Nicht jeder mag von Massenvergewaltigungen wissen

In der Februar-Ausgabe der Sezession (2010) verfaßte unser Autor Olaf Haselhorst eine kleine Rezension zum Buch des Völkerrechtlers und ehemaligen Hamburger Justizsenators Ingo von Münch, ...

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

“Frau, komm!” Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen deut­scher Frau­en und Mäd­chen aus dem Ares-Ver­lag. Der letz­te Satz aus Hasel­horsts Bespre­chung lau­te­te: „Die grau­en­haf­ten Tat­schil­de­run­gen müs­sen jeden Leser zutiefst erschüt­tert zurücklassen.“

Ich selbst habe das Buch immer noch nicht gele­sen, obwohl wir es in unse­rem Ver­sand haben und es, neben­bei, guten Absatz fin­det. War­um nicht? Weil ich das The­ma kaum mehr ertra­gen kann. Sozu­sa­gen: mein Maß ist voll. Ich ken­ne die „Geschich­ten“ aus dem ober­schle­si­schen Hei­mat­ort mei­ner Mut­ter (die nur auf insis­tie­ren­des Nach­fra­gen erzählt wur­den), ich ken­ne die Geschich­te des Ursu­li­nen­klos­ters in Rati­bor (die von dort unter ent­setz­li­chen Umstän­den geflüch­te­ten Non­nen waren mei­ne Leh­re­rin­nen), und ich habe wäh­rend mei­nes Geschichts­stu­di­ums Ton­bän­der mit Zeit­zeu­g­in­nen­be­fra­gun­gen aufgenommen.

Zuletzt hat­te ich mich vor andert­halb Jah­ren noch mal aus­führ­lich mit Film und Buch Anony­ma und dem bestür­zen­den Buch Frei­wild von Inge­borg Jacobs aus­ein­an­der­ge­setzt. Mitt­ler­wei­le quält mich das The­ma, denn was tut man mit dem Wis­sen? Außer­halb des enge­ren Krei­ses mag’s kei­ner hören, kei­ner wis­sen, Schnee von ges­tern, und falls nicht, dann wird „auf­ge­rech­net“ mit von Deut­schen ver­ur­sach­ten Opfern.

Nun wur­de in der Lite­ra­tur­bei­la­ge der FAZ das Buch Ingo von Münchs bespro­chen, ziem­lich unred­lich, wie mir scheint. „Es ist eigent­lich alles Not­wen­di­ge gesagt“, schreibt Chris­toph Kleß­mann. Über die Ver­ge­wal­ti­gun­gen gäbe es ohne­hin nur vage Schät­zun­gen (zwi­schen 1,4 und zwei Mil­lio­nen aller­dings). Außer­dem, so Kleß­mann, gibt es schon min­des­tens vier (!) Bücher zu die­sem The­ma, zudem ein wei­te­res Buch, das sich in einem „aus­führ­li­chen Kapi­tel“ den Mas­sen­ver­ge­wal­ti­gun­gen wid­met. „War­um also noch die­ses Buch?“ fragt Kleß­mann und ant­wor­tet sich selbst, daß die­se Fra­ge berech­tigt sei.

Er fragt skep­tisch wei­ter, ob das aus­gie­bi­ge Zitie­ren von Zeit­zeu­ge­ner­in­ne­run­gen eine „ange­mes­se­ne Dar­stel­lungs­form“ sei, als sei oral histo­ry nicht seit Jahr­zehn­ten ein von sei­ten ande­rer Opfer­grup­pen und von Wis­sen­schaft­lern geschätz­tes Ver­fah­ren; eines übri­gens, das Aber­hun­der­te Bücher zu ande­ren Ver­ge­hen wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs her­vor­ge­bracht hat. Kleß­mann beklagt, daß die „Kon­tex­tua­li­sie­rung“ der Ver­bre­chen von Sowjet­sol­da­ten bei von Münch „blaß“ blei­be, er sich also nicht aus­rei­chend den Grün­den wid­me, die zu den Ver­ge­wal­ti­gungs­ex­zes­sen geführt hatten.

Den letz­ten Sei­ten­hieb teilt er an den Ares-Ver­lag aus, an des­sen „Renom­mee Zwei­fel erlaubt“ sei­en, wes­halb ein „Bei­geschmack“ blei­be. Das darf man ange­sichts des The­mas tat­säch­lich „geschmäck­le­risch“ nen­nen, und es sagt eini­ges über den kon­ser­va­ti­ven Ruch aus, in dem die FAZ noch immer steht.

Nun ist heu­te die aktu­el­le Aus­ga­be der Emma erschie­nen, die sel­ten im Ver­dacht stand, kon­ser­va­ti­ve Ansich­ten zu bedie­nen. Unter der Über­schrift Deut­sches Tabu – Ver­dien­te Stra­fe für die Frau­en der Täter? fin­den wir (noch nicht online frei­ge­stellt) einen sage und schrei­be vier­sei­ti­gen Abdruck aus Ingo von Münchs Buch. Was lobens­wert ist und ver­deut­licht, wie sehr sich die Fron­ten – auch im Hin­blick auf unse­re Ver­gan­gen­heit als Deut­sche – manch­mal ver­schie­ben können.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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