Sezession
12. Februar 2010

Sodom und Gomorrah (nochmals Dresden)

Martin Lichtmesz

Die Genesis, das 1. Buch Mose des Alten Testaments, berichtet, wie Gott in Begleitung zweier Engel bei Abraham einkehrte, dessen Neffe Lot mit seiner Familie in der vom Glauben abgefallenen Stadt Sodom lebte.  Gott war gekommen, um Abraham trotz des fortgeschrittenen Alters seines Weibes Sara die Geburt eines Sohnes anzukündigen. Als er sich anschickte weiterzuziehen, zögerte Gott:"Wie kann ich Abraham verbergen, was ich tue, sintemal er ein großes und mächtiges Volk soll werden, und alle Völker auf Erden in ihm gesegnet werden sollen?"

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Und der HERR sprach: Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorra, das ist groß, und ihre Sünden sind sehr schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob's nicht also sei, daß ich's wisse.

Und die Männer wandten ihr Angesicht und gingen gen Sodom; aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? Es mögen vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein; wolltest du die umbringen und dem Ort nicht vergeben um fünfzig Gerechter willen, die darin wären? Das sei ferne von dir, daß du das tust und tötest den Gerechten mit dem Gottlosen, daß der Gerechte sei gleich wie der Gottlose! Das sei ferne von dir! Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten? Du wirst so nicht richten.

Der HERR sprach: Finde ich fünfzig Gerechte zu Sodom in der Stadt, so will ich um ihrer willen dem ganzen Ort vergeben.

Gott fand aber keine fünfzig, keine zwanzig, keine zehn und keine fünf Gerechten in Sodom; "Feuer und Schwefel" regneten vom Himmel herab und vernichteten die Stadt; nur Lots Familie wurde gerettet. Der Anblick der Zerstörung war so entsetzlich, daß Lots Frau zur Salzsäule erstarrte. Noch in weiter Ferne konnte man die Auswirkungen des Infernos sehen:

Abraham aber machte sich des Morgens früh auf an den Ort, da er gestanden vor dem HERRN, und wandte sein Angesicht gegen Sodom und Gomorra und alles Land der Gegend und schaute; und siehe, da ging Rauch auf vom Lande wie ein Rauch vom Ofen.

Rund 2500 Jahre, nachdem diese Erzählung von der Zerstörung Sodom und Gomorrahs verfaßt wurde, hat sich der Mensch an die Stelle Gottes gesetzt. Er hat sich selbst befähigt und ermächtigt, das Strafgericht zu vollziehen, "Feuer und Schwefel vom Himmel regnen" zu lassen und innerhalb einer Nacht ganze Städte vom Erdboden zu radieren. Dieses Privileg war bis in jüngste Zeiten nur den Göttern vorbehalten. Angesichts der ersten Atombombenzündung, benannt "Trinity", nach der Dreifaltigkeit des christlichen Gottes, soll Robert Oppenheimer die Worte der Bhagavad-Ghita zitiert haben: "Siehe, nun ich bin zum Tod geworden, zum Zerstörer der Welten."

Der Gott des Alten Testaments befahl seinem auserwählten Volk oft die gnadenlose Ausrottung seiner Feinde; wenn es von ihm abfiel, war er nicht minder grausam gegen es selbst. Seine Leiden waren stets die Strafe für seine Untreue zu Gott. Das moderne, säkulare Judentum hat diese Position aufgegeben und die Shoah eher als Golgotha denn als ein Strafgericht interpretiert, mit sich selbst in der Rolle des Christus. Wie die Juden, sind auch die Deutschen seit je ein theologisches Volk. Eifernder als andere Völker, skrupulöser und schuldbewußter als andere Völker und schneller bereit, sich selbst zu verwerfen. Auch der messianische (den Auserwähltheitsanspruch des Judentums kopierende) Zug des Dritten Reichs ist unverkennbar. Doch sein gänzlich unchristlicher Messias hatte keinen Begriff von Schuld und Sünde; eher noch glaubte er an das Lex Talionis, und daß der Schwächere, sei es sein eigenes Volk, den Untergang verdient hätte.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.