Sezession
20. Februar 2009

Zertrümmerungen – 100 Jahre Futurismus

Gastbeitrag

Druckfassung aus Sezession 28, Februar 2009 (PDF) (diese Druckfassung enthält auch die deutsche Fassung des Futuristischen Manifests)

Sezession 28

von Till Röcke

ls Gottfried Benn mit seiner 1951 in Marburg gehaltenen Rede Probleme der Lyrik die poetologische Summe seines dichterischen Schaffens zieht, läßt er zu Beginn in einer knappen Epochenschau die Stadien der literarischen Moderne Revue passieren. Beim Avantgardismus angelangt heißt es:

»Das Gründungsereignis der modernen Kunst in Europa war die Herausgabe des Futuristischen Manifestes von Marinetti, das am 20.02.1909 in Paris im Figaro erschien. ›Nous allons a sister à la naissance du Centaure - wir werden der Geburt des Zentauren beiwohnen‹ - schrieb er und: ›ein brüllendes Automobil ist schöner als die Nike von Samothrake.‹ Dies waren die Avantgardisten, sie waren aber im einzelnen auch schon die Vollender.«

Benn rechnet dem Futurismus die Stellung des Gründungsmythos moderner Kunst zu und unterstreicht damit eine Sichtweise, die er in ähnlicher Situation, gleichwohl unter anderen politischen Rahmenbedingungen, 17 Jahre zuvor schon einmal artikuliert hat:

Im Gruß an Marinetti, vorgetragen am Abend des 29. März 1934, anläßlich eines Empfangs der Union Nationaler Schriftsteller zu Ehren des Futuristen Filippo Tommaso Marinetti.

marinettiDiese Rede stellt ein auch noch heute bemerkenswertes Plädoyer für die moderne Kunst in Deutschland dar, als deren literarischer Vorkämpfer sich Benn zu präsentieren sucht, um nur wenige Monate später - man weiß es - Gewißheit über sein gnadenloses Scheitern zu erlangen. Die Zeiten sind faschistisch, darin erkennt Benn die historische Chance, dem gliedernden Machtstaat die Weiterentwicklung der avantgardistischen Periode, das Massieren ihrer durch permanente Sprach-Zertrümmerung freigesetzten poetischen Kräfte zu übertragen. Und diese Phase des Aufstiegs ist unverzüglich zu nutzen, soll sich die tiefgreifende gesellschaftliche Umwälzung realisieren, jene gesteigerte Lebenskultur als Voraussetzung der Übermenschen-Existenz, der finalen Austreibung des europäischen Nihilismus. Diese Moderne Kunst ist grundsätzlich, da eben modern, also ohne Einbettung in ein harmonisches Weltbild, der Zersplitterung anheimgegeben. Diesen Zustand nun abstellen zu können ist die Angelegenheit der Stunde, die Torso gewordene Kunst, wenn schon nicht gänzlich zurück in eine vormoderne »All-Einheit« zu führen, so doch an das mit eiserner Hand ordnende Regime zu binden - freilich als metaphysisches Gestirn, der rein funktionalen Betriebsamkeit des Staates übergeordnet.

Benn sieht in der Modernität des (runderneuerten) Expressionismus alles angelegt, um die mythenschwere Dichtung des Gestern mit den Ansprüchen diverser zeitgenössischer Wissenschaftsdiskurse zu versöhnen. »In diesem Fall ist die Kunst nicht der manipulierte, sondern der manipulierende Wirt, der den implementierten Keimlingen, sprich: Sprachmaterialien unterschiedlichster Herkunft erst Form und Gestalt verleiht« (Wegmann). Oder anders ausgedrückt: Das technische Zeitalter erfährt seine ästhetische Disziplinierung.

Doch immer noch zu deutlich droht Nietzsches artistischer Größenwahn aus den Untiefen des 19. Jahrhunderts, sein Untergang im rein Geistigen, als daß Benn dieses Menetekel ignorieren kann. Seine moderne Vision braucht also einen Kronzeugen, einen, der Deutschland zum Vorbild dienen kann, einen, der möglichst das gleiche Ansinnen unter gleichen Umständen durchzusetzen gewußt hat. Es braucht einen wie Marinetti, den »Hersteller und Direktor des Futurismus« (Benn). Doch was hat es auf sich mit dem Futurismus in Italien? Was bewirkt seine Kunst, was stellt er überhaupt dar?

Bezeichnend ist die Nähe zur politischen Praxis, der die Strömungen der Avantgarde, freilich in unterschiedlicher Ausprägung, wie nie zuvor in der Geschichte der schönen Künste huldigen. In Rußland inspiriert der Futurismus Majakowski und Tretjakow, in England den Vortizismus. Das deutsche Pendant, der Expressionismus, verliert hingegen nie eine gesunde Skepsis vor dem allzu Geharnischten aus dem Süden, zudem gesellt sich die Tatsache einer eigenständigen Entwicklung in Literatur und bildender Kunst, die deutlicher in der Tradition des 19. Jahrhunderts steht oder sich an deren Einflüssen abarbeitet. Dennoch: Die Gesellschaft, das öffentliche Leben des noch jungen technischen Zeitalters mit dem Stimulans des Ästhetischen, also der Anschauung als scharfem Kontrast zur systematischen Prozedur der Aufklärung, in irgendeiner Weise zu durchdringen, zu verändern - dieser heutigen Lesern mitunter kurios anmutende Aktionismus findet sich in allen Schulen; im italienischen Futurismus am heftigsten und in seiner ganzen Absurdität.


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