Sezession
21. Februar 2009

Arbeit und Gnade

Erik Lehnert

bild005In den Kommentaren zum Artikel in der Welt vor einer Woche und der Reaktion auf dieser Seite erklang nicht selten der Ruf: Gründet eine Partei. Damit war offenbar eine Anerkennung unserer Arbeit verbunden, nach dem Motto: Eure Analyse stimmt und der Rest wird sich finden. Der Gedanke dahinter: In der Parteienoligarchie wird Macht über Parteien ausgeübt. Wer mitmischen will, muß sich zur Wahl stellen. Und: Warum sollen sich nur die Falschen wählen lassen?

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Nun, wir werden keine Partei gründen. Die formalen Gründe dafür lassen sich in unserer Studie "Parteigründung von rechts" nachlesen. Es gibt darüber hinaus einen entscheidenden Grund, dies nicht zu tun. Die bundesrepublikanische Demokratie ist zu einem "Gott, der keiner ist" (Hans-Herrmann Hoppe) und damit einer "verkappten Religion" verkommen. Der Begriff stammt von dem jung gestorbenen Publizisten Carl Christian Bry (eigentl. Carl Decke), der 1924 ein gleichnamiges Buch veröffentlichte.

Religion sagt uns, daß wir alle noch nicht vollkommen sind, weil wir sündige und schwache Menschen sind. Verkappte Religion sagt, daß die Majorität von uns noch nicht vollkommen ist, weil wir in unserer Erkenntnis zurückgeblieben sind [...].

Ein Vertreter der Demokratie betritt dann das Gebiet der verkappten Religion, wenn er in der Demokratie keine praktisch begründete Möglichkeit zu politischer Willensbildung sieht, über die sich streiten läßt, sondern ein alleinseligmachendes Weltprinzip, das allein unsere Erlösung ermöglicht. Alle anderen sind dann verstockte Dummköpfe oder unschädlich zu machende Widersacher des guten Weltprinzips.

Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht möglich, sich am demokratischen Spiel zu beteiligen, ohne selbst in diese Rolle zu schlüpfen (weil einen sonst keiner wählt) oder völlig erfolglos zu bleiben. Die Beispiele sind Legion. Über die Illusion, diesen Mangel abzustellen, wenn man erst einmal gewählt ist, haben uns die Grünen beispielhaft belehrt.

Den Menschen vorzeitig zu trösten, ihm eine Zuflucht zu bieten, während doch der Kampf nicht ausgekämpft ist, noch nicht einmal begonnen hat, ihn zum Deserteur an der eigenen Sache zu machen: das ist der gefährlichste Charakter der verkappten Religionen.

Wir alle haben den Hang, das sieht Bry sehr deutlich, es uns bequem zu machen, indem wir uns in eine verkappte Religion flüchten. Aus dieser Hängematte wieder herauszukommen, darin liegt die eigentliche Forderung an den Menschen. Das sieht oftmals nicht besonders schön aus, dafür bekommt man keine Preise und wird nicht geliebt. Und gerade deshalb ist es wichtig, daß es getan wird.

Die Arbeit, die wir tun und mit der wir rechnen können, ist, das eine vom anderen scheiden; scharf, bohrend, forschend und doch zuletzt unbekümmert in unserer Arbeit. Lassen wir erst die Zukunftshoffnung, den süßen und leichtsinnigen Trost der verkappten Religionen und der voreiligen religiösen Sehnsucht fahren [...]. Haben wir nur ohne Stimulantien und Opiate, ohne Rausch und Leichtsinn und voreiligen Trost den Mut, einander Feind zu sein, dann mögen wir uns noch als Feinde lieben, weil jeder dem anderen zu hellerer Klarheit, zu stärkerer Kraft hilft. Das ist es, was in unserer Macht steht. Das kann unsere Arbeit erreichen. Darüber hinaus liegt - Gnade.


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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