Sezession
27. Januar 2010

Smudo gegen Kulturpessimismus

Ellen Kositza

Begründen kann ich´s kaum, rechfertigen erst recht nicht. Aber in einer aus heutiger Sicht undurchschaubaren Phase meines Lebens war ich mal Smudo-Fan. Also: nicht wirklich fanatisch, aber in einer alten Kiste, die beim Anzündmaterial für unseren Holz-und-Kohle-Ofen steht, hab ich antiquierte Eintrittkarten für Konzerte sowohl der Fantastischen Vier, der Megavier und gar der Jazz-Kantine entdeckt.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Smudo, einst Teil dieser Kapellen, ist mittlerweile ziemlich alt, beim altbackenen Kampf gegen rechts war er früh und stetig dabei. Nun hat er eine kleine Tochter, die süchtig ist. Leider? Nein. Denn Smudo ist kein Kulturpessimist, wie er der Frankfurter Rundschau verrät.

Jetzt schon? Ist sie nicht erst zwei Jahre alt?

Zweieinhalb. Meine Tochter hat auf meinem iPhone sogar ihre eigene Seite – sie weiß auch schon, wie sie dahin kommt. Wirklich unfaßbar, was die in ihrem Alter schon für Puzzlespiele löst. (Blättert auf die letzte Seite seines Mobiltelefons.) Dieses Spiel hier ist gerade der Oberhit: Da muß sie mit dem Finger geometrische Formen in die passenden Silhouetten ziehen, und wenn sie es geschafft hat, dann kommt Applaus. Danach ist sie total süchtig.

Süchtig?

Ach Gott ja, ich weiß. Mein Vater erzählte mir, daß es in seiner Kindheit hieß, zu viel Radio macht doof. In meiner Kindheit waren’s die Comics und das Fernsehen. Heute sind es Videospiele. Aber das stimmt nicht. Es kommt auf den richtigen Umgang an, und es ist Sache der Eltern, bei diesem Thema am Ball zu bleiben. Ich denke, ich erziehe meine Tochter da kompetent.

Was verbieten Sie ihr?

Ich weiß nicht, ob man den gesunden Umgang mit einem Medium über Verbote erreicht. Mit Grausen muß man ja feststellen, daß sich der dogmatische Ansatz meiner Kindheit, in der Fernsehen mit einem totalen Stigma belegt war, beim Thema Videospiele heute wiederholt. Aber das wird auch vorübergehen.

Warum sind Sie da so sicher?

So war es doch mit jedem Medium in den letzten tausend Jahren. Schon Sokrates hat sich über den Sittenverfall der Jugend beklagt. Kulturpessimismus ist so ziemlich die einfachste Form von Spießertum. Ich frage mich, was Kulturpessimisten gemacht haben, als es noch keine Videospiele gab. Die Gesellschaft, in der wir leben, ist viel zu komplex für derart simple Sinnzusammenhänge.

Spießer! Kulturpessimismus! In eins gesetzt! Beredte Worte aus berufenem Munde!

Wikipedia läßt den Artikel über Spießer mit einer Definition beginnen, die allgemeingültig sein dürfte:

Als Spießbürger oder Spießer werden in abwertender Weise Personen bezeichnet, die sich durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen der gewohnten Lebensumgebung und ein starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit hervortun.

So ist es wohl. Der Spießer als Untertan im schlechten, im Heinrich Mannschen Sinne. Spießig ist heute, das ließe sich u. v.a. ergänzen, gnadenloser Kulturoptimismus. Schon deshalb, weil das Verdikt, „kulturpessimistisch“ zu argumentieren, heute als (elaborierte) Totschlagwendung in Gebrauch ist. Laut Ödön von Horvath ist „Der ewige Spießer“ (1930) derjenige, „der danach trachtet, sich überall feige anzupassen und jede neue Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet." Zu Smudos Frage, was die vermaledeiten Kulturpessimisten ohne Videospiele gemacht haben: siehe oben, wie seltsam.

Meine Töchter, anders als Smudos gelenkige kleine i-Phonerin, haben noch nie „mit dem Finger geometrische Formen in die richtigen Silhouetten gezogen“. Solche Übung  fänden sie in all ihrer Normfixiertheit wohl auch spießig. Bewahre!

Bildquelle: Paul Mayne


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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