Sezession
16. März 2010

Verteidigungsrede eines Kollaborateurs

Gastbeitrag

von Pierre Drieu la Rochelle

Ich muß sagen: ich, und nicht wir.
Lieber würde ich sagen: wir, doch als Intellektueller bin ich gewohnt, für mich allein zu handeln, und außerdem sind die Franzosen, überall wo sie sich in Gruppen zusammentun, so uneinig, daß es nicht angängig ist, wir zu sagen, wenn man von diesen oder jenen spricht, und sich für irgend jemand zu verbürgen, außer für sich selbst.

Gleichwohl möchte ich über eine Angelegenheit sprechen, die in gewisser Hinsicht viele betraf und die, trotz der Verschiedenheit des Herkommens, der Meinungen, Charaktere, Beweggründe und Ziele in ausreichendem Maß das Wort rechtfertigt: die Kollaboration.
Ich möchte über diese Angelegenheit sprechen, weil es seit August 1944 niemandem gestattet gewesen ist, darüber auch nur mit dem geringsten Erinnerungsvermögen, dem geringsten menschlichen Gefühl, der geringsten Glaubhaftigkeit zu reden. Man hat sich mit bloßer Schmähung und gröbster Verleumdung begnügt. Und um diese Genügsamkeit noch bequemer zu machen, sind in der Presse, von der Rednertribüne herab oder vor den Gerichten nur Statisten, die nichts zu sagen haben, mittelmäßige oder leicht der Niedertracht zu überführende Vertreter angezeigt worden. Selbstverständlich haben sie sich schuldig bekannt – und das war auch alles, was von ihnen erwartet wurde.
Deshalb bin ich gekommen. Ich bekenne mich nicht schuldig. Zuvörderst erkenne ich eure Rechtsprechung nicht an. Eure Richter und eure Geschworenen sind in einer Weise ausgesucht worden, die jeden Gedanken an Gerechtigkeit ausschließt. Ich träte lieber vor ein Kriegsgericht, eurerseits wäre das aufrichtiger, weniger scheinheilig. Sodann werden weder Untersuchungen noch Prozeß gemäß den Grundregeln geführt, die doch die Basis eurer Auffassung von Freiheit sind.
Ich beklage mich jedoch nicht darüber, vor einem Gericht zu stehen, das alle Merkmale faschistischer oder kommunistischer Gerichtsbarkeit aufweist. Ich möchte nur bemerken, daß die Taten eurer sogenannten Revolution – um sich in meinen Augen als gerechtfertigt zu erweisen – dem großen gerichtlichen Aufwand entsprechen müßten. Gegenwärtig aber gleicht die Revolution, auf die die Widerstandsbewegung stolz ist, durchaus jener, mit der sich Vichy großgetan hat. Und die Widerstandsbewegung ist und bleibt eine schwer bestimmbare und schwer auszuweisende Kraft inmitten von Reaktion, altem Regime parlamentarischer Demokratie und Kommunismus; sie hat teil an allen diesen Dingen und zieht daraus doch keine wirkliche Kraft.
Ich soll – wie viele andere – hier für etwas ziemlich Vergängliches und Kurzlebiges verurteilt werden, auf das sich morgen aus Furcht und Wankelmut niemand mehr zu berufen wagen wird. Ich bekenne mich nicht schuldig, ich mache geltend, daß ich gehandelt habe wie ein Intellektueller und wie ein Mann, ein Franzose und ein Europäer handeln konnte und mußte.
In dieser Stunde lege ich nicht Rechenschaft vor euch ab, sondern, meiner Stellung gemäß, vor Frankreich, vor Europa, vor den Menschen. Um meine Gedanken darzulegen, folge ich dem Ablauf der Ereignisse.


 Gastbeitrag

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