Sezession
12. Februar 2010

„Perlensamt“ von Barbara Bongartz

Götz Kubitschek

Möchte man ein Jude sein, heutzutage, ein Broder etwa, der ausstoßen darf, was er will, weil er weiß, daß ihm niemand kann? Vielleicht, manchmal. Aber es gibt auch einen anderen Weg: Man könnte der Erbe einer Nazigröße sein und sehr öffentlich zeigen, daß man alles wiedergutmachen will. Darum gehts in Perlensamt, und es gibt – nach einigem Nachdenken und wiederholter Lektüre dieses Buches – keinen Zweifel:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Perlensamt ist ein Schlüsselroman des deutschen Schuldstolzes um die Jahrtausendwende, und zwar ein sehr gelungener.

Ganz sicher hat Barbara Bongartz den skandalösen Gehalt solcher Sätze bedacht, wie sie etwa auf Seite 178 zu finden sind: »In Berlin mag man heute noch wissen, was mal auf der Wilhelmstraße los war. Wie ich die Deutschen kenne, ist da jeder Pflasterstein numeriert, und denen, die 68 geflogen sind, ist ein Gedenkstein gewidmet. Man badet dort gern im eigenen Schlamm, und inzwischen lockt die Art Folklore ja auch Touristenströme an. Mit dieser Selbstzerfleischung können wir hier in Paris nicht konkurrieren. Wir sind Franzosen, keine boches, die sich an Le Schuldgefühl ergötzen.« Oder auf Seite 232, ganz knapp: »Betroffenheitsadel, schon mal davon gehört?«

Der Reihe nach: Martin Saunders ist Amerikaner in der ersten Generation, seine Mutter ist Deutsche, die nach dem Krieg und kurz vor der Niederkunft nach Amerika auswanderte, um ihrem Sohn das Deutsch-Sein zu ersparen. Saunders arbeitet als Kunsthistoriker bei einem Auktionshaus in Berlin und stolpert eines Tages über David Perlensamt, einen reichen Erben, der gerade seine Mutter durch einen Mord verloren hat. In der Vorhalle zu Davids Villa hängen wertvolle Gemälde, und weil eines davon – eine Landschaft am Meer von Courbet – wenig später dem Auktionshaus zum Verkauf angeboten wird, tritt neben das persönliche, homosexuelle Interesse Martins auch ein berufliches: die Provenienzforschung, die Zuordnung von Kunstgegenständen in die Kategorie »Beutekunst«.

Bis an die letzten Kapitel heran scheint alles ganz offensichtlich zu sein: David Perlensamt ist der Enkel von Otto Abetz, dem Abgesandten des Dritten Reiches in Paris, einer besatzungspolitischen Idealbesetzung (im doppelten Wortsinn): gebildet, kunstinteressiert, eloquent, gewinnend; stets bemüht, die Härten des Regimes abzumildern sowie die intellektuelle und kunstschaffende Szene Frankreichs zumindest für eine Vorform der Kollaboration zu gewinnen. David Perlensamt behauptet nun, daß Abetz, sein Großvater, eine wertvolle Gemäldesammlung zusammengeraubt habe; nun sei es an ihm, dem Enkel, dieses Unrecht einzugestehen und die Kunstwerke ihren rechtmäßigen Besitzern zurückzugeben.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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