Sezession
14. Februar 2010

Ich war dabei (II)

Martin Lichtmesz

Ich bin im geradezu militärisch abgeriegelten Dresden-Neustadt um etwa halb neun eingetroffen, als die Polizei gerade erst begann, die feindlichen Lager auseinanderzusortieren. Mit dem bloßen Auge ist das gar nicht so einfach. Bei einer Gruppe mit schwarzen Anoraks, Palitüchern und Kapuzen, die neben mir ihr Frühstück einnahm, war es mir auch physiognomisch nicht möglich, die Glaubensrichtung zu bestimmen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Als sie auch noch die "Jungle World" auspackten, gab ich es endgültig auf und fragte nach: es handelte sich um "Rechte", um "Trauermärschler". Als ich mir kurz darauf deren Versammlung angucken wollte, die bis zu diesem Zeitpunkt etwa zwei Dutzend Leute umfaßte, ließ mich der Polizist nicht durch: er glaubte mir partout nicht, daß ich ein "Rechter" sei. Auf der anderen Seite des Bahnhofs war die Antifa-Gruppe etwa dreimal so stark, skandierte laut Parolen und mußte von einem Gürtel schwerbepanzerter Polizisten im Zaum gehalten werden.

Meine nächste Station war der nah gelegene Albertplatz, wo sich laut "Dresden nazifrei" vor allem die "Dresdnerinnen und Dresdner" sammeln und Ansprachen von SPD-Politikern wie Franziska Drohsel und Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter stattfinden sollten. Genau hier sollte der Trauermarsch allerdings durchziehen, weswegen keine Genehmigung erteilt wurde. Daraufhin wurde eine "spontane Versammlung" deklariert, die zum Zeitpunkt meines Eintreffens das Bild einer typischen Antifa-Veranstaltung bot. Kurz darauf wurde der Weg zum Neustädter Bahnhof von der Polizei abgeriegelt und so saß ich nun in diesem Knotenpunkt für den Rest des Tages fest.

"Dresdner und Dresdnerinnen" gab es hier kaum, aber haufenweise linke Gruppierungen, die mit Bussen aus ganz Deutschland angekarrt wurden. Lustigerweise war auch hier alles voll mit schwarzen Anoraks, Piercings, Baseballmützen und Palitüchern. Die Linksradikalen beherrschten überhaupt das gesamte Straßenbild der Neustadt, wobei ihnen die bürgerlichen und eher gutmenschlich motivierten Demonstranten offenbar herzlich egal bis verächtlich waren. Als ich einen Antifanten nach der "Menschenkette" fragte, zischte er: "Menschenkette?? Menschenkette stinkt, damit wollen wir nichts zu tun haben. Bilde lieber einen miesen Mob, das bringt mehr."

Im Gegensatz zu den Rechten vor dem Bahnhof Neustadt, die sich weitgehend an das interne Verbot des Zurschaustellens von allzu eindeutigen Symbolen und Partei-Insignien hielten, war der Albertplatz gesäumt mit Parteifahnen und militanten Transparenten, die in allen nur erdenklichen Rottönen schillerten: von der Antifa über den VVN-BdA bis zu SPD-Jusos, von den "Linken" bis zur Marxistisch-Leninistischen Partei (MLPD) und anderen sozialistischen Splitter- und Kleinstgruppen, von "Ver.di" über die Grünen und die schwarzen Anarchieflaggen bis zu Sowjetstandarten. Und während sogar die CDU soviel Selbstachtung aufbrachte, sich wenigstens hier nicht zu exponieren, war natürlich wer wieder eifrig fahnenschwenkend dabei? Richtig, der nichtswürdige, opportunistische Bodensatz unserer Parteienlandschaft, genannt die Piraten-Partei.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.