Sezession
12. März 2010

„Die Grenze“ spielt mit Schreckensszenarien der deutschen Geschichte

Felix Menzel

Am 15. und 16. März 2010 läuft auf Sat.1 die Zukunftsgeschichte Die Grenze (jeweils 20.15 Uhr). Der Polit-Thriller von Regisseur Roland Suso Richter nutzt geschickt Versatzstücke aus der deutschen Vergangenheit, um ein atemberaubendes Szenario für das fortgeschrittene 21. Jahrhundert zu entwerfen. Die wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik verdüstert sich und so gewinnen die politischen Ränder immer mehr an Einfluß.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Die rechtsextreme Partei „DNS“ mit dem charismatischen Führer Maximilian Schnell (Thomas Kretschmann) liegt in der Wählergunst vorn. Nur die „Neue Linke“ könnte ihren Sieg noch vereiteln und ruft dazu die „Demokratische Sozialistische Republik Mecklenburg-Vorpommern“ aus. Die neuerliche Teilung Deutschlands ist damit perfekt und ein spannender Kampf um die Macht im Lande entfacht.

Mit Die Grenze betritt die Produktionsfirma teamworx Neuland, denn bisher hat das Unternehmen von Nico Hofmann vor allem historische Stoffe in packende Spielfilme verwandelt und damit jeweils mehrere Millionen Menschen erreicht. Aber in die Zukunft zu schauen, war bisher ein Tabu. In einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 22. November 2009 bezeichnete Hofmann dieses Experiment als ein großes Risiko: „Der Film arbeitet mit allen Ängsten, die im Moment in der Bundesrepublik kursieren. Ich kann nicht sagen, ob diese Programmprovokation reüssiert. Ich wünsche es mir aber von Herzen, weil viel Mut drinsteckt.“ Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten Die Grenze übrigens abgelehnt.

Warum diese Zukunftsgeschichte nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch so „gefährlich“ ist, wird nur klar, wenn man den emotionalen Erzählmodus der deutschen Spielfilme mit historischem Hintergrund entlarvt. Große TV-Geschichtsdramen wie Dresden (2006), Die Flucht (2007) oder Das Wunder von Berlin (2008) – allesamt von teamworx produziert – haben so große Erfolge erzielt, weil sie die erschütternden historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts (Zweiter Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, deutsche Teilung) mit Liebes- und Familiengeschichten kombinierten und eine versöhnliche Interpretation der Vergangenheit anbieten.

Im letzten Jahr ist dies bei den zahlreichen Jubiläumsfilmen zu „20 Jahre Mauerfall“ ebenfalls überdeutlich geworden. Das emotionale Schema dieser Erzählungen funktioniert so: Auf der einen Seite wird die Angst des Staates (in diesem Fall der DDR) vor dem Freiheitsempfinden der Bürger gezeigt. Diese äußert sich in repressiven Maßnahmen der staatlichen Organe, also der Stasi, NVA bzw. Volkspolizei. Auf der anderen Seite geraten liebende Protagonisten – Privatbürger der Diktatur – in innere Konflikte, weil sich in ihnen gefühlsmäßig Kritik gegenüber dem Herrschaftsapparat aufbaut. Die Diktatur kann dabei nur überwunden werden, wenn auf schmerzhaftem Wege die Kritik mächtiger wird als die Liebe. Die Protagonisten dieser Filme setzen also für die politische Wende ihre große Liebe aufs Spiel. Als „Belohnung“ für die Inkaufnahme dieses Schmerzes erhalten sie nach dem Erreichen des Ziels, der Befreiung von der Diktatur und der Durchsetzung freiheitlich-demokratischer Werte, ihre Liebe zurück.

An dieses emotionale Schema können die Zuschauer gut anknüpfen, weil sie sich mit den Schauspielern identifizieren und deren Probleme nachempfinden. In diesem Zuge saugen sie die Ideologie der Filme besser auf als etwa die Inhalte eines Geschichtsbuchs. Zugleich findet eine massenmediale Mythisierung der Geschichte statt. Einerseits werden individuelle Empfindungen, die aus persönlichen Erfahrungen resultieren, zu kollektiven Emotionen gebündelt, andererseits Fakten und Fiktionen im Dokudrama-Stil gründlich vermischt.

Die moralische Läuterung in den Spielfilmen und Dokumentationen hat mythische Qualitäten, weil sie auf ein „geschichtliches Endziel“ zuläuft. Freiheit und Demokratie, wie wir sie heute in der Bundesrepublik erleben, seien nur möglich, weil es Menschen gab, die darum gekämpft und ihr privates Glück zeitweilig zurückgestellt haben. Das, so die Logik der Filme, muß dann auch die Aufgabe der Bürger sein: Sie sollen diesen angeblich „besten deutschen Staat, den es je gab“, auf ewig bewahren und schützen. Politische Alternativen, Diskontinuitäten in der Geschichte oder offene Kämpfe um Meinungsvorherrschaft meiden die Geschichtsdarstellungen im deutschen Fernsehen.

Wenn Filme die Geschichte als Entstehung einer vorgegebenen, wünschenswerten Ideologie erzählen und nicht als den wechselvollen Werdegang einer Nation, dann können diese konstruierten Mythen unserer Ursprünge beliebig umgedeutet werden und einige Historiker haben genau dies vor. Der Oxforder Professor Timothy Garton Ash zum Beispiel: „Wir wissen nicht, warum es eine EU gibt oder wofür sie gut sein soll. Wir brauchen also dringend eine neue Erzählung. Ich schlage vor, unsere neuen Geschichten aus sechs Fäden zu stricken, von denen jeder für ein gemeinsames europäisches Ziel steht. Diese Fäden sind Freiheit, Frieden, Recht, Wohlstand, Vielfalt und Solidarität.“

Die Verschiebung, die Garton Ash hier vornehmen will, ist bemerkenswert. Tradierte Erzählungen über die Höhen und Tiefen der Nationen, über die man einen Sinn für Geschichte entwickeln kann, da sie die Zeitbedingtheit des Handelns unserer Vorfahren verdeutlichen, sollen Platz machen für eine Lobpreisung der Werte, die den EU-Eliten recht sind.

Anders als die populären Verfilmungen der historischen Ereignisse der letzten Jahre könnte der Film Die Grenze dieses Heile-Welt-Geschichtsbild ein kleines Stückchen aufbrechen, da er die Unanfechtbarkeit des derzeit herrschenden Systems und die Mythen der Bundesrepublik zumindest in Frage stellt. Die Grenze zeigt, daß das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) noch nicht erreicht ist und es spannend bleibt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der österreichischen Zeitschrift „Der Eckart“.


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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