Sezession
12. Januar 2010

Die Hosen anhaben

Ellen Kositza

Zufällig weiß ich noch ganz genau, wann ich a) meine letzte Hose erwarb und b) auch, wann sie kaputtging. Ich weiß es deshalb, weil beides, so oder so, einschneidende Daten waren. Ich kaufte sie in einer Offenbacher Boutique am 9.11. 1989. Das weiß ich deshalb, weil gelegentlich die Frage aufkam „Wie hast Du den Tag des Mauerfalls erlebt?“ Damals führte ich noch Tagebuch, und daraus lassen sich allerhand Trivialitäten ablesen. Unter anderem eben die, daß ich am historischen Datum wenig mehr vermerkte als eben den Erwerb dieser Hose, einer Jeans.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ihren letzten Tag erlebte sie in den späten Abendstunden des 30.11. 1991, was ich deshalb „gut“ in Erinnerung habe, weil ich an diesem Tag mit einem Freund in den gemeinsamen Geburtstag reinfeiern wollte. Frankfurt, Hanauer Landstraße: Ich suchte am falschen Haus am Klingelschild, als mich unversehens zwei Männer (wie sich später durch polizeiliches Hinzutreten herausstellte, sogenannte Illegale, die im selben Haus mit zahlreichen weiteren Männern in einer „Wohnung“ lebten) packten, in den Flur schleiften und eine Kellertreppe hinunterstießen. Da war die Hose kaputt, ich entkam glimpflich durch Hinzutreten meines Freundes, der das Auto geparkt hatte und, durch mein Schreien alarmiert, helfen konnte.

Soweit der Prolog, er hat wenig damit zu tun, daß ich seither keine Hose mehr gekauft habe. Ohnehin trug ich lieber Kleider, heute sind es Röcke. Drei Hosen im Schrank sind meiner kleinen Schwester zu danken, die mehr „mit der Mode geht“ und mich und die großen Töchter mit abgelegten Sachen versorgt. Drum haben alle Rockträgerinnen der Familie ihre Cord- und Jeanshosen im Schrank liegen, und da liegen sie gelangweilt, weil weithin unbeansprucht.

Warum ich so selten und ab 1991 nahezu gar keine Hosen mehr trug, dazu schweigt das Tagebuch. Von heute aus gesehen, würde ichs´s als minikleinen, wenngleich unbewußten Widerstandsakt sehen. Man sah nicht mehr fern – weil´s alle taten, man ging nicht zu McDonald – weil´s alle taten, man begann, andere Bücher zu lesen als die Klassenkameradinnen, usw. Mag schon sein, daß ich Hosen bevorzugt hätte, wenn Röcke noch weiblicher Standard gewesen wären.

Hosen durften Frauen schon ein paar Jahrzehnte länger tragen, ohne anzuecken, aber immerhin stieg der Verkauf von bspw. Hosenanzügen (dem Kleidungssymbol für weibliche Macht, man betrachte Staatsempfänge) nach 1990 um 170 Prozent (Quelle. C&A) an. Röcke (die ich trage, müssen lt. EU- Norm seit 2002 als Damenröcke geführt werden, es gibt auch Herren- oder Unisexröcke) sind immer schön (schöner als Damenhosen). Allen Vorbehalten zum Trotze lassen sie sich in nicht-bodenlanger Version (die alltags eh nur geeignet ist, wenn die Hausherrin über Hausdienerinnen verfügt) auch beim Handwerken oder Hühnerstallsäubern gut tragen.

Nur eben jetzt wirklich nicht: beim Rodeln. Der weltweit schönste Rodelhang liegt bei uns um die Ecke, dort, wo die Querfurter Platte (mit Schnellroda im Zentrum) in die Ebene der Saale-Unstrut-Region abbricht. Das ist im Rock nun definitiv nicht zu bewältigen. Also ins zweiröhrige Beinkleid gestiegen. Die Resonanz ist in unserer Familie ungefähr so, wie sie andernorts wäre, wenn sich die Mutter einen Bart anklebte.

„Meine Güte, Mama, wie siehst Du denn aus??!“, maßloses Gelächter. – „Wieso, wie seh´ ich denn aus, paßt mir doch wie angegossen?“ „Völlig albern“, meint eine Tochter, und die andere trumpft auf: „Naja, halt ordinär …“, um neunmalklug nachzusetzen: „Ordinär heißt einfach nur 'gewöhnlich' im nicht-so-guten Sinn.“

Beim Winterspaß anschließend geriet die groteske Verkleidung dann rasch in Vergessenheit. Als wahnsinnig witzigen Gag haben die Töchter meine Verkleidung aber auch heute noch, am fünften Rodeltag empfunden. Und nu ist auch langsam gut mit dem Geschneie und der „Sie hat die Hosen an“- Neckerei.

Passend dazu hörte ich am Samstag ein sehr hübsches Wochenendjournal im Deutschlandfunk; eine Reportage aus dem Kostümfundus der Kölner Bühnen. Da leider nicht online abrufbar, zitiere ich eine Schauspielerin, die dort zu Wort kam, nur aus dem Kopf:

„Es ist nicht nur auf der Bühne ein Unterschied, ob Sie Rock/Kleid oder Hose tragen. Wer Jeans trägt, denkt auch ganz anders.“

Das ist es! Wo und was würde ich schreiben, wenn ich Jeans trüge? Nicht grad hier, glaube ich. Und nicht grad das. Vielleicht über seltsame Frauen, die auch winters nicht vom Rock lassen können.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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