Sezession
14. Februar 2010

Ich war dabei (II)

Martin Lichtmesz

Auch die "Antideutschen" waren wieder vertreten mit aparten Massenmord-Billigungen wie "Die Bombardierung Nazi-Dresdens war gerecht", was allerdings vor allem unter den gutbürgerlichen Wählern der "Linken" älteren Semesters auf entschiedenes Mißfallen stieß. Ebenso sind offenbar Israel-Fahnen momentan "out": ein kleiner Antifant, der sich in das markante Blauweiß gehüllt hatte, wurde binnen kurzem von einer Gruppe umzingelt, die ihm eine heftige Disse verpaßte (auch bei den Rechten hörte ich später anti-israelische Parolen.) Eine andere Gruppe schwenkte die Fahnen der Sieger des Weltkriegs: Sowjetunion, USA, Frankreich, Großbritannien.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Den Schwenker der britischen Fahne, - ich kann ihn beim besten Willen nicht freundlicher als einen alten, semi-dementen Idioten beschreiben -, wies ich darauf hin, daß von dieser Nation am heutigen Tag eines der schwersten Kriegsverbrechen gegen Zivilisten überhaupt verübt worden ist. Aus seinem halb zahnlosen Mund kam irgendein Geblubber über die "Befreiung vom Faschismus". Immerhin rollte er kurz darauf die Fahne wieder ein. Andere wieder haben sich die jüdischen Rächer aus Tarantinos Inglourious Basterds mitsamt Dialogzitaten an Schilder geklebt: "Donny, hier ist ein Deutscher, der für sein Vaterland sterben will. Tu ihm den Gefallen."
Daneben standen die Old-School-Sozialisten mit dem Slogan "Nie wieder Faschismus und Krieg", ganz so, als ob Demokraten oder Kommunisten keine Kriege führen würden. Angesichts dieses roten Spuks wirkten zwei isoliert dastehende "Weiße Rose"-Träger mit einem Transparent "Die Toten mahnen: Nie wieder Krieg", das neben Dresden auch Guernica, Warschau, Hamburg, Katýn, Auschwitz, Tokyo, Hiroshima bis hin zu My Lai, Belgrad und Srebrenica aufzählte, geradezu wie Leuchttürme der Vernunft.

Stimmungsmäßig war selbstverständlich Karneval mit viel Partymusik ("99 Luftballons", Sirtaki, Polkas mit Anti-Nazi-Texten, Rio Reisers "König von Deutschland", The Clash, Blur, Die Toten Hosen...) angesagt. Familien kamen mit Kindern wie zu einem Volksfest. Eine übergewichtige Unterschichten-Mutti hatte sich und ihren Sprößlingen in bunten Buchstaben "Gegen Nazis" auf die Stirn gemalt (!). Für die gute Laune waren schrill-tuntig gekleidete Clowns in rosa Tüll und Goldlametta zuständig, die lustig herumhüpften und trommelten, zwischendurch auch mal einen einsamen knorzigen Alten anpöbelten, der schlichte, offenbar selbstverfertigte Flugblättchen austeilte: "Zum Gedenken an die Opfer Dresdens".

Für das appellative Entertainment sorgten Promis wie Konstantin Wecker, der natürlich seinen "Willy" in einer Update-Version röhren durfte, und Jochen Distelmeyer mit dem angesichts der Szenerie nicht ganz unpassenden Blumfeld-Gassenhauer "Die Diktatur der Angepaßten".

Zusammengehalten wurde die Show von einer engagierten, bonmotbegabten Moderatorin ("Hier dürfen alle mitmachen, hier darf jeder seine Meinung sagen, dafür gibt es uns ja!"), die ihre Wortmeldungen mit einschlägigen Parolen wie "No pasaran!" und "Alerta Antifascista!" zu beenden pflegte.  Für die Polizei, die einen eisernen Riegel in Richtung Bahnhof bildete, gab es abwechselnd Seitenhiebe und Schulterklopfen, sowie wiederholte Mahnungen an das Publikum, heute doch mal nett zur Staatsgewalt zu sein. Dazwischen gab es Reden von meistens weiblichen Aktivistinnen und "Linke"-Politikerinnen im üblichen unsäglichen Sound zwischen Alarmismus, schroffen Forderungen und Betroffenheitstremolo.

Da ging man dann auch schnurstracks an das Eingemachte, den eigentlichen Zweck solcher Aufmärsche: jenen politischen Druck auf die Mitte, den Götz Kubitschek neulich treffend beschrieben hat. "Haß", "Gewalt", "Nazis" und die abgrundtiefe Bösheit einer nicht-sozialistischen "Geschichtsumschreibung" wurden da beschworen und der Skandal, daß der Staat die Antifaschisten in ihrem Kampf "gegen Nazis" in irgendeiner Weise behindere und "kriminalisiere", selbstredend verbunden mit der Forderung nach einem Verbot "aller faschistischen Parteien".  Gehetzt wurde gegen den "Bund der Vertriebenen" ebenso wie gegen den "Stammtisch", denn "Rassismus und Faschismus" seien natürlich "tief in der Mitte der Gesellschaft verwurzelt", weswegen man den Kampf gegen Rechts umso erbitterter und unermüdlicher zu führen habe.

Das widersprach etwas der Behauptung eines späteren Redners: "Wir sind keine Linksextremisten, wir sind Menschen aus der Mitte der Gesellschaft", angesichts eines Meeres aus roten und schwarzen Fahnen, zum Teil geschmückt mit fünfzackigem Stern und Hammer und Sichel, eine Perle unfreiwilligen Humors. Zu dem eigentlichen Gedenken dieses Tages fiel der Moderatorin nichts weiter ein, als daß das Bombardement immerhin einen Judentransport verhindert hätte. Daß die betroffenen Juden dabei zum Teil ebenso weggebombt wurden, kam ihr dabei wohl nicht in den Sinn.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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