Arbeit und Gnade

In den Kommentaren zum Artikel in der Welt vor einer Woche und der Reaktion auf dieser Seite erklang nicht selten der Ruf: Gründet eine Partei.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Damit war offen­bar eine Aner­ken­nung unse­rer Arbeit ver­bun­den, nach dem Mot­to: Eure Ana­ly­se stimmt und der Rest wird sich fin­den. Der Gedan­ke dahin­ter: In der Par­tei­en­olig­ar­chie wird Macht über Par­tei­en aus­ge­übt. Wer mit­mi­schen will, muß sich zur Wahl stel­len. Und: War­um sol­len sich nur die Fal­schen wäh­len lassen?

Nun, wir wer­den kei­ne Par­tei grün­den. Die for­ma­len Grün­de dafür las­sen sich in unse­rer Stu­die “Par­tei­grün­dung von rechts” nach­le­sen. Es gibt dar­über hin­aus einen ent­schei­den­den Grund, dies nicht zu tun. Die bun­des­re­pu­bli­ka­ni­sche Demo­kra­tie ist zu einem “Gott, der kei­ner ist” (Hans-Herr­mann Hop­pe) und damit einer “ver­kapp­ten Reli­gi­on” ver­kom­men. Der Begriff stammt von dem jung gestor­be­nen Publi­zis­ten Carl Chris­ti­an Bry (eigentl. Carl Decke), der 1924 ein gleich­na­mi­ges Buch veröffentlichte.

Reli­gi­on sagt uns, daß wir alle noch nicht voll­kom­men sind, weil wir sün­di­ge und schwa­che Men­schen sind. Ver­kapp­te Reli­gi­on sagt, daß die Majo­ri­tät von uns noch nicht voll­kom­men ist, weil wir in unse­rer Erkennt­nis zurück­ge­blie­ben sind […].

Ein Ver­tre­ter der Demo­kra­tie betritt dann das Gebiet der ver­kapp­ten Reli­gi­on, wenn er in der Demo­kra­tie kei­ne prak­tisch begrün­de­te Mög­lich­keit zu poli­ti­scher Wil­lens­bil­dung sieht, über die sich strei­ten läßt, son­dern ein allein­se­lig­ma­chen­des Welt­prin­zip, das allein unse­re Erlö­sung ermög­licht. Alle ande­ren sind dann ver­stock­te Dumm­köp­fe oder unschäd­lich zu machen­de Wider­sa­cher des guten Weltprinzips.

Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen ist es nicht mög­lich, sich am demo­kra­ti­schen Spiel zu betei­li­gen, ohne selbst in die­se Rol­le zu schlüp­fen (weil einen sonst kei­ner wählt) oder völ­lig erfolg­los zu blei­ben. Die Bei­spie­le sind Legi­on. Über die Illu­si­on, die­sen Man­gel abzu­stel­len, wenn man erst ein­mal gewählt ist, haben uns die Grü­nen bei­spiel­haft belehrt.

Den Men­schen vor­zei­tig zu trös­ten, ihm eine Zuflucht zu bie­ten, wäh­rend doch der Kampf nicht aus­ge­kämpft ist, noch nicht ein­mal begon­nen hat, ihn zum Deser­teur an der eige­nen Sache zu machen: das ist der gefähr­lichs­te Cha­rak­ter der ver­kapp­ten Religionen.

Wir alle haben den Hang, das sieht Bry sehr deut­lich, es uns bequem zu machen, indem wir uns in eine ver­kapp­te Reli­gi­on flüch­ten. Aus die­ser Hän­ge­mat­te wie­der her­aus­zu­kom­men, dar­in liegt die eigent­li­che For­de­rung an den Men­schen. Das sieht oft­mals nicht beson­ders schön aus, dafür bekommt man kei­ne Prei­se und wird nicht geliebt. Und gera­de des­halb ist es wich­tig, daß es getan wird.

Die Arbeit, die wir tun und mit der wir rech­nen kön­nen, ist, das eine vom ande­ren schei­den; scharf, boh­rend, for­schend und doch zuletzt unbe­küm­mert in unse­rer Arbeit. Las­sen wir erst die Zukunfts­hoff­nung, den süßen und leicht­sin­ni­gen Trost der ver­kapp­ten Reli­gio­nen und der vor­ei­li­gen reli­giö­sen Sehn­sucht fah­ren […]. Haben wir nur ohne Sti­mu­lan­tien und Opi­ate, ohne Rausch und Leicht­sinn und vor­ei­li­gen Trost den Mut, ein­an­der Feind zu sein, dann mögen wir uns noch als Fein­de lie­ben, weil jeder dem ande­ren zu hel­le­rer Klar­heit, zu stär­ke­rer Kraft hilft. Das ist es, was in unse­rer Macht steht. Das kann unse­re Arbeit errei­chen. Dar­über hin­aus liegt – Gnade.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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