„Die Grenze“ spielt mit Schreckensszenarien der deutschen Geschichte

Am 15. und 16. März 2010 läuft auf Sat.1 die Zukunftsgeschichte Die Grenze (jeweils 20.15 Uhr). Der Polit-Thriller von Regisseur Roland Suso Richter ...

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

… nutzt geschickt Ver­satz­stü­cke aus der deut­schen Ver­gan­gen­heit, um ein atem­be­rau­ben­des Sze­na­rio für das fort­ge­schrit­te­ne 21. Jahr­hun­dert zu ent­wer­fen. Die wirt­schaft­li­che Lage der Bun­des­re­pu­blik ver­düs­tert sich und so gewin­nen die poli­ti­schen Rän­der immer mehr an Einfluß.

Die rechts­ex­tre­me Par­tei „DNS“ mit dem cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer Maxi­mi­li­an Schnell (Tho­mas Kret­sch­mann) liegt in der Wäh­ler­gunst vorn. Nur die „Neue Lin­ke“ könn­te ihren Sieg noch ver­ei­teln und ruft dazu die „Demo­kra­ti­sche Sozia­lis­ti­sche Repu­blik Meck­len­burg-Vor­pom­mern“ aus. Die neu­er­li­che Tei­lung Deutsch­lands ist damit per­fekt und ein span­nen­der Kampf um die Macht im Lan­de entfacht.

Mit Die Gren­ze betritt die Pro­duk­ti­ons­fir­ma team­worx Neu­land, denn bis­her hat das Unter­neh­men von Nico Hof­mann vor allem his­to­ri­sche Stof­fe in packen­de Spiel­fil­me ver­wan­delt und damit jeweils meh­re­re Mil­lio­nen Men­schen erreicht. Aber in die Zukunft zu schau­en, war bis­her ein Tabu. In einem Gespräch mit der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung vom 22. Novem­ber 2009 bezeich­ne­te Hof­mann die­ses Expe­ri­ment als ein gro­ßes Risi­ko: „Der Film arbei­tet mit allen Ängs­ten, die im Moment in der Bun­des­re­pu­blik kur­sie­ren. Ich kann nicht sagen, ob die­se Pro­gramm­pro­vo­ka­ti­on reüs­siert. Ich wün­sche es mir aber von Her­zen, weil viel Mut drin­steckt.“ Die öffent­lich-recht­li­chen Sen­der hat­ten Die Gren­ze übri­gens abgelehnt.

War­um die­se Zukunfts­ge­schich­te nicht nur wirt­schaft­lich, son­dern auch poli­tisch so „gefähr­lich“ ist, wird nur klar, wenn man den emo­tio­na­len Erzähl­mo­dus der deut­schen Spiel­fil­me mit his­to­ri­schem Hin­ter­grund ent­larvt. Gro­ße TV-Geschichts­dra­men wie Dres­den (2006), Die Flucht (2007) oder Das Wun­der von Ber­lin (2008) – alle­samt von team­worx pro­du­ziert – haben so gro­ße Erfol­ge erzielt, weil sie die erschüt­tern­den his­to­ri­schen Ereig­nis­se des 20. Jahr­hun­derts (Zwei­ter Welt­krieg, Flucht und Ver­trei­bung, deut­sche Tei­lung) mit Lie­bes- und Fami­li­en­ge­schich­ten kom­bi­nier­ten und eine ver­söhn­li­che Inter­pre­ta­ti­on der Ver­gan­gen­heit anbieten.

Im letz­ten Jahr ist dies bei den zahl­rei­chen Jubi­lä­ums­fil­men zu „20 Jah­re Mau­er­fall“ eben­falls über­deut­lich gewor­den. Das emo­tio­na­le Sche­ma die­ser Erzäh­lun­gen funk­tio­niert so: Auf der einen Sei­te wird die Angst des Staa­tes (in die­sem Fall der DDR) vor dem Frei­heits­emp­fin­den der Bür­ger gezeigt. Die­se äußert sich in repres­si­ven Maß­nah­men der staat­li­chen Orga­ne, also der Sta­si, NVA bzw. Volks­po­li­zei. Auf der ande­ren Sei­te gera­ten lie­ben­de Prot­ago­nis­ten – Pri­vat­bür­ger der Dik­ta­tur – in inne­re Kon­flik­te, weil sich in ihnen gefühls­mä­ßig Kri­tik gegen­über dem Herr­schafts­ap­pa­rat auf­baut. Die Dik­ta­tur kann dabei nur über­wun­den wer­den, wenn auf schmerz­haf­tem Wege die Kri­tik mäch­ti­ger wird als die Lie­be. Die Prot­ago­nis­ten die­ser Fil­me set­zen also für die poli­ti­sche Wen­de ihre gro­ße Lie­be aufs Spiel. Als „Beloh­nung“ für die Inkauf­nah­me die­ses Schmer­zes erhal­ten sie nach dem Errei­chen des Ziels, der Befrei­ung von der Dik­ta­tur und der Durch­set­zung frei­heit­lich-demo­kra­ti­scher Wer­te, ihre Lie­be zurück.

An die­ses emo­tio­na­le Sche­ma kön­nen die Zuschau­er gut anknüp­fen, weil sie sich mit den Schau­spie­lern iden­ti­fi­zie­ren und deren Pro­ble­me nach­emp­fin­den. In die­sem Zuge sau­gen sie die Ideo­lo­gie der Fil­me bes­ser auf als etwa die Inhal­te eines Geschichts­buchs. Zugleich fin­det eine mas­sen­me­dia­le Mythi­sie­rung der Geschich­te statt. Einer­seits wer­den indi­vi­du­el­le Emp­fin­dun­gen, die aus per­sön­li­chen Erfah­run­gen resul­tie­ren, zu kol­lek­ti­ven Emo­tio­nen gebün­delt, ande­rer­seits Fak­ten und Fik­tio­nen im Doku­dra­ma-Stil gründ­lich vermischt.

Die mora­li­sche Läu­te­rung in den Spiel­fil­men und Doku­men­ta­tio­nen hat mythi­sche Qua­li­tä­ten, weil sie auf ein „geschicht­li­ches End­ziel“ zuläuft. Frei­heit und Demo­kra­tie, wie wir sie heu­te in der Bun­des­re­pu­blik erle­ben, sei­en nur mög­lich, weil es Men­schen gab, die dar­um gekämpft und ihr pri­va­tes Glück zeit­wei­lig zurück­ge­stellt haben. Das, so die Logik der Fil­me, muß dann auch die Auf­ga­be der Bür­ger sein: Sie sol­len die­sen angeb­lich „bes­ten deut­schen Staat, den es je gab“, auf ewig bewah­ren und schüt­zen. Poli­ti­sche Alter­na­ti­ven, Dis­kon­ti­nui­tä­ten in der Geschich­te oder offe­ne Kämp­fe um Mei­nungs­vor­herr­schaft mei­den die Geschichts­dar­stel­lun­gen im deut­schen Fernsehen.

Wenn Fil­me die Geschich­te als Ent­ste­hung einer vor­ge­ge­be­nen, wün­schens­wer­ten Ideo­lo­gie erzäh­len und nicht als den wech­sel­vol­len Wer­de­gang einer Nati­on, dann kön­nen die­se kon­stru­ier­ten Mythen unse­rer Ursprün­ge belie­big umge­deu­tet wer­den und eini­ge His­to­ri­ker haben genau dies vor. Der Oxfor­der Pro­fes­sor Timo­thy Gar­ton Ash zum Bei­spiel: „Wir wis­sen nicht, war­um es eine EU gibt oder wofür sie gut sein soll. Wir brau­chen also drin­gend eine neue Erzäh­lung. Ich schla­ge vor, unse­re neu­en Geschich­ten aus sechs Fäden zu stri­cken, von denen jeder für ein gemein­sa­mes euro­päi­sches Ziel steht. Die­se Fäden sind Frei­heit, Frie­den, Recht, Wohl­stand, Viel­falt und Solidarität.“

Die Ver­schie­bung, die Gar­ton Ash hier vor­neh­men will, ist bemer­kens­wert. Tra­dier­te Erzäh­lun­gen über die Höhen und Tie­fen der Natio­nen, über die man einen Sinn für Geschich­te ent­wi­ckeln kann, da sie die Zeit­be­dingt­heit des Han­delns unse­rer Vor­fah­ren ver­deut­li­chen, sol­len Platz machen für eine Lob­prei­sung der Wer­te, die den EU-Eli­ten recht sind.

Anders als die popu­lä­ren Ver­fil­mun­gen der his­to­ri­schen Ereig­nis­se der letz­ten Jah­re könn­te der Film Die Gren­ze die­ses Hei­le-Welt-Geschichts­bild ein klei­nes Stück­chen auf­bre­chen, da er die Unan­fecht­bar­keit des der­zeit herr­schen­den Sys­tems und die Mythen der Bun­des­re­pu­blik zumin­dest in Fra­ge stellt. Die Gren­ze zeigt, daß das „Ende der Geschich­te“ (Fran­cis Fuku­ya­ma) noch nicht erreicht ist und es span­nend bleibt.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst in der öster­rei­chi­schen Zeit­schrift „Der Eck­art“.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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