Filmkunst, nationale Mythen und Propaganda

In der aktuellen JF (2/10) findet sich ein Artikel von Stefan Hug mit dem Titel "Geschichte aus der Traumfabrik", ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… in dem er die man­geln­de Pfle­ge natio­na­ler Mythen im deut­schen Film beklagt und auf eben­die­se Pfle­ge im ame­ri­ka­ni­schen Film abhebt.

Dabei kommt er zu dem Resümee:

Das Medi­um Film und die natio­na­le Iden­ti­tät ste­hen in der Moder­ne in einem engen Zusam­men­hang. Sie beein­flus­sen sich gegen­sei­tig. Solan­ge deut­sche Fil­me kei­ne mit­rei­ßen­den Mythen erzäh­len, in denen sich Hel­den auch kämp­fend bewäh­ren, so lan­ge wird es kein ent­spann­tes Ver­hält­nis zur eige­nen Nati­on geben – mit allen Kon­se­quen­zen jen­seits der Lein­wand. Einem Land ohne posi­ti­ve Geschichts­my­then wird auch die Repro­duk­ti­on sol­cher Mythen im künst­le­ri­schen Bereich fehlen.

Der Arti­kel ist eine Art Zusam­men­fas­sung des Fazits, das Hug in sei­nem unlängst erschie­ne­nen Buch Hol­ly­wood greift an! Kriegs­fil­me machen Poli­tik. gezo­gen hat. Dar­in ver­sucht der Autor nach­zu­wei­sen, wie der US-ame­ri­ka­ni­sche Film (vor allem der Kriegs­film) seit der Stumm­film­zeit im Gewand der Unter­hal­tung poli­ti­schen Zwe­cken gedient hat. Dabei sol­len die US-Fil­me gezielt “demas­kiert” wer­den als

raf­fi­nier­te Pro­pa­gan­da­wer­ke, wel­che die welt­wei­te Herr­schaft der USA legi­ti­mie­ren und beför­den. Wir müs­sen davon abkom­men, sie sen­ti­men­tal nur als künst­le­ri­sche Pro­duk­te zu sehen, die mensch­li­che Träu­me von Indi­vi­du­en insze­nie­ren. Denn letzt­lich ent­hal­ten alle zumin­dest impli­zit die Visi­on der US-ame­ri­ka­ni­schen Hege­mo­nie und die Pro­pa­gie­rung des “ame­ri­can way of life” als bes­ten und erstre­bens­wer­tes­ten aller Lebensstile.

Hug brei­tet sei­ne Pole­mik auf der Folie eines sche­ma­ti­schen und holz­schnitt­ar­ti­gen Anti­ame­ri­ka­nis­mus aus, der vor­aus­ge­setzt und nicht wei­ter begrün­det wird, und der sein genau­es Gegen­stück in einer eben­so holz­schnitt­ar­ti­gen Vor­stel­lung davon fin­det, wie sich denn eine intak­te natio­na­le Iden­ti­tät, die sich nicht-ame­ri­ka­nisch defi­niert, künst­le­risch zu arti­ku­lie­ren hat.

Sei­ne Emp­feh­lung etwa die “Schlacht von Lie­gnitz 1241, die See­schlacht von Lepan­to 1571, die Bela­ge­run­gen Wiens 1529 und 1683” als Stof­fe für Monu­men­talschin­ken auf­zu­grei­fen, die die euro­päi­sche Iden­ti­tät gegen­über der ame­ri­ka­ni­schen stär­ken sol­len, erscheint mir mehr als ver­quer, wie auch über­haupt die gesam­te, all­zu pau­scha­li­sie­ren­de Argu­men­ta­ti­on des Buches und des Arti­kels.  Und das hat ver­schie­de­ne Grün­de, die ich hier nur umrei­ßen kann.

Da wäre zunächst ein­mal die von Hug selbst fest­ge­stell­te Tat­sa­che, daß “Hol­ly­wood”, wie man ver­ein­fa­chend sagt, spä­tes­tens seit dem Viet­nam­krieg kei­nes­wegs vor­be­halts­los der US-ame­ri­ka­ni­schen Außen­po­li­tik zur Ver­fü­gung steht. Eher ist das Gegen­teil der Fall.  Der ein­zi­ge Pro-Viet­nam-Film, John Way­nes “The Green Berets” (1968) war künst­le­risch und kom­mer­zi­ell ein Flop.  Von einem kur­zen Back­lash wäh­rend der kon­ser­va­ti­ven acht­zi­ger Jah­re mit Fil­men wie “Red Dawn” (1984), der “Ram­bo”-Tri­lo­gie (1982–85) und “Top Gun” (1988)  abge­se­hen,  zieht sich die­se kri­ti­sche Tra­di­ti­on unge­bro­chen fort: selbst nach 9/11 war die über­wie­gen­de Zahl der Fil­me über den Irak-Krieg und den “Krieg gegen den Ter­ror” ableh­nend bis kri­tisch ein­ge­stellt, frei­lich häu­fig mit einer grund­sätz­li­chen Inschutz­nah­me ame­ri­ka­nisch-demo­kra­ti­scher Wer­te (Robert Red­fords “Lions for Lambs” ist dafür exemplarisch.)

Min­des­tens seit den spä­ten vier­zi­ger Jah­ren, spä­tes­tens seit der Genera­ti­on des New Hol­ly­wood (Cop­po­la, Scor­se­se, Bogd­a­no­vich et al)  ist der Blick der bedeu­ten­den ame­ri­ka­ni­schen Fil­me­ma­cher auf God’s Own Coun­try und den Ame­ri­can Way of Life alles ande­re als unkri­tisch oder unge­bro­chen.  Per­spek­ti­ven, die aus dem Autoren­film und der kri­ti­schen Kul­tur der sech­zi­ger Jah­re stam­men, sind weit ins Main­stream­ki­no vor­ge­drun­gen und wir­ken dort in ver­flach­ter Form fort. Ein Mega-Block­bus­ter wie Came­rons “Ava­tar” etwa betreibt para­bel­haft mas­si­ve Kri­tik am US-ame­ri­ka­ni­schen Impe­ra­lis­mus und Kapi­ta­lis­mus, und hat dafür schar­fe Ableh­nung von kon­ser­va­ti­ver Sei­te bekom­men. Sein The­ma ist indes­sen durch­aus nicht neu: schon Kevin Cos­t­ners Oscar-Abräu­mer “Dan­ces With Wol­ves” (1990) hat­te ein ähn­li­ches Sujet. Vie­le der preis­ge­krön­ten und erfolg­rei­chen Fil­me der letz­ten Jahr­zehn­te hat­ten eher die Demon­ta­ge als die Affir­ma­ti­on ame­ri­ka­ni­scher Mythen zum The­ma – und frei­lich gibt es auch genü­gend Gegen­bei­spie­le von “For­rest Gump” bis zu “Saving Pri­va­te Ryan”.

Pro­pa­gan­da ist eben nicht immer gleich Pro­pa­gan­da, und nicht sel­ten ist sie von Kunst oder Kom­merz (und die­se wie­der unter­ein­an­der), gera­de in einem Mas­sen­me­di­um wie dem Film, kaum zu unter­schei­den.  Aber den­noch soll­te man die Strän­ge im Auge behal­ten, und gera­de da, wo Hug nur “Pro­pa­gan­da” sehen will, schei­nen ihm die dif­fe­ren­zier­ten Töne zu ent­ge­hen, und hier fängt gewiß auch die Kunst an, die man vom blo­ßen Kom­merz tren­nen muß. Indem er die­se Unter­schei­dung weit­ge­hend aus­blen­det, wird der Autor der Kom­ple­xi­tät und dem Reich­tum des US-Kinos, ja all­ge­mein des Kinos als Kunst­form nicht gerecht.

Hug führt nun in sei­nem Buch iro­ni­scher­wei­se als expo­nier­te Bei­spie­le vor allem Fil­me an, die alles ande­re als “Pro­pa­gan­da­wer­ke” sind. Von “All Quiet on the Wes­tern Front” (1930) über Kubricks “Paths of Glo­ry” (1957) oder gar “M.A.S.H.” (1969), “The Deer Hun­ter” (1979) und “Apo­ca­lyp­se Now” (1979) hat Hug fast durch­weg pazi­fis­ti­sche, ambi­va­len­te oder mythen­zer­stö­ren­de Fil­me aus­ge­wählt, die zudem alle­samt stark von euro­päi­schen Vor­bil­dern beein­flußt sind. Das gilt sogar für Taran­ti­nos dop­pel­bö­di­gen Qua­si-Ita­lo­wes­tern “Ing­lou­rious Bas­ter­ds” (2009), der sich kei­nes­falls als “Pro­pa­gan­da” schub­la­di­sie­ren läßt. Allein aus die­ser Aus­wahl kann man indes­sen erse­hen, daß es sel­ten die Fil­me sind, die simp­le mobi­li­sie­ren­de Schlach­ten­ge­mäl­de auf die Lein­wand wer­fen, die künst­le­risch noch nach Jahr­zehn­ten Bestand haben und wie­der­ge­se­hen wer­den kön­nen – ganz im Gegenteil.

Inso­fern klingt auch Hugs Emp­feh­lung, die Deut­schen und die Euro­pä­er nun mit “mit­rei­ßen­den Mythen” zu ver­sor­gen, “in denen sich Hel­den kämp­fend bewäh­ren” naiv, ver­en­gend und rein zweck­mä­ßig, mit einem Wort: wie eine bloß pro­pa­gan­dis­ti­sche For­de­rung. Mit­hin argu­men­tiert Hug hier kunst­feind­lich und kunst­fremd, auf einer rein poli­ti­schen Ebe­ne:  auch wenn zwei­fel­los jeder Film mehr oder weni­ger, bewußt oder unbe­wußt bis zu einem gewis­sen Grad “Iden­ti­täts­po­li­tik” betreibt, kann die Auf­ga­be des ernst­zu­neh­men­den Films (noch einer ande­ren Kunst­form) nicht pri­mär die Ver­mitt­lung natio­na­ler Gefüh­le oder die “Kon­struk­ti­on natio­na­ler Iden­ti­tät” sein.

Man muß sich hier schon ent­schei­den, was einem wich­ti­ger ist: das Gedei­hen der Kunst um ihrer selbst wil­len oder ihre poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung, so gut die Zwe­cke auch sein mögen, denen sie die­nen soll. Hier fehlt es dem Autor an einem kla­ren ästhe­ti­schen Stand­punkt. Die in poli­tisch kor­rek­te Wat­te ein­ge­pack­ten “revi­sio­nis­ti­schen” Fil­me wie “Die Gust­loff” (2008), “Die Flucht” (2007) und “Dres­den” (2006) wür­den durch for­cier­te Monu­men­ta­li­sie­rung und emo­tio­na­le Zuspit­zung à la Hol­ly­wood nicht unbe­dingt bes­ser wer­den.  Ver­mut­lich wären dadurch das kathar­ti­sche Poten­ti­al und die epi­sche Wucht des Stof­fes auf eine ganz ande­re Art ver­ra­ten, als durch die volk­päd­ago­gisch moti­vier­te Ver­wäs­se­rung. Es macht einen ent­schei­den­den Unter­schied ob ein Waj­da, Kubrick oder Tar­kow­skij bei einem Epos hin­ter der Kame­ra steht oder ein Emme­rich oder Spielberg.

Und schließ­lich: Fatal ist die Ver­en­gung des natio­na­len Moments auf das Epi­sche und das Schlach­ten­ge­mäl­de, wie Hug nahe­zu­le­gen scheint. Es gab auch in der kur­zen, bis heu­te unüber­trof­fe­nen Blü­te­zeit des deut­schen Films zwi­schen 1919 und 1933 Bear­bei­tun­gen natio­na­ler Mythen, “in denen sich Hel­den kämp­fend bewäh­ren”. Aber das waren kei­nes­wegs die bes­ten, nicht ein­mal die “deut­sches­ten” Fil­me mit dem inter­na­tio­nal größ­ten Ein­fluß und Erfolg.  Aus der Wei­ma­rer Zeit sind nicht etwa die “Fri­de­ri­cus Rex”-Fil­me mit Otto Gebühr geblie­ben, die für die geschla­ge­ne Nati­on den Zweck erfül­len soll­ten, von dem Hug heu­te träumt, als hie­ße er Hugen­berg, son­dern sozi­al­kri­ti­sche, “neu­sach­li­che” und “expres­sio­nis­ti­sche” Fil­me wie “Das Cabi­net des Dr. Cali­ga­ri”, “Der letz­te Mann”, “Die freud­lo­se Gas­se” und “Metro­po­lis”. Selbst aus der NS-Zeit haben all die am Reiß­brett ent­wor­fe­nen Kämp­fer und Hel­den aus “Rei­tet für Deutsch­land”, “Kampf­ge­schwa­der Lüt­zow” oder “Kol­berg” nicht über­dau­ert, son­dern “Münch­hau­sen”, “Roman­ze in Moll”, “Immen­see” und “Unter den Brücken”. 

Das Spiel könn­te man belie­big wei­ter­füh­ren:  Der bedeu­tends­te und “ita­lie­nisch­te” Bei­trag Ita­li­ens zur inter­na­tio­na­len Film­kunst war nicht etwa das “natio­na­le Mythen” pfle­gen­de Monu­men­tal­ki­no des Faschis­mus, son­dern der Neo­rea­lis­mus, der die klei­nen Leu­te, die Lai­en­dar­stel­ler, die sozia­le Mise­re und den Ori­gi­nal­schau­platz ent­deck­te.  Die bedeu­tends­ten Bei­trä­ge Frank­reichs waren der “poe­ti­sche Rea­lis­mus” eines Renoir, Car­né und Pagnol und das sub­jek­ti­ve, per­sön­li­che Kino der “Nou­vel­le Vague”.  Aus Skan­di­na­vi­en kam die Ent­de­ckung der Land­schaft als Gestal­tungs­ele­ment und die nor­di­sche Gedan­ken­schwe­re und Spi­ri­tua­li­tät eines Berg­man oder Dreyer.

Hier­an läßt sich auch able­sen, daß jede Kunst, sei es Film, Lite­ra­tur oder Male­rei selbst­ver­ständ­lich einer Ver­or­tung bedarf und nur auf dem Boden einer natio­na­len Kul­tur und Tra­di­ti­on gedei­hen kann. Inso­fern haben die natio­na­le Kunst und die natio­na­le Pro­pa­gan­da die­sel­ben oder zumin­dest ver­wand­te Wur­zeln, wenn dar­aus auch höchst unter­schied­li­che Blü­ten ent­sprin­gen. Es ist unzwei­fel­haft, daß die Mise­re des gegen­wär­ti­gen deut­schen Films viel mit der “see­li­schen Ent­er­bung” Deutsch­lands, wie Hans-Jür­gen Syber­berg for­mu­lier­te, und sei­ner “Ent­or­tung am Ort” (Hans-Diet­rich San­der) zu tun hat.  Die Nati­on aller­dings nun mit heroi­scher Pro­pa­gan­da nach ame­ri­ka­ni­schen Vor­bil­dern auf­fri­schen zu wol­len, hie­ße, das Pferd von hin­ten her­um aufzuzäumen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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