17. Februar 2010

Biedermänner und Brandstifter (Rückblick auf Dresden)

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Berichterstattung der Mainstream-Medien über die Demoblockade von Dresden geriet wie erwartet zum diffusen Feelgood-Geschunkel, gepflastert mit dem üblichen abgedroschenen Vokabular, das auf Reflexe und Emotionen, nicht aber auf Erhellung der Situation abzielt.

Eine kleine Auswahl, erstellt via Google-News-Suche:  "Ein Bollwerk gegen die Ewiggestrigen" (Zeit online)."Dresden und die Neonazis: die anständigen Aufständischen" (Stern).  "Dresden bietet Neonazis die Stirn" (Focus). "Dresdner Debakel für die Neonazis stärkt die Zivilgesellschaft" (Wiener Zeitung)."Buntes Dresden stoppt braune Einfalt" (Neues Deutschland).  "Dresden wehrt sich erfolgreich gegen Rechts" (Welt).  "Dresden stemmt sich gegen die Geschichtsklitterer" (Spiegel Online).

Kritisch-analytische Betrachtungen konnte man in den letzten Tagen allenfalls in den Nischen der Blogosphäre finden. Darum ist es Eckhard Jesse hoch anzurechnen, daß er als einer der wenigen Kommentatoren unbestechlich geblieben ist und nun deutlich ausgesprochen hat, daß sich die Demo-Blockierer "über Recht und Gesetz hinweggesetzt“ haben.  Der Triumph der Gegendemonstranten war zugleich eine "Niederlage des Rechtsstaates".

Niemand, der die Lage nüchtern betrachtet, wird Jesse hier widersprechen können, und nüchternes Denken ist in einem Deutschland, dessen Verstand von "Nazi"-Komplexen und -affekten vernebelt ist, eine Seltenheit geworden. Während die Medien ständig von "Dresden" sprachen, das vereint den JLO-Marsch verhindert hätte, sah die konkrete Arbeitsteilung anders aus: Während sich in der Altstadt die Bürgerlichen, die sauber bleiben wollenden Politiker und die eher weich-gutmenschlich Motivierten risikolos an den Händchen hielten und im "Lichterkette"-Rausch schwelgten, erledigte die radikale bis militante Linke in der verbarrikadierten Neustadt die Drecksarbeit. Sie, und nicht etwa die Händchenhalter mit den weißen Blümchen und den demonstrativ weißen Westen ("gewaltlos und bunt"), schafften es, den Staat durch eine latente Eskalationsandrohung in ihrem Sinne zu erpressen.

Damit ist weit mehr geschehen, als "Nazis" von den Straßen fernzuhalten. Eine gängige Phrase der Berichterstattung war der Vorwurf, die Trauermärschler würden das Gedenken zu politischen Zwecken "mißbrauchen" und in eigener Sache "instrumentalisieren".  Wenn  man aber schon von "Mißbrauch" spricht, dann darf man über die massive Instrumentalisierung des Anlasses - sowohl des Gedenktages als auch der JLO-Demo - durch eine vereinte Linke (das inkludiert eine Quasi-Volksfront von den Antifas über "Die Linke", über die Grünen bis zu "Ver.di" und den Jusos) nicht schweigen.

Die ganze Neustadt Dresdens wurde mit Billigung der Menschenkette-Biedermänner den Brandstiftern überlassen, die diese Plattform massiv zur politischen Werbung und Aufpeitschung benutzten, und die es eben nicht nur auf das nach Kräften dämonisierte braune Schreckgespenst, sondern auch und vor allem auf die Biedermänner in der Mitte selbst abgesehen haben. Die Sturmtruppen, deren Anwesenheit ausschlaggegebend war, um den Trauermarsch zu stoppen, kamen zum Großteil nicht aus Dresden selbst, trugen indessen Transparente mit Aufschriften wie "Die Bombardierung Nazi-Dresdens war gerecht", "Nation. Dresden. Scheiße" und organisierten am selben Tag eine laut Indymedia über 1.200 Mann starke Demo unter dem Motto "Keine Versöhnung mit Deutschland", die auch gegen das moderate Gedenken Front machte: "Mit der Demo sollte das Gedenken an sogenannte deutsche Opfer kritisiert werden..."

Der Vorwurf des politischen "Mißbrauchs" an die JLO ist nicht der einzige, der sich mühelos auf die Gegenseite anwenden läßt. Man nehme zum Beispiel die Wochenendausgabe der Sächsischen Zeitung, die auf der Titelseite eine Zeichnung mit Hunderten Figürchen brachte, die eine große "bunte" Kette bilden, in der Mitte ein Fenster in Dunkelbraun mit einer weißen Rose und der Überschrift: "Am 13. Februar Hand in Hand gegen den braunen Haß". Der Text dazu ist durchaus exemplarisch und bringt den Geist des offiziellen, "mittigen" Gedenkens auf den Punkt:
Seit einiger Zeit stören Neo-Nazis diese stille Suche nach Trost und Versöhnung. Sie setzen auf Haß, sie heucheln Trauer - und besudeln damit die Opfer und damit Dresden.

Nun gibt es an dem JLO-Marsch und dem Milieu, das ihn trägt, vieles zu kritisieren (ich und andere haben dies hier im Netz-Tagebuch auch ausführlich getan). In der Konzeption, dem deklarierten Anliegen und dem Stil des Trauermarsches kann ich nun beim besten Willen keinen "Haß" entdecken (genausowenig wie irgendetwas "Undemokratisches").  Stattdessen sah ich allerdings eine Menge Zorn, was nicht dasselbe ist wie Haß, ein Zorn, der durchaus nachvollziehbar und berechtigt ist, und keineswegs einer "dumpfen Einfalt", wie ein weiteres beliebtes Schlagwort lautet, entspringt. Es ist der Zorn über die Lüge, die Ungerechtigkeit und die doppelte Moral, die den Staat und die Medien zur Bürgerkriegspartei machen.

Denn wenn nun Antifanten Müllcontainer anzünden, Autos demolieren, politische Gegner und Polizisten tätlich angreifen und "Nazis töten" auf die Plakate schreiben, dann ist das offenbar kein "Haß".  Wenn zu lauter Partymusik und Volksfeststimmung Pogo getanzt wird, dann stört das offenbar nicht "die stille Suche nach Trauer und Versöhnung".  Wenn an diesem Tag schrill gekleidete Clowns fröhlich trommelnd herumhüpfen, wenn die Bombardierung der Stadt für gerechtfertigt erklärt wird, wenn die Fahnen der Zerstörer Dresdens und der Sieger des Krieges geschwenkt werden, dann werden "die Opfer und damit Dresden" offenbar nicht "besudelt".  Und wenn die vom Bahnhof Neustadt deportierten Juden als fetischisiertes Schlagwort herhalten müssen, um alle anderen Verbrechen des Krieges zu rechtfertigen oder zu beschönigen und um sich selbst eine politisch-moralische Legitimation auf die Brust zu heften, dann wird nicht "Trauer geheuchelt".

Zu dieser empörenden Verlogenheit kommt eine verräterisch verkitschte Sprache hinzu, die im Kern all das enthält, was das offizielle Gedenken von Dresden so problematisch macht. Nochmal die Titelseite der Sächsischen Zeitung:
Dresden vor 65 Jahren (...) - seit fünfeinhalb Jahren tobt der Krieg, von Nazi-Deutschland über die Welt gebracht. Doch dessen Ende, der Sieg der Opfer über die Täter, naht. (...) Jahr um Jahr wird am 13. Februar der Opfer dieses Grauens gedacht - der Opfer von Dresden, Coventry oder Warschau, der Millionen, die in diesem Krieg sterben mußten.

Die Generalklausel der deutschen Alleinkriegsschuld (die übrigens nicht einmal zu halten ist, wenn man der etablierten Geschichtsschreibung folgt) und damit die implizite Rechtfertigung und Entschuldung des Handelns der anderen Kriegsparteien, die Umdeutung der Sieger des Kriegs zu "Opfern" (ein ziemlich krasses Beispiel für grob simplifizierende, propagandistische Verschlagwortung), schließlich die Auflösung der konkreten Opfer eines konkreten Kriegsverbrechens in die ununterschiedene Allgemeinheit aller im Krieg Umgekommenen -  das sind Axiome, die die Offiziösen mit dem linken Rand verbinden, der sie radikalisiert und auf die Spitze treibt, und die das offizielle Gedenken so verkorkst, halbgar und feige machen.

In der Tat wurde selbst der ökumenische Gedenkgottesdienst in der Kreuzkirche dazu benutzt ("mißbraucht"?), eben nicht hinzusehen auf die Opfer des 13. und 14. Februar und um sie zu trauern, sondern um mit dem Hinweis auf die "70 Gerechten" erneut das Bewußtsein der deutschen Schuld zu stärken:
Beim ökumenischen Gottesdienst in der Kreuzkirche wurden Texte von Victor Klemperer verlesen und all den anderen Dresdner Juden gedacht, die, den Deportationsschein schon in der Tasche, durch die Bombennacht wie ein Wunder mit dem Leben davonkamen.

In dieser Schieflage ist es kein Wunder, wenn das Verdrängte in Form eines JLO-Trauermarsches wiederkehrt und den verängstigten Bürger an seine verschüttete Geschichte, an sein verleugnetes Ich erinnert. "Versöhnung" bedeutet ihm, sich selbst zu vergessen, bis er nicht mehr Roß noch Reiter zu nennen imstande ist. Der "Nazi" ist nichts anderes als sein "Schatten" im Sinne C. G. Jungs. Er reagiert regressiv und mit der Flucht in den Kitsch, was schon allein der häufige Gebrauch der infantilen Vokabel "bunt" signalisiert. Kitsch ist es auch, eine Gegendemo am Jahrestag der Bombardierung unter anlaßferne Motti wie "gegen Fremdenfeindlichkeit" und den Klassiker "für Weltoffenheit und Toleranz" zu stellen. Während die Lämmer artig blöken und in ihrer eigenen Sentimentalität Vollbäder nehmen, schicken sie die Sturmtruppen los, um all das Häßliche, Verdrängte und Unbequeme, das da in Form eines rechtsradikalen Trauerzugs herannaht, mit Gewalt zu unterdrücken, um den Preis, bald selbst zu den nützlichen Deppen ihrer Bodentruppe und zu ihren eigenen Kerenskis zu werden.

Aber keine Angst. Die Schwenker der roten Fahnen, der fünfzackigen Sterne, der Hammer-und-Sichel-Embleme sind nicht mehr die knallharten Kämpfer, die der Welt einst Bürger- und Guerillakriege, Hungersnöte, Gulags und Umerziehungslager, Deportationen, Genozide, Massenerschießungen, Gedankenkontrolle und Polizeistaaten beschert haben. Was in Dresden in allen sozialistischen Farbschattierungen schillerte, waren alte Deppen, einfältige Biedermänner und verhetzte Kinder ohne Lebenssinn und ohne Zukunft, mit "bunter" Kleidung und schwarz-weißer Denke, der pathologische Entzündungsherd eines Volkes, das einen frenetischen Mehrfrontenkrieg für seine eigene Abschaffung kämpft, um letztlich den Platz frei zu machen für stärkere Bataillone, die gewiß kommen werden.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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