Ich war dabei (II)

Ich bin im geradezu militärisch abgeriegelten Dresden-Neustadt um etwa halb neun eingetroffen, als die Polizei gerade erst begann, ...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

… die feind­li­chen Lager aus­ein­an­der­zu­sor­tie­ren. Mit dem blo­ßen Auge ist das gar nicht so ein­fach. Bei einer Grup­pe mit schwar­zen Ano­raks, Pali­tü­chern und Kapu­zen, die neben mir ihr Früh­stück ein­nahm, war es mir auch phy­sio­gno­misch nicht mög­lich, die Glau­bens­rich­tung zu bestimmen.

Als sie auch noch die “Jung­le World” aus­pack­ten, gab ich es end­gül­tig auf und frag­te nach: es han­del­te sich um “Rech­te”, um “Trau­er­mär­sch­ler”. Als ich mir kurz dar­auf deren Ver­samm­lung angu­cken woll­te, die bis zu die­sem Zeit­punkt etwa zwei Dut­zend Leu­te umfaß­te, ließ mich der Poli­zist nicht durch: er glaub­te mir par­tout nicht, daß ich ein “Rech­ter” sei. Auf der ande­ren Sei­te des Bahn­hofs war die Anti­fa-Grup­pe etwa drei­mal so stark, skan­dier­te laut Paro­len und muß­te von einem Gür­tel schwer­be­pan­zer­ter Poli­zis­ten im Zaum gehal­ten werden.

Mei­ne nächs­te Sta­ti­on war der nah gele­ge­ne Albert­platz, wo sich laut “Dres­den nazi­frei” vor allem die “Dresd­ne­rin­nen und Dresd­ner” sam­meln und Anspra­chen von SPD-Poli­ti­kern wie Fran­zis­ka Droh­sel und Jenas Ober­bür­ger­meis­ter Albrecht Schrö­ter statt­fin­den soll­ten. Genau hier soll­te der Trau­er­marsch aller­dings durch­zie­hen, wes­we­gen kei­ne Geneh­mi­gung erteilt wur­de. Dar­auf­hin wur­de eine “spon­ta­ne Ver­samm­lung” dekla­riert, die zum Zeit­punkt mei­nes Ein­tref­fens das Bild einer typi­schen Anti­fa-Ver­an­stal­tung bot. Kurz dar­auf wur­de der Weg zum Neu­städ­ter Bahn­hof von der Poli­zei abge­rie­gelt und so saß ich nun in die­sem Kno­ten­punkt für den Rest des Tages fest.

“Dresd­ner und Dresd­ne­rin­nen” gab es hier kaum, aber hau­fen­wei­se lin­ke Grup­pie­run­gen, die mit Bus­sen aus ganz Deutsch­land ange­karrt wur­den. Lus­ti­ger­wei­se war auch hier alles voll mit schwar­zen Ano­raks, Pier­cings, Base­ball­müt­zen und Pali­tü­chern. Die Links­ra­di­ka­len beherrsch­ten über­haupt das gesam­te Stra­ßen­bild der Neu­stadt, wobei ihnen die bür­ger­li­chen und eher gut­mensch­lich moti­vier­ten Demons­tran­ten offen­bar herz­lich egal bis ver­ächt­lich waren. Als ich einen Anti­fan­ten nach der “Men­schen­ket­te” frag­te, zisch­te er: “Men­schen­ket­te?? Men­schen­ket­te stinkt, damit wol­len wir nichts zu tun haben. Bil­de lie­ber einen mie­sen Mob, das bringt mehr.”

Im Gegen­satz zu den Rech­ten vor dem Bahn­hof Neu­stadt, die sich weit­ge­hend an das inter­ne Ver­bot des Zur­schau­stel­lens von all­zu ein­deu­ti­gen Sym­bo­len und Par­tei-Insi­gni­en hiel­ten, war der Albert­platz gesäumt mit Par­tei­fah­nen und mili­tan­ten Trans­pa­ren­ten, die in allen nur erdenk­li­chen Rot­tö­nen schil­ler­ten: von der Anti­fa über den VVN-BdA bis zu SPD-Jusos, von den “Lin­ken” bis zur Mar­xis­tisch-Leni­nis­ti­schen Par­tei (MLPD) und ande­ren sozia­lis­ti­schen Split­ter- und Kleinst­grup­pen, von “Ver.di” über die Grü­nen und die schwar­zen Anar­chieflag­gen bis zu Sowjet­stan­dar­ten. Und wäh­rend sogar die CDU soviel Selbst­ach­tung auf­brach­te, sich wenigs­tens hier nicht zu expo­nie­ren, war natür­lich wer wie­der eif­rig fah­nen­schwen­kend dabei? Rich­tig, der nichts­wür­di­ge, oppor­tu­nis­ti­sche Boden­satz unse­rer Par­tei­en­land­schaft, genannt die Piraten-Partei.

Auch die “Anti­deut­schen” waren wie­der ver­tre­ten mit apar­ten Mas­sen­mord-Bil­li­gun­gen wie “Die Bom­bar­die­rung Nazi-Dres­dens war gerecht”, was aller­dings vor allem unter den gut­bür­ger­li­chen Wäh­lern der “Lin­ken” älte­ren Semes­ters auf ent­schie­de­nes Miß­fal­len stieß. Eben­so sind offen­bar Isra­el-Fah­nen momen­tan “out”: ein klei­ner Anti­fant, der sich in das mar­kan­te Blau­weiß gehüllt hat­te, wur­de bin­nen kur­zem von einer Grup­pe umzin­gelt, die ihm eine hef­ti­ge Dis­se ver­paß­te (auch bei den Rech­ten hör­te ich spä­ter anti-israe­li­sche Paro­len.) Eine ande­re Grup­pe schwenk­te die Fah­nen der Sie­ger des Welt­kriegs: Sowjet­uni­on, USA, Frank­reich, Großbritannien.

Den Schwen­ker der bri­ti­schen Fah­ne, – ich kann ihn beim bes­ten Wil­len nicht freund­li­cher als einen alten, semi-demen­ten Idio­ten beschrei­ben -, wies ich dar­auf hin, daß von die­ser Nati­on am heu­ti­gen Tag eines der schwers­ten Kriegs­ver­bre­chen gegen Zivi­lis­ten über­haupt ver­übt wor­den ist. Aus sei­nem halb zahn­lo­sen Mund kam irgend­ein Geblub­ber über die “Befrei­ung vom Faschis­mus”. Immer­hin roll­te er kurz dar­auf die Fah­ne wie­der ein. Ande­re wie­der haben sich die jüdi­schen Rächer aus Taran­ti­nos Ing­lou­rious Bas­ter­ds mit­samt Dia­log­zi­ta­ten an Schil­der geklebt: “Don­ny, hier ist ein Deut­scher, der für sein Vater­land ster­ben will. Tu ihm den Gefallen.”
Dane­ben stan­den die Old-School-Sozia­lis­ten mit dem Slo­gan “Nie wie­der Faschis­mus und Krieg”, ganz so, als ob Demo­kra­ten oder Kom­mu­nis­ten kei­ne Krie­ge füh­ren wür­den. Ange­sichts die­ses roten Spuks wirk­ten zwei iso­liert daste­hen­de “Wei­ße Rose”-Träger mit einem Trans­pa­rent “Die Toten mah­nen: Nie wie­der Krieg”, das neben Dres­den auch Guer­ni­ca, War­schau, Ham­burg, Katýn, Ausch­witz, Tokyo, Hiro­shi­ma bis hin zu My Lai, Bel­grad und Sre­bre­ni­ca auf­zähl­te, gera­de­zu wie Leucht­tür­me der Vernunft.

Stim­mungs­mä­ßig war selbst­ver­ständ­lich Kar­ne­val mit viel Par­ty­mu­sik (“99 Luft­bal­lons”, Sir­ta­ki, Pol­kas mit Anti-Nazi-Tex­ten, Rio Rei­sers “König von Deutsch­land”, The Clash, Blur, Die Toten Hosen…) ange­sagt. Fami­li­en kamen mit Kin­dern wie zu einem Volks­fest. Eine über­ge­wich­ti­ge Unter­schich­ten-Mut­ti hat­te sich und ihren Spröß­lin­gen in bun­ten Buch­sta­ben “Gegen Nazis” auf die Stirn gemalt (!). Für die gute Lau­ne waren schrill-tun­tig geklei­de­te Clowns in rosa Tüll und Gold­la­met­ta zustän­dig, die lus­tig her­um­hüpf­ten und trom­mel­ten, zwi­schen­durch auch mal einen ein­sa­men knor­zi­gen Alten anpö­bel­ten, der schlich­te, offen­bar selbst­ver­fer­tig­te Flug­blätt­chen aus­teil­te: “Zum Geden­ken an die Opfer Dresdens”.

Für das appel­la­ti­ve Enter­tain­ment sorg­ten Pro­mis wie Kon­stan­tin Wecker, der natür­lich sei­nen “Wil­ly” in einer Update-Ver­si­on röh­ren durf­te, und Jochen Dis­tel­mey­er mit dem ange­sichts der Sze­ne­rie nicht ganz unpas­sen­den Blum­feld-Gas­sen­hau­er “Die Dik­ta­tur der Angepaßten”.

Zusam­men­ge­hal­ten wur­de die Show von einer enga­gier­ten, bon­mot­be­gab­ten Mode­ra­to­rin (“Hier dür­fen alle mit­ma­chen, hier darf jeder sei­ne Mei­nung sagen, dafür gibt es uns ja!”), die ihre Wort­mel­dun­gen mit ein­schlä­gi­gen Paro­len wie “No pas­a­ran!” und “Aler­ta Anti­fa­scis­ta!” zu been­den pfleg­te.  Für die Poli­zei, die einen eiser­nen Rie­gel in Rich­tung Bahn­hof bil­de­te, gab es abwech­selnd Sei­ten­hie­be und Schul­ter­klop­fen, sowie wie­der­hol­te Mah­nun­gen an das Publi­kum, heu­te doch mal nett zur Staats­ge­walt zu sein. Dazwi­schen gab es Reden von meis­tens weib­li­chen Akti­vis­tin­nen und “Linke”-Politikerinnen im übli­chen unsäg­li­chen Sound zwi­schen Alar­mis­mus, schrof­fen For­de­run­gen und Betroffenheitstremolo.

Da ging man dann auch schnur­stracks an das Ein­ge­mach­te, den eigent­li­chen Zweck sol­cher Auf­mär­sche: jenen poli­ti­schen Druck auf die Mit­te, den Götz Kubit­schek neu­lich tref­fend beschrie­ben hat. “Haß”, “Gewalt”, “Nazis” und die abgrund­tie­fe Bös­heit einer nicht-sozia­lis­ti­schen “Geschichts­um­schrei­bung” wur­den da beschwo­ren und der Skan­dal, daß der Staat die Anti­fa­schis­ten in ihrem Kampf “gegen Nazis” in irgend­ei­ner Wei­se behin­de­re und “kri­mi­na­li­sie­re”, selbst­re­dend ver­bun­den mit der For­de­rung nach einem Ver­bot “aller faschis­ti­schen Par­tei­en”.  Gehetzt wur­de gegen den “Bund der Ver­trie­be­nen” eben­so wie gegen den “Stamm­tisch”, denn “Ras­sis­mus und Faschis­mus” sei­en natür­lich “tief in der Mit­te der Gesell­schaft ver­wur­zelt”, wes­we­gen man den Kampf gegen Rechts umso erbit­ter­ter und uner­müd­li­cher zu füh­ren habe.

Das wider­sprach etwas der Behaup­tung eines spä­te­ren Red­ners: “Wir sind kei­ne Links­ex­tre­mis­ten, wir sind Men­schen aus der Mit­te der Gesell­schaft”, ange­sichts eines Mee­res aus roten und schwar­zen Fah­nen, zum Teil geschmückt mit fünf­za­cki­gem Stern und Ham­mer und Sichel, eine Per­le unfrei­wil­li­gen Humors. Zu dem eigent­li­chen Geden­ken die­ses Tages fiel der Mode­ra­to­rin nichts wei­ter ein, als daß das Bom­bar­de­ment immer­hin einen Juden­trans­port ver­hin­dert hät­te. Daß die betrof­fe­nen Juden dabei zum Teil eben­so weg­ge­bombt wur­den, kam ihr dabei wohl nicht in den Sinn.

Inzwi­schen steck­ten die Rech­ten auf dem Schle­si­schen Platz vor dem Bahn­hof Neu­stadt fest.  “Die Poli­zei kann kei­ne Demo gewäh­ren, weil es die Sicher­heits­la­ge nicht zuläßt”, ver­kün­de­te die Spre­che­rin am Albert­platz tri­um­phie­rend, und füg­te hin­zu: “Wir wer­den die Sicher­heits­la­ge ent­spre­chend gestal­ten, damit das noch mög­lichst lang so bleibt.” All das demen­te “Bunt statt Braun”-Party-Gedöns und “Fried­lich-demo­kra­ti­scher Widerstand”-Gesülze ver­steck­te nur not­dürf­tig die laten­te Gewalt- und Eska­la­ti­ons­an­dro­hung. Damit über die zu erwar­ten­den Fol­gen auch ja kei­ne Unklar­heit bestehe, kipp­ten Anti­fas schon mal Autos um, ohne daß weit und breit eine ein­zi­ge Nazi­so­cke die Innen­stadt betre­ten hät­te.  Andern­orts wur­de ein gro­ßer Müll­con­tai­ner mit­ten auf die Stra­ße gezerrt und in Brand gesteckt, wäh­rend eini­ge Ver­mumm­te davor stolz posier­ten. Ich habe kei­nen Zwei­fel, daß die Poli­zei aus ihrer War­te her­aus rich­tig gehan­delt hat: wäre der JLO-Marsch geneh­migt wor­den, hät­te es saf­tig gekracht in der Stadt, auf eine Wei­se, die auch der stärks­te Schutz des JLO-Demons­tra­ti­ons­zugs nicht mehr unter Kon­trol­le gehabt hätte.

Gegen vier Uhr war mein Ekel der­ma­ßen ange­wach­sen, daß ich Regen­bo­gen kot­zen woll­te und mir sehn­süch­tig wünsch­te, der Trau­er­marsch wür­de doch noch in Bewe­gung kom­men, allein um all den Blo­cka­de-Schrei­häl­sen eins aus­zu­wi­schen. Ich hat­te genug gese­hen und foto­gra­fiert, ich woll­te nun auch in den ein­ge­schlos­se­nen Alca­zar hin­ein. An den Absper­run­gen sag­te ich den Poli­zis­ten, daß ich auf die ande­re Sei­te möch­te, um mich den Rech­ten anzu­schlie­ßen. Aber­mals wur­de mir nicht geglaubt: “Gehö­ren Sie denn da auch dazu?” “Naja, wie man’s nimmt!”

Erst nach einem lan­gen Umweg wur­de ich zumin­dest an den Neu­städ­ter Bahn­hof vor­ge­las­sen. Die Trau­er­mär­sch­ler waren wie die Tie­re in einem Frei­ge­he­ge ein­ge­zäunt. Als ich ankam, wur­de gera­de “Wir sind das Volk” skan­diert und der “Links­fa­schis­mus” ange­grif­fen. Es war weni­ge Minu­ten bevor Björn Cle­mens die Ver­an­stal­tung  mit einer zor­ni­gen Abschluß­re­de für been­det erklär­te. Er ver­wies auf das Wider­stands­recht des Grund­ge­set­zes, zitier­te gar, wenn ich rich­tig gehört habe, Brecht: “Wo Unrecht zu Recht wird, wird Wider­stand zur Pflicht!”, und warf der Poli­zei vor, inzwi­schen eine ähn­li­che volks­feind­li­che Rol­le zu spie­len wie die Poli­zei wäh­rend des Zer­falls der DDR.

Die Demons­tran­ten flu­te­ten nun in die Bahn­hofs­hal­le zurück. Ihre Gesich­ter unter­schie­den sich im Guten wie im Schlech­ten kaum von denen, die ich auf lin­ker Sei­te gese­hen hat­te. Sie waren durch die Bank jung bis sehr jung. Sie tru­gen Fah­nen in Schwarz­weiß­rot, die Flag­gen von Bran­den­burg, Ost­preu­ßen, Bay­ern und ande­ren Län­dern. Nun ent­lud sich der Frust, der sich stun­den­lang auf­ge­staut hat­te.  Mit einem Schlag ertön­te ein laut­star­kes und wüten­des “Frei, sozi­al und natio­nal” durch die Bahn­hofs­hal­le. Ande­re grif­fen tie­fer in die Pro­vo­ka­ti­ons­kis­te und rie­fen den ver­bo­te­nen Slo­gan “Ruhm und Ehre der Waf­fen-SS!”, folg­ten aber ins­ge­samt dem Auf­ruf der Ver­an­stal­ter, die Ruhe zu bewah­ren und sich nicht pro­vo­zie­ren zu lassen.

Bis ich nach Ber­lin zurück­kam, ver­gin­gen auf­grund der kol­la­bier­ten Zug- und Bus­fahr­plä­ne noch etli­che Stun­den. Das letz­te, das ich sah, war eine Sze­ne am Haupt­bahn­hof. Die Trep­pen in der Innen­hal­le waren voll mit war­ten­den schwarz­ge­klei­de­ten Anti­fan­ten. Als einer plötz­lich aus­rief “Nazis!!”, ström­te der gan­ze Saal blitz­ar­tig in die Rich­tung des Rufes. Die Poli­zei stürz­te hin­ter­her, die Anti­fa­mas­sen flu­te­ten zurück, stie­ßen ein paar Poli­zis­ten aus dem Weg, und schrien dabei “Deut­sche Poli­zis­ten schüt­zen die Faschisten”.

Was ler­nen wir aus all dem?

 

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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