Warum Carl Schmitt lesen?

Seit der Frühjahrsprospekt meines Verlags versandt ist, hat ein rundes Dutzend Leser angerufen, um zu erfragen, wieso ich...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

gera­de die Bücher Carl Schmitts in den Ver­sand auf­ge­nom­men habe und war­um ich ihn der­zeit wie­der inten­siv lese. Mei­ne Antwort:

+ Schmitt zu lesen ist wie Bach zu hören: Bei­läu­fig, schlag­ar­tig, nach­hal­tig stellt sich Klar­heit in der eige­nen Gedan­ken­füh­rung ein. Ich nahm mir vor­ges­tern Die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage des heu­ti­gen Par­la­men­ta­ris­mus vor und las vor allem die Vor­be­mer­kung zur 2. Auf­la­ge von 1926 sehr lang­sam und genau: Schmitts Unter­schei­dung von „Demo­kra­tie“ und „Par­la­men­ta­ris­mus“, sei­ne Her­lei­tung der für eine Demo­kra­tie zwin­gend not­wen­di­gen Homo­ge­ni­tät der Stimm­be­rech­tig­ten, sei­ne Dekon­struk­ti­on Rous­se­aus – das alles löst den Nebel auf, durch den wir auf unse­re heu­ti­ge Situa­ti­on blicken.
Dabei ist es von Vor­teil, daß Schmitt kein rei­ner Staats­recht­ler war, son­dern eben­so Kul­tur­kri­ti­ker wie Geschichts­phi­lo­soph. Hel­mut Qua­ritsch schreibt in sei­ner Stu­die über die Posi­tio­nen und Begrif­fe Carl Schmitts: “Die heu­ti­ge Poli­tik­wis­sen­schaft wür­de die­se Schrift wohl gern für sich rekla­mie­ren, wenn ihr der Inhalt mehr behagte.”

+ Man muß Schmitt aus der geis­ti­gen Situa­ti­on sei­ner Zeit ver­ste­hen und man ver­steht sei­ne Zeit, wenn man ihn liest: Ohne die Erfah­rung der Auf­lö­sung staat­li­cher Ord­nung und des Zustands des Sou­ve­rä­ni­täts­ver­lus­tes nach dem Ers­ten Welt­krieg kann man Schmitts Ord­nungs­den­ken und sei­ne Ver­tei­di­gung einer star­ken staat­li­chen Füh­rung nicht wür­di­gen. Die Lek­tü­re sei­ner frü­hen Tex­te etwa über „Wesen und Wer­den des faschis­ti­schen Staa­tes“ oder „Staats­ethik und plu­ra­lis­ti­scher Staat“ sind lehr­reich und wie­der­um klä­rend. Bes­tens geeig­net dafür ist der Sam­mel­band Posi­tio­nen und Begrif­fe, in dem 36 Auf­sät­ze aus den Jah­ren 1923–1939 ver­sam­melt sind, unter ande­rem auch der schwer­wie­gen­de „Der Füh­rer schützt das Recht“ oder „Groß­raum gegen Universalismus“.

+ Viel­leicht greift man jetzt, da die katho­li­sche Kir­che wie­der ein­mal in aller Mun­de ist, auch ein­mal zu Schmitts klei­ner und fei­ner Stu­die Römi­scher Katho­li­zis­mus und poli­ti­sche Form. Dar­aus ein Wort?

Die fun­da­men­ta­le The­se, auf wel­che sich alle Leh­ren einer kon­se­quent anar­chis­ti­schen Staats- und Gesell­schafts­phi­lo­so­phie zurück­füh­ren las­sen, näm­lich der Gegen­satz des “von Natur bösen” und des “von Natur guten” Men­schen, die­se für die poli­ti­sche Theo­rie ent­schei­den­de Fra­ge, ist im Triden­ti­ni­schen Dog­ma kei­nes­wegs mit einem ein­fa­chen Ja oder Nein beant­wor­tet; viel­mehr spricht das Dog­ma zum Unter­schied von der pro­tes­tan­ti­schen Leh­re einer völ­li­gen Kor­rup­ti­on des natür­li­chen Men­schen nur von einer Ver­wun­dung, Schwä­chung oder Trü­bung der mensch­li­chen Natur und läßt dadurch in der Anwen­dung man­che Abstu­fung und Anpas­sung zu.

Ich stim­me dem Leser zu, der mir ges­tern schrieb: „Schmitt lesen, das ist in hohem Maße elek­tri­sie­rend, selbst oder gera­de dann, wenn man nicht alles ver­steht.“ So ist es.

Oder irren wir uns?

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (8)

enickmar

19. März 2010 07:48

Schmitt zu lesen war für mich eine Offenbarung.

twex

19. März 2010 08:40

Ist nicht mittlerweile der urheberrechtliche Schutz dieser Werke erloschen? Eine freie Publikation im Netz ist der beste Weg, neue Anhänger für gute Ideen zu finden.

Antwort Kubitschek:
Das geistige Urheberrecht hat bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors Bestand. Schmitts Werke werden also im Jahre 2055 frei.

Freedy

19. März 2010 09:47

Auch ich habe erst durch verschiedene Anregungen damit angefangen, Schmitt zu lesen. Und ja, seine Texte sind nicht weniger erhellend als die von Kuehnelt-Leddihn. Und wie immer: kein Autor hat immer nur recht mit dem, was er geschrieben hat, aber er kann alte Widersprüche auflösen und neue kenntlich machen. Die Fragen, vor denen wir stehen, werden immer interessanter.

Martin

19. März 2010 12:29

Warum druckt eigentlich keiner die Werke von Houston Stewart Chamberlain (gest. 1927) nach? Zumindest seine Bücher Wagner, Kant und Goethe hätten es wirklich verdient ...

Off topic Ende und nun zu Herrn Schmitt:

Jeder kann sich sicherlich noch an seine Zeit als Kind zurückerinnern und an die Situation, als man zu mehreren etwas gemeinsam gespielt hat. Da gab es zumeist immer so einen Typen, der bei jedem Streit die Spielregeln dabei hatte, sie sofort zückte und meinte, daraus klugsch... zu müssen. Wenns dann über den Streit dennoch zur Keilerei kam, war dieser Typ dann sehr schnell weg oder hat, in der Steigerung dieser Variante, dann seinen großen Bruder zu Hilfe geholt, der die Rasselbande dann in seinem Sinne aufmischte.

Menschen dieses Charakters werden sehr häufig Juristen (ich darf das sagen, ich bin selber einer). Carl Schmitt gehört - nach dem Inhalt seiner Schriften - klasklar zu der verschärften zweiten Variante, also der, die den großen Bruder herpfeifft.

Aus vielen seiner Werke strömt aus allen Poren die nackte Angst vor dem "unbegreiflichen" dem "anarchischen" und die absolute Feigheit davor, sich als Person auch nur einem Jota Gefahr konkret auszusetzen. Er ist ein Jurist, der die Preisgabe von indivduellen Rechten rechtfertigt, nur damit er schön weiter in Ruhe seine gescheiten Aufsätze verfassen kann - und diese Preisgabe dann noch reichlich unbestimmt durchgehen lässt.

Dies alles muss einmal gesagt werden. Trotz dieser Kritik, lese ich Carl Schmitt sehr gerne, da er ein Jurist ist, der einen brillanten Stil hat, der ihn für alle und vor allem auch für Nichtjuristen absolut verständlich macht. Das "aufklärende" seiner Werke, wie von den Vorrednern schon betont, ist absolut gegeben. Durch die Schmitt Lektüre wird man sich tatsächlich gewisser Grundlagen sehr klar. Ich teile aber die Lösungsvorschläge Schmitts nicht, da ich den zu starken Staat immer als letztlich zum Scheitern verurteilte Variante des menschlichen Zusammenlebens betrachte und Respekt vor dem Leben anderer habe, der bei Schmitt nicht unbedingt einfach zu finden ist.

Aus Schmitts Werk empfehle ich insbesondere die Völkerrechtlichen Arbeiten, wie u.a. seine noch 1945 verfasste und posthum veröffentlichte Schrift zum Angriffskrieg und sein Nachkriegswerk "Der Nomos der Erde".

Ich habe diese Werke in der Zeit des zweiten Irak- Krieges gelesen, als wirklich jeder meinte, bei Kaffee- oder Wirtshausrunden die Worte "Angriffskrieg" und "Völkerrechtswidrig" im Munde führen zu müssen - auch hier war die aufhellende Wirkung Schmitts sehr hilfreich.

Dennoch: Als Leitfigur einer neuen Rechten taugt Schmitt aus meiner Sicht nicht - ihn zu lesen und die Lektüre von ihm empfehlen, ist jedoch richtig.

BUNDESPOPEL

21. März 2010 23:54

Carl Schmitt -- Conditio sine qua non für jeden, der weiß, worauf er hinaus will.

Ohne Schmitt kein Zoon Politikon.

Löffelstiel

22. März 2010 00:21

Lieber Götz Kubitschek, taugt die Sparte 'Zur Diskussion gestellt' für gestandenen Themen/Personen? Ich vermisse übergreifende Finanz- und Wirtschaftsthemen: Ruin deutscher Traditions-/ Familienunternehmen und Hintergründe. Ich vermisse: Zorn über den systematische Verhökern deutscher Unternehmen. Stichworte: Ratiofarm, Karstadt... Hier fehlt mir ein Einhaken, ein In-Frage-Stellen..., wenigstens ein Antippen. Nicht einmal in der Presseschau. Carl Schmitt geht uns doch wahrlich nicht verloren.

Martin

22. März 2010 12:24

Löffelstiel,

wer Schmitt gerade heutzutage liest, erkennt, wie erschreckend aktuell er doch in manchen Belangen ist ... dennoch könnten man in der Tat manches Tagesthema auch hier zur Diskussion stellen - ich weis aber nicht, ob dies die Zielsetzung dieses Internetauftritts ist.

Löffelstiel

22. März 2010 19:36

G.K., 'Tagesthema?' Thema seit Jahr und Tag, nach der Wende seit der Treuhand, seit Rohwedder... Bitte, wer, wenn nicht Sie, sollte, könnte, müßte wissen, 'ob dies die Zielsetzung dieses Internetauftritts ist?' Zum Verfallsdatum deutscher Kultur und Sprache, gehört dazu nicht auch oder vor allem die tradierte (Finanz-)Wirtschaft und ihre Größen? Wirtschaftsphilosophie - jenseits von Verschwörungstheorien - mir fällt Olaf Henkel ein, wer noch?

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