16. Februar 2010

Hitlers Zähne

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von Claus Wolfschlag

Boulevardseiten, ob in Printmedien oder im Internet, sind berechenbar. Boulevard dient der Kurzweil, der Ablenkung von den wichtigen Dingen des Lebens. Ein bißchen Verbrechen oder Nervenkitzel, einige Unglücke von irgendwo auf der Welt; Umweltkatastrophen, etwas Mode oder Tierleben fürs Herz und dann allerlei Promi-Klatsch füllen die Spalten und Durchzugskanäle zwischen den Ohren und Sehnerven.

Besonders berechenbar wird das Boulevard, wenn es um Adolf Hitler geht. Aber liegt das am Boulevard oder daran, daß alles, was sich um Adolf Hitler dreht, berechenbar ist?

Allerlei wichtige Meldungen ereilten den aufmerksamem Leser jedenfalls dieser Tage. Eine Berliner Biologin hat erforscht, daß Rosenkohl bei Befall von Schmetterlingseiern Wespen zu Hilfe rufen könne. Der Geschäftsführer des IGES- Instituts, Hans-Dieter Nolting, fand heraus, daß die Finanzkrise bei vielen Leuten zu Schlafstörungen führe. Eine Putzfrau wurde in Hongkong von einer von einem Hochhaus fallenden Seniorin erschlagen. Michael Jacksons Ex-Frau Lisa Marie Presley soll Kontakt zum Geist des verstorbenen „King of Pop“ aufgenommen haben. Er hätte sie aus dem Jenseits um Verzeihung gebeten. Und Alicia Keys hat in Rio bei einem Videodreh ihre Kurven gezeigt.

Bei alledem darf gelegentlich auch der „Führer“ nicht fehlen. Meist durch irgendwelche Meldungen, die noch einmal beweisen, was für ein mieser, ekliger Kerl das gewesen ist. Nun hat die Krefelder Zahnärztin Menevse Deprem-Hennen sich einen deprimierenden Beitrag mit der atemberaubenden Vermutung geleistet, daß der Führer unter Mundgeruch gelitten haben könnte. In ihrer Doktorarbeit mit dem überaus seriös klingenden Titel „Dentist des Teufels“ habe sie herausgefunden, daß Hitler unverständlicherweise offenbar sehr schmerzempfindlich gewesen sein muß und Zahnarztbesuche deshalb nicht besonders gern hatte.

Eine wahrhaft bahnbrechende Erkenntnis, die den abartigen Charakter dieser Gestalt des 20. Jahrhunderts geradezu belegt! Und wie die Massen auf dem Reichsparteitagsgelände wohl gelitten haben mußten, als ihnen während den Reden die Dämpfe aus jener Mundhöhle entgegengewabert sind.

Diese Meldung steht natürlich in der Tradition unzähliger Meldungen über Hitler, die nicht nur durch die vielen „History“-TV-Formate, die Populärwissenschaft und Trivialliteratur geistern. Hitler war demnach schwul, hatte einen unehelichen Sohn namens Siegfried, der 1945 sterben mußte, war impotent, hatte Syphillis, war schizophren, drogensüchtig, hatte angeblich nur einen Hoden und, aufgrund eines Ziegenbisses, einen deformierten Penis. Und so weiter und so fort.

In Theateraufführungen durfte er zudem vorzugsweise nackt oder als schwuler Irrer über die Bühne schreien. All diese Spekulationen sagen indes meist wenig über die historische Figur aus, viel jedoch über diejenigen, die sich so intensiv damit beschäftigen: Vermutlich sind das meiste davon je eigene sadistische und sexuelle Überphantasien, für die Hitler als Projektionsfläche herhalten muß.

Irgendwie ist das sehr berechenbar und dadurch gar nicht prickelnd. Doch Langeweile ist langfristig tödlich für das Boulevard. Das ist einfach auch eine Marketing- und Überlebensfrage angesichts der Krise der Unterhaltungsindustrie. Lustig und spannend würde es hingegen vielmehr, wenn es auch mal überraschende Meldungen gäbe, die den „Führer“ in ein ungeahnt positives Licht rückten. Irgend etwas muß ja schließlich auch gut an ihm gewesen sein. Selbst der bissigste Pitbullterrier hat vielleicht ein schön glänzendes Fell oder treu blickende Augen. Vielleicht hatten Julius Cäser und Albert Einstein zum Beispiel viel mehr Mundgeruch als Hitler? Und vielleicht war der „Führer“ ja ein ausgezeichneter Marathonläufer, trotz des einen Hodens? Vielleicht liebte er es, beim Einkaufen stets im heißen String seinen Adonis-Körper samt Waschbrettbauch der staunenden Frauenwelt und den Fotokameras zu präsentieren? Oder er hatte nicht die besten Zähne, dafür aber die gesündesten Fingernägel nördlich der Alpen? Oder er war Weltrekordhalter im Rosenkohl-Essen? Oder er hat mal eine Putzfrau vor einer vom Hochhaus fallenden Seniorin gerettet? Oder er ist der heimliche Großvater von Michael Jackson und Alicia Keys, die allein seinen Genen ihre sexy Kurven verdankt?

Niemand ist doch nur negativ. Irgend etwas Positives muß schließlich in jedem Menschen zu finden sein, oder? Jetzt sind zumindest alle drittklassigen Historiker, Dentisten oder Journalisten nur noch gefragt, danach zu stöbern und die eigene Phantasie zum Laufen zu bringen.

Fotograf: Adel, Quelle: pixelio.de

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