50 Jahre Bundeswehr

pdf der Druckfassung aus Sezession 14 / Juli 2006

von Jörg Soldan

Die Bundeswehr kann auf ein halbes Jahrhundert eigener Geschichte zurückblicken, die längste scheinbar bruchlose Phase für eine Streitkraft im deutschen Nationalstaat, wie er seit nunmehr 135 Jahren in wechselnden Varianten existiert. 1955 offiziell begründet als Wehrpflichtarmee der westdeutschen Republik, konnte sie damals mit überraschender Schnelligkeit aufgebaut und in den Nordatlantikpakt integriert werden, gegen beträchtliche Widerstände und Anfeindungen seitens einer militärmüden Bevölkerung und der sogenannten öffentlichen Meinung. Maßgeblich Anteil an dieser Leistung hatten Soldaten, die aus der Wehrmacht hervorgegangen und zum Teil hoch ausgezeichnet worden waren. Im Frühjahr 1989 verließ der letzte dieser kriegsgedienten Soldaten die Bundeswehr im geteilten Deutschland, und Ende desselben Jahres offenbarte der Kollaps der DDR, daß mit dem Kalten Krieg nun endlich auch die Nachkriegszeit des Zweiten Weltkriegs definitiv zu Ende ging.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Zehn Jah­re spä­ter, Anfang 1999 soll­te dann ein gesamt­deut­scher Staats­mi­nis­ter für Kul­tur und Medi­en ein­ge­denk der einst­ma­li­gen Befrei­ung eines Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers durch die Rote Armee ver­kün­den, man wer­de jetzt tat­kräf­tig die Kaser­nen der Bun­des­wehr umbe­nen­nen. Die Paro­le „Ausch­witz“ dien­te kurz dar­auf einer rot-grü­nen Bun­des­re­gie­rung als Recht­fer­ti­gung, erst­mals seit 1945 wie­der deut­sche Trup­pen in den Krieg zu schi­cken und am NATO-Angriff auf Ser­bi­en teil­zu­neh­men. Zahl­rei­che Kaser­nen und Stra­ßen sind mitt­ler­wei­le umge­tauft, die Namen von „Nazi-Gene­ra­len“ wur­den erfolg­reich getilgt. Deut­sche Sol­da­ten mar­schie­ren wie­der unbe­fan­gen auf dem Bal­kan, sie ste­hen für ihre Regie­rung mit der Waf­fe am „Hin­du­kusch“ und schwit­zen fern der Hei­mat in Afri­ka. Seit 2001 dür­fen end­lich auch Frau­en dienst­lich auf ande­re Men­schen schie­ßen und sich „Mör­der“ nen­nen las­sen, nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die­sen Ehren­ti­tel für „Staats­bür­ger in Uni­form“ bereits 1995 abge­seg­net hat. Der Grund­wehr­dienst soll in neun Mona­ten aus­ge­tra­gen wer­den, wäh­rend das Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um doch bis 2004 brauch­te, um hete­ro- und homo­se­xu­el­le Part­ner­schaf­ten auch zwi­schen Vor­ge­setz­ten und Unter­ge­be­nen zuzu­las­sen. Tei­le der Armee hat man wagra­tio­na­li­siert, ande­re pri­va­ti­siert und zahl­rei­che Stand­or­te nach her­me­ti­schen Kri­te­ri­en geschlos­sen, wäh­rend der Akti­ons­ra­di­us der Trup­pe von der plat­ten Hei­mat­schol­le gelöst und durch einen offen­si­ven Ver­tei­di­gungs­be­griff auf den gan­zen Pla­ne­ten aus­ge­dehnt wur­de. Kein Zwei­fel: Die Bun­des­wehr und ihr gesell­schaft­li­ches Umfeld haben sich in den letz­ten fünf­zehn Jah­ren dras­ti­scher ver­än­dert als in den drei­ein­halb Jahr­zehn­ten zuvor. Nicht nur Zeit also, son­der auch Anlaß genug für Rück­blick und Vergegenwärtigung.
Zu jenen kriegs­ge­dien­ten Män­nern der ers­ten Stun­de, die zur „Wen­de“ bereits aus dem Dienst geschie­den waren, gehört auch der Mili­tär­his­to­ri­ker Franz Uhle-Wett­ler: Des­sen Sol­da­ten­le­ben ist selbst Teil der Geschich­te jener Bun­des­wehr, die er von 1956 bis 1987 als Kampf­trup­pen­of­fi­zier im Heer und in NATO-Ver­wen­dun­gen aktiv mit­ge­stal­tet hat. Sein Rück­blick Rührt Euch! Weg, Leis­tung und Kri­se der Bun­des­wehr (Graz: Ares 2006, 216 S., geb, 19.90 €) besteht aus einer chro­no­lo­gi­schen Col­la­ge von Brief­zeug­nis­sen und ande­ren Tex­ten aus der Dienst­zeit sowie spä­ter eigens bei­gefüg­ten Kom­men­ta­ren. Auf die­se Wei­se ent­stand ein facet­ten­rei­ches und reflek­tier­tes Bild vom Zustand der Trup­pe aus der Per­spek­ti­ve ver­schie­de­ner Ver­wen­dun­gen, wobei die Maß­stä­be Uhle-Wett­lers schnell klar­wer­den: Er reprä­sen­tiert nicht nur eine Genera­ti­on, son­dern auch einen bestimm­ten Sol­da­ten­ty­pus, der es in die­ser Armee nicht immer leicht hat­te. „Unser Auf­trag ist die Siche­rung des Frie­dens“, setz­te ein bis 1989 gän­gi­ger Witz ein. „Was tun, wenn’s doch Krieg gibt? Dann heißt’s Auf­trag nicht erfüllt, und wir geh’n nach Hau­se“. Wäh­rend man in der Bun­des­wehr ange­sichts des ato­ma­ren Patts nicht wirk­lich mit Krieg rech­ne­te, blieb die Richt­schnur für Uhle-Wett­ler stets der Kriegs­fall und damit die Kriegs­tüch­tig­keit der Truppe.

So konn­te der Kom­man­deur einer Pan­zer­di­vi­si­on unter jün­ge­ren Infan­te­rie­of­fi­zie­ren als Geheim­tip gehan­delt wer­den, als er 1980 mit sei­ner Stu­die Gefechts­feld Mit­tel­eu­ro­pa zu enfant ter­ri­ble avan­cier­te. Debat­ten über stra­te­gi­sche Alter­na­ti­ven zur NATO-Dok­trin waren damals im Schwan­ge, um Horst Afheldt und Jochen Löser, den Öster­rei­cher Emil Span­noc­chi oder den Fran­zo­sen Guy Bros­sol­let. Uhle-Wett­ler aber schlug beson­ders stark ein, weil mit ihm ein akti­ver Gene­ral zu Dis­kus­si­on stell­te, ob die Bun­des­wehr in ihrer dama­li­gen Struk­tur einem rea­lis­ti­schen Kriegs­bild und dem poten­ti­el­len Gefechts­feld zweck­mä­ßig ent­sprach. Sein Rück­blick auf die mit­er­leb­ten Ent­wick­lun­gen bis 1989 fällt auf jeder zeit­li­chen Stu­fe sach­lich, dif­fe­ren­ziert und kri­tisch aus; die Aus­füh­run­gen und Fall­bei­spie­le etwa zur Men­schen­füh­rung, zur kriegs­na­hen Aus­bil­dung oder zu Theo­rie und Pra­xis der „inne­ren Füh­rung“ haben nichts von ihrer Aktua­li­tät verloren.
Greift man dage­gen zu dem als „offi­zi­el­ler Jubi­lä­ums­band“ dekla­rier­ten Buch 50 Jah­re Bun­des­wehr. 1955 bis 2005 (Ham­burg: Mitt­ler 2005, geb., 289 S., 29.80 €), bie­tet sich dar­in allen­falls Quel­len­ma­te­ri­al zum ideo­lo­gi­schen Über­bau bun­des­deut­scher Streit­kräf­te­po­li­tik: Den Jour­na­lis­ten Rolf Cle­ment und Paul Elmar Jöris, bei­de Mit­glie­der des Bei­rats für Fra­gen der Inne­ren Füh­rung beim Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­tei­di­gung, geht es ums gro­ße Gan­ze. Dabei kann es für ein Organ der Exe­ku­ti­ve natür­lich kein fal­sches Leben im wah­ren geben. Was etwa „Affä­ren“ angeht, so kom­me es „dar­auf an, ob man aus ihnen lernt“: Da wir hier­zu­lan­de ja „die Öffent­lich­keit“ haben, wird am Ende stets alles gut. Kri­ti­sche Fra­gen an die Rol­le der mit Ämtern bestall­ten Par­tei­po­li­ti­ker in man­cher ech­ten Affä­re um die Bun­des­wehr stel­len sich sol­chen Dienst­leis­tern nicht. Um Miß­ver­ständ­nis­se vor­zu­beu­gen: Selbst­ver­ständ­lich hat die­se Armee bis auf den heu­ti­gen Tag enor­me Leis­tun­gen voll­bracht, die bei einem Jubi­lä­um öffent­lich her­aus­zu­stel­len sind. Sie sind der Trup­pe aber umso höher anzu­rech­nen, als sich die­se einer oft wan­kel­mü­ti­gen wider­sprüch­li­chen und oppor­tu­nis­ti­schen Poli­tik aus­ge­lie­fert, sel­ten aber staats­po­li­ti­schem Weit­blick anver­traut sieht. Deut­li­cher bringt Cle­mens Ran­ges umfas­send ange­leg­ter Band Die gedul­de­te Armee. 50 Jah­re Bun­des­wehr (Ber­lin: Trans­li­mes Media 2006, 312 S., geb, 45 €) schon im Titel zum Aus­druck, daß die poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen der mili­tä­ri­schen Insti­tu­tio­nen­ge­schich­te anders in den Blick gera­ten müs­sen. Die­ser Jour­na­list sieht die Bun­des­wehr im sechs­ten Jahr­zehnt ihres Bestehens in einer Schief­la­ge. Die vor­ma­li­ge Wehr­pflicht­ar­mee mutie­re zu einer „atlan­ti­schen Legi­on“, die der Bevöl­ke­rung mitt­ler­wei­le recht gleich­gül­tig sei. Ran­ge, der als Reser­ve­of­fi­zier die Trup­pe von innen kennt, weiß um die Aus­wir­kun­gen poli­tisch „Lösun­gen“ in der Pra­xis und ver­fällt daher nicht der Affir­ma­ti­on. In den 1990er Jah­ren wur­de vor allem das Heer durch eine Rei­he hek­ti­scher Struk­tur­re­for­men in Unru­he gehal­ten, die zudem immer mit dras­ti­scher Ein­spa­run­gen und Reduk­tio­nen ver­bun­den waren. Aber auch Mari­ne und Luft­waf­fe haben ihr Gesicht deut­lich ver­än­dert; wei­te­re tief­grei­fen­de Ein­schnit­te und Umstruk­tu­rie­run­gen ste­hen die­sen Teil­streit­kräf­ten bevor. Dabei ist die neue Bun­des­wehr in man­chen Berei­chen inzwi­schen wirk­lich eine ein­satz­ori­en­tier­te Trup­pe gewor­den; die fast aus­schließ­li­che Aus­rich­tung auf ein mul­ti­na­tio­na­les Ope­ra­ti­ons­um­feld und welt­wei­te Inter­ven­tio­nen bei gleich­zei­ti­ger Aus­dün­nung birgt jedoch Gefah­ren, die schon auf mitt­le­re Sicht kaum weni­ger gra­vie­rend sein dürf­ten als die schlei­chen­de Ent­mi­li­ta­ri­sie­rung der alten Frie­dens­ar­mee vor 1989. Eine „kolo­nia­le Über­deh­nung“ durch inter­na­tio­na­le Poli­zei­ein­sät­ze, die schon heu­te nur mit mas­si­vem Reser­vis­ten­auf­kom­men zu bewäl­ti­gen sind, ist nur eines der offen­sicht­li­che­ren Pro­ble­me, vom poli­ti­schen Sinn man­cher Unter­neh­mung ganz abzu­se­hen. Daß die rot-grü­ne Kriegs­ziel­po­li­tik oder die Ein­satz­auf­trä­ge der rot-schwar­zen Koali­ti­on hier­zu­lan­de nicht kon­tro­vers debat­tiert wer­den, ist dem kon­sta­tier­ten Des­in­ter­es­se der per­mis­si­ven deut­schen Gesell­schaft geschul­det. Eine hand­fes­te Belas­tungs­pro­be aber wird die­sen Des­in­ter­es­sier­ten und ihrem „Heer der Zukunft“ frü­her oder spä­ter unwei­ger­lich bevor­ste­hen: Was pas­siert, wenn auf einen Schlag fünf­zig bis hun­dert tote Staats­bür­ger in Lei­chen­sä­cken statt in Uni­form aus Über­see heim­keh­ren, weil unter frem­dem Him­mel ein Bun­des­wehr-Kon­voi in einen ein­fa­chen, aber effek­ti­ven Hin­ter­halt unein­sich­ti­ger Ein­ge­bo­re­ner gera­ten ist?

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