Man kann nicht ruhig darüber reden (Fundstücke 8)

Dies ist der Titel eines vergessenen Buches eines heute leider ebenso vergessenen Mannes:  1986 (noch vor der Waldheim-Affäre) wagte sich der österreichisch-jüdische ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… Lite­ra­tur- und Thea­ter­kri­ti­ker Hans Weigel (1908–1991) an die “Umkrei­sung eines fata­len The­mas”, näm­lich des Antisemitismus.

Aus die­sem Büch­lein selek­tiv zu zitie­ren wäre eigent­lich ein Fre­vel, und so belas­se ich es bei dem Hinweis.

Weigel, ein Libe­ra­ler der alten Schu­le, schrieb nicht als Phi­lo­soph oder Poli­ti­ker, son­dern als Feuil­le­to­nist in Form von locker gefüg­ten, anek­do­ten­ge­sät­tig­ten Brie­fen an einen fik­ti­ven Freund. Ich hal­te die­ses Buch für eines der schöns­ten Zeug­nis­se von com­mon sen­se und wirk­li­cher Libe­ra­li­tät, die not­tun wür­den bei einem The­ma, über das Weigel urteil­te: “Nie­mand mehr kann sagen oder schrei­ben, was er wirk­lich denkt.” Und denen, die auf dem einen oder dem ande­ren Auge blind sind und Opfer und Täter all­zu ein­sei­tig ver­tei­len, schrieb er ins Stamm­buch: “Kain ist über­all. Abel ist überall.”

Ich muß immer an die­ses Buch den­ken, wenn wie­der ein­mal ein ver­bis­se­ner Streit um das “fata­le The­ma” geführt wird, wie nun im Fall Wolf­gang Benz. Ohne Zwei­fel gilt Wei­gels Urteil, daß man “nicht ruhig dar­über reden” kann, noch heu­te. Es gibt aller­dings noch ein ande­res Buch, das mir bei sol­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen in den Sinn kommt, das mir vor Jah­ren von einem Ken­ner der Mate­rie emp­foh­len wur­de. Ver­mut­lich könn­te man eine gan­ze Dok­tor­ar­beit dar­über schrei­ben. Es wur­de ver­öf­fent­licht, als der Streit um das frag­li­che The­ma auf sei­ne furcht­ba­re Eska­la­ti­on zusteu­er­te, zu deren Fol­gen die heu­ti­ge Ver­mi­nung und Tabui­sie­rung des Gelän­des zählen.

Der heu­te sehr sel­te­ne und teu­re Band erschien im Jah­re 1932 als ers­ter (und letz­ter) Teil einer geplan­ten Serie mit dem Titel “Die Dis­kus­si­ons­bü­cher” in einem auf Mili­ta­ria spe­zia­li­sier­ten Ver­lag aus dem Umkreis der “Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on”.  “Klä­rung” ver­sam­mel­te “12 Autoren und Poli­ti­ker über die Juden­fra­ge”.  Schon die Zusam­men­stel­lung ist ver­blüf­fend: da fin­den sich Libe­ra­le (Ernst Johann­sen, Wal­ter von Hol­lan­der), Ein­zel­gän­ger der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on (Hans Blü­her, Fried­rich Hiel­scher), jüdisch­stäm­mi­ge Mar­xis­ten (Otto Hel­ler, Alfred Kan­to­ro­wicz), zwei natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Dich­ter (Hanns Johst, Richard Eurin­ger) und ein Poli­ti­ker (Graf Ernst zu Revent­low, der Bru­der von Lud­wig Kla­ges Muse Fran­zis­ka), ein Natio­nal­re­vo­lu­tio­när (Fried­rich Wil­helm Heinz), ein Zio­nist (Robert Weltsch) und ein “natio­nal­deut­scher Jude” (Max Naumann).

Das Fas­zi­nie­ren­de an die­sem Buch ist, daß es zu einer Zeit ent­stand, in der die Spiel­re­geln unse­rer heu­ti­gen Dis­kur­se kei­ne Gel­tung hat­ten. Die Offen­heit der Rede erstaunt eben­so wie so man­che uner­war­te­te Stel­lung­nah­me und Über­schnei­dung; gleich­zei­tig fällt über die ver­sam­mel­ten Essays bereits der Schat­ten der kom­men­den Tra­gö­die. Die aus so unter­schied­li­chen Posi­tio­nen argu­men­tie­ren­den Autoren des “Klärungs”-Bandes sind sich nun in zumin­dest einem Punk­te einig:  daß es so etwas wie einen pro­ble­ma­ti­schen Wesens­un­ter­schied und damit ‑kon­flikt zwi­schen Juden und ande­ren Völ­kern (man­che beto­nen: beson­ders hef­tig zwi­schen Juden und Deut­schen) tat­säch­lich gäbe.  Schon Theo­dor Herzl for­mu­lier­te: “Die Juden­fra­ge besteht. Es wäre doch töricht, sie zu leug­nen.” (Sart­re gab allein den Anti­se­mi­ten die Schuld an ihrer Exis­tenz; die­se Sicht hat sich nach 1945 weit­ge­hend durch­ge­setzt). Unei­nig sind sich die Autoren aber über deren Ursa­chen und Lösung.

Für den “natio­nal­deut­schen” Max Nau­mann ent­spra­chen die “Deutsch­völ­ki­schen” und die “Jüdisch­völ­ki­schen” (die Zio­nis­ten) ein­an­der, da die Bluts­ab­stam­mung ihr obers­tes Schei­de­kri­te­ri­um ist. Die “Deutsch­völ­ki­schen” woll­ten die Abson­de­rung der Juden, die “Jüdisch­völ­ki­schen”, wenn nicht die Aus­wan­de­rung, dann zumin­dest als “Volk im Vol­ke” ver­daut zu wer­den (“kurz: mit Vor­be­halt und Rück­tritts­recht zu sein”). Dage­gen sah Nau­mann die rest­lo­se Assi­mi­la­ti­on der Juden an das “deut­sche Volk” als ein­zig gang­ba­ren Weg. Vor allem aber müs­se über das Ent­we­der-Oder ent­schie­den werden.

Für den Zio­nis­ten Robert Weltsch hat­te dage­gen das “Wie­der­ein­stel­len des Juden in die Kon­ti­nui­tät sei­ner Bluts­ge­mein­schaft Vor­rang”, denn “der eman­zi­pier­te Jude war der los­ge­lös­te Mensch, der außer­halb aller Bin­dun­gen stand.”  Der “Assi­mi­la­ti­ons­ju­de” sei eine “patho­lo­gi­sche Erschei­nung des Selbsthasses.”

Dazu durch­aus kom­ple­men­tär erscheint die Posi­ti­on des Natio­nal­so­zia­lis­ten Revent­low, der gemäß der Dok­trin der Par­tei eine abso­lu­te, unver­än­der­li­che Gegen­sätz­lich­keit zwi­schen Juden und Deut­schen pos­tu­lier­te, und  dar­um die “Aus­schei­dung des Frem­den (…) auf allen Gebie­ten des Lebens” ver­lang­te. Die­se “Schei­dung” müs­se jedoch “selbst­ver­ständ­lich in huma­nen For­men vor sich gehen. Der Natio­nal­so­zia­lis­mus beab­sich­tigt kei­ne Pogro­me und eben­so­we­nig, den Juden Anlaß zu einer schö­nen Pogrom-Welt­pro­pa­gan­da zu geben.”

Auch der Natio­nal­re­vo­lu­tio­när Fried­rich Wil­helm Heinz (“von Bekennt­nis Deut­scher, aus Erkennt­nis Preu­ße, mit Über­zeu­gung Sozia­list”) sah im Anti­se­mi­tis­mus eine im Kern legi­ti­me “Abwehr­be­we­gung” gegen ein wesen­haft frem­des Ele­ment, vor allem aber gegen den sei­ner Ansicht nach vom Juden­tum domi­nier­ten “Libe­ra­lis­mus mit sei­nen bei­den Spiel­ar­ten Mar­xis­mus und Kapi­ta­lis­mus”.  Das eigent­li­che Pro­blem lie­ge jedoch in den libe­ra­lis­tisch geschwäch­ten Deut­schen selbst: ” Das Ja, das die deut­sche Nati­on durch ihren Glau­ben und ihr Werk aus­spre­chen wird, über­läßt die Assi­mi­la­ti­ons­ju­den sich selbst und macht die Anti­se­mi­ten überflüssig.”

Die Mar­xis­ten Kan­to­ro­wicz und Hel­ler erklär­ten die Ent­ste­hung der Juden­fra­ge und der sozia­len Stel­lung der Juden im Klas­sen­kampf mit dem Instru­men­ta­ri­um des “his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus” und ver­war­fen den Zio­nis­mus als natio­na­lis­ti­sche, “klein­bür­ger­li­che” Bewe­gung, die aus “dem Zusam­men­bruch und Auf­lö­sungs­pro­zeß der jüdi­schen Kas­te” ( in Fol­ge der Eman­zi­pa­ti­on) als “Ersatz“ideologie ent­stan­den sei. Die Lösung sei jene Tabu­la rasa, mit der der Kom­mu­nis­mus alle natio­na­len und bür­ger­li­chen Iden­ti­tä­ten auf­zu­lö­sen such­te: “Die Juden­fra­ge ist ein Teil der Vor­ge­schich­te der Mensch­heit. Der Sozia­lis­mus, der die Geschich­te der Mensch­heit eröff­net, setzt auch den Schluß­punkt hin­ter Ahas­vers Schick­sal” (Hel­ler), die Juden­fra­ge wer­de liqui­diert durch die “tota­le Liqui­die­rung der gegen­wär­ti­gen Gesell­schafts­ord­nung” (Kan­to­ro­wicz).

In sol­chen For­de­run­gen sah der vor allem theo­lo­gisch argu­men­tie­ren­de Hans Blü­her eine säku­la­ri­sier­te Form des jüdi­schen Mes­sia­nis­mus am Werk, wäh­rend Fried­rich Hiel­scher in einer recht eso­te­ri­schen Dar­le­gung die Anzie­hungs­kraft des “deut­schen Raums” auf das Juden­tum beton­te,  da in ihm “die Ant­wort auf die mes­sia­ni­sche Fra­ge ver­bor­gen liegt”, die gleich­be­deu­tend mit der “Fra­ge des Reichs” sei.

Was ist aus all die­sen Män­nern gewor­den? Otto Hel­ler starb 1945 nach einer lan­gen Odys­see durch Euro­pa in einem Neben­la­ger Maut­hau­sens, nach­dem er zuvor in Ausch­witz inter­niert gewe­sen war. Kan­to­ro­wicz emi­grier­te, trat nach dem Krieg in die SED ein, und flüch­te­te 1957 aber­mals, dies­mal in den Wes­ten. Fried­rich Wil­helm Heinz schloß sich wäh­rend des “Drit­ten Reichs” schon früh dem mili­tä­ri­schen Wider­stand an und wur­de nach dem Krieg Chef eines West-Geheim­diens­tes. Robert Weltsch emi­grier­te 1938 nach Paläs­ti­na und starb 1982 in Tel Aviv, in dem Staat, für den er sein Leben lang gekämpft hat­te. Hanns Johst wur­de zu einem der bekann­tes­ten Aus­hän­ge­schil­der der NS-Lite­ra­tur. Er starb 1978, ein Jahr vor Kan­to­ro­wicz.  Hans Blü­her erhielt Schreib­ver­bot, wäh­rend Hiel­scher in den obsku­re­ren Sei­ten­zwei­gen des “SS-Ahnen­er­bes” abtauch­te. Walt­her von Hol­lan­der schrieb Dreh­bü­cher für die UFA, dar­un­ter den berühm­ten Wil­ly Fritsch-Strei­fen Glücks­kin­der.  Ernst zu Revent­low, ein Mann des “lin­ken” Flü­gels der NSDAP, geriet nach dem Röhm-Putsch ins Hin­ter­tref­fen und hat­te kaum mehr poli­ti­schen Ein­fluß. Er starb 1943. Max Nau­manns “Ver­band natio­nal­deut­scher Juden” wur­de 1935 ver­bo­ten, und er muß­te mit­er­le­ben, wie den deutsch füh­len­den Juden alle Wege ver­sperrt wur­den. Er starb 1939 am Vor­abend des Krieges.

Im ein­lei­ten­den Bei­trag des Buches schrieb Ernst Johann­sen, Autor des damals sehr bekann­ten Hör­spiels “Bri­ga­de­ver­mitt­lung” und des pazi­fis­ti­schen (nach 1933 ver­bo­te­nen) G. W. Pabst-Films West­front 1918:

Wird in jüdi­schen und nicht­jü­di­schen Krei­sen über die Berech­ti­gung des Anti­se­mi­tis­mus dis­ku­tiert – und wann wäre je dar­über so dis­ku­tiert wor­den wie jetzt, da der Natio­nal­so­zia­lis­mus eine poli­ti­sche Macht ers­ten Ran­ges gewor­den ist – so ergibt sich immer eine nai­ve Metho­de der Abwehr, die den Anti­se­mi­tis­mus mit “Phi­lo­so­phie des Nei­des”, “Sucht nach dem Sün­den­bock”, “Fol­ge bana­ler Het­ze” oder gar mit “reli­giö­ser Ver­fol­gungs­sucht” ver­klei­nern und ver­nich­ten möch­te.  (…) Die­ser nai­ven Metho­de steht gemein­hin eine eben­so unzu­rei­chen­de Metho­de des Angriffs gegenüber. (…)

So geht es weder auf der einen, noch auf der ande­ren Sei­te. Damit ist nichts erreicht, daß die eine Sei­te jede jüdi­sche Leis­tung ver­däch­tigt, gar aus jedem ein­zel­nen Juden einen Teu­fel macht, und die ande­re Sei­te vom Anti­se­mi­tis­mus nichts ande­res nach­las­sen will als eine völ­lig grund­lo­se Het­ze, die sich am bes­ten mit dem Hexenaber­glau­ben ver­glei­chen las­se. Die unge­klär­te Lage der schwe­len­den Feind­schaft, die bald hier, bald dort auf­fla­ckert; der Kampf aus dem Hin­ter­halt; das ewi­ge Anein­an­der­vor­bei­ge­re­de; die sinn­lo­sen und zucht­lo­sen Ver­däch­ti­gun­gen; das gro­tes­ke Miß­ver­hält­nis, wenn ledig­lich die gerin­ge Anzahl der Juden in Deutsch­land betrach­tet wird; der gewöhn­li­che Kampf ohne Schu­lung, ohne Ver­ant­wort­lich­keit, ohne Rit­ter­lich­keit – dies alles hat in den letz­ten Jah­ren unnö­tig ver­gif­tend gewirkt. (…)

Das vor­lie­gen­de Buch soll zur sach­li­chen Klä­rung bei­tra­gen, die Lage der Fron­ten zei­gen, die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on beleuchten.

So haben sich an die­ser Stel­le im Jah­re 1932, fünf Minu­ten vor zwölf,  gebil­de­te Ver­tre­ter der feind­li­chen Fron­ten zu einem “herr­schafts­frei­en Dis­kurs” ein­ge­fun­den, und haben dabei ver­sucht, grund­sätz­lich zu ant­wor­ten, mit einer Frei­heit, die heu­te auf vie­len, dring­li­chen Gebie­ten nicht besteht.  Bewirkt hat die­se Mei­nungs­frei­heit und Dis­kurs­be­reit­schaft nichts; sie konn­te die Kata­stro­phe nicht abwen­den; die Ent­schei­dun­gen haben nicht die Schrei­ben­den und Mei­nen­den getrof­fen. Auch das könn­te heu­te zu den­ken geben, vor allem denen, die vom öffent­li­chen Mei­nungs­dis­kurs aus­ge­schlos­sen sind, und dies für das schlimms­te aller Übel halten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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