18. März 2010

Warum Carl Schmitt lesen?

von Götz Kubitschek / 8 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Seit der Frühjahrsprospekt meines Verlags versandt ist, hat ein rundes Dutzend Leser angerufen, um zu erfragen, wieso ich gerade die Bücher Carl Schmitts in den Versand aufgenommen habe und warum ich ihn derzeit wieder intensiv lese. Meine Antwort:

+ Schmitt zu lesen ist wie Bach zu hören: Beiläufig, schlagartig, nachhaltig stellt sich Klarheit in der eigenen Gedankenführung ein. Ich nahm mir vorgestern Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus vor und las vor allem die Vorbemerkung zur 2. Auflage von 1926 sehr langsam und genau: Schmitts Unterscheidung von „Demokratie“ und „Parlamentarismus“, seine Herleitung der für eine Demokratie zwingend notwendigen Homogenität der Stimmberechtigten, seine Dekonstruktion Rousseaus – das alles löst den Nebel auf, durch den wir auf unsere heutige Situation blicken.
Dabei ist es von Vorteil, daß Schmitt kein reiner Staatsrechtler war, sondern ebenso Kulturkritiker wie Geschichtsphilosoph. Helmut Quaritsch schreibt in seiner Studie über die Positionen und Begriffe Carl Schmitts: "Die heutige Politikwissenschaft würde diese Schrift wohl gern für sich reklamieren, wenn ihr der Inhalt mehr behagte."

+ Man muß Schmitt aus der geistigen Situation seiner Zeit verstehen und man versteht seine Zeit, wenn man ihn liest: Ohne die Erfahrung der Auflösung staatlicher Ordnung und des Zustands des Souveränitätsverlustes nach dem Ersten Weltkrieg kann man Schmitts Ordnungsdenken und seine Verteidigung einer starken staatlichen Führung nicht würdigen. Die Lektüre seiner frühen Texte etwa über „Wesen und Werden des faschistischen Staates“ oder „Staatsethik und pluralistischer Staat“ sind lehrreich und wiederum klärend. Bestens geeignet dafür ist der Sammelband Positionen und Begriffe, in dem 36 Aufsätze aus den Jahren 1923-1939 versammelt sind, unter anderem auch der schwerwiegende „Der Führer schützt das Recht“ oder „Großraum gegen Universalismus“.

+ Vielleicht greift man jetzt, da die katholische Kirche wieder einmal in aller Munde ist, auch einmal zu Schmitts kleiner und feiner Studie Römischer Katholizismus und politische Form. Daraus ein Wort?
Die fundamentale These, auf welche sich alle Lehren einer konsequent anarchistischen Staats- und Gesellschaftsphilosophie zurückführen lassen, nämlich der Gegensatz des "von Natur bösen" und des "von Natur guten" Menschen, diese für die politische Theorie entscheidende Frage, ist im Tridentinischen Dogma keineswegs mit einem einfachen Ja oder Nein beantwortet; vielmehr spricht das Dogma zum Unterschied von der protestantischen Lehre einer völligen Korruption des natürlichen Menschen nur von einer Verwundung, Schwächung oder Trübung der menschlichen Natur und läßt dadurch in der Anwendung manche Abstufung und Anpassung zu.

Ich stimme dem Leser zu, der mir gestern schrieb: „Schmitt lesen, das ist in hohem Maße elektrisierend, selbst oder gerade dann, wenn man nicht alles versteht.“ So ist es.

Oder irren wir uns?

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (8)

enickmar
19. März 2010 07:48
Schmitt zu lesen war für mich eine Offenbarung.
twex
19. März 2010 08:40
Ist nicht mittlerweile der urheberrechtliche Schutz dieser Werke erloschen? Eine freie Publikation im Netz ist der beste Weg, neue Anhänger für gute Ideen zu finden.

Antwort Kubitschek:
Das geistige Urheberrecht hat bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors Bestand. Schmitts Werke werden also im Jahre 2055 frei.
Freedy
19. März 2010 09:47
Auch ich habe erst durch verschiedene Anregungen damit angefangen, Schmitt zu lesen. Und ja, seine Texte sind nicht weniger erhellend als die von Kuehnelt-Leddihn. Und wie immer: kein Autor hat immer nur recht mit dem, was er geschrieben hat, aber er kann alte Widersprüche auflösen und neue kenntlich machen. Die Fragen, vor denen wir stehen, werden immer interessanter.
Martin
19. März 2010 12:29
Warum druckt eigentlich keiner die Werke von Houston Stewart Chamberlain (gest. 1927) nach? Zumindest seine Bücher Wagner, Kant und Goethe hätten es wirklich verdient ...

Off topic Ende und nun zu Herrn Schmitt:

Jeder kann sich sicherlich noch an seine Zeit als Kind zurückerinnern und an die Situation, als man zu mehreren etwas gemeinsam gespielt hat. Da gab es zumeist immer so einen Typen, der bei jedem Streit die Spielregeln dabei hatte, sie sofort zückte und meinte, daraus klugsch... zu müssen. Wenns dann über den Streit dennoch zur Keilerei kam, war dieser Typ dann sehr schnell weg oder hat, in der Steigerung dieser Variante, dann seinen großen Bruder zu Hilfe geholt, der die Rasselbande dann in seinem Sinne aufmischte.

Menschen dieses Charakters werden sehr häufig Juristen (ich darf das sagen, ich bin selber einer). Carl Schmitt gehört - nach dem Inhalt seiner Schriften - klasklar zu der verschärften zweiten Variante, also der, die den großen Bruder herpfeifft.

Aus vielen seiner Werke strömt aus allen Poren die nackte Angst vor dem "unbegreiflichen" dem "anarchischen" und die absolute Feigheit davor, sich als Person auch nur einem Jota Gefahr konkret auszusetzen. Er ist ein Jurist, der die Preisgabe von indivduellen Rechten rechtfertigt, nur damit er schön weiter in Ruhe seine gescheiten Aufsätze verfassen kann - und diese Preisgabe dann noch reichlich unbestimmt durchgehen lässt.

Dies alles muss einmal gesagt werden. Trotz dieser Kritik, lese ich Carl Schmitt sehr gerne, da er ein Jurist ist, der einen brillanten Stil hat, der ihn für alle und vor allem auch für Nichtjuristen absolut verständlich macht. Das "aufklärende" seiner Werke, wie von den Vorrednern schon betont, ist absolut gegeben. Durch die Schmitt Lektüre wird man sich tatsächlich gewisser Grundlagen sehr klar. Ich teile aber die Lösungsvorschläge Schmitts nicht, da ich den zu starken Staat immer als letztlich zum Scheitern verurteilte Variante des menschlichen Zusammenlebens betrachte und Respekt vor dem Leben anderer habe, der bei Schmitt nicht unbedingt einfach zu finden ist.

Aus Schmitts Werk empfehle ich insbesondere die Völkerrechtlichen Arbeiten, wie u.a. seine noch 1945 verfasste und posthum veröffentlichte Schrift zum Angriffskrieg und sein Nachkriegswerk "Der Nomos der Erde".

Ich habe diese Werke in der Zeit des zweiten Irak- Krieges gelesen, als wirklich jeder meinte, bei Kaffee- oder Wirtshausrunden die Worte "Angriffskrieg" und "Völkerrechtswidrig" im Munde führen zu müssen - auch hier war die aufhellende Wirkung Schmitts sehr hilfreich.

Dennoch: Als Leitfigur einer neuen Rechten taugt Schmitt aus meiner Sicht nicht - ihn zu lesen und die Lektüre von ihm empfehlen, ist jedoch richtig.
BUNDESPOPEL
21. März 2010 23:54
Carl Schmitt -- Conditio sine qua non für jeden, der weiß, worauf er hinaus will.

Ohne Schmitt kein Zoon Politikon.
Löffelstiel
22. März 2010 00:21
Lieber Götz Kubitschek, taugt die Sparte 'Zur Diskussion gestellt' für gestandenen Themen/Personen? Ich vermisse übergreifende Finanz- und Wirtschaftsthemen: Ruin deutscher Traditions-/ Familienunternehmen und Hintergründe. Ich vermisse: Zorn über den systematische Verhökern deutscher Unternehmen. Stichworte: Ratiofarm, Karstadt... Hier fehlt mir ein Einhaken, ein In-Frage-Stellen..., wenigstens ein Antippen. Nicht einmal in der Presseschau. Carl Schmitt geht uns doch wahrlich nicht verloren.
Martin
22. März 2010 12:24
Löffelstiel,

wer Schmitt gerade heutzutage liest, erkennt, wie erschreckend aktuell er doch in manchen Belangen ist ... dennoch könnten man in der Tat manches Tagesthema auch hier zur Diskussion stellen - ich weis aber nicht, ob dies die Zielsetzung dieses Internetauftritts ist.
Löffelstiel
22. März 2010 19:36
G.K., 'Tagesthema?' Thema seit Jahr und Tag, nach der Wende seit der Treuhand, seit Rohwedder... Bitte, wer, wenn nicht Sie, sollte, könnte, müßte wissen, 'ob dies die Zielsetzung dieses Internetauftritts ist?' Zum Verfallsdatum deutscher Kultur und Sprache, gehört dazu nicht auch oder vor allem die tradierte (Finanz-)Wirtschaft und ihre Größen? Wirtschaftsphilosophie - jenseits von Verschwörungstheorien - mir fällt Olaf Henkel ein, wer noch?

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.