Sezession
26. Februar 2009

Lektüre-Liste 1: Romane

Götz Kubitschek / 25 Kommentare

Daniel Kehlmanns neuer Roman Ruhm hat unter Kritikern einen jener Eiertänze hervorgerufen, die das intellektuelle Milieu so richtig eklig machen. Man positioniert sich nicht, man wartet ab und hängt mit riesigen Lauschern an den Türen der Kollegen, um ja den richtigen Zeitpunkt des Einstimmens nicht zu verpassen

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Vielleicht lese ich den Roman irgendwann, vielleicht auch nicht. Ich gehöre nämlich zu den Lesern, die zuletzt immer auf zehn unverzichtbare Romane zurückfallen:

Zerlesene Ausgaben, die ein Koordinatensystem mit geheimen inneren Verbindungen bilden. Zu jedem dieser Bücher gehören nämlich ein Ort, ein Ton, manchmal auch eine Person. Die Werke dieser Liste sind Teil meines Handgepäcks, wenn ich über die Möglichkeit einer Insel nachdenke. Alphabetisch:

1. Werner Bergengruen: Der Großtyrann und das Gericht
(über die Mißachtung des Maßes)

2. Ernst Jünger: In Stahlgewittern
(Mensch oder Material? Suche ohne Fund und Verhaltenslehre der Kälte)

3. Jochen Klepper: Der Vater
(Urbilder von Dienst, Demut und preußischem Geist)

4. Christian Kracht: 1979
(postmoderne Sinnlosigkeit, Ekel vor der eigenen Dekadenz)

5. Horst Lange: Schwarze Weide
(Verhängnis: So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen)

6. Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis
(ordnende Entschlossenheit, der starke Einzelne)

7. Christoph Ransmayr: Morbus Kitahara
(Zeit- und Ortlosigkeit nach der historischen Katastrophe)

8. Ernst von Salomon: Die Geächteten
(Temperaturerhöhung, Laufschritt, Rücksichtslosigkeit)

9. Botho Strauß: Der junge Mann
(rechte Denkmöglichkeiten in dürftiger Zeit)

10. Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh
(die Gnade, handeln zu dürfen; die Gnade der Aufopferung)

Alles 20. Jahrhundert und deutscher Sprachraum. Wer auch eine Liste vorlegen will, macht das ebenso knapp kommentierend wie ich. Ziel ist nicht Originalität auf Teufel komm raus (da wären wir wieder bei den Kritikastern, die ja ohne mit der Wimper zu zucken ihre Redlichkeit einer im Feuilleton wohl lebensnotwendigen Originalität zu opfern bereit sind). Ziel sind Gültigkeit und Ernsthaftigkeit - und Genauigkeit: 20. Jahrhundert, deutscher Sprachraum, anderes findet später in weiteren Listen Platz.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (25)

jona
26. Februar 2009 09:51

Ernst von Salomon: Die Geächteten
(Unbedingtheit)

Siegfried von Vegesack: Die Baltische Tragödie.
(das Gefühl von Heimat und Fragilität derselben)

Hans Fallada: Bauern, Bonzen und Bomben
(vom Entschluß, durch verschlossene Türen zu gehen)

Hermann Hesse: Steppenwolf
(hinter der bürgerlichen Maske)

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom
(Größe und Untergang)

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen
(zum gelegentlichen Nachdenken über die eigenen Koordinaten)

Uwe Tellkamp: Der Turm
(anschaulich, warum man selten ein Buch kaufen sollte, das alle loben)

26. Februar 2009 10:11

In loser Reihenfolge

Werner Bergengruen: Der letzte Rittmeister
(Einblick in einen Zeitgeist, der vom heutigen nicht viel weiter entfernt sein könnte)

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen
(Innere Emigartion)

Ernst Jünger: In Stahlgewittern
(Bewegend)

Ernst Jünger: Die Zwille
(Jugend, Empfinden in der Jugend)

Thomas Mann: Der Zauberberg
(Wesen der Zeit, Verkriecherei)

Thomas Mann: Felix Krull
(Ein echtes Vergnügen, das auch einige Warheiten bereithält)

Arminius
26. Februar 2009 10:18

Hinzuzufügen sind noch:

1. Dwinger: Die letzten Reiter (Opfergang und Zeitenwende)
2. Röhrig: Sand-Der Freiheit eine Gasse (Ideale und Idealisten)
3. Löns: Der Wehrwolf (Mut zum Widerstand)
4. Dannenberg: Das bleiche Herz der Revolution (Ansage an die 68er Elterngeneration)
5. Klonovsky: Land der Wunder (über Fiktion und Realität der bundesdeutschen Meinungsfreiheit)

Gardeleutnant
26. Februar 2009 10:40

Hinzuzufügen:
Umberto Eco - Das Foucault'sche Pendel
(lehrt Skepsis vor Verschwörungstheorien, unverständlicherweise ein "Bestseller")

Herbert Rosendorfer - Briefe in die chinesische Vergangenheit
ders. - Die große Umwendung
(nur vordergründig humorig, konservative Kulturkritik und -analyse)

Christoph Ransmayr - Der Weg nach Surabaya
(Reportagen über die gleichzeitige Enge und Weite der Heimat)

Christian S
26. Februar 2009 10:50

noch zwei Schätze...

Siegfried v. Vegesack: Dolmetscher im Osten (Abenteuerlich)

Ernst Wiechert: Das einfache Leben (innere Ordnung)

Rivaldinho
26. Februar 2009 10:59

Oft wird man das Gefühl nicht los, daß das Ausland im 20. Jh. in Sachen Prosa irgendwie mehr zu bieten hatte ... Trotzdem:
1. Thomas Bernhard: Auslöschung (zum Herkunftskomplex, höchst hart, höchst lustig)
2. Benn: Roman des Phänotyps (Bewußtsein statt Umwelt, ohne Roman)
3. Musil: Mann ohne Eigenschaften (Untergang von old europe)
4. Th. Mann: Buddenbrooks (noch mal: Untergang)
5. Fallada: Wolf unter Wölfen (miese Zeiten, miese Menschen)
6. Robert Walser: Der Gehilfe (die Krise war schon immer in uns)
7. Günter de Bruyn: Neue Herrlichkeit (die DDR im Winter '79)
8. Kafka: Das Schloß ("alles umsonst")
9. Werfel: Die 40 Tage des Musa Dagh (siehe Kubitschek)
10. Th. Bernhard: Verstörung (was die Landschaft macht)

stechlin
26. Februar 2009 11:05

Joachim Fernau "Die jungen Männer"
(Sich selbst treu bleiben.)

Ernst von Salomon "Der Fragebogen"
(Lachend am Rand des Abgrunds.)

Walter Kempowski "Alles umsonst"
(Alles umsonst?)

Ernst Jünger "Strahlungen"
(Vom Kshatriya zum Brahmanen.)

Ernst Wiechert "Der Totenwald"
(Niemals vergessen oder: die Kraft des Glaubens im Antlitz der Dämonen.)

Dieter Noll "Die Abenteuer des Werner Holt" (Erstes Buch.)
(Sturm und Drang.)

Christian Kracht "Faserland"
(Anfang und Ende der Popliteratur.)

Hanns Heinz Ewers "Alraune"
(Phantastisches.)

kolkrabe
26. Februar 2009 12:38

Hinzuzufügen:
Friedrich Georg Jünger "Heinrich March"
(aus der Zeit gefallen)

Huldra
26. Februar 2009 15:51

Else Hueck-Dehio: Liebe Renata (Eine heilige Liebe in Zeiten des Umbruchs und des Krieges)

Clemens Laar: Meines Vaters Pferde (Mut, Lebenswille, schicksalhafte Begegnungen)

Joachim Fernau: Hauptmann Pax ("Bericht von der Furchtbarkeit und Größe der Männer")

Klaus-Jürgen Liedtke: Die versunkene Welt (Heimat, Flucht, Vertreibung in der Schwebe zwischen Fakten und Fiktion)

schmidt
26. Februar 2009 18:04

Ergänzend:

Ernst Jünger: Afrikanische Spiele
(Notwendige Ernüchterung)

Martin Mosebach: Die Türkin
(Entdeckung des Ursprünglichen)

Joseph Roth: Radetzkymarsch
(Untergang auf habsburgerisch)

Manuel Venator
26. Februar 2009 18:49

Thomas Mann: Doktor Faustus (Genie, Irrsinn und Ruhm: Die Tragödie Deutschlands)

Ernst Jünger: Eumeswil (Nach den Kulturen: der Einzelne und seine eiserne Reserve)

Franz Werfel: Stern der Ungeborenen (Zeitreise und Jenseitsvision)

Alfred Kubin: Die andere Seite (Abgesang auf das magische Osteuropa)

Klonovsky: Land der Wunder (in der Tat die ultimate Satire auf die "freie Zivilgesellschaft")

Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen (Grandiose Traum-Schau des europäischen Dramas)

Frank Thiess: Das Reich der Dämonen (Die große Erzählung des griechischen Geistes)

Hermann Hesse: Der Steppenwolf (Der Klassiker des Epochenbruchs)

Martin Lichtmesz
26. Februar 2009 19:31

Die widersprüchliche Fülle der Welt, "die nicht aufgeht":

Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege & Die Dämonen

Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts

Korowjew
26. Februar 2009 19:36

Ergänzung:

Michail Bulgakow

Der Meister und Margarita

(kann Menschlichkeit im Totalitarismus bestehen?)

Korowjew
26. Februar 2009 19:38

Ergänzung II.

F.M. Dostojewski

Die Dämonen bzw. Die Besessenen

(Er hat die 68er schon hundert Jahre vorher vorausgesehen...)

Martin Lichtmesz
26. Februar 2009 20:17

Mensch, Leute, jetzt wartet doch noch mit Russen und ähnlichem wir sind erst bei den Deutschen und im 20. Jahrhundert!

Hamburger Michel
26. Februar 2009 23:03

Im Namen meiner Frau, grippefiebrig aus dem Bett kommentiert:

VOR DEM STURM (Th. Fontane)

"Davor war ich ein Hippiemädchen. Danach war ich rechts."

:-)

Toni Roidl
27. Februar 2009 10:12

Wann kommen denn die Sachbücher?

Nebelheimer
27. Februar 2009 13:47

1. Alfred Kubin: Die andere Seite (1909)
(Der Demiurg ist ein …)

2. Hanns Johst: Der Anfang (1917)
(Der Anfang eines nationalsozialistischen Künstlerlebens)

3. Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1931)
(Die Dekadenz und der Versuch, ihr moralistisch zu begegnen)

4. Ernst Jünger: Auf den Marmorklippen (1939)
(Das Untergehen des Abendlandes: Mit dem Rücken zum Abgrund stehend, den Feind vor sich)

5. Ernst von Salomon: Der Fragebogen (1951)
(Der literarischste aller Persilscheine? Und ein Hanns-Ludin-Mahnmal)

6. Arno Schmidt: Das steinerne Herz (1956)
(Wer es weder in der westdeutschen, noch in der ostdeutschen Gegenwart aushält, der hält es in der deutschen Literaturgeschichte aus)

7. Otto Jägersberg: Weihrauch und Pumpernickel. Ein westpfählisches Sittenbild (1964)
(Krieg, Nachkrieg und Bundesrepublikanisierung des westdeutschen Bauerntums)

8. Johannes Mario Simmel: Hurra, wir leben noch (1978)
(Ein Schelmenroman über die Schelme der Westlichen Wertegemeinschaft)

9. Patrick Süskind: Das Parfum (1985)
(Der Anhauch des „Gesellschaftlichen“)

10. Marcel Beyer: Flughunde (1995)
(Der deutsche Mensch als Membran des deutschen geschichtlichen Erlebens)

markus betz
27. Februar 2009 16:18

nur zwei(drei) Ergänzungen:
1. Manfred Hausmann: "Lampioon küßt Mädchen und kleine Birken" (1928) und die Fortsetzung "Salut gen Himmel" (1929)
(jugendbewegt und nihilistisch das abgründige Leben leben)

2. Manfred Hausmann: "Abschied von der Jugend" (1937)
(mit kierkegaadschem Glaubenssprung den Nihilismus hinter sich lassen)

Philipp
27. Februar 2009 19:46

ergänzend

Mosebach: Der Mond und das Mädchen
dolce vita in Frankfurt

Erwalf
28. Februar 2009 12:07

Da ich bisher keine andere Gelegenheit fand, sei mir am Anfang folgende Feststellung erlaubt: Wenn die neuen sezessionistischen Seiten hier zur Romanliteratur gezählt werden könnten, würde ich sie an dieser Stelle lobend nennen.
Sonst:
- Zumindest Goethes Faust und Wilhelm Meister
(reichhaltigste Gedanken, Prognosen und stilistisch meisterhafte Darstellung von Lebensmöglichkeiten)

- Günter Grass „Ein weites Feld“
(bestes zu deutschen Wenden und zu Fontane in Romanform)

- Von Thomas Mann neben Buddenbrooks und Zauberberg auch Josef und seine Brüder
(Eintauchen in historische und mythische Tiefen)

- Joachim Fernau „War es schön in Marienbad – Goethes letzte Liebe“
(auf Reise zu den böhmischen Bädern gelesen einige Jahre vor Martin Walsers entsprechendes Buch)

- Bernhard Schlink „Der Vorleser“
(Ellen Kositza hat zu dem Buch bereits die richtigen Angaben gemacht)

- Bestätigung schon genannter Werke: So gut wie alles von Enst Jünger seit den Mamorklippen und so manches davor (Schöner als Stechlin kann ich es nicht ausdrücken: „Vom Kshatriya zum Brahmanen“! ), ferner: Fontanes „Vor dem Sturm“, Kleppers „Vater“, Salomons „Fragebogen“, Ecos „Pendel“ (woraus man auch lernen kann, wie ernsthafte Theorien über Verschwörungen durch in die Welt gesetzte schwachsinnige Verschwörungstheorien bekämpft werden können.) – Mit gerade gelesener „Schwarze Weide“ von Horst Lange habe ich Schwierigkeiten.
Die Ausländer, nicht zuletzt die Russen, kommen ja wohl noch dran.

Erwalf
28. Februar 2009 12:14

Entschuldigung! Faust durfte hier ja noch nicht genannt werden.

Martin
2. März 2009 15:20

Sehr interessant, hier viele Bücher wieder zu finden, die auch auf mich einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben ...

da ich nur ungern "Hitlisten" alá Popcharts führe, nenne ich einfach die beiden Autoren, von denen ich bisher am meisten gelesen habe und bei denen ich daher einfach das Gesamtwerk empfehlen kann ...

1. Thomas Mann (ein klares "Muss" für jeden Deutschen - bei ihm erfährt man einfach alles - vom fin de siècle bis zum deutschen Untergang. Für Menschen, die sich "Konservativ" nennen, sind von ihm insbesondere die Werke "Zauberberg" (unvergessbar : die Dialoge zwischen Naphta und Settembrini - schneller und angenehmer kann man in den Bereich Konservativismus und Konservative Revolution versus Moderne nicht einsteigen) und "Doktor Faustus" zu empfehlen. Ebenso natürlich, auch wenn kein Roman, die Ansichten eines Unpolitischen (Tipp: Antiquarisch eine der frühen Auflagen kaufen).

2. Thomas Bernhard (wie fange ich es jetzt an, den passenden Einleitungssatz zu finden ((Kenner wissen, was damit gemeint ist)).

Stefan
2. März 2009 22:24

Was sind die Meinungen über Hermann Brochs "Der Tod des Vergil" ? Ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich bin manchmal während meines Deutschstumdiums darauf gestoßen und es scheint mir recht interessant zu sein

Corvusacerbus
3. März 2009 16:29

Die Unverzichbaren, zu denen man immmer mal wieder greift:
(1) Thomas Mann, Der Zauberberg
(Zeitgeist(er), Triebhaftigkeiten, das Große und Kleine, alles drin. Ein großer Wurf).
(2) Ernst Jünger, Auf den Marmorklippen
(Stolz, Ehre, Untergang, der Duktus des Buches - einfach groß!)
(3) Peter Weiss, Die Ästhetik des Widerstands
(Sag' mir nicht nur, wo du stehst, begreife auch, warum andere woanders standen und stehen und lerne dadurch noch viel mehr).
(4) Hans Blickensdörfer, Die Baskenmütze
(Nicht so tief, aber echt und voller Kameradschaft. Ein wunderbarer Schmöker für große Jungens - und Mädels, die Jungens mögen).
(5) Uwe Johnson, Jahrestage
(Die Welt dreht(e) sich nach dem Krieg weiter, Deutschland war geteilt und wer das begreifen will, muß Johnsons Jahrestage lesen).
(6) Werner Bräunig, Rummelplatz
(Auf der Suche nach einer authentischen deutschen Stimme? Voila, komm auf die Schaukel, Kumpel und lies).
(7) Stefan Zweig, Joseph Fouché
(Man mag den Verrat, aber verachtet den Verräter? Gut gut, aber man kann sie auch als Teil der politischen Dialektik beschreiben und verstehen).
(8) Golo Mann, Wallenstein
(Geist, Erzählung, Stil, und nebenbei die Triebkräfte der beginnenden Moderne begreifen. Was für ein Buch!).
(9) Camilo José Cela, Der Bienenkorb
(Hat das Leben einen Sinn? Im Madrid zur Zeit des zweiten Weltkriegs hatte es jedenfalls einen gewissen urbanen Stil).
(10) Jonathan Littel, Die Wohlgesinnten
(Ihr Menschenbrüder, laßt Euch erzählen, wie es gewesen ist).

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