Sezession
13. Februar 2010

Ich war dabei

Ellen Kositza

Noch auf der Autobahn Richtung Dresden stand keineswegs fest, ob wir uns zu den Trauermärschlern der Jungen Landsmannschaft gesellen würden. Besser: inwiefern den Ankündigungen zu trauen sei, daß es sich um eine würdige Gedenkveranstaltung handeln würde. Die Jahre davor, so hatten uns Veteranen dieser Veranstaltung berichtet, sei das tatsächlich so gewesen. Das sei kein Glatzenaufmarsch, sondern ein sehr stilles, ja schweigsames „Gesichtzeigen“.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Von einem neutralen Punkt aus kann man sich kein Bild machen. Und verläßt man sich in einer solch wichtigen Frage auf die Berichterstattung von außen?

Kurz nach der Autobahnabfahrt die erste Straßensperre durch großes Polizeiaufgebot. Busse und PKW vor uns waren herausgewunken oder umgeleitet worden. „Wollen Sie zum Umzug?“ „Umzug? Ist hier wegen Fasching die Hölle los? Nee, wir haben Karten fürs Machinehead-Konzert.“ Wir parkten drei, vier Kilometer vorm Neustädter Bahnhof. Zu Fuß hatten wir ein paar Polizeiabsperrungen zu passieren. „Wollen Sie zum Trauermarsch?“ - „Ja“. – „Der findet in der Altstadt statt.“ – „Nö, der beginnt am Neustädter Bahnhof!“ - „Na, wollen Sie zum eigentlichen Trauermarsch oder zu den Nazis?“ - „Weder noch, wir wollen zur Veranstaltung der JLO.“

Am Neustädter Bahnhof hat sich vor dem Polizeizelt als Schleuse zur Veranstaltung eine Armee aus Photographen postiert. Zig Kameras werden uns vors Gesicht gehängt. Wie 99 Prozent der anderen Teilnehmer tragen wir keine Sonnenbrillen, allein daran ließen sich schon vorher auf der Straße Linke ganz gut von Rechten unterscheiden - jedenfalls dort, wo's zweifelhaft war. Ein Typ mit Palästinensertuch und Piercings ohne Sonnenbrille dürfte ein „Rechter“ sein, ein ähnlicher Typus mit Sonnenbrille eher ein Linker.

Dresdener Neustadt: Wir haben hier selbst mal zwei Jahre gewohnt. Die Damen und Herren Polizisten von der Kleider- und Taschenkontrolle sind nett bis zur Herzlichkeit, „viel Vergnügen“ wünschen sie leicht deplaziert rundum. Punkt zwölf – Veranstaltungsbeginn -- ist der Platz noch ziemlich leer. Einige ältere Leute, bürgerlich mit Hut und Lodenmantel, stehen herum, und vielleicht 500 jüngere, in schwarzen Hosen und kurzen schwarzen Jacken ohne Aufschriften. Was ist los? „Die ganzen Busse stecken fest“, heißt es auf Anfrage, die „Kameraden“ seien polizeilich an den Stadtgrenzen an der Weiterfahrt gehindert worden. Außerdem hätten Gegendemonstranten Dutzende Kilometer vor Dresden die Schienen blockiert.

Zur Zeit kommen auf jeden „Trauermärschler“ geschätzt anderthalb Polizisten. Unter den Odnungshütern sind ganz vereinzelt Frauen, unter den Kundgebungsleuten auffallend viele – vielleicht 20 Prozent? Neben bürgerlich wirkenden Damen auch zahlreiche junge Mädchen, zum kleineren Teil gepiercte mit auffallend gefärbten Haaren, in der Mehrzahl solche mit Rock und eng taillierten Jacken. Zugewandte Gesichter, freundliches Zulächeln und überhaupt: Im Vergleich zur durchschnittlich bundesdeutschen Fußgängerzone schneidet das Publikum recht günstig ab. Auch die paar bulligen Männer mit tätowierten Köpfen halten sich an Teebechern fest: Es gilt striktes Alkoholverbot. Aus den zwei Hubschraubern, die weiträumig über dem Ort kreisen und gelegentlich für Viertelstunden verschwinden, sind gegen zwei Uhr sechs geworden. Der Platz füllt sich.

Von einem Bekannten kommt eine SMS: Er und seine Freunde haben in Radebeul (!) den Zug verlassen müssen, nun blockieren überall Linke den Weg. Bislang wurde der Platz veranstalterseits mit Wagnerklängen und pathetisch-getragener Filmmusik beschallt, den Leuten gefällt das ganz gut.

Frank Rennicke, der „nationale Barde“ greift zum Mikrophon. Die Ansprache, die er hält, mit heller, schneidender Stimme hat er in den vergangenen 20 Jahren so ähnlich schon hundertemal gehalten. Es geht um die „korrupten Politiker“, die „Politmafia“, die "Linksfaschisten" und so fort, nebenbei natürlich auch um Dresden 1945. Dann greift er zur Klampfe und singt seine alten Schlager. „Deutschland, Deutschland über alles - und das Volk wird neu erstehen“ und so was. Als drittes das Ostpreußenlied, keiner singt mit, die Rotoren der Hubschrauber erschweren zusätzlich das Verständnis. Am Ende wendet sich Rennicke – auch das ein gängiger Topos seiner Reden – an die „jungen Männer und Frauen“ der Polizei. Er selbst jedenfalls habe seine sechs Kinder nicht deshalb in die Welt gesetzt, damit sie diesem Staate dienen, die jungen Leute in Grün mögen mal drüber und über das "System" nachdenken. Und mit Blick zum Himmel: „Wie schön, daß wir hier einer Militärübung beiwohnen dürfen!“


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.