Sezession
11. März 2010

Steine im Osten

Gastbeitrag

von Claus Wolfschlag

Wir leben in architektonisch schwierigen Zeiten. Die Herrschaft des Baumodernismus ist hierzulande immer noch umfassend. Junge Architektur-Studenten werden an den vom modernistischen Lehrpersonal beherrschten Hochschulen frühzeitig auf Linie gebracht und treten dann in die Fußstapfen ihrer Meister.

Gegenpositionen, etwa jene von Leon Krier oder von Patzschke und Partner haben es immer noch schwer, ausreichend Gehör zu finden. Besonders, wer sich die Vergabe deutscher Architekturpreise ansieht, bekommt einen Eindruck davon, was derzeit oder immer noch als „hip“ in Architektenkreisen gilt: eintönige und schmucklose Beton- und Glaskisten, gelegentlich garniert durch selbstverliebte Formspielereien von Architekten mit Ambitionen.  Das alles natürlich internationalistisch und austauschbar bis zum Abwinken.

Bedenklich ist allerdings, daß all diese ermüdenden Flachdachschachteln aus der Bauhaus-Tradition oder manche auf "interessant" machenden Großmonstrositäten nicht nur ihren Preis bekommen, sondern meist auch gebaut werden und dann in der Gegend herumstehen, sie also gravierenden Einfluß auf die Lebenswelt der Bürger nehmen. Und dabei zur allgemeinen Entfremdung beitragen.

Einige Beispiele, wahllos ausgesucht:
- Aluminium-Architektur-Preis
- Architekturpreis „Zukunft 2000“
- Leipziger Architekturpreis
- Brandenburgischer Architekturpreis
- Architekturpreis Nordrhein-Westfalen
- Deutscher Architekturpreis (oder alternativ)
- „Das beste Haus“ - Architekturpreis
- Sonderpreis der Fachvereinigung Deutscher Betonfertigteilbau
- Architekturpreis Beton
- Unipor-Architekturpreis
- BDA-Architekturpreis „Große Nike“

Deutsche Architekturpreise sind also höchst fragwürdige Auszeichnungen. Die Ergebnisse ähneln sich und sind dabei selten von der Grazie geküßt. Erst recht nicht von Tradition, also traditioneller oder regionaler Baukultur. Hier sind die Leute, die immer noch unsere Städte und Landschaft gestalten, unter sich.

In anderen westlichen Ländern  ist es kaum besser:
- TECU Architecture Award 2007
- Caparol Architekturpreis
- Architekturpreis Farbe – Struktur – Oberfläche (nach unten scrollen)

Ein eindringliches Beispiel für den gegenwärtigen Zustand der Baugesinnung ist auch die Monte Rosa Berghütte in den Waliser Alpen (Schweiz). Die ganz traditionelle alte Hütte hat man nun durch ein angeblich "ökologisches" dekonstruktivistisches Monstrum ersetzt, in dem sich vermutlich nur noch irgendwelche "Trekker" oder "Biker" ganz wie zu Hause fühlen mögen.

Daß es auch ganz anders gehen kann, verrät hingegen ein Blick in den Osten. Drei Beispiele:

1. Zuerst neue traditionelle Baukultur in Osteuropa. Man schaue nur einmal auf die Seite 1 dieses Forums und man wird angesichts einiger russischer Neubauprojekte ins Schlucken geraten. (Wie gesagt, Seite 1 des Forumstranges reicht.)
2. In Polen baut man derzeit die im Krieg zerstörte Altstadt von Elbing/Elblag wieder auf. Nicht als Rekonstruktion, aber als Wiederherstellung des Stadtgrundrisses mit moderner, aber traditionell ausgerichteter Architektur. Ich finde, großenteils recht gelungen. Man betrachte Foto 1, Foto 2 und Foto 3.
3.  Der neue Landwirtschaftskomplex in Kasan, Hauptstadt des russischen Landesteils Tatarstan. Wie gesagt, ein Neubau. Und recht großes Kino, vor allem die Nachtaufnahmen. Baukosten offenbar relativ schlappe 25 Millionen Euro.

Das alles ist natürlich keineswegs fehler- und makellos. Die Grenze zum Kitsch ist statt dessen nahe. Dennoch erfrischen diese unbekümmerten Ansätze angesichts der festgefahrenen westeuropäischen Situation. Und der Beweis ist erbracht: Es geht also auch anders. Bloß, der Wille fehlt hierzulande (noch).

Fotograf: Didi01, Quelle: Pixelio.de


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