Sezession
28. Januar 2010

Man kann nicht ruhig darüber reden (Fundstücke 8)

Martin Lichtmesz

Dies ist der Titel eines vergessenen Buches eines heute leider ebenso vergessenen Mannes:  1986 (noch vor der Waldheim-Affäre) wagte sich der österreichisch-jüdische Literatur- und Theaterkritiker Hans Weigel (1908-1991) an die "Umkreisung eines fatalen Themas", nämlich des Antisemitismus.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Aus diesem Büchlein selektiv zu zitieren wäre eigentlich ein Frevel, und so belasse ich es bei dem Hinweis.

Weigel, ein Liberaler der alten Schule, schrieb nicht als Philosoph oder Politiker, sondern als Feuilletonist in Form von locker gefügten, anekdotengesättigten Briefen an einen fiktiven Freund. Ich halte dieses Buch für eines der schönsten Zeugnisse von common sense und wirklicher Liberalität, die nottun würden bei einem Thema, über das Weigel urteilte: "Niemand mehr kann sagen oder schreiben, was er wirklich denkt." Und denen, die auf dem einen oder dem anderen Auge blind sind und Opfer und Täter allzu einseitig verteilen, schrieb er ins Stammbuch: "Kain ist überall. Abel ist überall."

Ich muß immer an dieses Buch denken, wenn wieder einmal ein verbissener Streit um das "fatale Thema" geführt wird, wie nun im Fall Wolfgang Benz. Ohne Zweifel gilt Weigels Urteil, daß man "nicht ruhig darüber reden" kann, noch heute. Es gibt allerdings noch ein anderes Buch, das mir bei solchen Auseinandersetzungen in den Sinn kommt, das mir vor Jahren von einem Kenner der Materie empfohlen wurde. Vermutlich könnte man eine ganze Doktorarbeit darüber schreiben. Es wurde veröffentlicht, als der Streit um das fragliche Thema auf seine furchtbare Eskalation zusteuerte, zu deren Folgen die heutige Verminung und Tabuisierung des Geländes zählen.

Der heute sehr seltene und teure Band erschien im Jahre 1932 als erster (und letzter) Teil einer geplanten Serie mit dem Titel "Die Diskussionsbücher" in einem auf Militaria spezialisierten Verlag aus dem Umkreis der "Konservativen Revolution".  "Klärung" versammelte "12 Autoren und Politiker über die Judenfrage".  Schon die Zusammenstellung ist verblüffend: da finden sich Liberale (Ernst Johannsen, Walter von Hollander), Einzelgänger der Konservativen Revolution (Hans Blüher, Friedrich Hielscher), jüdischstämmige Marxisten (Otto Heller, Alfred Kantorowicz), zwei nationalsozialistische Dichter (Hanns Johst, Richard Euringer) und ein Politiker (Graf Ernst zu Reventlow, der Bruder von Ludwig Klages Muse Franziska), ein Nationalrevolutionär (Friedrich Wilhelm Heinz), ein Zionist (Robert Weltsch) und ein "nationaldeutscher Jude" (Max Naumann).

Das Faszinierende an diesem Buch ist, daß es zu einer Zeit entstand, in der die Spielregeln unserer heutigen Diskurse keine Geltung hatten. Die Offenheit der Rede erstaunt ebenso wie so manche unerwartete Stellungnahme und Überschneidung; gleichzeitig fällt über die versammelten Essays bereits der Schatten der kommenden Tragödie. Die aus so unterschiedlichen Positionen argumentierenden Autoren des "Klärungs"-Bandes sind sich nun in zumindest einem Punkte einig:  daß es so etwas wie einen problematischen Wesensunterschied und damit -konflikt zwischen Juden und anderen Völkern (manche betonen: besonders heftig zwischen Juden und Deutschen) tatsächlich gäbe.  Schon Theodor Herzl formulierte: "Die Judenfrage besteht. Es wäre doch töricht, sie zu leugnen." (Sartre gab allein den Antisemiten die Schuld an ihrer Existenz; diese Sicht hat sich nach 1945 weitgehend durchgesetzt). Uneinig sind sich die Autoren aber über deren Ursachen und Lösung.

Für den "nationaldeutschen" Max Naumann entsprachen die "Deutschvölkischen" und die "Jüdischvölkischen" (die Zionisten) einander, da die Blutsabstammung ihr oberstes Scheidekriterium ist. Die "Deutschvölkischen" wollten die Absonderung der Juden, die "Jüdischvölkischen", wenn nicht die Auswanderung, dann zumindest als "Volk im Volke" verdaut zu werden ("kurz: mit Vorbehalt und Rücktrittsrecht zu sein"). Dagegen sah Naumann die restlose Assimilation der Juden an das "deutsche Volk" als einzig gangbaren Weg. Vor allem aber müsse über das Entweder-Oder entschieden werden.

Für den Zionisten Robert Weltsch hatte dagegen das "Wiedereinstellen des Juden in die Kontinuität seiner Blutsgemeinschaft Vorrang", denn "der emanzipierte Jude war der losgelöste Mensch, der außerhalb aller Bindungen stand."  Der "Assimilationsjude" sei eine "pathologische Erscheinung des Selbsthasses."

Dazu durchaus komplementär erscheint die Position des Nationalsozialisten Reventlow, der gemäß der Doktrin der Partei eine absolute, unveränderliche Gegensätzlichkeit zwischen Juden und Deutschen postulierte, und  darum die "Ausscheidung des Fremden (...) auf allen Gebieten des Lebens" verlangte. Diese "Scheidung" müsse jedoch "selbstverständlich in humanen Formen vor sich gehen. Der Nationalsozialismus beabsichtigt keine Pogrome und ebensowenig, den Juden Anlaß zu einer schönen Pogrom-Weltpropaganda zu geben."


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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