25. März 2010

Lichtertanz um Rosenkranz

von Martin Lichtmesz / 0 Kommentare

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Vor ein paar Wochen habe ich in diesem Blog die These aufgestellt, daß in Österreich auf dem Gebiet der politischen Auseinandersetzung "Grade an Grunzdummheit, Niedertracht und Giftigkeit erreicht" werden "die man sich in der Bundesrepublik, wo die Verve schon längst in klappernde, ritualistische Routine verpufft ist, kaum vorstellen kann." 

Anlaß waren die Versuche diverser Medien und Politiker, ein semi-inquisitorisch geführtes TV-Interview der FPÖ-Politikerin und Kandidatin für die Bundespräsidentschaft Barbara Rosenkranz zu skandalisieren.  Um die Angriffe zu kontern, ließ Rosenkranz eine "eidesstättige Erklärung" folgen mit den üblichen obligaten Sprüchlein ("Ich verurteile daher aus Überzeugung die Verbrechen des Nationalsozialismus und distanziere mich entschieden von der Ideologie des Nationalsozialismus.")

Genützt hat es ihr selbstverständlich rein gar nichts, schon allein wegen der Gaudi, die ein Fall wie dieser in Aussicht stellt.  Und so durfte am Donnerstag um 19 Uhr vor der Wiener Hofburg  der Vorhang aufgehen für den nächsten Akt der Operette. Wie in den guten alten Zeiten wurde ein Massenaufgebot an enthusiasmierten, bekenntnisbrünstigen Statisten mobilisiert, die "tausende Fackeln und Kerzen" enzündeten, während in Wien weltberühmte Showstars aus Politik, Bühne und Fernsehen Kundgebungen "gegen Barbara Rosenkranz als Bundespräsidentin" zum Besten gaben. Die (nicht ganz so abwechslungsreiche) Palette der mutigen Widerständler gegen die zweifellos bedrohlich unmittelbar vor der Tür stehende Machtergreifung der Rosenkranz reichte von interessierter politischer Seite (Erhard Busek, Ariel Muzicant)  über Kabarettisten und Unterhaltungsmusiker (Alfons Haider, Josef Hader,  Günter Mokesch) bis zu Allround-Wichtigtuern wie André Heller.

Damit das sentimentale gutmenschelnde Gemüt mit seinem weichem Herzen und weichem Hirn nicht zu kurz kommt, während es zur rituellen Hexenverbrennung seine als Kerzchen getarnten Brandfackeln anmacht, und um die ausg'schamte Idiotie dieser Nummer zu vervollkommnen, nennt sich der Zirkus allen Ernstes, jeden Genierer über Bord werfend, "Lichtertanz gegen Rosenkranz" (daß es irgendwas mit "Lichter" drinnen sein wird, war ja klar, aber "Lichtertanz"  ist so ungefähr der Gipfel der politischen Schwulität.) Also der übliche Kitsch, garniert mit Brot und Spielen und dem wohligen Rausch, auf der Seite der Guten zu stehen, bewährte Ingredienzien, mit denen man effektiv jeglicher rationalen Diskussion entgegenwirkt. Laut ORF sollen sich an die 3,000 blökende Lämmchen eingefunden haben.

Inzwischen wurde auch noch eine Webseite mit dem Titel "Frauen gegen Rosenkranz" auf die Beine gestellt, unter Vorsitz der Wiener Vizebürgermeisterin Magistra (soviel Zeit muß sein) Renate Brauner (SPÖ), mitsamt Binnen-I's, abgedroschenen Platitüden gegen Intoleranzfremdenfeindlichkeitundrassismus, und nazikeulenschwingenden Betroffenheitsgesichtern, die mit Intelligenzmeldungen wie diesen unterhalten:
Mag.a Michaela M.-L. (43), Unternehmerin: "Für mich ist jede Person des öffentlichen Lebens, die nicht zu jeder Zeit eindeutig und klar die systematische Vernichtung der Juden im 3. Reich aufs Schärfste verurteilt hat für immer für jedes politische Amt inakzeptabel."

Renée Sch. (56), Universitätsprofessorin: "Angst vor dem „Fremden“ ist evolutionär erklärlich und in jedem von uns vorhanden. Am besten bekämpft man diese Angst in dem man das Fremde zum Vertrauten macht."

Elisabeth O. (74), Schauspielerin: "Die Kandidatur der Barbara Rosenkranz für das höchste Amt des Staates bedeutet eine schwere Rufschädigung für dieses Land. Österreich wird dadurch zum wiederholten Mal in die NS- Schmuddelecke zurückgestossen.“


Mit anderen Worten: gegen den Anti-Rosenkranz-Aufmarsch war die Kampagne gegen Eva Herman auf gut wienerisch gesprochen "ein Schaß".  Sie ist allenfalls vergleichbar mit dem medialen Haß und Hohn, der in den USA einer Sarah Palin entgegenschlug.  Wären Frauen wie Palin und Rosenkranz wirklich so "vorsintflutlich", "ewiggestrig", "rückschrittlich", "mittelalterlich anmutend" und wie derlei Schlagworte lauten,  dann wären sie allerdings wohl kaum imstande, die Linksliberalen derart zur Weißglut zu treiben, wie man es eben wieder beobachten kann. Wo die politische Auseinandersetzung sich nur mehr auf der Ebene der Affektabreaktion und Projektionsflächenbildung bewegt, da kann man mit Sicherheit davon ausgehen, daß dort ein dicker Hund begraben liegt.

In den USA hat immerhin die dissidentfeministische Querdenkerin Camille Paglia (eine meiner ewigen Heldinnen), während des Wahlkampfes 2008 Sarah Palin provokativ als "neue feministische - ja feministische!- Kraft" bezeichnet, als Sportsfrau mit "physischem Wagemut und unbezähmbaren Geist":
... das ist die Palin-Marke eines hemdsärmeligen, Elche jagenden Feminismus ohne faule Ausreden, Welten entfernt von dem jammernden, müde-ironischen Schnepfen-Stil des feministischen Establishments (...). Der Feminismus sollte nicht zur geschlossenen Gesellschaft verkommen, in der man sich einem ideologischen Litmus-Test unterziehen muß, um Mitglied werden zu dürfen.

Vermutlich hat die Wut auf Barbara Rosenkranz ähnliche Gründe:  nicht nur hat sie das von ihr propagierte Familienideal mit sage und schreibe zehn Kindern quasi übererfüllt, sie hat es nebenbei auch noch geschafft, das mit einer beachtlichen Karriere auf einem männerdominierten Gebiet zu verbinden (und nun will sie auch noch die erste Bundespräsidentin Österreichs werden!) Damit hat sie schon einmal durch ihren eigenen Lebensweg bewiesen, daß die Verbindung von Familie und Karriere für begabte und tüchtige Frauen durchaus möglich ist, und daß es ihr eben keineswegs um die Reduktion der Frau auf "Küche und Kinder" geht.

Die Mißachtung dieser ungewöhnlichen Leistung warf Paglia auch den Verächtern Sarah Palins vor:
Ein Feminismus, der dieses Bravourstück der ersten weiblichen Gouverneurin eines Grenzstaates unter hohem Druck nicht bewundern kann, ist keinen warmen Eimer Spucke wert.

Daß Rosenkranz ihren Beruf offiziell als "Hausfrau" angibt, ist in diesem Zusammenhang eine herrliche Provokation, und beweist auch ihre Unabhängigkeit gegenüber negativen weiblichen Rollenzuschreibungen - denn auch die Hausfrau wurde zu Unrecht und zum allgemeinen Schaden sowohl der Frauen insgesamt als auch der Gesellschaft vom Feminismus bespuckt und sozial abgewertet bis zum Überdruß, und sein herablassendes Bruhaha ist inzwischen Allgemeingut geworden.

Aber das ist noch nicht alles: im Gegensatz zu der zwar tatkräftigen, aber nun doch wirklich etwas dummen Sarah Palin, und zur mutigen, aber intellektuell auch nicht gerade sonderlich herausragenden Eva Herman, ist Rosenkranz eine auch theoretisch scharfsinnige und redegewandte Kritikerin des linken Feminismus und der Gender-Ideologie. Das kann man in ihrem sehr guten Buch "MenschInnen - Auf dem Weg zum geschlechtslosen Menschen", oder auch in diesem Interview mit der JF nachlesen.


Aus der Lektüre wird auch ersichtlich, daß dieses ganze Extremismus- und Nazikeulengeschrei, mit dem in Österreich nun zu den bekannten unsäglichen, vernunftfeindlichen Inszenierungen gerufen wird, der Vernebelung der Tatsache dient, daß Rosenkranz nichts anderes verteidigt als den bodenhaftenden, realistischen common sense gegen die Ideologen, die in unverantwortlicher Weise mit der Zukunft der Menschen hantieren.  Ihr Verbrechen besteht darin, sich nicht vor den Heiligen Kühen der Linken niedergeworfen zuhaben, und aus keinem anderen Grund soll die Hexe nun verbrannt werden.

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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