Sezession
1. März 2010

Sarrazin und der Afterwissenschaftler

Erik Lehnert

Vor einigen Wochen geisterte die Kunde von einem Gutachten durch die Nachrichtenportale, in dem der Nachweis geführt worden sein sollte, daß Sarrazins Äußerungen im Lettre-Interview als rassistisch zu bewerten seien. Als ich den Autor, den Politikwissenschaftler Gideon Botsch, anrief und um das Gutachten bat, reagierte der äußerst verschreckt und wollte nicht mit mir reden. Nun hat sich Sarrazin selbst zu diesem merkwürdigen Schriftstück geäußert.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Stefan Klein von der Süddeutschen Zeitung hat ihn in Berlin getroffen und teilt uns in der heutigen Printausgabe der SZ einige Bemerkungen mit. "Er sagt, das Gutachten sei intellektuell und moralisch so unsauber, so schleimig, so widerlich, daß jeder, der es anfasse, Gefahr laufe, sich zu beschmutzen." Wörtlich sagt Sarrazin: "Was so ein Afterwissenschaftler schreibt, kann niemals an mir kleben." Auf Nachfrage führt er aus: "Ein Afterwissenschaftler! So einer, wie ihn Schopenhauer mal abgekanzelt hat: Sehr geehrter Herr Soundso, ich sitze auf einem gewissen Örtchen und habe Ihre Kritik vor mir, bald werde ich sie hinter mir haben."

Was hat es mit diesem Gutachten auf sich? Das war lange nicht herauszukriegen, aber schließlich landeten diese 21 Seiten doch auf meinem Schreibtisch. Der SPD-Kreisverband Spandau und die SPD-Abteilung Alt-Pankow haben Botsch beauftragt, folgende Frage zu beantworten: "Sind die Äußerungen von Dr. Thilo Sarrazin im Interview mit der Zeitschrift Lettre International (deutsche Ausgabe, Heft 86) als rassistisch zu bewerten?" Im Hintergrund steht der Wunsch von Raed Saleh, Vorsitzender der Spandauer SPD, Sarrazin aus der SPD zu entfernen. Deshalb läuft ein Parteiordnungsverfahren gegen Sarrazin, und Botsch soll die Munition liefern.

Und das tut er auch brav. In "zentralen Passagen" seien die "beanstandeten Einlassungen" Sarrazins "eindeutig als rassistisch zu bewerten, insofern sie Differenz konstruieren, Wertungen vornehmen, Zuschreibungen verallgemeinern und die Funktion erkennen lassen, die Privilegierung von 'Leistungsträgern' und 'Eliten' einerseits, Ausgrenzung von 'Unterschichten' und 'Leistungsverweigerern' andererseits zu begründen". Botsch spricht den "beanstandeten Einlassungen" sogar eine "besondere Radikalität" zu, weil sie wiederholt die "Möglichkeit einer Veränderung" verneinen würden. Schließlich rückt er Sarrazin noch in die Nähe von "antidemokratischen, rechtsextremen Parteien", weil sie Vorurteile zum Zwecke des inszenierten Tabubruchs mobilisieren und konstruieren würden, verbunden mit weitreichenden "Handlungsvorschlägen an die Politik".

Zunächst: Wodurch qualifiziert sich Gideon Botsch für ein solches Gutachten? Er scheint irgendwie im Antifa-SPD-Juso-Gewerkschaftsmilieu seine politische Heimat zu haben. Er hat Politikwissenschaft an der FU Berlin studiert und wurde dort 2003 mit einer hsitorischen Arbeit über das Auslandswissenschaftliche Institut der Universität Berlin (1940-45) promoviert. Anschließend war er Lehrbeauftragter an der FU und Mitarbeiter beim Haus der Wannsee-Konferenz. Heute arbeitet Botsch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Moses-Mendelssohn-Zentrum der Universität Potsdam. Seine jüngste Veröffentlichung beschäftigt sich mit der "NPD und ihrem Milieu" und wurde selbst von der eigenen Seite nicht sehr wohlwollend aufgenommen.

Kann so einer die oben gestellte Frage nach dem Rassismus Sarrazins unvoreingenommen beantworten? Er könnte es wohl. Dafür hat er lange genug studiert und sollte dabei zumindest in Ansätzen gelernt haben, wodurch sich Wissenschaft von Weltanschauung unterscheidet. Aber er nutzt seine Kenntnisse nicht. Er bastelt sich die Voraussetzungen so, wie er sie braucht, um das verlangte Ergebnis zu produzieren. Da er Sarrazins Äußerungen nur interpretieren, aber nicht ändern kann, legt er sich den Rassismusbegriff so zurecht, daß am Ende jede Aussage, die differenziert, wertet, verallgemeinert und das mit einem bestimmten Interesse (und sei es Erkenntnisinteresse) tut, rassistisch ist. Daß Botsch sich nicht die Mühe macht, die Aussagen Sarrazins auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen (so wie es die Sarrazin-Studie des IfS tut), versteht sich von selbst. Das könnte dann wunderliche Konsequenzen haben: Jemand äußert sich rassistisch (wie Botsch ja hieb- und stichfest herausgearbeitet haben will) und hat doch (zumindest größtenteils) recht? Ein normal veranlagter Mensch (huch!) käme spätestens hier ins Grübeln und würde (vielleicht nicht unbedingt Schopenhauer folgen) das Gefälligkeitsgutachten zumindest in den Papierkorb befördern.

Bildquelle: pixelio/Karl-Heinz Schack


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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