Warum nicht jede Seite die Falsche ist

Die offiziellen Zahlen reichen aus: Selbst wenn bei der Bombardierung Dresdens nur die von einer Historikerkommission im...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Jah­re 2008 ange­nom­me­nen rund 25000 Men­schen umka­men (ver­brann­ten, erstick­ten, erschla­gen und zer­fetzt wur­den), hät­te die Bun­des­re­gie­rung Jahr für Jahr in einer gro­ßen Ver­an­stal­tung einem unver­gleich­li­chen Ver­nich­tungs­ver­bre­chen zu gedenken.

Aber sie kommt die­ser natio­na­len Erin­ne­rungs­pflicht nicht nach, die Reprä­sen­tanz der Nati­on, und daß offi­zi­ell also nicht ange­mes­sen gedacht wird – auch in Ham­burg oder Pforz­heim oder Hal­ber­stadt ode­ro­de­ro­der nicht – ist geschichts­po­li­tisch so bedeut­sam, daß man vor die­ser Lücke nicht unent­schie­den ste­hen kann.

Es gibt jetzt, wenn man staats- und natio­nal­be­wußt auf die Gedenk-Lücken schaut, zwei Mög­lich­kei­ten. Ent­we­der man hofft auf das eigent­lich Wün­schens­wer­te, dar­auf also, daß sich die “Mit­te” in einem breit getra­ge­nen Kon­sens des The­mas anneh­men möge. Alle Erfah­rung aber zeigt, daß die “Mit­te” nie aus eige­nem Impuls ein The­ma anfaßt, das Gegen­wind garan­tiert – oder aber, daß sie es zwar angeht, aber beim ers­ten Wider­stand sofort wie­der fah­ren läßt.

Es gehört zu den Cha­rak­te­ris­ti­ka der Mit­te (die sich gern “bür­ger­lich” nennt und “ver­nünf­tig” gibt), daß sie jedem Druck aus­weicht, um sich nie recht­fer­ti­gen zu müs­sen und nie in eine unge­müt­li­che Situa­ti­on zu kom­men. Die “Mit­te” läßt sich so unter Druck set­zen und ver­schie­ben, sei es in Bildungs‑, Geschlechter‑, Über­frem­dungs­fra­gen – oder in der Beur­tei­lung geschichts­po­li­ti­scher Kämpfe.

Das bedeu­tet nichts ande­res, als daß ein The­ma ver­schwin­det oder in sein Gegen­teil ver­zerrt wird, wenn man es der Mit­te gegen eine geschichts­po­li­tisch aggres­si­ve Lin­ke über­läßt. Denn die “Mit­te”, die “Ver­nünf­ti­gen”, die “Bür­ger­li­chen” machen ihre Aus­weich­ma­nö­ver im Zwei­fels­fall immer auf Kos­ten des The­mas. Und so wird es mor­gen zu der gro­tes­ken Situa­ti­on kom­men, daß CDU‑, SPD- und FDP-Wäh­ler unter dem Ban­ner “Do it again, Har­ris” auf die Stra­ße gehen wer­den, nur um auf der Sei­te zu ste­hen, die den grö­ße­ren Druck auf­zu­bau­en in der Lage ist.

Bleibt also seit Jah­ren die zwei­te Mög­lich­keit: Annek­tie­rung und damit Kon­ta­mi­na­ti­on des The­mas durch eine radi­ka­le Rech­te, mit­hin: einen Teil unse­res Vol­kes). Im Fal­le Dres­dens ist das aus über­ge­ord­ne­ter Per­spek­ti­ve tra­gisch, denn die Zer­stö­rung der Stadt steht sym­bo­lisch für die Zer­stö­rung der deut­schen Städ­te im Bom­ben­ha­gel – und ist so ein gesamt­na­tio­na­les The­ma. Aber unse­re Zeit ist nicht nor­mal, und so hat die jetzt agie­ren­de Rech­te alles Recht, die Erin­ne­rung wach­zu­hal­ten und ein The­ma vor dem Ver­schwin­den zu bewahren.

In Dres­den mor­gen kul­mi­niert die Patho­lo­gie unse­res Lan­des. Hier­in gehe ich mit Licht­mesz über­ein, der sich sei­ne Stel­lung­nah­men nicht leicht macht. Auch er wür­de an jedem 13. Febru­ar am liebs­ten eine gro­ße Stil­le in der Stadt wahr­neh­men und sähe die Reprä­sen­tan­ten der Nati­on die Schlei­fen ihrer Krän­ze rich­ten, die im Geden­ken an unse­re Opfer nie­der­ge­legt würden.

Aber die­se Chan­ce ist ver­tan, wie so vie­les, von dem wir hoff­ten, daß es nach 1990 zur Selbst­ver­ständ­lich­keit wer­den wür­de. Des­halb sage ich: Selbst wenn auf Sei­ten der Rech­ten neben der Trau­er schon viel Lust zur Pro­vo­ka­ti­on und zur Kon­fron­ta­ti­on Raum gegrif­fen hat – so will ich da jetzt gar nicht mit dem Sor­tie­ren und der Moral­kon­trol­le anfan­gen. Ins­ge­samt sehe ich die trau­ern­den Mar­schie­rer im Recht, wäh­rend doch jeder, der “Do it again, Har­ris” pla­ka­tiert, weit jen­seits des­sen agiert, was ihm gestat­tet sein kann: Denn er wünscht sich nichts ande­res als einen wei­te­ren Massenmord.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.