1. Juli 2006

„Offensiver Realismus“

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 14 / Juli 2006

von Josef Daum

Traditionell wird die US-Außenpolitik von zwei miteinander konkurrierenden Denkrichtungen beherrscht, der „idealistischen“ und der „realistischen“. Für die Idealisten steht die aktive Verbreitung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten im Vordergrund, wohingegen die Realisten die Außenpolitik an nationalen Interessen orientiert sehen wollen. Die Grenzen zwischen diesen Strömungen verlaufen quer zu traditionellen Parteizugehörigkeiten. Mit Ausnahme Henry Kissingers waren alle bekannten Realisten Gegner des Irakkrieges. So auch John Mearsheimer.

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Mearshiemer durchlief sowohl eine militärische als auch eine akademische Laufbahn. Nachdem er 1970 die berühmte Militärakademie West Point absolviert hatte, diente er seinem Land fünf Jahre als Offizier der US-Luftwaffe. 1975 nahm er das Studium der Politischen Wissenschaften auf und lehrt heute als Professor an der Universität von Chicago. Somit begann Mearsheimer seine wissenschaftliche Laufbahn genau zu der Zeit, als der sogenannte „zweite Kalte Krieg“ seinen Anfang nahm. Die sicherheitspolitischen Debatten konzentrierten sich damals verstärkt auf die „Denuklearisierung“ der Militärstrategie. Wenn sich die nuklearen Potentiale der Supermächte gegenseitig neutralisierten, lag dann ein auf Europa beschränkter, mit taktischen Atomwaffen geführter Krieg oder sogar ein rein konventioneller Krieg wieder im Bereich des Möglichen? Es gab zwei vorherrschende Theorien zu diesem Fragenkomplex. Die eine besagte, daß das Kräfteverhältnis als solches ausschlaggebend für die Wirkung konventioneller Abschreckung sei. Die andere suchte im Verhältnis von Offensiv- zu Defensivwaffen die Ursache für die Wahl einer Erstschlagsoption. Beide Sichtweisen verwarf Mearsheimer (Conventional Deterrence, New York: Cornell University Press 1983). Erstere widerlegte er mit dem Verweis auf die Angriffsstrategie zahlenmäßig unterlegener Mächte, letzteres mit der Feststellung, daß es keine klare Definition von Angriffs- und Verteidigungswaffen geben könne. Es sei die Strategie, die der Panzerwaffe im Zweiten Weltkrieg ihre Schlagkraft gegeben habe und nicht der Gebrauch von „Tanks“ an sich. Eben diese von den Deutschen entwickelte Strategie, der Blitzkrieg, bleibe die Konstante für die Analyse der Angriffswahrscheinlichkeit. Mearsheimer untersuchte die militärischen Offensivschläge seit dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen bis in die siebziger Jahre. Er kam zu dem Ergebnis, daß die Wahrscheinlichkeit eines schnellen, vernichtenden Erstschlags das Kriegsrisiko erheblich erhöhte, wohingegen die Angst vor dem Abnutzungskrieg dieses verringerte. Mearsheimer kalkulierte damit, daß auch die Sowjetunion in Europa über eine konventionelle „Blitzkriegs-Option“ verfügte, was, wie wir heute wissen, tatsächlich den Plänen des sowjetischen Generalstabschefs Orgakow entsprach.
Die Studien dieser Zeit haben Mearsheimers Denken in mehrfacher Hinsicht geprägt. Zum einen gehörte er zu den Theoretikern, die einen konventionellen Krieg durch die gegenseitige Neutralisierung der nuklearen Abschreckung wieder für möglich hielten. Nationalstaaten, als Träger konventioneller Macht, blieben damit weiterhin die Hauptakteure der Weltpolitik. Zum anderen gewann Mearsheimer durch die Beschäftigung mit dem Blitzkrieg die Grundüberzeugung von der Überlegenheit des Angriffs über die Verteidigung. Er beruft sich etwa auf eine Studie, wonach zwischen 1815 und 1980 sechzig Prozent der Kriege vom Aggressor gewonnen wurden.
Aus diesen Grundannahmen entwickelte er sein Konzept des „offensiven Realismus.“ In seinem Hauptwerk The Tragedy of Great Power Politics (New York: Norton 2001, 576 S., 12.32 Dollar) legt er einen umfassenden theoretischen Entwurf zum Verständnis der internationalen Politik vor. Wie alle Realisten geht Mearsheimer prinzipiell von der Anarchie des internationalen Staatensystems aus und stellt fest: „Es ist eine traurige Tatsache, daß die internationale Politik immer ein ruchloses und gefährliches Geschäft war und es ist wahrscheinlich, daß es so bleibt.“ Nach eigener Aussage interessiert sich Mearsheimer wenig für die Rolle von Individuen, Innenpolitik oder Ideologien. Staaten müsse man betrachten wie black boxes oder „Billardkugeln.“ Sie seien nicht gut oder böse, sondern „unterscheiden sich nur durch ihre Größe“.

Es sei zum Beispiel völlig gleichgültig gewesen, ob Deutschland von Bismarck, Kaiser Wilhelm oder Adolf Hitler geführt wurde, oder ob es demokratisch oder diktatorisch regiert wurde. Entscheidend sei immer nur die „relative Macht“ gewesen, die es zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Geschichte besessen hat. Diese Sichtweise steht in der Tradition der Schule des politischen Realismus, die in den USA von Carr, Morgenthau (nicht zu verwechseln mit dem Vater des Morgenthau-Plans) und Waltz vertreten worden ist. In einem wichtigen Punkt grenzt sich Mearsheimer jedoch von ihnen ab. Während die „defensiven Realisten“ glaubten, daß Großmächte danach streben, ihre Macht in einem bestehenden System zu erhalten, geht der von Mearsheimer vertretene „offene Realismus“ davon aus, daß Großmächte zwangsläufig danach streben, ihre Macht aktiv zu vergrößern und das Gleichgewicht zu ihren Gunsten zu verändern, denn: „Macht ist der Schlüssel zu ihrem Überleben.“
Mearsheimer konstatiert, daß keine Supermacht, auch nicht die USA, eine wirklich globale Hegemonie erreicht habe. Keine Großmacht könne aufgrund der geographischen Gegebenheiten in jeder Weltregion dominant sein. Jede Weltmacht verfolge daher eine doppelte Zielsetzung: Sie will die Vorherrschaft über die eigene Weltregion erringen und verhindern, daß eine fremde Macht in einem anderen Weitteil eine Hegemonie errichtet. Die Hauptstrategie zur Errichtung einer Hegemonie sind Krieg, Erpressung und das Schüren von Konflikten zwischen potentiellen Rivalen. Die Hauptstrategien zur Verhinderung einer Hegemonie sind balancing, also selbst ein militärisches Gegengewicht zu einer aufsteigenden Großmacht aufzubauen, und buck-passing, was soviel heißt, wie einer anderen Macht „den schwarzen Peter zuzuschieben.“ Eine dritte Macht muß in diesem Fall die Bürde übernehmen, aufgerüstet und in Stellung gebracht werden, um dem potentiellen Herausforderer stellvertretend entgegenzutreten.
Mearsheimer glaubt zu Recht, daß diese machiavellistische Position seinen amerikanischen Landsleuten nur schwer zu vermitteln ist. Daher sieht er in der Praxis durchaus Möglichkeiten und auch die Notwendigkeit, mit den „Idealisten“ zu kooperieren, macht aber auch klar, wer Roß und wer Reiter sein soll. Realistische Politik könne „mit einer liberalen Rhetorik gerechtfertigt werden, ohne die eigentlichen machtpolitischen Realitäten zu diskutieren“. So hätten die USA aus machtpolitischen Gründen gegen Faschismus und Kommunismus gekämpft. Die Ziele des Realismus hätten sich in diesen Fällen mit der Rhetorik des Idealismus vertragen. Probleme entstehen aus dieser Sichtweise dann, wenn die Idealisten in der Außenpolitik die konzeptionelle Führung übernehmen oder von einer Lobby im Auftrag einer fremden Macht beeinflußt werden. In dieser Situation sehen Mearsheimer und andere Realisten die Vereinigten Staaten in der aktuellen Situation. Für Mearsheimer ist die Koalition aus Neokonservativen und der „Israel-Lobby“ zu einer ernsthaften Bedrohung einer rationalen amerikanischen Interessenpolitik geworden.
Die Neokonservativen um Paul Wolfowitz hätten sich einem Kreuzzug für die Demokratie verschrieben, der zum Scheitern verurteilt sei. Mearsheimer, zu dessen wissenschaftlichem Interessengebiet „Nationalismus im Zeitalter der Globalisierung“ gehört, warf Wolfowitz vor, nicht begriffen zu haben, daß „Nationalismus und nicht Demokratie die mächtigste politische Ideologie der Welt“ sei. Am Nationalismus seien die alten Kolonialmächte ebenso gescheitert wie die USA im Vietnamkrieg. Neokonservatismus und Realismus repräsentierten zwei völlig konträre Sichtweisen, und der Irakkrieg sei „ein starker Test für die beiden Theorien“. Sollte sich der Irakkrieg zu einem Debakel entwickeln, wovon Mearsheimer überzeugt ist, wäre bewiesen, daß die Realisten im Recht waren und der Neokonservatismus müsse als widerlegt angesehen werden (vgl. Hans Morgenthau and the Iraq War: Realism versus Neo-Conservatism, in: opendemocracy.com, Mai 2005; deutsche Übersetzung in: Merkur Nr. 677/678). Aus diesem Zusammenhang muß auch die Schrift über die „Israel-Lobby“ verstanden werden, die im Intellektuellen Establishment für Irritation gesorgt hat (zusammen mit Stephen Walt in: London Review of Books 28, Nr. 6). Sie ist eine Kritik an dem Einfluß der großen jüdischen Organisationen, pro-israelischer christlicher Gruppen und neokonservativer Intellektueller, nicht jedoch an der jüdischen Minderheit der USA insgesamt. Der Irakkriegsbefürworter Josef Joffe hat in der New Republic den Aufsatz mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ verglichen und den Autoren Antiamerikanismus vorgeworfen. Offenkundig geht es auch auf diesem intellektuellen Kampfplatz, in der Auseinandersetzung zwischen Realisten und Neokonservativen, wie in Mearsheimers „Offensivem Realismus“ postuliert, nicht um Gleichgewicht, sondern um Hegemonie.


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