustufen menschlichen Handelns konfrontieren: Wer hätte das wie Fährmann beherzigt?

Jubilar Fährmann wurde am 18. Dezember 1929 in Duisburg geboren, seine Vorfahren stammen aus Ostpreußen. Nach Jahren im jugendbewegten (und besonders dem katholischen) Wandervogel und einer Maurerlehre holte er auf der Abendschule das Abitur nach und begann in den fünfziger Jahren als Volksschullehrer zu arbeiten. 1963 wurde er als Schulleiter nach Xanten beordert, hier lebt (und schreibt) der Vater dreier Kinder (der bekannte Kameramann Tom Fährmann ist sein Sohn) noch heute.

Gold wert sind auch Fährmanns Nacherzählungen aus dem germanischen Sagenkreis, sein Siegfried von Xanten (1987) und Wieland der Schmied (1992) etwa. Oder die Parole »Geschichte erlebbar machen« – Fährmann gelingt’s ganz vortrefflich in seinen »Oma«-Geschichten. Auch seine in Anekdoten gepackte aktuelle Autobiographie (Das Glück ist nicht vorbeigegangen. Willi Fährmann erinnert sich, Würzburg: Arena 2009., 18 €) ist ein Generationen-Buch im guten Sinne.

Bücher von Willi Fährmann (Auswahl):
Das Jahr der Wölfe, 1962
Es geschah im Nachbarhaus, 1968
Kristina, vergiß nicht, 1974
Ein Platz für Karin, 1977 (auch als: Die Stunde der Puppen)
Der lange Weg des Lucas B. 1980
Zeit zu hassen, Zeit zu lieben, 1985
Meine Oma war Erfinderin, 1986
Siegfried von Xanten, 1987
Kriemhilds Rache, 1988
Gudrun, 1991
Wieland der Schmied, 1992


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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