Sezession
22. Februar 2010

Hommage à Luis Buñuel

Martin Lichtmesz

Ganz rund ist der Jahrestag meines heutigen Kalenderblatts zwar nicht, dennoch möchte ich heute ein paar Zeilen dem Werk von Luis Buñuel widmen, der am 22. Februar 1900 im aragonischen Calanda geboren wurde. Zwischen 1929 und 1977 drehte Buñuel über dreißig Filme in Frankreich, Spanien und Mexiko. Er gilt als einer der großen Subversiven, Provokateure und Umstürzler des Kinos mit einer von Skandalen gesäumten Karriere.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Der aus einem großbürgerlichen (sein Vater war ein vermögender Selfmade-Mann und Gutsbesitzer), streng katholischen Milieu stammende Buñuel schloß sich im Paris der zwanziger Jahre den Surrealisten um André Breton an und wurde zum glühenden Sympathisanten des Kommunismus.

Sein Regiedebüt, der gemeinsam mit Salvador Dalí geschriebene Kurzfilm "Ein andalusischer Hund", eine wüste Bilderfolge aus Traum- und Schockbildern, wurde zum kanonischen Werk der Avantgarde. Nach einem langen Karrieretief tauchte Buñuel in den fünfziger Jahren wieder aus der Versenkung auf. Im mexikanischen Exil, in das er sich über die Zwischenstation USA nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs zurückgezogen hatte, enstanden Klassiker wie "Los Olvidados" (1950) und "Nazarin" (1958), in Frankreich seine heute bekanntesten Filme wie "Belle de Jour" (1967) und "Der diskrete Charme der Bourgeoisie" (1972).

Buñuel zählt auch heute noch zu den Cineasten-Göttern, wenngleich die kultische Verehrung, die er in den sechziger und siebziger Jahren genoß, gewiß abgenommen hat. Ich kann mich an einen Artikel in einer alten JF erinnern, in dem er als Liebling der linken Cine-Snobs und seine Filme als Schnee von vorgestern aus der Zeit der Programmkinos hingestellt wurde. In der Tat hat Buñuel seine stärkste öffentliche Wirkung entfaltet, als die politischen Schlachten noch nicht so nachhaltig entschieden waren wie heute. Die Zitadellen, die Buñuel zu stürmen suchte, wie Kirche, Militär, Bürgertum sind längst eingenommen.

Viele der "blasphemischen" Witze und sozialen Gags Buñuels werden vom heutigen Publikum zum Teil kaum mehr verstanden. Um ihn voll zu erfassen, muß man mit dem kulturellen Resonanzraum seiner Bilder vertraut sein, einen "Draht" zu seiner spezifischen Sensibilität besitzen.  Die "subversive" Spannung und die subtile Erotik seiner Filme fußt auf einer Dialektik zwischen Verbot und Übertretung, die in einer weitgehend permissiven Zeit aufgehoben ist. In seinem Lebensrückblick "Mein letzter Seufzer" (eines der schönsten Erinnerungsbücher überhaupt) schrieb er:

Tod und Glaube. Ihre Allgegenwart und Macht. Im Kontrast dazu war die Lebensfreude um so stärker. Die Vergnügen, stets ersehnt, gewannen an Intensität, wenn es gelang, sie zu befriedigen. Hindernisse verstärkten die Freude noch.

Dieser Zwiespalt zog sich auch durch die widersprüchliche Person des Regisseurs. Fasziniert vom Radikalismus, führte er ein beschauliches gutbürgerliches Leben mit einer Jahrzehnte anhaltenden glücklichen Ehe. Als "Atheist von Gottes Gnaden" war er zeitlebens von der Welt des Katholizismus, in der er aufgewachsen war, ebenso fasziniert wie abgestoßen. Zu seinen engen Freunden zählten Priester ebenso wie radikale Kommunisten. Und immerhin stand die Welt des Glaubens auf verquere Weise der Welt des Irrationalen und Unerklärlichen nahe, die der Surrealismus gegen die Rationalisierung, Mechanisierung und Entzauberung der Welt ins Spiel gebracht hatte.

"Die Milchstraße" (1969) erschien den einen als "antireligiöser Kampffilm", den anderen, wie etwa Julio Cortázar, kam der Film vor, "als wäre er vom Vatikan bezahlt."  Filme wie "Nazarin" und "Viridiana" (1961) sind weit davon entfernt, antireligiöser Agitprop zu sein wie noch "L'Age d'Or" (1930). Im Gegenteil zeigen sie mit einer durch feine Ironie gebrochenen Sympathie christliche Toren, deren konsequent umgesetztes Ideal an den Realitäten der Welt, der Gesellschaft und des Menschseins scheitert.

Auch Buñuels frühe Leidenschaft für den Kommunismus beruhte weniger auf einem sozialen Engagement als auf der Faszination an der Gewalt, dem Umsturz, der Ikonoklastik und der Umwertung aller Werte, gemäß dem berühmten Diktum von Breton, daß der einfachste surrealistische Akt darin bestünde, mit einem Revolver wahllos in die Menge zu feuern.  Noch am Ende seines Lebens bekannte er:

Die Symbolik des Terrorismus, die unserem Jahrhundert zu eigen ist, hat mich immer angezogen. Ich meine den totalen Terrorismus, der auf die Zerstörung jeder Gesellschaft zielt, der ganzen menschlichen Rasse. Aber ich habe nur Verachtung für die, die aus dem Terrorismus eine politische Waffe im Kampf um irgendeiner Sache willen machen.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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