Broder vs. Benz

Die Debatte über den "Antisemitismus" des Antisemitismusforschers Wolfgang Benz will ich nicht noch einmal zusammenfassen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Alles Nöti­ge, inklu­si­ve ent­spre­chen­der Links, kann man nach­le­sen. Und einen kon­ser­va­ti­ven Kom­men­tar, die­ser geht aller­dings nicht an den Kern der Sache, und den sehe ich folgendermaßen:

Die Furcht einer Mehr­heit vor einer demo­gra­phisch und/oder macht­po­li­tisch wach­sen­den Min­der­heit arti­ku­liert sich immer in ähn­li­chen Mus­tern. Die frag­li­chen Grup­pen kön­nen Dia­spo­ra-Juden und Mos­lems im all­ge­mei­nen eben­so sein wie Tsche­chen im Böh­men des 19. Jahr­hun­derts, Deut­sche in der CSR nach 1918, Volks­deut­sche in Polen, Paläs­ti­nen­ser in Isra­el, Alba­ner im Koso­vo, Arme­ni­er in der Tür­kei, Kur­den im Irak, Ita­lie­ner in Kroa­ti­en, His­pa­nics in Kali­for­ni­en usw.

Daher ist es natür­lich nicht über­ra­schend, wenn man for­ma­le und argu­men­ta­ti­ve Par­al­lel­len zwi­schen Anti­se­mi­tis­mus und (der fälsch­lich so bezeich­ne­ten) “Isla­mo­pho­bie” ent­de­cken kann.  Das frag­li­che Phä­no­men, auf das Benz hin­aus­woll­te, ist uni­ver­sell, und man wird bei der Betrach­tung sei­nes his­to­ri­schen Auf­tau­chens ohne Aus­nah­me (sub­jek­tiv) berech­tig­te Ängs­te und nach­voll­zieh­ba­re Ursa­chen eben­so wie hys­te­ri­sche Gegen- und Über­re­ak­tio­nen antref­fen. Benz und Kon­sor­ten bege­hen nun den Irr­tum, daß mit der Ana­ly­se einer Rhe­to­rik sich ihr Gegen­stand eben­falls in Luft auf­lö­sen würde.

Die Grup­pen, die Benz nun atta­ckie­ren, haben bekannt­lich eine hoch­sen­so­ri­sche Feind­spü­rig­keit, und der Haß, der die­sem nun zu sei­ner größ­ten Ver­blüf­fung ent­ge­gen­schlägt, lei­tet sich völ­lig logisch aus den Prä­mis­sen sei­ner Angrei­fer ab. Es ist wie ein Schach­spiel, in dem die Hüter der Ortho­do­xie in jedem noch so schein­bar harm­lo­sen Iota, das am Dog­ma ver­scho­ben wird, die künf­ti­ge Ket­ze­rei vor­aus­wit­tern – und das mit Recht. Der bra­ve Preis“demokrat” und bie­de­re Berufs­be­wäl­ti­ger Benz woll­te nichts ande­res, als die “Isla­mo­pho­bie” durch die “gro­ße Par­al­le­le” – sprich: die ulti­ma­ti­ve Keu­le – sei­nes Milieus, dem “Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf” erle­di­gen. In sei­ner Rea­li­täts­blind­heit, die eng mit sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Metho­de zusam­men­hängt, ent­geht ihm lei­der, daß die kon­kre­ten, hand­fes­ten Ursa­chen der Islam­feind­lich­keit sicht­bar und all­täg­lich veri­fi­zier­bar auf dem Tisch lie­gen, erst recht für vie­le Juden, so daß der nächs­te ana­lo­ge Schritt nicht mehr weit ist: Geste­he ich ein, daß hin­ter einer bestimm­ten Rhe­to­rik bestimm­te veri­fi­zier­ba­re Fak­ten ste­hen, und ver­glei­che ich die­se Rhe­to­rik mit einer ande­ren und ent­de­cke signi­fi­kan­te Ähn­lich­kei­ten, dann folgt als nächs­ter Schritt die Annah­me, daß viel­leicht auch die­se nicht ganz aus der Luft gegrif­fen ist.  Und hier taucht eine Fra­ge am Hori­zont auf, die man gar nicht erst stel­len darf, gin­ge es nach den Bro­ders oder Henis oder Sahms.

Hier wird näm­lich indi­rekt und ohne Absicht des Benz ein belieb­tes Kern­dog­ma bestimm­ter jüdi­scher Grup­pen unter­wan­dert, das sich etwa in jenem Mär­chen äußert, das Bro­der reflex­ar­tig auf­ge­tischt hat, im sat­ten Wohl­ge­fühl der enor­men Rücken­de­ckung, die er dabei hat, nicht zuletzt durch wei­te Tei­le einer instru­men­ta­li­sier­ten und poli­ti­sier­ten “Anti­se­mi­tis­mus­for­schung”. Die Behaup­tung, daß “Anti­se­mi­tis­mus” pau­schal in den Bereich der Hirn­ge­spins­te zu ver­wei­sen sei, also mit dem tat­säch­li­chen Ver­hal­ten und den poli­ti­schen Inter­es­sen von Juden nicht das gerings­te zu tun hät­te, belei­digt die Intel­li­genz und die Erfah­rung aufs schärfs­te und ist zudem eine schon pein­lich durch­sich­ti­ge Nebel­ker­ze in eige­ner Sache.  Eine pure poli­ti­sche Schutz­be­haup­tung. Es hebt die Juden als Grup­pe auf ein Podest, das sie jeg­li­cher mensch­li­cher Erfah­rung ent­zieht, die für den Rest der Mensch­heit Gül­tig­keit hat. Die­ser Abwehr­spruch, der jedem com­mon sen­se zuwi­der­läuft, kommt übri­gens von dem­sel­ben Mann, der zur Zeit sei­ner publi­ci­ty­t­räch­ti­gen ZdJ-Bewer­bungs-Show behaup­te­te, es gäbe “kei­ne par­ti­ku­lä­ren jüdi­schen Inter­es­sen.” Aber wie glaub­wür­dig ist ein expo­nier­ter Par­tei­gän­ger und Berufs­po­le­mi­ker, der fol­gen­der­ma­ßen mit dem Fin­ger auf sei­nen erklär­ten Geg­ner zeigt: “Man sagt über uns bei­de ähn­li­che Din­ge. Der Unter­schied ist, daß alles, auch wirk­lich alles, was bei uns bean­stan­det wird, ohne jeg­li­che Grund­la­ge ist, woge­gen bei Euch …”

Daß die Dis­kus­si­on nicht auf den Boden kommt und sich nicht ernst­haft eines uni­ver­sel­len Phä­no­mens annimmt, dar­um gerin­gen Erkennt­nis­er­trag bringt, liegt an der Feti­schi­sie­rung und der behaup­te­ten Son­der­stel­lung des Anti­se­mi­tis­mus – und damit der Juden als Grup­pe. Nun war die “Juden­fra­ge”, seit sie auf­ge­wor­fen wur­de, zuge­ge­be­ner­ma­ßen von einer Kom­ple­xi­tät und his­to­ri­schen Eigen­art, die in der Tat kei­ne Par­al­le­le kennt. Wesent­li­che Ele­men­te sind aller­dings durch­aus über­trag­bar. Die “Anti­se­mi­tis­mus­for­schung” à la Benz & Co, die nun in ihre eige­ne Fal­le getappt ist, muß sich ent­ideo­lo­gi­sie­ren und huma­ni­sie­ren, um zu einer brauch­ba­re­ren Wirk­lich­keits­be­schrei­bung zu gelangen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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