Sezession
2. März 2010

Buchstäblicher Verdacht

Ellen Kositza

Ich bin mir sicher: Den üblichen Aufdrucken auf T-Shirts und Pullis wird generell wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Eine Zeitlang pflegte ich bei Klassenkameraden meiner Kinder nachzufragen: „Sag mal, was bedeutet eigentlich diese Aufschrift, die du da auf deiner Brust spazierenträgst: Chicago Slam Dunk Great Competition Since 1978 We must win? Hast Du da mal an einem Wettbewerb teilgenommen, in Chicago, oder was?“

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Oder. „Du heißt doch gar nicht Tom Tailor? Ist das ein Kumpel von Dir? Und was heißt noch mal Retained Hidden Secret 1962?“ Weil nie auch nur eine halbwegs originelle Antwort kam, fand ich selbst meine Nachfragen irgendwann omamäßig und beendete die Feldforschung.

Einen Rückfall in alte Gewohnheiten hatte ich zur Schuljahresabschlußfeier im vergangenen Sommer. Da wurden die Absolventen der vierten Klasse vom „Elternaktiv“, wie das hier seit DDR-Zeiten heißt, mit bedruckten Hemden überrascht, die ihnen sogleich übergestreift wurden. Auf der Vorderseite stand „Abgänger 209“, auf der Rückseite: „Die zweite Null steckt in diesem Shirt“. Obwohl ich zurückhaltend bin mit solchen Vokabeln: Ich fand's schlicht menschenverachtend und übelkeitserregend. Witzischkeit hat durchaus Grenzen. Wie sah's die Rektorin auf diesem großen Fest? „Ach, wenn sie wüßten, wie mich das grämt. Nur: ich mag mich nicht dauernd in die Nesseln setzen. Sprechen Sie doch – sehr gern – die Eltern mal drauf an.“ Ich tat's und hatte folglich drei Damen, die mich nicht mehr grüßen. Selbstsichere Antwort: „Das Problem haben Sie. Uns gefällt's, den Kindern auch. Niemand nimmt Anstoß, machen Sie sich mal locker.“

Überhaupt nicht locker hat sich jedenfalls gerade das Landgericht Neuruppin gemacht. In einer Berufungsverhandlung bestätigte es ein Urteil des Amtsgerichts Prenzlau und schickte einen 33jährigen Mann wegen Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen für sechs Monate hinter Gitter. Er hatte über einem Oberteil der Marke „Consdaple“ eine Jacke getragen, die offenstand, so daß, wer wollte und genau hinsah, die Buchstabenfolge NSDAP hätte lesen können - gesetzt den Fall, daß die geöffnete Jacke straff anläge und exakt jene fünf verfassungswidrigen Buchstaben offenstellte. Aus einem anderen Urteil geht hervor, daß das Tragen des "Consdaple"-Logos ohne Jacke (oder eben mit geschlossener…) nicht strafbewehrt ist.

Anzumerken ist, daß a) der Delinquent bereits „einschlägig“ vorbestraft war und b) der in Landshut ansässige Klamotten-Versand eben nicht das Geschäft eines ominösen Herrn Consdaple betreibt, sondern außerdem unter anderem als „Militärkappen“ deklarierte Basecaps mit der unverfänglichen Aufschrift „Wehrmacht“ und diverse „historische“ Flaggen (Reichskriegsfahne etc.) feilbietet. Es steht folglich zu vermuten: Der Verurteilte war kein fashion-victim, sondern wollte es mit einem tollkühnen Gag „denen da“ zeigen, und wenn "die da" auch nur die Mitglieder seiner eigenen peer-group wären.

Die Frage ist, welche tatsächliche Gefahr für die Allgemeinheit oder den öffentlichen Frieden von solch präpotenter Provokation ausgeht? Vermutlich dieselbe, die man – längst nicht mehr vergebenen – Autokennzeichen wie HJ, SS oder Nummern wie 88 und 18 nachsagt. Scheint, als stünde unsere Demokratie auf tönernen Füßen, als drohe ohne solche Maßnahmen eine Regierungsübernahme von Neo-Nationalsozialisten.

Extreme Vorsicht ist allenthalben die Mutter der Porzellankiste. Beispiele sind mannigfaltig: Meinen Töchtern ist untersagt, zu behaupten, daß "dass" heute mit „ss“ geschrieben werde: „Bitte! Wir wollen uns auf Doppel-S einigen, ja? “

Unser Bundesland, Sachsen-Anhalt, darf seit längerem nicht mehr mit dem sinnfälligen SA abgekürzt werden (analog zu Rheinland-Pfalz = RP, Schleswig-Holstein= SH, Mecklenburg-Vorpommern = MV), es muß laut bundesoffizieller Norm „ST“ heißen, oder, weil einzelne Landesordnungen querschießen „LSA“.

Zu Beginn meines Studiums belegte ich noch Seminare und Vorlesungen in Sommersemestern, die durchweg mit SS abgekürzt wurden.

Bald hieß es statt „SS 94“ „SoSe 96“:

Liegt's nah? Liegt's fern? Wo endet die gut-deutsche Neigung zur Hygiene, wo beginnt der pathologische Putzfimmel? Kleidungsstücke mit Aufdrucken sind in unserer Familie jedenfalls aus ästhetischen Gründen eher verpönt.


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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