Sezession
10. Februar 2010

Foibe – 10. Februar

Martin Lichtmesz

In Deutschland ist kaum bekannt, daß auch Italien seine Vertriebenengeschichte hat, die nicht minder "umstritten" ist und zumindest bis vor wenigen Jahren noch einem massiven Tabu unterlag. Die Kontroversen über die deutschen und italienischen Vertriebenen weisen viele Parallelen auf, wobei sich in Italien (wie bei so vielen geschichtspolitischen Themen) zunehmend eine "revisionistische" Tendenz durchsetzt.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Zwischen 1943 und 1960 verließen bis zu 350.000 Italiener die istrischen und dalmatinischen Landstriche, die seit 1918 zum Zankapfel zwischen Italien und Jugoslawien geworden waren. Istrien wurde 1919 durch den Vertrag von St. Germain Italien zugeschlagen, während Dalmatien Bestandteil des neugegründeten "Königreichs der Slowenen, Kroaten und Serben" wurde. Das italienische Danzig hieß Fiume, und wurde 1919/20 vorübergehend von Gabriele d'Annunzios Arditi besetzt, ehe es 1924 zu Italien kam.

Während des Zweiten Weltkriegs radikalisierte sich die Situation. Ausgerechnet die ultranationalistischen Ustascha kollaborierten mit Mussolini bei der Besetzung Dalmatiens, der dort - ebenso wie in Istrien seit den zwanziger Jahren - eine aggressive Italianisierungspolitik in Gang setzte.  Bald waren die Küstenstriche in den balkanischen Partisanenkrieg zwischen Ustascha, Faschisten, Wehrmacht und Tito-Anhängern verstrickt. Ihren schrecklichen Höhepunkt erreichte die Eskalation schließlich in den berüchtigten "Foibe-Massakern", die zum Großteil nach der Kapitulation der Republik von Salò am 25. April 1945 stattfanden. Die Täter waren kroatische und slowenische Tito-Partisanen, die Opfer überwiegend italienische Zivilisten. Die Leichen wurden in Massen in die Karsthöhlen (=Foibe) geworfen. Wie überall in solchen Fällen (in Deutschland wäre Dresden das jüngste Beispiel), kursieren erheblich von einander abweichende Opferzahlen mit einem Spielraum vom 5.000  bis 30.000 Ermordeten.

Wie die deutschen Vertriebenen gehörten die istrisch-dalmatischen esuli und Foibe-Opfer nach dem Krieg zu den Verlierern der Geschichte, deren Schicksal heruntergespielt und vertuscht wurde. Während allerdings die deutschen Vertriebenen in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg allein schon aufgrund ihrer Zahl eine beträchtliche Rolle  im öffentlichen Bewußtsein der Bundesrepublik spielten, waren die italienischen Vertriebenen ungleich isolierter.  Die internationale Diplomatie schwieg ebenso wie die Kommunistische Partei Italiens, die nicht zuletzt dank des Mythos der Resistenza einen starken Stand im Lande behauptete und kein Interesse an einer Thematisierung der innerkommunistischen Widersprüche hatte (der Bruder des kommunistischen Dichters Pier Paolo Pasolini hatte sich nach 1943 den Partisanen angeschlossen und war zusammen mit einer Gruppe Kameraden von Tito-Anhängern ermordet worden. Das hinderte Pasolini nicht, ihn später als antifaschistischen Märtyrer zu stilisieren.)  Und nicht zuletzt hatte der italienische Staat kein allzu großes Interesse daran, die Vergangenheit, insbesondere die faschistische Vorgeschichte in Jugoslawien, aufzurollen.

So blieb das Andenken an die "Foibe-Massaker" auf lokale Vertriebenenverbände und rechte bis neofaschistische Kreise beschränkt, in letzteren natürlich mit einer scharf antikommunistischen Stoßrichtung. Für viele Italiener hat die Foibe-Thematik heute immer noch den Ruch des Profaschistischen und der antikommunistischen Propaganda. Ähnlich wie die deutsche Antifa bekämpft die extreme Linke Italiens das Thema als unzulässigen "Opfermythos". Dabei hat sie längst den Anschluß an eine nicht mehr rückgängig zu machende Trendwende verpaßt.

Zu einem interessanten Moment kam es, als sich im Februar 2009 der ehemalige Rotbrigadist Valerio Morucci den Schwarzhemden der "Casa Pound" in Rom zum Gespräch stellte. Die Jungle World berichtete:

Nach über einer Stunde ergreift Morucci selbst das Wort. Sein Auftakt überrascht: »Ich bin hier als euer Feind.« Doch der bedächtige Ton verrät, daß es ihm nicht um Konfrontation geht. Das Bekenntnis ist vielmehr ein rhetorischer Einstieg zur nachfolgenden mea culpa: »Es tut mir leid, zu einer politisch-militärischen Gruppe gehört zu haben, die den Feind diskriminiert, seine Identität ausgelöscht, ihn zum Untermenschen erklärt und schließlich zerquetscht hat.« Und weiter: Die Logik dieses »ideologischen Rassismus« habe den Kampf in den siebziger Jahren zu einer »ethnischen Säuberung« werden lassen. Endstation dieser Enthumanisierung seien – und hier schlägt Morucci unerwartet eine historische Kapriole von den Kämpfen der siebziger Jahren zurück zum antifaschistischen Befreiungskrieg – die Vernichtungslager und die foibe.

Soviel Relativierung der Bürgerkriegslogik bereitete der Autorin des zum Teil "antideutschen" Blattes Unbehagen:

Mit dieser Gleichsetzung hat Morucci tatsächlich eine wichtige antifaschistische Unterscheidung aufgehoben. Wenige Tage vor dem von den Postfaschisten eingeführten und von den Neofaschisten mit Aufmärschen gefeierten nationalen Gedenktag für die Opfer der Racheakte der Partisanen in Istrien und Dalmatien wiegt dieses Zugeständ­nis schwer. Daß in den Karsthöhlen (it. foibe) vor allem ehemalige faschistische Kriegsverbrecher getötet wurden, die zwei Jahrzehnte lang die slawische Bevölkerung diskriminiert und ausgelöscht hatten, bleibt in Moruccis Sermon unerwähnt.

Natürlich waren die Opfer der "Foibe" überwiegend eben nicht "faschistische Kriegsverbrecher", sondern Zivilisten bis hin zu Frauen, Kindern und Greisen, die wie auch die deutschen Opfer der "wilden Vertreibungen" von der Gewaltspirale der kollektiven Vergeltung verschlungen wurden. Es handelte sich hier um eine "ethnische Säuberung", nicht anders als jene, die sich während der jugoslawischen Kriege der neunziger Jahre einer schockierten Weltöffentlichkeit darboten.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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