Sezession
1. Januar 2006

Wer bringt die Verhältnisse zum Tanzen? Zur Frage des Subjekts eines konservativen Politikwechsels

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 / Januar 2006

von Jost Bauch

Als Marxist hätte man es leicht: Da der Verlauf der Geschichte deterministisch im historischen Materialismus festgelegt ist, braucht man in der spröden Gegenwart nur die sozialen Gruppen und Klassen aufzuspüren, deren Interessen mit dem Endzustand der angenommenen Geschichtsentwicklung übereinstimmen, und schon hätte man das revolutionäre Subjekt, das ein „objektives Interesse“ an der Veränderung der Welt hat. Als Problem bleibt nur der „subjektive Faktor“: durch eine Avantgarde (also die leninistisch-marxistische Partei) müssen die subjektiven, also irrationalen Interessen in das objektive Interesse transformiert werden.

Als Konservativer hat man es an dieser Stelle ungleich schwerer. Denn der Konservativismus verfügt über kein deterministisches Geschichtsbild, die Geschichte bleibt offen und zufällig. Als Zeugen können wir Carl Schmitt benennen, der zustimmend Donoso Cortés interpretiert: „Für ihn ist die Weltgeschichte nur das taumelnde Dahintreiben eines Schiffes, mit einer Mannschaft betrunkener Matrosen, die grölen und tanzen, bis Gott das Schiff ins Meer stößt, damit wieder Schweigen herrscht.“
Konservative Denker haben der linken Geschichtsmetaphysik immer einen Voluntarismus und Dezisionismus entgegengesetzt. Die Geschichte verläuft nicht linear, ist nicht durch materielle Figurationen von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen oder andere Antagonismen, die dialektisch zu ihrer Aufhebung treiben, vorherbestimmt, Geschichte ist per se riskant und deswegen ist der Konservativismus behutsam im Ausgreifen in die Zukunft. Das Prä gehört zunächst einmal den Zuständen, so wie sie sind. Da wir also zunächst nicht wissen können, in welche Richtung die Reise geht, ist es für uns Konservative ungleich schwerer als für alle Fortschrittsmythologen, ein Subjekt auszumachen, das eine Entwicklung, auch wenn sie noch so rückwärtsgewandt ist, trägt.
Die Frage nach einem konservativen Subjekt, das im Sinne des Konservativismus die Zukunft gestaltet, ist eigentlich innerhalb des konservativen Paradigmas gar nicht zu stellen, da die Annahme eines Subjekts, das wie auch immer auf die Zukunft Einfluß nimmt, bereits gegen Grundaxiome des konservativen Denkens verstößt. In der Frage nach dem Subjekt wird bereits Gestaltungsmöglichkeit und Handlungsbereitschaft im Blick auf die Zukunft unterstellt. Prinzipien, die nicht ohne weiteres mit dem konservativen Denken vereinbar sind.


 Gastbeitrag

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