1. Januar 2006

Aseptische Revolten – Über die neuen Romane von Matthias Politycki und Uwe Tellkamp

Götz Kubitschek

pdf der Druckfassung aus Sezession 12 / Januar 2006

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

„Wer in seinem Herzen Demokrat ist, der muß nun schleunigst undemokratisch denken, nicht von der Mitte, sondern vom Rand der Gesellschaft her, der muß Minderheiten zurück an die Macht bringen, zum Wohle dessen, was dann vielleicht sogar mal wieder in eine echte Demokratie übergehen könnte. Mittlerweile sind wir nämlich auch im größer gewordenen Deutschland fällig … für eine neue gesellschaftliche Revolution. Diesmal allerdings für eine elitäre, jenseits des alten Lagerdenkens und angezettelt nicht etwa bloß von einer task force im Beckenbauer-Format, sondern im Sinne von Platons Konzept einer Herrschaft der Besten.“

Derjenige, der hier ausführlich und nicht ohne Pathos aus rechter Sicht zu Wort kam, heißt Matthias Politycki. Er ist freier Schriftsteller, 1955 geboren, und lebt in Hamburg und München (weil kaum ein freier Schriftsteller in nur einer einzigen Stadt lebt). Im Oktober erschien Polityckis Roman Herr der Hörner, und man vermeint während und nach der Lektüre dieses dicken Buchs zu verstehen, warum sein Autor nach einer Revitalisierung unseres lahmen Kulturkreises lechzt.
Herr der Hörner spielt auf Kuba, Hauptfigur ist ein Durchschnittsdeutscher, der während eines Urlaubs in Santiago de Cuba im Schweiß einer Salsa-Tänzerin ein lebendigeres Leben wittert als jenes, welches er dann tatsächlich ein halbes Jahr später abbricht, um die Tänzerin wiederzusehen. Während er jagt, ist er selbst längst Wild, ausersehen als Opfer in einem der geheimbündischen Kulte des schwarzen Teils Kubas.
Es fällt auf: Polityckis Kuba ist nicht das Land der letzten kommunistischen Utopie, auch nicht der Fleck, auf dem sich die edlen Wilden auf die Füße treten. Es ist ein hartes, schnelles Land, oft unerträglich für den, der aus Deutschland kommend dort zu leben versucht wie jene, die ihr ganzes Leben lang so leben müssen. Und trotzdem wird Kuba zur Sucht: vital, abrupt, geheimnisvoll, nicht ausgeleuchtet, gierig, voller Kampf ums nackte Dasein, nicht ums angezogene Mehr-Sein.
Seit einiger Zeit steckt Politycki in diesem Sinne voller Kuba, wenn er gesellschaftskritische Beiträge in der Presse veröffentlicht. Das lange Eingangszitat stammt aus einem Artikel mit dem vitalen Titel Jungs, nehmt den Finger aus dem Arsch, es gibt Arbeit, der im Juli 2004 unter leicht gekürzter Überschrift im Tagesspiegel erschien. Es geht darin um einen psychisch Kranken und physisch Ausgelaugten: „Deutschland wird zur Zeit in allen Disziplinen gedemütigt, als Insasse Deutschlands lebt man halbgeduckt voran, mit der Gewißheit, daß es selbst nach der nächsten Wahl nicht besser werden wird.“
Ein anderer Beitrag, der Essay Weißer Mann – was nun?, erschien vor wenigen Monaten in der Zeit (36 / 2005). Eine Kostprobe? „Die Brutalität des vitalen Lebens, keinerlei Rücksicht auf die moralischen und ästhetischen Standards eines Alten Europäers nehmend, diese ungebremste Wildheit des Willens, die sich nicht selten in schierer Gewaltanwendung Bahn brach – durfte ich sie als Mangel an Kultur verachten? … Mitunter war ich so restlos beschämt von dieser Eruption physischer Macht, daß ich mir einzureden suchte, in meiner weißen Haut die epochale Erschöpfung der gesamten Alten Welt zu spüren.“ Dies ist hautnah aus Kuba berichtet und in einem jener Gehirne voller Gebrochenheit reflektiert, das von einem deutschen, einem zur Wehrlosigkeit erzogenen Körper auf schmalem Halse balanciert wird.
Beide Zitate – jenes über das notwendig Undemokratische und dieses über die Brachialität – lassen sich leicht zusammensetzen: Der Westen und Deutschland benötigen, um ihre moralischen und ästhetischen Normen zu retten, etwas von der Vitalität zurück, die in Ländern wie Kuba erlebbar ist, die sich jedoch als unerträglich für jeden erweist, der im Westen, in Deutschland seine Heimat hat. Politycki möchte das Gebilde, in dem er so leben kann und darf, wie er lebt, wiederbelebt sehen, dosiert aggressiv im weltweiten Kampf, der längst ein Kampf im Innern geworden ist. Und es scheint ihm dieser Kampf nicht die Zeit für kurze Legislaturperioden zu sein, auch nicht die Zeit für das unendliche Geschwätz der auf den Pöbel schielenden Medien- und Erregungsdemokratie.

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