Sezession
3. Februar 2010

Singularitäten (Fundstücke 9)

Martin Lichtmesz

Ein paar Bruchstücke zu einer immergrünen heiklen Debatte, die gerade wieder durch die Medien geistert. Im zeitgenössischen Diskurs beinhaltet die postulierte "Singularität" der Judenfeindlichkeit in der Regel auch die Annahme eines Sonderstatus von "Auschwitz" in der Geschichte der Genozide. Zumindest läßt sich das eine aus dem anderen logisch, ja zwingend ableiten.  Das sagt allerdings noch nicht viel über das Wesen dieser "Singularität" aus - meistens ist damit einfach die quantitative Dimension der Verbrechen gemeint.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

"Singularität" an sich aber ist eine Leerformel, und je nach Definition leiten sich daraus politische und geschichtspolitische Konsequenzen ab, die mitunter sehr handfesten Zwecken dienen, was wohl der Hauptgrund dafür ist, warum es ein starkes Engagement von interessierter Seite gibt,  daß man "nicht ruhig darüber reden kann".

Die Frage nach der Singularität des NS-Genozides wurde auch auf der Winterakademie des Instituts für Staatspolitik (IfS) zum Thema "Faschismus" diskutiert. Siegfried Gerlich hielt ein Referat über Ernst Noltes Deutung des Faschismus als Epochenphänomen und kam dabei auf Noltes Begründung der "Singularität" zu sprechen. Nolte nannte 1. die radikale Absicht: "die tendenziell vollständige Vernichtung eines Weltvolkes" und 2., für Nolte entscheidender,  die radikale Motivation: "eine Entscheidung im Hinblick auf den Geschichtsprozeß im ganzen, eine Entscheidung gegen den Fortschritt."

Nolte leitet die "Singularität" also aus der "singulären" Programmatik der Täter ab, deren "Singularität" allerdings einer komplizierten geschichtsphilosophischen Begründung bedarf.  Mithin ist sie politisch gesehen eine Sackgasse, die kaum verwertbar ist.

Ein anderer Weg (es gibt noch weitere), die "Singularität" des NS-Genozides und/oder der Judenfeindlichkeit zu begründen, liegt in der Annahme einer "Singularität" nicht der Täter, sondern der Opfer, also eines Sonderstatus der Juden als "Welt-Volk" . Abgesehen von der ethischen Bewertung, teilen diese Ansicht Juden,  Philo- und Antisemiten gleichermaßen.  Und daß nach Theodor Herzl die "Judenfrage besteht", auch noch nach der Gründung des Staates Israel, kann kein Zweifel sein. Aber mit dieser Feststellung ist noch nicht viel geklärt. Was macht die Juden zum "Welt-Volk"? Gibt es denn tatsächlich so etwas wie ein "jüdisches Volk"? Man wird bald bemerken, daß das historisch gewachsene Judentum, der Gegenstand der Anti- und Philosemiten, weder allein religiös, noch allein abstammungsmäßig, noch allein "kulturell" bestimmt werden kann. Und eben das macht auch die "Judenfrage" so einzigartig ("singulär") und komplex.

In diesem Komplex wirken auch in einer säkularisierten Welt theologische Momente vehement nach. Das reicht vom "auserwählten Volk" der Bibel bis zum traditionellen Antijudaismus der Kirche. Hans-Dietrich Sander, der als mentale Grundstimmung des Judentums die Erfahrung der permanenten Entortung sah, schrieb:

Die Judenfrage hat unter christlichen Völkern eine theologische Dimension, die sich Verstandeskräften entzieht. Sie reicht vom furchtbaren Spruch des Apostels Paulus, der im frühesten Stück des Neuen Testaments, 1. Thessalonicherbrief, 2,15, seinem Volk nachrief, daß es allen Menschen zuwider sei und Gott nicht gefalle, weil es nicht nur Jesus, sondern auch eigene Propheten töte, bis hin zu Pascal, der in der geschichtlichen Existenz der Juden einen wunderbaren Beweis für die Wahrheit der christlichen Religion erblickte.

Den Entortungs-Aspekt hob auch Emil Cioran 1937 in seinem Buch Die Verklärung Rumäniens hervor (der ganze spätere Cioran ist darin bereits enthalten, besonders was den letzten Satz des Zitates betrifft) :

Da sie sich nirgendwo heimisch fühlen, ist für sie die Entwurzelung,  die für andere tragische Dimensionen hat, kein Begriff. Die Juden sind das einzige Volk, das sich nicht mit einer Landschaft verbunden fühlt. Es gibt keinen Winkel der Erde, der ihre Seele geformt hätte; aus diesem Grunde sind sie immer die gleichen, in jedem Land oder auf jedem Kontinent. (...) In jeder Sache sind die Juden einmalig; sie gleichen niemandem auf der Welt, gebeugt wie sie sind, unter einem Fluch, dessen Urheber einzig und allein Gott ist. Wäre ich Jude, würde ich mich in diesem Augenblick umbringen.

Cioran schrieb diese Zeilen als er noch Sympathisant der mystisch-nationalistischen, antisemitischen "Eisernen Garde" war.  Als Emigrant in Frankreich wurde Cioran bald selbst zum "Entwurzelten", zum Philosophen der radikalen Vereinzelung und metaphysischen Unbehaustheit. Solchermaßen selbst zum "Juden" geworden, verschob sich die Perspektive und er schrieb in dem 1956 erschienenen Essay "Ein Volk von Einzelgängern" (in: Dasein als Versuchung, Stuttgart 1983):

Ich will versuchen, über die Heimsuchungen eines Volkes zu phantasieren, über seine Geschichte, die jeder historischen Norm widerspricht, über sein Schicksal, das einer übernatürlichen Logik zu gehorchen scheint, wo das Unerhörte sich mit dem Selbstverständlichen, das Wunder mit der Notwendigkeit vermischt. Manche nennen es Rasse, andere Nation, andere Sippschaft. Da es allen Klassifikationen widersteht, ist alles unrichtig, was man davon präzisieren kann; keine Definition paßt zu ihm. (...)

Mensch sein ist ein Drama; Jude sein ein zweites. Darum hat der Jude das Privileg, unsere conditio zweimal zu leben. Er repräsentiert das Sonderdasein par excellence oder, um einen Ausdruck zu gebrauchen, den die Theologen auf Gott anwenden, das ganz Andere. Seiner Einmaligkeit bewußt, denkt er unaufhörlich daran und vergißt sich niemals; daher diese gezwungene, verkrampfte oder Selbstbewußtsein vortäuschende Miene, die bei denen so häufig zu finden ist, die die Last eines Geheimnisses tragen. Anstatt auf seine Herkunft stolz zu sein, sie überall zu plakatieren und auszurufen, tarnt er sie: doch verleiht ihm nicht sein Schicksal, das keinem anderen gleicht, das Recht hoheitsvoll über die menschliche Herde hinwegzublicken? (...)

Das intoleranteste und am meisten verfolgte der Völker vereint den Universalismus mit dem striktesten Partikularismus. Ein Widerspruch, der in ihrer Natur liegt: nutzlos ihn auflösen oder erklären zu wollen.

Nun ist Cioran ein Schriftsteller, der für seine gezielte Anstößigkeit und seinen Hang zu schockierenden Paradoxa und übersteigerten Zuspitzungen berüchtigt ist. Gerade dadurch gelangt er aber oft zu blitzartigen Erkenntnissen, die den bien-pensants verwehrt sind. Die Diskussion um die "Singularität" hat einen Januskopf und steckt von Beginn an in einem Sumpf von Ambivalenzen, die sich "nicht auflösen lassen".

Darum zieht sie auch mit Vorliebe Geister in ihren Bannkreis, die ein starkes, oft fanatisches Bedürfnis nach einer in Schwarz und Weiß geteilten Welt haben, ein Bedürfnis, das zu den problematischeren Zonen der deutschen Seele gehört.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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