Sarrazin und der Afterwissenschaftler

Vor einigen Wochen geisterte die Kunde von einem Gutachten durch die Nachrichtenportale, in dem der Nachweis geführt worden sein sollte, daß Sarrazins Äußerungen im Lettre-Interview als rassistisch zu bewerten seien. Als ich den Autor, den Politikwissenschaftler Gideon Botsch, anrief und um das Gutachten bat, reagierte der äußerst verschreckt und wollte nicht mit mir reden. Nun hat sich Sarrazin selbst zu diesem merkwürdigen Schriftstück geäußert.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Ste­fan Klein von der Süd­deut­schen Zei­tung hat ihn in Ber­lin getrof­fen und teilt uns in der heu­ti­gen Print­aus­ga­be der SZ eini­ge Bemer­kun­gen mit. “Er sagt, das Gut­ach­ten sei intel­lek­tu­ell und mora­lisch so unsau­ber, so schlei­mig, so wider­lich, daß jeder, der es anfas­se, Gefahr lau­fe, sich zu beschmut­zen.” Wört­lich sagt Sar­ra­zin: “Was so ein After­wis­sen­schaft­ler schreibt, kann nie­mals an mir kle­ben.” Auf Nach­fra­ge führt er aus: “Ein After­wis­sen­schaft­ler! So einer, wie ihn Scho­pen­hau­er mal abge­kan­zelt hat: Sehr geehr­ter Herr Sound­so, ich sit­ze auf einem gewis­sen Ört­chen und habe Ihre Kri­tik vor mir, bald wer­de ich sie hin­ter mir haben.”

Was hat es mit die­sem Gut­ach­ten auf sich? Das war lan­ge nicht her­aus­zu­krie­gen, aber schließ­lich lan­de­ten die­se 21 Sei­ten doch auf mei­nem Schreib­tisch. Der SPD-Kreis­ver­band Span­dau und die SPD-Abtei­lung Alt-Pan­kow haben Botsch beauf­tragt, fol­gen­de Fra­ge zu beant­wor­ten: “Sind die Äuße­run­gen von Dr. Thi­lo Sar­ra­zin im Inter­view mit der Zeit­schrift Lett­re Inter­na­tio­nal (deut­sche Aus­ga­be, Heft 86) als ras­sis­tisch zu bewer­ten?” Im Hin­ter­grund steht der Wunsch von Raed Saleh, Vor­sit­zen­der der Span­dau­er SPD, Sar­ra­zin aus der SPD zu ent­fer­nen. Des­halb läuft ein Par­tei­ord­nungs­ver­fah­ren gegen Sar­ra­zin, und Botsch soll die Muni­ti­on liefern.

Und das tut er auch brav. In “zen­tra­len Pas­sa­gen” sei­en die “bean­stan­de­ten Ein­las­sun­gen” Sar­ra­zins “ein­deu­tig als ras­sis­tisch zu bewer­ten, inso­fern sie Dif­fe­renz kon­stru­ie­ren, Wer­tun­gen vor­neh­men, Zuschrei­bun­gen ver­all­ge­mei­nern und die Funk­ti­on erken­nen las­sen, die Pri­vi­le­gie­rung von ‘Leis­tungs­trä­gern’ und ‘Eli­ten’ einer­seits, Aus­gren­zung von ‘Unter­schich­ten’ und ‘Leis­tungs­ver­wei­ge­rern’ ande­rer­seits zu begrün­den”. Botsch spricht den “bean­stan­de­ten Ein­las­sun­gen” sogar eine “beson­de­re Radi­ka­li­tät” zu, weil sie wie­der­holt die “Mög­lich­keit einer Ver­än­de­rung” ver­nei­nen wür­den. Schließ­lich rückt er Sar­ra­zin noch in die Nähe von “anti­de­mo­kra­ti­schen, rechts­ex­tre­men Par­tei­en”, weil sie Vor­ur­tei­le zum Zwe­cke des insze­nier­ten Tabu­bruchs mobi­li­sie­ren und kon­stru­ie­ren wür­den, ver­bun­den mit weit­rei­chen­den “Hand­lungs­vor­schlä­gen an die Politik”.

Zunächst: Wodurch qua­li­fi­ziert sich Gide­on Botsch für ein sol­ches Gut­ach­ten? Er scheint irgend­wie im Anti­fa-SPD-Juso-Gewerk­schafts­mi­lieu sei­ne poli­ti­sche Hei­mat zu haben. Er hat Poli­tik­wis­sen­schaft an der FU Ber­lin stu­diert und wur­de dort 2003 mit einer hsi­to­ri­schen Arbeit über das Aus­lands­wis­sen­schaft­li­che Insti­tut der Uni­ver­si­tät Ber­lin (1940–45) pro­mo­viert. Anschlie­ßend war er Lehr­be­auf­trag­ter an der FU und Mit­ar­bei­ter beim Haus der Wann­see-Kon­fe­renz. Heu­te arbei­tet Botsch als Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter am Moses-Men­dels­sohn-Zen­trum der Uni­ver­si­tät Pots­dam. Sei­ne jüngs­te Ver­öf­fent­li­chung beschäf­tigt sich mit der “NPD und ihrem Milieu” und wur­de selbst von der eige­nen Sei­te nicht sehr wohl­wol­lend aufgenommen.

Kann so einer die oben gestell­te Fra­ge nach dem Ras­sis­mus Sar­ra­zins unvor­ein­ge­nom­men beant­wor­ten? Er könn­te es wohl. Dafür hat er lan­ge genug stu­diert und soll­te dabei zumin­dest in Ansät­zen gelernt haben, wodurch sich Wis­sen­schaft von Welt­an­schau­ung unter­schei­det. Aber er nutzt sei­ne Kennt­nis­se nicht. Er bas­telt sich die Vor­aus­set­zun­gen so, wie er sie braucht, um das ver­lang­te Ergeb­nis zu pro­du­zie­ren. Da er Sar­ra­zins Äuße­run­gen nur inter­pre­tie­ren, aber nicht ändern kann, legt er sich den Ras­sis­mus­be­griff so zurecht, daß am Ende jede Aus­sa­ge, die dif­fe­ren­ziert, wer­tet, ver­all­ge­mei­nert und das mit einem bestimm­ten Inter­es­se (und sei es Erkennt­nis­in­ter­es­se) tut, ras­sis­tisch ist. Daß Botsch sich nicht die Mühe macht, die Aus­sa­gen Sar­ra­zins auf ihren Wahr­heits­ge­halt hin zu über­prü­fen (so wie es die Sar­ra­zin-Stu­die des IfS tut), ver­steht sich von selbst. Das könn­te dann wun­der­li­che Kon­se­quen­zen haben: Jemand äußert sich ras­sis­tisch (wie Botsch ja hieb- und stich­fest her­aus­ge­ar­bei­tet haben will) und hat doch (zumin­dest größ­ten­teils) recht? Ein nor­mal ver­an­lag­ter Mensch (huch!) käme spä­tes­tens hier ins Grü­beln und wür­de (viel­leicht nicht unbe­dingt Scho­pen­hau­er fol­gen) das Gefäl­lig­keits­gut­ach­ten zumin­dest in den Papier­korb befördern.

 

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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