Arndt, Diwald, der Patriot schlechthin

Zum 150. Todestag von Ernst Moritz Arndt

von Karlheinz Weißmann

Am 27. Januar 1970 hielt Hellmut Diwald vor der Siemens-Stiftung in München einen Vortrag über Ernst Moritz Arndt.

 Gastbeitrag

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Das Datum lag kurz vor des­sen 110. Todes­tag, einen Monat nach des­sen 200. Geburts­tag. Das Geden­ken war dürf­tig gewe­sen, der neue Zeit­geist dul­de­te kei­nen Bezug auf jeman­den, der im Ruch des Natio­na­lis­ten und Anti­se­mi­ten stand.

Diwald wuß­te das genau und also auch, daß er mit sei­nem The­ma und der Art der Dar­stel­lung ein Tabu brach, ein jun­ges Tabu zwar, aber eines, das rasch, geschickt und mit erheb­li­cher Wir­kung eta­bliert wor­den war: das Tabu, sich anders als nega­tiv über die deut­sche Natio­nal­ge­schich­te zu äußern.

Diwald, der zu dem Zeit­punkt poli­tisch noch ein unbe­schrie­be­nes Blatt war, woll­te gegen die­ses Tabu ver­sto­ßen. Sein Vor­trag ent­wi­ckel­te das The­ma unter dem Gesichts­punkt der Rol­le Arndts für das „Ent­ste­hen des deut­schen Natio­nal­be­wußt­seins“. Damit war die Absicht ver­bun­den, älte­re wie jün­ge­re Ver­zeich­nun­gen zu kor­ri­gie­ren. Arndt erschien bei Diwald nicht als Teu­to­ma­ne, son­dern als jemand, der um den Anteil am Gemach­ten jeder Nati­on wuß­te, der nicht naiv an das Orga­ni­sche glaub­te, son­dern von der Not­wen­dig­keit über­zeugt war, die Nati­on zu erzie­hen und zu mobi­li­sie­ren, der kaum etwas hielt von der selbst­ver­ständ­li­chen Güte des ein­fa­chen Man­nes, aber Respekt vor dem Volk hat­te, und inso­weit Demo­krat war, aber nicht der Jako­bi­ner, zu dem ihn Met­ter­nich im Nega­ti­ven, die DDR im Posi­ti­ven machen woll­ten, kei­nes­falls ein Reak­tio­när, obwohl er der mon­ar­chi­schen Idee anhing, eher ein kon­ser­va­ti­ver Revo­lu­tio­när im prä­zi­sen Sinn: „Die Schwäch­li­chen und Elen­di­gen flie­hen zu dem Alten zurück, wo ihrer Furcht vor dem Neu­en graut.“

Diwald woll­te der Per­sön­lich­keit Arndts Gerech­tig­keit wider­fah­ren las­sen, sie in den his­to­ri­schen Zusam­men­hang ein­ord­nen, des Spät­ab­so­lu­tis­mus und der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, des Idea­lis­mus, der Roman­tik, der „Deut­schen Bewe­gung“, der Befrei­ungs­krie­ge und des Vor­märz. Das per­sön­li­che – auch das in Tei­len schwe­re – Schick­sal Arndts trat dage­gen zurück, und Diwald setz­te die Akzen­te so, daß selbst Arndts übel beleum­de­te Schrift Über den Volks­haß ihren Sitz im Leben erhielt, die ganz abge­blaß­te Lage Deutsch­lands unter dem napo­leo­ni­schen Joch wie­der hervortrat.

Diwald war aber nicht nur als His­to­ri­ker inter­es­siert. Er schloß sei­nen Vor­trag mit den Wor­ten: „Wir haben spä­ter die­sen ‘deut­schen Leh­rer, Schrei­ber, Sän­ger und Spre­cher´ nicht bei sei­nen lor­beer­be­kränz­ten, ada­gio han­deln­den, sich mit der Obrig­keit arran­gie­ren­den Zeit­ge­nos­sen, unse­ren Olym­pi­ern, ein­zie­hen las­sen. Das wäre unge­recht gewe­sen, eine Krän­kung Ernst Moritz Arndts, denn gera­de ihm ist die gleich­gül­ti­ge Reve­renz nicht zuzu­mu­ten, mit der wir schon so lan­ge die her­aus­ra­gen­den Figu­ren unse­rer Geschich­te ste­ri­li­sie­ren und fest­ge­rahmt an die Wän­de der Muse­en hängen.“

Es lag dar­in Bewun­de­rung für ein kon­se­quen­tes Leben, wenn auch wohl kei­ne Pro­gno­se für das eige­ne Schick­sal, obwohl man sagen könn­te, daß die Erfah­run­gen, die Diwald in den fol­gen­den Jah­ren machen muß­te, denen Arndts ähnel­ten. Und ihn erwar­te­te nicht ein­mal der Trost, den das Alter für Arndt bereit­ge­hal­ten hat­te, nur das­sel­be Bewußt­sein, dem inne­ren Gesetz Genü­ge getan zu haben.

 

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