18. Februar 2010

Spengler und die Ibsenweiber

Gastbeitrag

von Felix Springer

Gerhard Henschel (links nicht im Bild) ist ein Intellektueller. Er kann Buchstaben zu Wörtern, Wörter zu Sätzen und Sätze zu Texten formen. Wenn er damit fertig ist, kann man sich das Ergebnis meistens irgendwo ansehen. Zum Beispiel im aktuellen CICERO - ein Magazin, das Außenstehende manchmal gern als „konservativ“ bezeichnen, weil Papier und Layout teuer waren und die Rechtschreibung stimmt. In der Kategorie „Salon“ blickt in diesem Monat unter einem Artikel mit dem Titel „Spengler und die Ibsenweiber“ Henschels Antlitz durch eine zart gerahmte Brille visionär in die Ferne.

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Das Werk des Geschichtsphilosophen Oswald Spengler, meint er, könne nur dann gerecht rezipiert werden, wenn die privaten, nie zur Veröffentlichung bestimmten Notizen Spenglers aus seinem Nachlaß ebenfalls gründlich untersucht und ausgewertet sind. Also macht er sich, getrieben von seiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit, an die Arbeit.

Angesichts der deutschen - nein: abendländischen Zustände des frühen 20. Jahrhunderts war Spengler verzweifelt. Als feinsinniger Mensch sah er die Symptome fortschreitender Dekadenz, litt als Aristokrat des Geistes an der sichtbaren Vermassung von allem, an der kulturellen Degeneration, Verfall und Niedergang von Geist und Volkskörper. Und er erkannte auch, welche zentrale Rolle die Frau in diesen Prozessen spielt. Das Urbild der Mutter als Hüterin, Bewahrerin, Ort und Quelle aller Sicherheit, die Mutter als menschgebliebene Heimat und das Urbild der Jungfrau als das Reinste, Unschuldigste, Schützenswerteste, Kostbarste gehen als Ideale und so auch als Realität verloren in einer Fleischwelt, deren einzige Struktur und einzige Norm der Trieb ist, in der die Beschäftigung mit sich selbst das einzige Moment der Sinngebung darstellt.

Die Frau, die keine Kinder bekommt, weil sie sich selbst in Beruf oder Literaturstudium („Ibsenweiber“) verwirklicht, gehört zwar sich selbst, aber das ist auch schon ihr ganzer Sinn. Das ist für Spengler kein Einwand gegen das, was man heute Frauenrechte nennt, sondern es ist sein Plädoyer für das Leben, für das produktive Wesen, das sinnhafte Dasein von Individuum, Volk und Menschheit! Es ist seine Überwindung des Nihilismus.

Dem kranken Spengler, der sich immer nach dem für ihn unerreichbaren Tatmenschendasein sehnte, war es eine Qual, sehen zu müssen, wie im erst gestern entstandenen Deutschland die Frauen eine Ära der Unfruchtbarkeit und soziobiologischen Negativselektion einläuteten: ein Selbstmord im Namen der Freiheit! Klarer als andere sah Spengler die Folgen dieser Prozesse kommen, und seine Machtlosigkeit verbitterte ihn.

Henschel kann das so nicht verstehen. Er meint, sich der Person Spenglers anzunähern, glaubt, diesen Ausnahmedenker entlarvt zu haben und präsentiert seinen Lesern stolz seine kurzschrittige Argumentation: Spengler war in Wirklichkeit deshalb so unglücklich, weil er zu verklemmt war die Segnungen der Moderne als solche anzuerkennen. Er hatte gar keine Ahnung, wie großartig die aufkommende Vergnügungskultur sein konnte, wenn man sich in dieser erst mal ein Plätzchen gesichert hat und deshalb ist seine Kritik daran von vornherein nicht ernst zu nehmen. Einer, der sich so auf seine Arbeit konzentriert, während draußen die leichten Mädchen warten – der muß neurotisch sein! Einer, der den Wert der Mutter über den einer vor lauter „Freiheit“ kinderlosen Künstlerin, Karrierefrau, Literatenemanze, die sich selbst beschlagnahmt hat, stellt – das ist ein „Haßprediger“, geht gar nicht anders.

Diese Art der nicht-verstehen-wollenden Kritik an Spenglers Person ist nicht neu. Bereits 1934 ordnet der überzeugte NSDAP-Schreiberling Ernst G. Gründel Spengler in seine Weltgeschichtliche Sinndeutung des Nationalsozialismus ein und macht ihm die Diskrepanz zwischen seiner Person und seinem Werk zum Vorwurf. Außerdem sei Spengler nur deshalb gegen die nationalsozialistische Bewegung, weil er nie direkt an ihr mitgewirkt habe und habe ja gar keine Ahnung, wie großartig dieses neue Deutschland auch für ihn sein könnte, wenn er nur gewillt wäre, das ihm zugesicherte Plätzchen einzunehmen. Wenn Spengler nur nicht so verklemmt wäre, „unfähig zur Begeisterung“ nennt Gründel es.

Man weiß nicht, ob Gründel, lebte er heute, für den CICERO schreiben würde. Jedenfalls bemerken beide, Henschel und Gründel, nicht die Lächerlichkeit ihrer Unternehmung, an Oswald Spengler die kleinlichen Maßstäbe ihres Fortschrittsglaubens anzulegen. Daß Henschel aber dazu noch den Versuch unternimmt, seinen Artikel mit dem Wunsch nach einer „gerechten Herangehensweise“ zu legitimieren, zeugt von einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung. Der Typus Henschel bringt es heute fertig, sich „kritisch“ nennen zu dürfen, weil er selbstgerecht ist, und sich als „Freigeist“ zu betrachten, weil er die Hinterfragung seiner Dogmen unter Strafe stellt oder als uneinsichtig abqualifiziert. Das ist Henschels Widersprüchlichkeit, ganz ohne Tragik, ohne Größe und vor allem: ohne Einsicht.


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