Sezession
24. Februar 2010

Schwarzes Erdbeben

Gastbeitrag

von Claus Wolfschlag

Der alte weiße Mann ist ein Übel, weshalb sich die europäische Welt auch in eine „bunte“, eine „farbige“ Welt umzuwandeln habe. Vor einigen Tagen ermöglichte es die Frankfurter Rundschau in einem Interview dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler, die These von der angeblichen Schuld des weißen Mannes neu in den Ring zu werfen.

Ziegler, Sohn eines protestantischen Amtsrichters, wurde 1934 in Thun geboren. Der Soziologe war bis 1999 Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei seines Landes. Bis 2008 fungierte er als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, im Auftrag der Menschenrechtskommission und des Menschenrechtsrats. Außerdem ist er bei der Organisation "Business Crime Control" engagiert. Er selbst bezeichnet sich angeblich als Kommunist, lobt auch schon mal die Politik Kubas. Die These vom Bevölkerungswachstum als Ursache von sozialem Elend lehnt er natürlich ab. Es komme schließlich nur auf die „gerechte“ Umverteilung der Güter an. Dann könnten 12 Milliarden Menschen - zu welchem Zweck auch immer - durchgefüttert werden.

Zieglers Hauptanliegen ist aber ein anderes: die schwarze Weltrevolution. In der Hoffnung, die außereuropäischen Völker könnten sich gegen die weißen Europäer erheben, sieht er ein weltweites gesellschaftsveränderndes und für seine Ziele attraktives Potential.

Um allgemeine Empörung über diese kaum versteckt vorgetragene Absicht klein zu halten, wird - natürlich - die Schuldkeule bedient. Am Elend der Erdbebenopfer in Haiti etwa sind wieder mal die Weißen schuld:

„Der Westen kümmert sich viel zu spät um Haiti. Das Land war uns ja bisher praktisch egal. Aber genau das rächt sich jetzt, im Moment der Katastrophe.“

Zur humanitären Hilfe dieses Westens erläutert Ziegler:

„Wie viele Menschen wurden denn gerettet? Unter über 200000 Toten genau 137. Das ist nicht viel. Kuba hat einen Zivilschutz, genau so wie die Dominikanische Republik und viele andere. In Haiti gab es nichts davon. Hier wurde der Aufbau eines Nationalstaates verhindert.“

Fragt sich bloß, wer die Haitianer davon abgehalten hat, funktionierende staatliche Strukturen aufzubauen. Ziegler bleibt die Antwort schuldig. Dabei erlangte Haiti schon 1804, also in der napoleonischen Zeit, seine Unabhängigkeit. Das ist über 200 Jahre her! Gejammer mit langem Nachhall also. Nach Zieglers Theorie aber sind für die Erdbebenopfer im Port-au-Prince des Jahres 2010 und die katastrophalen gesellschaftlichen Zustände des Landes letztlich immer noch die kolonialen Erfahrungen der Vergangenheit schuld. Merkwürdig nur, daß das Nachbarland Dominikanische Republik zwar erst Jahrzehnte später (1844 bzw. 1865) unabhängig wurde, heute aber wirtschaftlich viel besser dasteht. Merkwürdig auch, daß manch asiatisches Land erst Mitte des 20. Jahrhunderts die Kolonialherrschaft abstreifen konnte, heute aber zu den wirtschaftlich boomenden Regionen des Erdballs zu zählen ist. Und dies, ohne daß darin die Ursache in den weißen Ex-Kolonialherren gesucht wird.


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