Sezession
18. Januar 2010

Samtene Revolutionen im 21. Jahrhundert

Felix Menzel / 3 Kommentare

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Lettre International blickt der britische Historiker Timothy Garton Ash auf die „samtenen Revolutionen“ des Jahres 1989 zurück und wagt vorsichtig optimistisch die Prognose, daß sich friedliche Umwälzungen global betrachtet durchsetzen werden.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Der Aufsatz ist hier in Englisch zu finden. Garton Ash führt zunächst an, welche Revolutionen es in den letzten Jahren gegeben hat und wie diese benannt wurden:

Wir haben „singende“ (Baltikum), „friedliche“ und „ausgehandelte“ (Südafrika, Chile), „rosa“ (Georgien), „orangene“ (Ukraine), generell „farbige“ (seit der ukrainischen), „Zedern-“ (Libanon), „Tulpen-“ (Kirgisistan), „Wahl-“ (allgemein), „Safran-“ (Birma) und im Iran „grüne“ Revolutionen kennengelernt.

Alle diese gelungenen oder versuchten Umwälzungsversuche würden nach dem Muster von 1989 ablaufen. Es handele sich um friedliche Massenproteste, die auf ein breites gesellschaftliches Bündnis zurückgehen. Im Gegensatz zum gewalttätigen, utopistischen und klassenkämpferischen Typus von 1789 (der 1917 in Rußland und 1949 in China weiterentwickelt wurde) enden die „bunten“ Revolutionen im Kompromiß. Ihr Totem sei deshalb der „Runde Tisch“.

Garton Ash räumt nun ein, daß die Gewaltlosigkeit nicht aus moralischen Gründen resultiere, sondern aus strategischen. Da Sympathien des In- und Auslands im Zeitalter der „TV-Kriege“ wichtiger sind als Fäuste, gehen die Umwälzungen weitestgehend friedlich vonstatten. Damit wird klar, wie stark die Revolutionen des Typus 1989 auf einer PR-Masche beruhen. Das erklärt auch die blumigen Namen.

Mit diesen strategischen Erwägungen verbunden sind aber auch Zugeständnisse der Revolutionäre an die alten Eliten, denen im neuen Staat eine erträgliche Zukunft zugesichert wird. Das bringe häufig eine „postrevolutionäre Pathologie“ mit sich, so Garton Ash, da den Menschen „eine revolutionäre Katharsis entgangen ist“. Diese versuche man symbolisch durch eine gründliche Vergangenheitsbewältigung nachzuholen, was allerdings zu vielen Problemen führt, die der Historiker von der Universität Oxford nicht anspricht.

Wir können dies gegenwärtig in der Ukraine mitverfolgen. Die „orangenen“ Versprechungen konnten nicht eingehalten werden, die „blühenden Landschaften“ blühen doch nicht so schön und so stellt sich einige Jahre nach der Revolution Frustration beim Volk ein. Dies liegt auch daran, daß die nach PR-Gesetzen aufgebauten Umstürze keine generell neuen Ideen hervorbringen. Sie lehnen sich lediglich an ein bereits vorhandenes, vermeintlich besseres System an und versuchen, die zumeist liberal-demokratischen Institutionen zu kopieren.

Wenn Garton Ash nun nach der Wahrscheinlichkeit von samtenen Revolutionen im 21. Jahrhundert überall auf dem Erdball fragt, impliziert dies die Vorstellung der Überlegenheit freiheitlich-demokratischer Werte. Der Wunsch schimmert hier durch, die Menschen aus Diktaturen in Asien, Afrika, Latein- und Südamerika mögen doch bitte ihren Staat nach dem europäischen Vorbild von 1989 gesund revolutionieren.

In etwa soll das also so funktionieren: Durch Selbstbeobachtung und eigene Medien der Gegenöffentlichkeit (im Iran etwa spielen oppositionelle Blogs eine große Rolle) klärt das Volk über Mißstände auf. Durch eine manipulierte Wahl gewinnen diese Mißstände dann an Sprengkraft, was zur Mobilisierung der Opposition führt und den Westen für die Lage sensibilisiert. Dieser schickt TV-Krieger, die als Fremdbeobachter für eine Weltöffentlichkeit sorgen und die Diktatur so stark unter Druck setzen, daß diese auf dem Verhandlungsweg abdankt.

Und, ist das nun realistisch? Allein die Jugendüberschüsse („youth bulges“) in Afrika und den islamischen Regionen werden weiterhin für reichlich blutige Auseinandersetzungen sorgen. Es kann eigentlich kein Zweifel darüber bestehen, daß die nicht gebrauchten jungen Männer in den nächsten 20 bis 30 Jahren den einen oder anderen Massenmord auslösen. Und auch Europa ist nicht immun gegen gewalttätige Ausbrüche an ethnischen und/oder sozialen Konfliktlinien, da Menschenmassen langfristig im Kern immer unberechenbar bleiben.

Ohne dies explizit auszusprechen, ist Garton Ash der Meinung, aufgrund des gegenwärtigen Standes der Medienevolution (Fernsehen, Gegenöffentlichkeiten im Internet) brauche es keine Gewalt mehr. Das ist dann doch eine etwas rosige Vorstellung, was natürlich nicht ausschließt, daß bald irgendwo eine „rosige Revolution“ stattfindet.

(Bild: buergergesellschaft.de)


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (3)

Sebastian
18. Januar 2010 16:10

Prinzipielle Zustimmung. Nur: sich an einem Autoren abzuarbeiten, der - wie Du richtig schreibst - naiv von einer prinzipiellen oder apriorischen Überlegenheit freiheitlich-demokratischer (sprich angelsächsisch-modernistischer) Werte ausgeht, ist doch keine Herausforderung. Es genügt, die mediale "Gemachtheit" der momentanen Unruhen im Iran als aktuelles Beispiel zu liefern, um dahinterstehende Interessen klar hervortreten zu lassen, die je nach strategischer Lage die eine oder die andere Gruppe als im Recht und "freiheitskämpferisch" erscheinen zu lassen.

Faustus
18. Januar 2010 21:57

,,Der Aufstieg Chinas versetzt uns heute bereits in fassungsloses Staunen. Wir haben den Punkt erreicht, wo die westlichen Vorstellungen von parlamentarischer Demokratie, entfesseltem Kapitalismus und technisch perfektionierter Kriegsführung für die übrige Welt nicht mehr zu taugen scheinen. Die Vorstellung des US-Publizisten Francis Fukuyama vom erreichten Ende der Geschichte, das heißt die Bekehrung der ganzen Welt zum amerikanischen Lebensmodell, erweist sich heute als absolut irrig. Es sind ja nicht nur die westlichen Weißen, die aus ihren ehemaligen Kolonialgebieten verdrängt wurden, sondern ebenso die Russen, die nach dem Verlust Zentralasiens und dem Vordringen des Islam das Trauma des Tatarenjochs wiedererleben" Peter Scholl-Latour

Mehr muss man nicht sagen.

derherold
19. Januar 2010 14:00

Na ja, die "friedlichen, bunten Revolutionen" dürften ja nicht völlig ungelenkt abgelaufen sein.

Wenn man davon ausgeht (s.o.), daß sie allein/hauptsächlich so friedlich ablaufen (können), weil man eine "Übereinkunft" mit den bisherigen Mächtigen getroffen hat, darf man fragen, ob dann wirklich eine Revolution stattgefunden hat oder nur der Austausch einiger Eliten - bei weitem nicht aller - des Apparates. Als Beispiel könnte man in der Tat Ostdeutschland anführen, wo die transformierte ehemals herrschende Partei weiterhin das Kultur- und Verwaltungsestablishment bildet.

Ob es so friedlich bleibt, wird man sehen. Das wird wohl von der Korrumpierbarkeit der jeweiligen Oligarchie abhängen. Würde die chin. Partei- und Militärelite eine "Demokratisierung" hinnehmen, würde tatsächlich "an Rußland vorbei" eine Energieversorgung möglich sein, obwohl eine popelige Luftlandedivision ausreicht, um Aserbaidschan "verhandlungsbereit" zu machen ?

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