Die Hosen anhaben

Zufällig weiß ich noch ganz genau, wann ich a) meine letzte Hose erwarb und b) auch, wann sie kaputtging. Ich weiß es deshalb, weil beides, so oder so, einschneidende Daten waren.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ich kauf­te sie in einer Offen­ba­cher Bou­tique am 9.11. 1989. Das weiß ich des­halb, weil gele­gent­lich die Fra­ge auf­kam „Wie hast Du den Tag des Mau­er­falls erlebt?“ Damals führ­te ich noch Tage­buch, und dar­aus las­sen sich aller­hand Tri­via­li­tä­ten able­sen. Unter ande­rem eben die, daß ich am his­to­ri­schen Datum wenig mehr ver­merk­te als eben den Erwerb die­ser Hose, einer Jeans.

Ihren letz­ten Tag erleb­te sie in den spä­ten Abend­stun­den des 30.11. 1991, was ich des­halb „gut“ in Erin­ne­rung habe, weil ich an die­sem Tag mit einem Freund in den gemein­sa­men Geburts­tag reinfei­ern woll­te. Frank­furt, Hanau­er Land­stra­ße: Ich such­te am fal­schen Haus am Klin­gel­schild, als mich unver­se­hens zwei Män­ner (wie sich spä­ter durch poli­zei­li­ches Hin­zu­tre­ten her­aus­stell­te, soge­nann­te Ille­ga­le, die im sel­ben Haus mit zahl­rei­chen wei­te­ren Män­nern in einer „Woh­nung“ leb­ten) pack­ten, in den Flur schleif­ten und eine Kel­ler­trep­pe hin­un­ter­stie­ßen. Da war die Hose kaputt, ich ent­kam glimpf­lich durch Hin­zu­tre­ten mei­nes Freun­des, der das Auto geparkt hat­te und, durch mein Schrei­en alar­miert, hel­fen konnte.

Soweit der Pro­log, er hat wenig damit zu tun, daß ich seit­her kei­ne Hose mehr gekauft habe. Ohne­hin trug ich lie­ber Klei­der, heu­te sind es Röcke. Drei Hosen im Schrank sind mei­ner klei­nen Schwes­ter zu dan­ken, die mehr „mit der Mode geht“ und mich und die gro­ßen Töch­ter mit abge­leg­ten Sachen ver­sorgt. Drum haben alle Rock­trä­ge­rin­nen der Fami­lie ihre Cord- und Jeans­ho­sen im Schrank lie­gen, und da lie­gen sie gelang­weilt, weil weit­hin unbeansprucht.

War­um ich so sel­ten und ab 1991 nahe­zu gar kei­ne Hosen mehr trug, dazu schweigt das Tage­buch. Von heu­te aus gese­hen, wür­de ichs´s als mini­klei­nen, wenn­gleich unbe­wuß­ten Wider­stands­akt sehen. Man sah nicht mehr fern – weil´s alle taten, man ging nicht zu McDo­nald – weil´s alle taten, man begann, ande­re Bücher zu lesen als die Klas­sen­ka­me­ra­din­nen, usw. Mag schon sein, daß ich Hosen bevor­zugt hät­te, wenn Röcke noch weib­li­cher Stan­dard gewe­sen wären.

Hosen durf­ten Frau­en schon ein paar Jahr­zehn­te län­ger tra­gen, ohne anzu­ecken, aber immer­hin stieg der Ver­kauf von bspw. Hosen­an­zü­gen (dem Klei­dungs­sym­bol für weib­li­che Macht, man betrach­te Staats­emp­fän­ge) nach 1990 um 170 Pro­zent (Quel­le. C&A) an. Röcke (die ich tra­ge, müs­sen lt. EU- Norm seit 2002 als Damen­rö­cke geführt wer­den, es gibt auch Her­ren- oder Unis­ex­rö­cke) sind immer schön (schö­ner als Damen­ho­sen). Allen Vor­be­hal­ten zum Trot­ze las­sen sie sich in nicht-boden­lan­ger Ver­si­on (die all­tags eh nur geeig­net ist, wenn die Haus­her­rin über Haus­die­ne­rin­nen ver­fügt) auch beim Hand­wer­ken oder Hüh­ner­stall­säu­bern gut tragen.

Nur eben jetzt wirk­lich nicht: beim Rodeln. Der welt­weit schöns­te Rodel­hang liegt bei uns um die Ecke, dort, wo die Quer­fur­ter Plat­te (mit Schnell­ro­da im Zen­trum) in die Ebe­ne der Saa­le-Unstrut-Regi­on abbricht. Das ist im Rock nun defi­ni­tiv nicht zu bewäl­ti­gen. Also ins zwei­röh­ri­ge Bein­kleid gestie­gen. Die Reso­nanz ist in unse­rer Fami­lie unge­fähr so, wie sie andern­orts wäre, wenn sich die Mut­ter einen Bart anklebte.

„Mei­ne Güte, Mama, wie siehst Du denn aus??!“, maß­lo­ses Geläch­ter. – „Wie­so, wie seh´ ich denn aus, paßt mir doch wie ange­gos­sen?“ „Völ­lig albern“, meint eine Toch­ter, und die ande­re trumpft auf: „Naja, halt ordi­när …“, um neun­mal­klug nach­zu­set­zen: „Ordi­när heißt ein­fach nur ‘gewöhn­lich’ im nicht-so-guten Sinn.“

Beim Win­ter­spaß anschlie­ßend geriet die gro­tes­ke Ver­klei­dung dann rasch in Ver­ges­sen­heit. Als wahn­sin­nig wit­zi­gen Gag haben die Töch­ter mei­ne Ver­klei­dung aber auch heu­te noch, am fünf­ten Rodel­tag emp­fun­den. Und nu ist auch lang­sam gut mit dem Geschneie und der „Sie hat die Hosen an“- Neckerei.

Pas­send dazu hör­te ich am Sams­tag ein sehr hüb­sches Wochen­end­jour­nal im Deutsch­land­funk; eine Repor­ta­ge aus dem Kos­tüm­fun­dus der Köl­ner Büh­nen. Da lei­der nicht online abruf­bar, zitie­re ich eine Schau­spie­le­rin, die dort zu Wort kam, nur aus dem Kopf:

„Es ist nicht nur auf der Büh­ne ein Unter­schied, ob Sie Rock/Kleid oder Hose tra­gen. Wer Jeans trägt, denkt auch ganz anders.“

Das ist es! Wo und was wür­de ich schrei­ben, wenn ich Jeans trü­ge? Nicht grad hier, glau­be ich. Und nicht grad das. Viel­leicht über selt­sa­me Frau­en, die auch win­ters nicht vom Rock las­sen können.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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