Von Hollywood lernen heißt siegen lernen

Gastbeitrag von Stefan Hug

Martin Lichtmeß hat meinem Buch Hollywood greift an! in diesem Blog eine ausführliche Rezension gewidmet. Dieser Besprechung will ich hier in einigen wichtigen Punkten antworten.

 Gastbeitrag

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Licht­mesz wirft mir „Anti­ame­ri­ka­nis­mus“ vor, der „vor­aus­ge­setzt und nicht wei­ter begrün­det“ wer­de. Mei­ne ame­ri­ka­kri­ti­sche Hal­tung begrün­de dabei ich sehr wohl: zum einen mit der fast unun­ter­bro­che­nen Inter­ven­ti­ons­po­li­tik der USA seit 1898 (S. 14), die meist mit objek­tiv nicht vor­han­de­nen Bedro­hun­gen gerecht­fer­tigt wird (S. 16 ff). Zum ande­ren das innig gepfleg­te Selbst­bild der US-Ame­ri­ka­ner, kei­ne impe­ria­lis­ti­sche Nati­on zu sein (S. 162–163), das gera­de zu die­ser Poli­tik in ekla­tan­tem Wider­spruch steht.

Licht­meß erliegt einem in der Film­li­te­ra­tur weit­hin gepfleg­ten Irr­tum, wenn er behaup­tet, „The Green Berets“ (1968) sei kom­mer­zi­ell ein Flop gewe­sen. John Way­nes Regie­ar­beit fuhr im Gegen­teil einen sat­ten Gewinn ein. Doch der als Viet­nam­kriegs­film ver­klei­de­te Wes­tern konn­te die kri­ti­sche Hal­tung der Ame­ri­ka­ner zum Krieg in Süd­ost­asi­en nicht (mehr) ändern, und er hin­ter­ließ auch kei­nen blei­ben­den Eindruck.

Noch ent­schie­de­ner muß ich sei­ner Aus­sa­ge wider­spre­chen, daß abge­se­hen von einem „kur­zen Back­lash“ wäh­rend der kon­ser­va­ti­ven acht­zi­ger Jah­re durch­weg kriegs­kri­ti­sche Fil­me die Lein­wän­de domi­nier­ten. Davon kann kei­ne Rede sein, gera­de im Vor­feld und nach „Nine-Ele­ven“ 2001 pro­du­zier­te Hol­ly­wood eine Fül­le von patrio­ti­schen und kriegs­ver­herr­li­chen­den Strei­fen: „Saving Pri­va­te Ryan“ (1998), „U‑571“ (2000), „The Patri­ot“ (2000), „Black Hawk Down“ (2001), „Pearl Har­bor“ (2001), „Behind Enemy Lines“ (2001), „Wind­tal­kers“ (2002), und „We Were Sol­di­ers“ (2002).

Kriegs­kri­ti­sche Fil­me eta­blier­ten sich erst ab 2006 mit dem wider Erwar­ten andau­ern­den Wider­stand im Irak und der offi­zi­el­len Fest­stel­lung, daß dort kei­ne Mas­sen­ver­nich­tungs­waf­fen exis­tier­ten, womit der vor­geb­li­che Kriegs­grund in Fra­ge gestellt war.

Daß es in den USA selbst­kri­ti­sche, im Film aus­ge­drück­te Gegen­stim­men zur aggres­si­ven Außen­po­li­tik Washing­tons gibt, steht außer Zwei­fel; daß die­se ästhe­tisch aus­ge­feilt sein kön­nen, eben­falls. Aber die­se Strei­fen prä­gen nicht das Bewußt­sein der brei­ten Mehr­heit – so hat sich „Top Gun“ (1986) als stil­bil­dend erwie­sen. Als Geor­ge W. Bush 2003 den Sieg über Sad­dam Hus­sein ver­kün­de­te, tat er das auf einem Flug­zeug­trä­ger und ließ sich zuvor aus­gie­big in sei­ner Kluft als Mari­ne­flie­ger foto­gra­fie­ren. Die „Rambo“-Filme der acht­zi­ger Jah­re und „Top Gun“ über­la­ger­ten so im Lau­fe der Zeit mit ihren revi­sio­nis­ti­schen Aus­sa­gen Fil­me wie „Apo­ca­lyp­se Now“ (1979) und „The Deer Hun­ter“ (1978).

Ich erwäh­ne die letzt­ge­nann­ten Fil­me in mei­nem Buch als Bei­spie­le für die Band­brei­te der Kriegs­dar­stel­lun­gen in US-Fil­men, eben nicht als typi­sche US-Pro­pa­gan­da­fil­me, wie man mir unter­stellt – als die­se tau­gen sie tat­säch­lich weni­ger. Die Dar­stel­lung des Viet­cong in „The Deer Hun­ter“ ist aller­dings auch nicht gera­de ein Mus­ter von Dif­fe­ren­zie­rung, son­dern sehr ein­sei­tig. Auf mei­ne aus­führ­li­chen Ana­ly­sen von „The Batt­le Cry of Peace” (1915), „Ser­geant York“ (1941), „The Lon­gest Day“ (1962) und „The Sie­ge“ (1998) geht Licht­meß lei­der mit kei­nem Wört­chen ein.

Er schreibt wei­ter­hin: „Es macht einen ent­schei­den­den Unter­schied ob ein Waj­da, Kubrick oder Tar­kow­skij bei einem Epos hin­ter der Kame­ra steht oder ein Emme­rich oder Spiel­berg“ und kri­ti­siert mei­nen unkla­ren ästhe­ti­schen Stand­punkt. Ästhe­tik war für mich aber tat­säch­lich zweit­ran­gig, ich behand­le pri­mär die poli­ti­sche Bedeu­tung der Fil­me und die Wech­sel­be­zie­hung zwi­schen Poli­tik und Film­in­dus­trie. Und für die­se poli­ti­sche Bedeu­tung zählt allein, ob ein Film von zehn­tau­send oder von zehn Mil­lio­nen Zuschau­ern gese­hen wird. Ein Spiel­berg, ein Emme­rich prä­gen durch ihre „Block­bus­ter“ ohne Zwei­fel Bewußt­sein und Geschichts­bil­der auch der deut­schen Bevöl­ke­rung – von einem Waj­da oder Tar­kow­skij kann man das nicht sagen.

Licht­meß bleibt die Ant­wort auf die wich­ti­ge Fra­ge schul­dig, wie wir damit umge­hen, daß über Hol­ly­wood die USA unse­re Lein­wän­de und Bild­schir­me domi­nie­ren und unse­re Jugend die Sehn­sucht nach Action zwangs­läu­fig mit ame­ri­ka­ni­schen Pro­duk­ten stil­len muß. Daß Deutsch­land und EU-Euro­pa poli­tisch nur ein Anhäng­sel der Ver­ei­nig­ten Staa­ten sind, spie­gelt sich eben in Kino und Fern­se­hen. Ein poli­ti­sches Mün­dig­wer­den der Euro­pä­er kann ohne prin­zi­pi­el­le Ände­run­gen in die­sem Punkt nicht gesche­hen. In die­sem Sin­ne bin ich tat­säch­lich der Mei­nung: Von Hol­ly­wood ler­nen heißt sie­gen lernen.

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