Männerbund auf israelisch

Unter dem Titel "Orthodoxie und sexuelle Verfehlung" schreibt Micha Brumlik in seiner taz-Kolumne über den israelischen Rabbiner Mordechai Elon, Führer einer religiös-zionistischen bzw. "nationalreligiösen" Siedlerbewegung. "Ein tiefgehender, weil nicht nur moralischer, sondern bis in die letzten Verästelungen politischer Skandal" beschäftige gerade die israelische Öffentlichkeit:

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Elon wur­de von der Orga­ni­sa­ti­on “Taka­na”, die sexu­el­len Miß­brauch bekämpft, als Homo­se­xu­el­ler geoutet, der mit eini­gen sei­ner (voll­jäh­ri­gen!) Stu­den­ten ein­schlä­gi­ge Kon­tak­te unter­hal­ten haben soll. Damit hat er sich zwar nicht des “Miß­brauchs” schul­dig gemacht, aber vom Gesichts­punkt der Ortho­do­xie aus, die Homo­se­xua­li­tät ver­wirft, eine schwe­re Ver­feh­lung begangen.

Damit hält sich Brum­lik aber nicht lan­ge auf, son­dern atta­ckiert gleich die Wur­zel allen Übels, nicht nur der Natio­nal­re­li­giö­sen und der West-Bank-Hill­bil­lies (laut Brum­lik “in der israe­li­schen Sozio­lo­gie” als “Jugend der Hügel” bekannt), son­dern über­haupt, den berühmt-berüch­tig­ten, von Sozio­lo­gen gern schief ange­se­he­nen “Män­ner­bund”:

Als struk­tu­rel­le Ursa­che des israe­li­schen, des natio­nal­re­li­giö­sen Skan­dals wird man das Prin­zip des Män­ner­bun­des benen­nen. Poli­ti­sche Män­ner­bün­de sind aus der euro­päi­schen, zumal der deut­schen Geschich­te in der Epo­che der Jugend­be­we­gung bis zum Ende der NS-Zeit bekannt.

Die dump­fe Mischung von Gewalt­af­fi­ni­tät, schwit­zen­der kör­per­li­cher Nähe, gläu­bi­ger Lie­be zu einem Füh­rer und den “Kame­ra­den” sowie einem nicht gerin­gen Aus­maß von Frau­en­ver­ach­tung bringt einen Typus her­vor, dem es meist gelingt, den sexu­el­len Anteil der durch all dies ver­ur­sach­ten Erre­gung unter Kon­trol­le zu hal­ten und in die Bahn einer Ehe mit vie­len Kin­dern zu lenken.

Indes: Wer ein­mal Fil­me gese­hen hat, die die erreg­ten Gesich­ter natio­nal­re­li­giö­ser Akti­vis­ten beim gemein­sa­men Tanz nur unter Män­nern wäh­rend des Purim­fes­tes zei­gen, bei dem man sich sinn­los betrin­ken soll, wird sich über das dahin­ter­ste­hen­de Begeh­ren kaum täuschen.(…)

In Rab­bi Elons homo­se­xu­el­len Kon­tak­ten offen­bart sich der ener­ge­ti­sche Kern der gan­zen Bewe­gung: der Genuß des krie­ge­ri­schen männ­li­chen Kör­pers, die gera­de­zu läs­ter­li­che Lust an einem Got­tes­bild, das in Gott vor allem “den” Erobe­rer sieht. Got­tes Nähe im Leib des cha­ris­ma­ti­schen Leh­rers und sei­ner Schü­ler lust­voll zu spü­ren, das ist es, wovon der Skan­dal um Rab­bi Mor­de­c­hai Elon zeugt.

Ohne ihn zu nen­nen, begibt sich Brum­lik hier in die Nach­fol­ge Hans Blü­hers, der in sei­nem para­dig­ma­ti­schen Buch “Die Rol­le der Ero­tik in der männ­li­chen Gesell­schaft” (1917/19) den Män­ner­bund als die Kern­ein­heit jeg­li­cher Kul­tur bezeich­ne­te. Blü­her sah den “Eros” des Man­nes in zwei Rich­tun­gen ver­zweigt: auf die Frau gerich­tet ent­ste­he die Fami­lie, auf den Mann gerich­tet der Män­ner­bund, und damit die Keim­zel­le des Staa­tes.  Im Zen­trum des letz­te­ren stün­de immer der cha­ris­ma­ti­sche “Män­ner­held”, in unse­rem Bei­spiel eben der Rab­bi Elon. Dabei müs­se der Eros, den Blü­her recht weit­räu­mig auf­faß­te, nicht not­wen­di­ger­wei­se in den Sexus über­grei­fen und eska­lie­ren, obwohl dies als Mög­lich­keit durch­aus offenstehe.

Auch auf den Zusam­men­hang von “Eros und Reli­gi­on” (frei nach einem Buch­ti­tel von Wal­ter Schub­art) wies Blü­her wie­der­holt hin. So wird der von der “mann­männ­li­chen” Ero­tik begehr­te Mann tat­säch­lich zu einem hinan­zie­hen­den Halb­gott, gleich dem archäi­schen Tor­so Apolls aus dem Ril­ke-Gedicht, an dem “kei­ne Stel­le” ist, “die dich nicht sieht.” Inter­es­san­ter­wei­se attes­tier­te Blü­her dem Juden­tum sei­ner Zeit eine “Män­ner­bund­schwä­che”, und sah dar­in einen wei­te­ren Defekt des ver­streu­ten Vol­kes, den der Zio­nis­mus mög­li­cher­wei­se hei­len könnte.

Iro­ni­scher­wei­se war es der rechts­ge­rich­te­te Blü­her, der die­ses Prin­zip des aus homo­ero­ti­schen Kräf­ten gespeis­ten Män­ner­bun­des nach­drück­lich bejah­te, wäh­rend sei­ne lin­ken Adep­ten wie Nico­laus Som­bart und Klaus The­we­leit, denen auch Brum­lik zu fol­gen scheint, dem Phä­no­men durch­weg nega­tiv gegen­über­stan­den. Brum­lik bedient in sei­ner Beschrei­bung das gan­ze Arse­nal von Sprach­kli­schees, um einen mög­lichst abstos­sen­den, regres­si­ven und dubio­sen Effekt zu erzie­len, “dumpf” und “schwit­zend” dür­fen dabei nicht feh­len, und auch der “krie­ge­ri­sche männ­li­che Kör­per” wird mit einem The­we­leit­schen Zun­gen­schlag beschworen.

“Dumpf” meint hier wohl das Un- oder Nicht-Bewuß­te, intel­lek­tu­ell Unter­ent­wi­ckel­te und instink­tiv-trieb­haft Auf­ge­la­de­ne. Für Som­bart, The­we­leit & Co ist der Män­ner­bund vor allem des­we­gen so böse, destruk­tiv und krie­ge­risch, weil die laten­te Homo­se­xua­li­tät nicht ein­ge­stan­den bzw. sub­li­miert wird, statt aktiv umge­setzt zu wer­den. So auch Brum­lik, wenn er einen Typus unter den reli­giö­sen Zio­nis­ten zu erken­nen glaubt, der all die auf­ge­stau­te Homo­ero­tik in hete­ro­se­xu­el­le Akti­vi­tät und dar­aus resul­tie­ren­den Kin­der­reich­tum umzu­mün­zen ver­stün­de (wie man eine sol­che recht stei­le The­se bewei­sen will, liegt jen­seits mei­ner Vor­stel­lungs­kraft). Soll­te das wirk­lich der Fall sein, dann kann ich nur sagen: Hut ab vor die­ser Anpassungsleistung.

In all dem kann man unschwer die alte lin­ke Idee aus der vul­gär­psy­cho­ana­ly­ti­schen Mot­ten­kis­te erken­nen: Wür­den sie mehr vögeln, wür­den sie kei­ne Krie­ge füh­ren, und die ver­dräng­te und ver­leug­ne­te Homo­se­xua­li­tät bringt böse Nazis her­vor, auch in Isra­el. Tat­sa­che ist aller­dings, daß der Män­ner­bund durch­aus auch offen (homo)sexuell aktiv sein kann, ohne sei­ne Mili­tanz im gerings­ten auf­zu­ge­ben – der Kreis um den SA-Füh­rer Ernst Röhm ist das berüch­tigts­te Beispiel.

Indes­sen ist die Sub­li­mi­nie­rung bzw. rela­ti­ve Bän­di­gung (oder sagen wir ein­fach: “Unter­drü­ckung”) von Sexua­li­tät uner­läß­lich, um irgend­ei­ne belie­bi­ge Ein­heit zum Funk­tio­nie­ren zu brin­gen. Ein Kran­ken­haus, in dem Ärz­te und Schwes­tern stän­dig ein­schlä­gig beschäf­tigt sind, kann genau­so­we­nig funk­tio­nie­ren wie eine Armee, die sexu­el­le Frei­zü­gig­keit zuläßt, bestehe sie nun aus Männ­lein, Weib­lein, Hete­ros oder Homos oder allem zusam­men. Aber bei­de Insti­tu­tio­nen haben unzwei­fel­haft eine sozia­le Dyna­mik, die sich auch aus laten­ter Ero­tik speist.

Es ist immer wie­der ein iro­ni­sches Schau­spiel, wie poli­tisch unkor­rekt gewis­se Aspek­te der Homo­se­xua­li­tät von den Lin­ken emp­fun­den wer­den, die doch so ger­ne gegen “Homo­pho­bie” Front machen. Sie wer­den allen­falls in der Kari­ka­tur des Feti­schis­ti­schen zuge­las­sen. Es han­delt sich indes­sen um genau die Aspek­te, die heu­te an der Männ­lich­keit an sich als suspekt gel­ten. Wenn mal wie­der eine staat­lich sub­ven­tio­nier­te Regen­bo­gen­kam­pa­gne läuft, um “Homo­pho­bie” zu bekämp­fen und die “Akzep­tanz sexu­el­ler Viel­falt” zu för­dern, dann ist damit stets die Pro­pa­gie­rung einer “wei­chen”, effe­mi­ni­sier­ten Form von Homo­se­xua­li­tät gemeint, deren Habi­tus nach dem Wunsch der Gen­der-Ben­der auch für “Hete­ro­se­xu­el­le” als Ide­al­bild gel­ten soll.  Man täu­sche sich also nicht: Die “Ver­schwu­lung” des Den­kens, Füh­lens und Auf­tre­tens unse­rer Gesell­schaft hat nur ein­ge­schränkt etwas mit Homo­se­xua­li­tät an sich zu tun. In wel­chem Lager sind denn nun die wahr­haft “Homo­pho­ben” zu finden?

Was nun die Bewe­gung Rab­bi Elons selbst betrifft, so habe ich man­gels genau­er Kennt­nis­se kei­ne Mei­nung dazu. Dem “dump­fen Män­ner­bund” den Schwar­zen Peter Isra­els zuzu­ste­cken, beson­ders was das “krie­ge­ri­sche” Moment betrifft, ist aber wohl mit Sicher­heit ein Ablenkungsmanöver.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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