“We are all Gay, Gypsy & Jew!”

von Claus Wolfschlag

Ein Bekannter sandte mir eine Winter-Rundmail von „Essay Recordings“, dem führenden Plattenlabel für moderne osteuropäische Musik, ...

 Gastbeitrag

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… hier­zu­lan­de oft „Bal­kan­beat“ genannt. Die sei­en wohl nun „kom­plett gaga und durch­ge­knallt“, schrieb der Bekann­te und bezog sich auf die dor­ti­ge Zustim­mung zur pro­gram­ma­ti­schen Stel­lung­nah­me der musi­ka­li­schen For­ma­ti­on „Rot­front“: „We are all Gay, Gypsy & Jew!“

Nun, es müß­te zu prü­fen sein, ob wirk­lich alle Künst­ler und Mit­ar­bei­ter von „Essay Record­ings“ Homo­se­xu­el­le, Zigeu­ner oder Juden sind. Wahr­schein­lich nicht. Zudem dürf­te die­se Aus­sa­ge sicher­lich auch nicht auf geschätz­te min­des­tens 90 Pro­zent der CD-Käu­fer, Kon­zert- und Par­ty­be­su­cher zutref­fen. Wes­halb also dann solch eine irr­wit­zi­ge Stellungnahme?

Nun, weil es sich nicht um eine rea­le Fest­stel­lung sexu­el­ler Nei­gung oder eth­ni­scher Zuge­hö­rig­keit dreht, son­dern um ein dif­fu­ses ideel­les Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl. Dabei spielt gar kei­ne Rol­le, daß die meis­ten real exis­tie­ren­den Ange­hö­ri­gen von Roma- und Sin­ti-Sip­pen den vor ihnen tan­zen­den Bal­kan­beat-Freak nicht mit der Kneif­zan­ge anfas­sen wür­den, selbst wenn er auf „ideel­ler Gypsy“ macht, und wohl noch weni­ger, wenn er den Schwu­len mimt. Wes­halb also fühlt man sich als in der Regel hete­ro­se­xu­el­ler wei­ßer Mit­tel­eu­ro­pä­er meist christ­li­cher Her­kunft dazu ver­an­laßt, sich zu einem ideel­len Schwul­sein, Zigeu­ner- oder Juden­tum zu bekennen?

Offi­zi­ell wird aktu­ell das Erschei­nen rechts­ge­rich­te­ter Kohor­ten in Ungarn dafür ver­ant­wort­lich gemacht. Offen­bar for­mie­ren sich dort seit gerau­mer Zeit soge­nann­te „Gar­den“, die sich teils aggres­siv gegen die genann­ten Ziel­grup­pen wen­den. Auch deut­sche „Anti­fa­schis­ten“, denen Gewalt von links sel­ten eine Zei­le wert ist, zei­gen sich natur­ge­mäß empört. Daß die­se Erschei­nung in Ungarn (und nicht nur dort) kei­nes­falls immer ohne jeg­li­che begrün­de­te Ursa­che auf­tritt, kann aber selbst die lin­ke Pres­se nicht völ­lig ver­schwei­gen.

Das oben erwähn­te ideel­le Bekennt­nis zur Homo­se­xua­li­tät, zum Zigeu­ner- oder Juden­tum basiert also zuerst ein­mal auf einer Ges­te des „In-Schutz-Neh­mens“. Von angeb­lich bösen „Gar­dis­ten“ bedroht, stellt man sich vor die angeb­lich schutz­be­dürf­ti­gen Min­der­hei­ten und ver­kün­det soli­da­risch: „Wir sind ein Teil von Euch. Wir ste­hen wie eine Wand bei Euch.“ Eine pathe­ti­sche Ges­te also.

Die Blick­win­kel unter­schei­den sich. Mag der unga­ri­sche „Gar­dist“ oder auch man­cher besorg­te Bür­ger hier­zu­lan­de (und erst recht man­cher Aus­län­der in Deutsch­land) das Trei­ben etwa von Zigeu­nern bis­wei­len etwas pau­scha­li­sie­ren. Mag er etwa Zigeu­ner mög­li­chen­falls zu ein­sei­tig stets nur mit Ruhe­stö­rern, aggres­si­ven Bett­lern, Die­ben und Räu­bern gleich­set­zen, so gehen die „Bal­kan­beat­ler“ (wie der gesamt pop­kul­tu­rel­le Über­bau) in das genaue Gegen­teil. Dort wird der „Gypsy“ aller nega­ti­ven his­to­ri­schen Erfah­rung ent­klei­det und statt des­sen zum fie­deln­den Spaß­ge­sel­len roman­ti­siert, wie ja auch schon vor ihm der deut­sche Schla­ger stets das Bild des zur Gitar­re oder Gei­ge grei­fen­den Träu­mers bemüh­te. Eine offen­bar eben­so alte Tra­di­ti­on wie der angeb­li­che „Anti­zi­ga­nis­mus“, und kei­nes­falls his­to­risch gänz­lich „unbe­las­tet“.

Die Ursa­che für die oben erwähn­te Soli­da­ri­täts­adres­se gera­de besag­ter Plat­ten­fir­ma liegt natür­lich auf der Hand. So sind doch die wahr­lich mit­rei­ßen­den Gypsy Sounds und die Klez­mer Musik kon­sti­tu­ie­ren­de Bestand­tei­le des aktu­el­len Bal­kan­beat-Pops. Die Soli­da­ri­sie­rung erfolgt also auch kon­kret über die Musik. Das ideel­le Bild, das der west- und mit­tel­eu­ro­päi­sche Par­ty­gän­ger erhält, wird nicht aus rea­len Erfah­run­gen, etwa aus sol­chen der Nach­bar­schaft zu besag­ten Grup­pen, gespeist, son­dern pri­mär musi­ka­lisch ver­mit­telt. Schwu­le erschei­nen dem Bal­kan­beat-Fan dem­nach pri­mär als tol­le Tän­zer, Juden oft als intel­lek­tu­ell-trau­ri­ge Fie­del­künst­ler, Zigeu­ner als lus­ti­ge Spaßgesellen.

Musik geht in die Her­zen, sie schafft Soli­da­ri­tät – und Poli­tik. Zur Akzep­tanz von Schwar­zen im gesell­schaft­li­chen Leben der USA etwa mag nicht uner­heb­lich die unge­mein erfolg­rei­che „black music“ bei­getra­gen haben. Bil­der des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten­paa­res wer­den heu­te in den Medi­en gele­gent­lich mit Old School Soul klang­lich unter­legt. Bar­rack und Michel­le Oba­ma in ihrer Optik als schwar­ze Ken­ne­dys schei­nen so bis­wei­len gera­de auf dem Weg zu einem Kon­zert der bezau­bern­den Gla­dys Knight befind­lich. Und nur noch John Shaft und Sid­ney Poi­tier als smar­te Leib­wäch­ter feh­len, um zu doku­men­tie­ren, daß hier Soul, Funk und R´n´B end­lich den Sie­ges­zug ins Wei­ße Haus voll­endet haben.

Wie­viel schwe­rer dürf­te es ein Deut­scher auf dem Weg ins Wei­ße Haus haben, da ihm jeg­li­che musi­ka­li­schen Hilfs­trup­pen feh­len, wie Mar­tin Licht­mesz im Juni 2009 rich­tig erläu­ter­te.

Und wie unmu­si­ka­lisch wir­ken gegen all die tan­zen­den Schwar­zen, Schwu­len, Zigeu­ner und Juden erst jene so ungern gese­he­nen „rech­ten Gesel­len“, nicht nur in Ungarn. Ganz steif ste­hen sie immer da, mit star­rem Blick, und all­zeit nur zum bedroh­li­chen Gleich­schritt bereit. Und nicht ein­mal ein ganz klei­ner Hüft­wack­ler ist ihnen abzu­ge­win­nen. Es mag dies einer der Bau­stei­ne sein, daß ihnen so weni­ge Sym­pa­thien zuflie­gen, daß sie die Her­zen der Men­schen immer noch so wenig errei­chen, auch wenn ihre Anlie­gen gar nicht so unedel sind, wie sie von ihren Fein­den ger­ne dar­ge­stellt werden.

Ja, hät­te Mus­so­li­ni einst manch­mal auf der Stra­ße bes­ser ein­fach die Tuba aus­ge­packt. Ja, hät­te Hit­ler lie­ber die Mas­sen zum Tanz gebe­ten und dann das Reichs­par­tei­tags­ge­län­de in einen Zir­kus der Eksta­se ver­wan­delt. Ja, wür­den die unga­ri­schen „Gar­dis­ten“ zu Dudel­sack­klän­gen ihre Waden über den Buda­pes­ter Hel­den­platz zir­keln las­sen, auf daß die chi­ne­si­schen Tou­ris­tin­nen in Jauch­zen aus­bre­chen. Manch einer wür­de dann heu­te wohl mit einem Glas Vod­ka Tonic in der Hand wie ein Ping-Pong-Ball durch die groß­städ­ti­schen Kel­ler-Clubs hüp­fen und dabei eupho­risch rufen: „We are all Faschists, Nazis & Hun­ga­ri­ans!“ Ob das dann bes­ser wäre, ist natür­lich eine ande­re Frage.

(Bild: Roma Musi­ker, pixelio.de, Jerzy)

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