Sezession
3. März 2010

Männerbund auf israelisch

Martin Lichtmesz

Unter dem Titel "Orthodoxie und sexuelle Verfehlung" schreibt Micha Brumlik in seiner taz-Kolumne über den israelischen Rabbiner Mordechai Elon, Führer einer religiös-zionistischen bzw. "nationalreligiösen" Siedlerbewegung. "Ein tiefgehender, weil nicht nur moralischer, sondern bis in die letzten Verästelungen politischer Skandal" beschäftige gerade die israelische Öffentlichkeit:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Elon wurde von der Organisation "Takana", die sexuellen Mißbrauch bekämpft, als Homosexueller geoutet, der mit einigen seiner (volljährigen!) Studenten einschlägige Kontakte unterhalten haben soll. Damit hat er sich zwar nicht des "Mißbrauchs" schuldig gemacht, aber vom Gesichtspunkt der Orthodoxie aus, die Homosexualität verwirft, eine schwere Verfehlung begangen.

Damit hält sich Brumlik aber nicht lange auf, sondern attackiert gleich die Wurzel allen Übels, nicht nur der Nationalreligiösen und der West-Bank-Hillbillies (laut Brumlik "in der israelischen Soziologie" als "Jugend der Hügel" bekannt), sondern überhaupt, den berühmt-berüchtigten, von Soziologen gern schief angesehenen "Männerbund":

Als strukturelle Ursache des israelischen, des nationalreligiösen Skandals wird man das Prinzip des Männerbundes benennen. Politische Männerbünde sind aus der europäischen, zumal der deutschen Geschichte in der Epoche der Jugendbewegung bis zum Ende der NS-Zeit bekannt.

Die dumpfe Mischung von Gewaltaffinität, schwitzender körperlicher Nähe, gläubiger Liebe zu einem Führer und den "Kameraden" sowie einem nicht geringen Ausmaß von Frauenverachtung bringt einen Typus hervor, dem es meist gelingt, den sexuellen Anteil der durch all dies verursachten Erregung unter Kontrolle zu halten und in die Bahn einer Ehe mit vielen Kindern zu lenken.

Indes: Wer einmal Filme gesehen hat, die die erregten Gesichter nationalreligiöser Aktivisten beim gemeinsamen Tanz nur unter Männern während des Purimfestes zeigen, bei dem man sich sinnlos betrinken soll, wird sich über das dahinterstehende Begehren kaum täuschen.(...)

In Rabbi Elons homosexuellen Kontakten offenbart sich der energetische Kern der ganzen Bewegung: der Genuß des kriegerischen männlichen Körpers, die geradezu lästerliche Lust an einem Gottesbild, das in Gott vor allem "den" Eroberer sieht. Gottes Nähe im Leib des charismatischen Lehrers und seiner Schüler lustvoll zu spüren, das ist es, wovon der Skandal um Rabbi Mordechai Elon zeugt.

Ohne ihn zu nennen, begibt sich Brumlik hier in die Nachfolge Hans Blühers, der in seinem paradigmatischen Buch "Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" (1917/19) den Männerbund als die Kerneinheit jeglicher Kultur bezeichnete. Blüher sah den "Eros" des Mannes in zwei Richtungen verzweigt: auf die Frau gerichtet entstehe die Familie, auf den Mann gerichtet der Männerbund, und damit die Keimzelle des Staates.  Im Zentrum des letzteren stünde immer der charismatische "Männerheld", in unserem Beispiel eben der Rabbi Elon. Dabei müsse der Eros, den Blüher recht weiträumig auffaßte, nicht notwendigerweise in den Sexus übergreifen und eskalieren, obwohl dies als Möglichkeit durchaus offenstehe.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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