Sezession
2. April 2010

Karfreitag

Martin Lichtmesz

Wie die meisten modernen Menschen, sofern diese Dinge sie noch bekümmern, vermag ich dem Neuen Testament bis zum Karfreitag zu folgen, nicht aber bis zum Ostersonntag. Mir scheint, daß in den Gottesdiensten und Messen heute zuwenig und zu oberflächlich vom Karfreitag gesprochen und lieber eilig der schnelle Weg zum Ostersonntag eingeschlagen wird. Aber wie kann man den Sinn der Auferstehung ohne die Kreuzigung begreifen?

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Und worin sonst soll sich die Gegenwart wiedererkennen, wenn nicht im Karfreitag, in der Offenbarung Johannis und in der Klage des Paulus von Tarsus: Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen vom Leibe dieses Todes? Sofern sie sich diesen Dingen nicht stellt, werden ihr auch die Freude und die Freiheit des Christenmenschen verwehrt bleiben. So will es zumindest die christliche Lehre.

Heute nagt an uns allerdings der Zweifel (wenn er sich nicht schon durchgebissen hat!), ob am Ende der Sackgasse unserer Existenz tatsächlich die Gnade wartet, ob es nicht doch besser ist, vor der Erkenntnis Pascals so lange und so gründlich wie möglich die Augen zu verschließen:

Der letzte Akt ist blutig, so schön die Komödie auch in allem übrigen sein mag. Schließlich wirft man uns Erde aufs Haupt, und das für immer.

Das durchaus freudlose und unfreie zeitgenössische Kirchenvolk, gewöhnt an ein Wellness-Christentum, das niemandem wehtun, niemanden verärgern, niemanden mehr in der ganzen Seele, in der Schöpfung, Schuld und Sühne hausen, ergreifen und erschüttern will, zieht es vor, diese Dinge zu vergessen, blinzelt wie Nietzsches letzter Mensch und meint, es habe das Glück erfunden.  Die Gotteshäuser werden heute bestenfalls als zivilreligiöse Erbauungsanstalten oder Museen wahrgenommen, tatsächlich aber sind sie zu den "Grabmälern Gottes" geworden, in die zunehmends die Hyänen und die Wölfe eindringen.

Zum Karfreitag also Auszüge aus drei klassischen Dichtungen, aus der Feder von Menschen unserer Zeit. Alle drei stellen bohrende Fragen, von denen Leben oder Tod abhängen, aber nur einer wagt es, eine Antwort zu geben, vielleicht der einzige, der aus der Zukunft zu uns spricht.

»Ich bin verpflichtet, meinen Unglauben an den Tag zu legen,« fuhr Kirillow, im Zimmer auf und ab gehend, fort. »Es gibt für mich nichts Höheres als den Gedanken, daß es keinen Gott gibt. Für mich spricht die ganze Weltgeschichte. Der Mensch hat sich Gott nur ausgedacht, um leben zu können, ohne sich zu töten; darauf beruht die ganze Weltgeschichte bis auf den heutigen Tag. Ich bin in der Weltgeschichte der erste und einzige, der sich Gott nicht hat ausdenken wollen. Mögen die Menschen das ein für allemal erfahren.«

»Er wird sich nicht erschießen,« dachte Peter Stepanowitsch beunruhigt.

»Wer soll es denn erfahren?« fragte er, um ihn aufzuhetzen. »Hier ist weiter niemand als ich und Sie. Soll es etwa Liputin erfahren?«

»Alle sollen es erfahren; alle werden es erfahren ... Es gibt nichts Geheimes, das nicht offenbar werden wird. Das hat Er gesagt.«

Er wies in fieberhafter Ekstase nach dem Bilde des Erlösers, vor dem ein Lämpchen brannte. Peter Stepanowitsch wurde ganz wütend.

»An Ihn glauben Sie also immer noch und haben ein Lämpchen angezündet; wohl ›für alle Fälle‹?«

Der andere schwieg.

»Wissen Sie was? Meiner Ansicht nach glauben Sie womöglich noch fester als ein Pope.«

»An wen? An Ihn? Hören Sie,« sagte Kirillow, indem er stehen blieb und mit einem starren, verzückten Blicke vor sich hin sah. »Hören Sie einen großen Gedanken: es war auf der Erde ein Tag, und mitten auf der Erde standen drei Kreuze. Einer der Gekreuzigten glaubte so fest, daß er zu einem der andern sagte: ›Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.‹ Der Tag ging zu Ende, beide starben, gingen hin und fanden weder ein Paradies noch eine Auferstehung. Was der eine gesagt hatte, bewahrheitete sich nicht. Hören Sie: dieser Mensch war der höchste auf der ganzen Erde; er stellte das Ziel dar, zu dessen Erreichung sie leben sollte. Der ganze Planet, mit allem, was auf ihm ist, ist ohne diesen Menschen nur ein Wahnsinn. Weder vor Ihm noch nach Ihm hat es einen ebensolchen Menschen gegeben; er war geradezu ein Wunder. Das Wunder besteht eben darin, daß es einen ebensolchen nie gegeben hat und nie geben wird.

Wenn dem aber so ist, wenn die Naturgesetze nicht einmal mit Ihm Mitleid gehabt, ihr eigenes Wunderwerk nicht geschont, sondern auch Ihn gezwungen haben, inmitten der Unwahrheit zu leben und für eine Unwahrheit zu sterben, dann ist der ganze Planet Unwahrheit und beruht auf Unwahrheit und dummer Verhöhnung. Mithin sind die Gesetze des Planeten selbst Unwahrheit und eine vom Teufel ersonnene Komödie. Wozu soll man also leben? Antworten Sie, wenn Sie ein Mensch sind!«

FJODOR DOSTOJEWSKIJ, Die Dämonen


Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: "Ich suche Gott! Ich suche Gott!"
Da dort gerade viele von denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.
Ist er denn verlorengegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? - so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.

"Wohin ist Gott?" rief er, "ich will es euch sagen!
Wir haben ihn getötet - ihr und ich!
Wir sind seine Mörder! Aber wie haben wir das gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken?
Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen?
Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun?

Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?
Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben?
Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? - auch Götter verwesen!
Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!
Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?

Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet - wer wischt dies Blut von uns ab?
Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?
Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen?
Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?
Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?
Es gab nie eine größere Tat - und wer nun immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!"

Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. "Ich komme zu früh", sagte er dann, "ich bin noch nicht an der Zeit.

Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert - es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Taten brauchen Zeit, auch nachdem sie getan sind, um gesehen und gehört zu werden. Diese Tat ist ihnen immer noch ferner als die fernsten Gestirne - und doch haben sie dieselbe getan!" - Man erzählt noch, dass der tolle Mensch desselbigen Tages in verschiedenen Kirchen eingedrungen sei und darin sein Requiem aeternam deo angestimmt habe. Hinausgeführt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies entgegnet: "Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Gräber und die Grabmäler Gottes sind?"

FRIEDRICH NIETZSCHE, Die fröhliche Wissenschaft


Wenn aber stirbt alsdenn
An dem am meisten
Die Schönheit hing, daß an der Gestalt
Ein Wunder war und die Himmlischen gedeutet
Auf ihn, und wenn, ein Rätsel ewig füreinander
Sie sich nicht fassen können
Einander, die zusammenlebten
Im Gedächtnis, und nicht den Sand nur oder
Die Weiden es hinwegnimmt und die Tempel
Ergreift, wenn die Ehre
Des Halbgotts und der Seinen
Verweht und selber sein Angesicht
Der Höchste wendet
Darob, daß nirgend ein
Unsterbliches mehr am Himmel zu sehn ist oder
Auf grüner Erde, was ist dies?

Es ist der Wurf des Säemanns, wenn er faßt
Mit der Schaufel den Weizen,
Und wirft, dem Klaren zu, ihn schwingend über die Tenne.

FRIEDRICH HÖLDERLIN, Patmos


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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