Porträt des Anarchisten Gustav Landauer

Ein Gastbeitrag von Hans Blüher (links im Bilde)

Anmerkung: Am 7. April jährte sich der Geburtstag des deutsch-jüdischen Anarchisten Gustav Landauer zum 140. Mal. 

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Der 7. April war 1919 der Tag der Aus­ru­fung der Münch­ner Räte­re­pu­blik, der sich Land­au­er an expo­nier­ter Stel­le anschloß. Im Zuge deren Nie­der­schla­gung im Mai des­sel­ben Jah­res wur­de Land­au­er von Sol­da­ten der Reichs­wehr ermor­det. Der fol­gen­de Text ist ein stark gekürz­ter Aus­zug aus der Auto­bio­gra­phie Hans Blü­hers, Wer­ke und Tage (1953). 

Der jun­ge Blü­her, umstrit­te­ner Chro­nist und Deu­ter des “Wan­der­vo­gels”, hat­te Land­au­er 1915, wäh­rend sei­ner “lin­ken” Pha­se im Umkreis der Zeit­schrift “Der Auf­bruch”, ken­nen­ge­lernt. Die knapp drei­ßig Sei­ten, die Blü­her Land­au­er wid­met, gehö­ren zu den fes­selnds­ten und ein­präg­sams­ten Pas­sa­gen des Buches.  Hier tra­fen har­te Gegen­sät­ze eben­so wie geis­ti­ger und mensch­li­cher Respekt auf­ein­an­der: der Anar­chist auf den Preu­ßen, der (laten­te) äußers­te Rech­te auf den äußers­ten Lin­ken, der Par­tei­gän­ger des “Vater­lands” auf den Par­tei­gän­ger der “Mensch­heit”, der (spä­te­re) Anti­se­mit auf den Juden. Blü­hers Erin­ne­run­gen an Land­au­er gerie­ten trotz der welt­an­schau­li­chen Distanz zur ein­fühl­sa­men Hom­mage, aber auch zur schar­fen Ana­ly­se und Kri­tik eines Typus der “ewi­gen Lin­ken”, wie man ihm auch heu­te noch begeg­nen mag, frei­lich in abge­schwäch­ter Form und ohne die geis­ti­ge Grö­ße und Aus­strah­lung eines Gus­tav Landauer.

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Mei­ne Bezie­hun­gen zu Gus­tav Land­au­er, die sich unver­se­hens fast zu einer Freund­schaft umge­wan­delt hät­ten, sind ein guter Beweis dafür, daß das Geis­ti­ge, wenn es nur rein gepflegt wird, imstan­de ist, auch die äußers­ten Gegen­sät­ze zu über­brü­cken. Der Lage gemäß, in der sich mein Vater­land wäh­rend des ers­ten Welt­kriegs befand, konn­te ich Land­au­er nach allem, was er dach­te, sprach und tat, nur als einen Hoch­ver­rä­ter anse­hen, und es wäre fast mei­ne Pflicht gewe­sen, ihn anzu­zei­gen. Doch so etwas tut man eben nicht. Umge­kehrt hät­te Land­au­er in den kur­zen Tagen, da er an der Mün­che­ner Macht­er­grei­fung teil­hat­te, mich erschie­ßen las­sen müs­sen. Doch das hat­te er auch nicht getan.

Ich lern­te Gus­tav Land­au­er in jenem Sied­lungs­heim ken­nen, von dem ich schon sprach; dort­hin zog es ihn, weil die dort ver­tre­te­ne Auf­fas­sung von Sozia­lis­mus, die der eng­li­schen Fabi­an Socie­ty nahe­stand, auch die sei­ni­ge war; er stand im här­tes­ten Gegen­satz zum poli­ti­schen Mar­xis­mus, den er lei­den­schaft­lich bekämpf­te. Land­au­ers Erschei­nung mach­te auf mich jun­gen Men­schen von sie­ben­und­zwan­zig Jah­ren einen erhe­ben­den Ein­druck; es ging Inte­gri­tät von ihm aus. Und es ist ein­fach falsch, wenn er in sei­nem am Weih­nachts­abend 1915 an Ernst Joel geschrie­be­nen Brief über mich schreibt, er, Land­au­er, „sto­ße mich ab“. Das Gegen­teil war der Fall. Er ist der ein­zi­ge Hebrä­er, dem ich es glau­be, wenn er schreibt, er habe nicht die min­des­te Anla­ge, „die Freu­de an mei­nem Juden­tum auch nur einen ein­zi­gen Tag zu ver­ges­sen“. Die­se Freu­de war in der Tat so anste­ckend, daß ich ihm ein­mal sag­te, er wir­ke auf mich wie ein rei­ner Ari­er. Halb scher­zend ant­wor­te­te er: „Aber hören Sie mal…! Das ist ja bei­na­he eine Belei­di­gung!“ Damit woll­te er nichts gegen die ari­sche Ras­se sagen, denn die­ser Begriff war damals noch nicht korrumpiert.

Dabei konn­te es in der poli­ti­schen Ebe­ne, die ich immer streng ein­ge­hal­ten habe, kei­ne grö­ße­ren Gegen­sät­ze geben als Land­au­er und mich. Er nann­te mich öffent­lich in Reden den „famo­sen Nord­deut­schen“ – ich aber nann­te mich einen Preu­ßen, wor­an man allein die gro­ße Kluft, die zwi­schen uns war, erken­nen kann. Wenn Land­au­er Karl Lieb­knecht den ein­zi­gen nann­te, der „in den Kriegs­jah­ren dem deut­schen Namen Ach­tung ver­schaff­te“ – was für eine poli­ti­sche Gro­tes­ke! – so war der­sel­be Mann für mich nichts wei­ter als ein Hoch­ver­rä­ter, der an den Gal­gen gehör­te. Das lag dar­an, daß für mich „Staat“ (immer als Preu­ßen gedacht) kon­sti­tu­ti­ves Ele­ment mei­nes Cha­rak­ters ist, und für ihn nicht. Er leug­ne­te den Staat über­haupt und nann­te sich einen Anarchisten.

„Aller­dings hal­te ich Anar­chis­mus für das gemä­ßes­te Wort für mei­ne Lebens­an­schau­ung“, schrieb er an Paul Eltz­ba­cher. „Auch habe ich nicht die anar­chis­ti­sche Zukunfts­ge­sell­schaft über Bord gewor­fen, son­dern nur den Glau­ben, daß sie mit den jetzt leben­den Men­schen­mas­sen in irgend abseh­ba­rer Zeit erreicht wird. Dage­gen glau­be ich an ihre Ver­nünf­tig­keit und an ihre Rea­li­sier­bar­keit unter nur eini­ger­ma­ßen ein­sich­ti­gen und gut­wil­li­gen Men­schen. Allen­falls glau­be ich an klei­ne­re anar­chis­ti­sche Sied­lun­gen, die spä­ter viel­leicht von den Nicht-Anar­chis­ten in Ruhe gelas­sen werden.“

In den letz­ten Wor­ten spricht sich schon theo­re­tisch die gan­ze Halt­lo­sig­keit des Anar­chis­mus aus, denn gera­de das, daß die spä­te­ren anar­chis­ti­schen Sied­lun­gen „viel­leicht“ (!) in Ruhe gelas­sen wer­den, ent­behrt bei der meta­phy­sisch gege­be­nen Natur des Men­schen­ge­schlechts jeder Begrün­dung. Die freie Herrscher­lei­den­schaft des Men­schen, die unbe­zähm­bar ist, schiebt hier einen Rie­gel vor. Dafür wird Land­au­er selbst das bes­te Bei­spiel geben. Denn wenn wir ihn spä­ter in sei­ner Eigen­schaft als Minis­ter für Volks­auf­klä­rung in der Münch­ner Räte­re­pu­blik am Wer­ke sehen, wo er also selbst an der Macht war, da sto­ßen wir sofort auf die­ses Herr­scher-Pathos. „Ich wür­de“, so schreibt er am 15. Novem­ber 1918 vor­aus­bau­end an Mar­tin Buber, „kei­ner­lei Gewalt­tat scheu­en, um die alte Pres­se zu ver­nich­ten“ – „Viel zuviel Her­ren­wald ist da, er müß­te sofort urbar gemacht und auf­ge­teilt wer­den“ (an Vogl, 23.11.18). Hier klingt das bei den alten Revo­lu­tio­nä­ren belieb­tes­te Lock­mit­tel für den Jan­ha­gel an, das immer zieht – ent­schä­di­gungs­lo­se Ent­eig­nung! Und an sei­nen Schwa­ger Hugo Land­au­er schreibt er am 27.11.18: „Es ist mög­lich, daß erst Indus­trie­rui­nen und Arbeits­lo­sig­keit von Hun­der­tau­sen­den kom­men müs­sen, ehe die Zeit für unse­re Ideen reif ist. Das gro­ße Hin­der­nis sind die gelern­ten Arbei­ter, die nicht dar­an den­ken, ihren Beruf zu wech­seln. Da sie nicht hören wol­len, wer­den sie füh­len müs­sen.“ Eine furcht­ba­re und cha­rak­te­ris­ti­sche Drohung!

Kein Hin­der­nis sind dem­zu­fol­ge der geis­ti­ge und pro­le­ta­ri­sche Jan­ha­gel, auf den ja auch sein Feind Karl Marx allein sei­ne Hoff­nung setz­te! „Zur Zeit kann man nur Münch­ner Blät­ter lesen, weil wir sie zwin­gen, Schlech­tes zu las­sen und Gutes zu dru­cken.“ „Alle Münch­ner Zei­tun­gen haben sie (Land­au­ers Gedächt­nis­re­de an Eis­ners Grab) im Wort­laut brin­gen müs­sen“. Und das alles nann­te er dann „einen Anfang zur Frei­heit der öffent­li­chen Mei­nung“ (an sei­nen stets skep­ti­schen Freund Fritz Mauth­ner am 5. März 1919).

Aus die­sen Stich­pro­ben ersieht man deut­lich, daß Land­au­er, wenn sei­ne Macht­be­füg­nis­se in der Räte­re­pu­blik grö­ßer gewe­sen wären, noch ganz ande­re Töne zur Ver­ge­wal­ti­gung sei­ner Geg­ner ange­schla­gen hät­te, denn, solan­ge die Welt steht, haben Gewalt­herr­scher (beson­ders aber „vom Volk legi­ti­mier­te“) ihre eige­ne Sache stets für das „Gute“ erklärt, um des­sent­wil­len – mit mehr oder weni­ger blu­ten­den Her­zen – man jede Grau­sam­keit bege­hen dür­fe, die alle­mal als Not­wehr hin­ge­stellt wird. Auch Robes­pierre dach­te so, und man glaubt die­sen zu hören – was aller­dings nur fei­ne­re Ohren kön­nen -, wenn Land­au­er als Ziel der Revo­lu­ti­on „das Stil­le und From­me der neu­en Mensch­heit“ nennt.

Es ist also klar, und die Pro­be aufs Exem­pel beweist es auch bei die­sem mil­des­ten aller Anar­chis­ten, der „nie­man­dem weh tun“ will: Anar­chis­mus heißt immer, gegen die Herr­schaft des gera­de gegen­wär­ti­gen Herr­schafts­ge­fü­ges zu sein, um eben die­se Herr­schaft selbst aus­zu­üben. Damit aber ist Sinn und Bedeu­tung des Wor­tes ad absur­dum geführt und poli­tisch ent­larvt. Nach Land­au­ers Theo­rie besteht Herr­schaft und Zwang, also Staat, nur dadurch, daß die Men­schen den inne­ren Drang haben, beherrscht zu wer­den. Der Fran­zo­se Eti­en­ne de la Boé­tie nennt die­ses Phä­no­men la ser­vitu­de volon­taire. Schüt­telt man nun durch einen gleich­falls inne­ren Akt der Befrei­ung die­sen ata­vis­ti­schen Drang ab, so haben Herr­schaft und Staat ihren Boden in der Men­schen­see­le ver­lo­ren, und die­se soll dann bereits frei wie die Anar­chis­ten sein. Schön und gut! Aber die­sen Akt begeht die Mensch­heit nicht. Er bleibt damit ein pri­va­ter Voll­zug ein­zel­ner und wird nie­mals zum Poli­ti­kum. Solch ein ein­zel­ner aber steht, wie wir das bei Land­au­er erfah­ren wer­den, nach Ablauf sei­ner pseu­do­po­li­ti­schen Lauf­bahn als ein Ver­ein­sam­ter und von der Mensch­heit Ent­täusch­ter da.

Wie aber war nun Land­au­ers Sozia­lis­mus gebaut? Marx hat­te den Geist als Pro­dukt der Mate­rie ver­stan­den; wenn er heu­te noch leb­te, wür­de er sagen: ein über­flüs­si­ges Pro­dukt. Aber die­ser Gedan­ke von der „den­ken­den Mate­rie“ ist natür­lich Meta­phy­sik grob­schläch­tigs­ter Art. Land­au­er kehr­te das Ver­hält­nis um und sag­te: erst war der Geist und dann die Mate­rie, wobei die Mate­rie gleich Wirt­schaft ist. Nur in die­ser Ver­en­gung ist der Gedan­ke ja ori­gi­nal. Er ist nicht Meta­phy­sik, denn wenn jemand ein Haus bau­en will, so muß er es vor­erst im Kop­fe haben. Nun aber kommt Land­au­ers ganz spe­zi­fi­sche und ori­gi­nel­le Auf­fas­sung, die man sich mer­ken muß. Das, sagt er, was wir die Geni­en der Mensch­heit nen­nen, wobei Land­au­er nur Dich­ter und Den­ker ins Auge faß­te, nicht Staats­män­ner, ist „ertö­te­tes Volk“, das sich gewis­ser­ma­ßen, uner­laub­ter­wei­se, in den gro­ßen Indi­vi­du­en ange­sam­melt hat. Die Frei­ga­be, Preis­ga­be, Her­ga­be die­ser pri­vi­le­gier­ten Stel­lung zuguns­ten der geis­tig dafür aus­ge­power­ten Men­ge und die Ver­wen­dung die­ser frei wer­den­den Kraft in ers­ter Linie zur Her­stel­lung einer gerech­ten und gleich­mä­ßig ertrag­rei­chen Wirt­schaft – wobei dann jede staat­li­che „Regie­rung“ über­flüs­sig wer­de -, die­se umbruch­wei­se gesche­hen­de Frei­ga­be ist „Die Revolution“.

Als ich Land­au­er ein­mal frag­te, ob er denn in der Geschich­te der Revo­lu­tio­nen Sze­nen ken­ne, in denen der Geist sich, wie er es mein­te, aus der pri­vi­le­gier­ten Situa­ti­on des Geni­us her auf das Volk, dem er eigent­lich gehö­re, zurück­er­gos­sen habe, und zwar so, daß es vor­hielt, und auch so, daß dabei kein Blut ver­gos­sen wur­de – denn das alles gehör­te zu sei­nem Bil­de von einer Revo­lu­ti­on – da ant­wor­te­te er mir: ja, in der Geschich­te der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, und zwar in jenem Augen­blick, als zum ers­ten Male die Mar­sel­lai­se erklang, die sich noch heu­te hält: hier habe der Dich­ter „sei­nen“ Geist -pro­prié­té c’est le vol – dem Vol­ke zurück­er­stat­tet und es umge­wan­delt, erneu­ert. „Gut!“ sag­te ich, „das ver­ste­he ich wohl und will es gel­ten las­sen. Aber die­se Revo­lu­ti­on hat sich, als sie sieg­te und damit sie sie­gen konn­te, sofort bewaff­net. Und wie, mit wel­cher Lei­den­schaft! Den Sal­pe­ter haben sie mit ihren Nägeln aus den Kel­ler­mau­ern gekratzt für ihre Angriffskrie­ge! Die­se wur­den von Robes­pierre nach innen, von Napo­le­on nach außen geführt!“ – Ich weiß nicht mehr, was Land­au­er geant­wor­tet hat. Wenn aber die­se Ant­wort über­zeu­gend gewe­sen wäre, so wäre ich Sozia­list geworden.

Im Febru­ar 1918 traf ihn der furcht­bars­te Schlag sei­nes Lebens. Über Deutsch­land war die Grip­pe­epi­de­mie her­ein­ge­bro­chen, der vie­le Vor­treff­li­che zum Opfer fie­len. Auch Hed­wig Lach­mann wur­de von ihr erfaßt und starb. Bei der Innig­keit die­ser wahr­haft mus­ter­gül­ti­gen Ehe, die ihn mit der Dich­te­rin ver­bannt, lag der Gedan­ke für ihn nahe, ihr frei­wil­lig in den Tod zu fol­gen. Doch das wies er ab, nicht nur der Kin­der wegen, son­dern vor allem um des geschicht­li­chen Auf­trags wil­len, den er zu haben glaub­te. Die­ser lau­te­te: nach der Zer­stö­rung des Bis­mar­cki­schen Rei­ches mit Hil­fe der äuße­ren Fein­de an der Auf­rich­tung eines „Neu­en Deutsch­land“ auf anar­cho-sozia­lis­ti­scher Basis und mit einer durch eine ver­dien­te Nie­der­la­ge und Reue geläu­ter­ten deut­schen Mensch­heit mitzuwirken.

Das Ster­be­zim­mer sei­ner Frau, um deren Leben und Tod er gemein­sam mit ihr eine Woche gerun­gen hat­te, scheint ihn fest­ge­hal­ten zu haben, denn er ver­leb­te die­ses gan­ze Trau­er­jahr in Krum­bach. Nur in der zwei­ten Sep­tem­ber­hälf­te muß­te er fort, um den Umzug zu regeln, denn er woll­te “das fre­che Ber­lin” für immer ver­las­sen. Er besuch­te mich in mei­ner Char­lot­ten­bur­ger Wohnung.

Deutsch­land stand kurz vor der Kapi­tu­la­ti­on, und in Mün­chen hat­te es bedenk­lich zu kri­seln begon­nen, “hoff­nungs­voll” wie Land­au­er sich aus­drück­te. Eigent­lich wuß­ten wir bei­de von­ein­an­der nicht, wo wir ganz aktu­ell, auf heu­te und mor­gen gerech­net, poli­tisch stan­den und wo die Bar­ri­ka­den lagen, die uns trenn­ten; und wir lie­ßen ein­an­der wohl bei­de in scho­nungs­vol­lem Dun­kel. Daß er sich schließ­lich in der aus­ge­bro­che­nen Revo­lu­ti­on auf die Sei­te des Spar­ta­kus­bun­des drän­gen ließ, habe ich damals nicht ver­mu­tet; daß ich auf der Sei­te der Frei­korps stand, das bedurf­te für mich kei­nes Nach­den­kens. Da hat­te schon ein jüdi­scher Schrift­stel­ler namens Kurt Eis­ner von sich reden gemacht; er hat­te auch an mich geschrie­ben, in der für ihn selbst­ver­ständ­li­chen Annah­me, daß ich auf sei­ner Sei­te stün­de. Merk­wür­dig doch: die Leu­te der äußers­ten Lin­ken neh­men immer an, geis­ti­ge Men­schen mei­ner Art stün­den auf ihrer Sei­te. Mir ist das öfter so ergan­gen. Als ich wäh­rend der Blo­cka­de Ber­lins aufs Rat­haus ging, um für mich die Lebens­mit­tel­kar­te I zu erwir­ken, brauch­te ich nur mei­nen Namen zu nen­nen, und sofort frag­te der Vor­sit­zen­de: “Blü­her…? Sind Sie der Ver­fas­ser von …?” – und nun kam ein fast lücken­lo­ses Ver­zeich­nis mei­ner Schrif­ten. “Ja”, ant­wor­te­te ich, und er rief zu dem notie­ren­den Mäd­chen hin­über: “Selbst­ver­ständ­lich Kar­te I!” Es war der Kom­mu­nist Karl Fischer-Wal­den, des­sen Name hier erwähnt zu wer­den ver­dient. Lösen kann ich das Rät­sel nicht. Ver­gleicht man damit die Hal­tung der äußers­ten Rech­ten – zu der ich poli­tisch gehö­re -, so kann man nur sagen: non liquet! In die­ser Vor­aus­set­zung hat­te Eis­ner an mich geschrie­ben, aber ich lehn­te natür­lich ab. Nach den Schil­de­run­gen Land­au­ers muß er ein Mensch von gro­ßer Güte und per­sön­li­chem Wohl­wol­len gewe­sen sein, aber eben natür­lich gänz­lich unbrauch­bar für den Platz, auf den das Schick­sal – oder er selbst – ihn spä­ter stel­len sollte.

Wäh­rend des Gesprächs nun vom Schau­kel­stuh­le her ent­wi­ckel­te Land­au­er den Plan, nach Mün­chen zu gehen, “Bay­er zu wer­den” und sich, wenn es los­gin­ge, der Revo­lu­ti­on zur Ver­fü­gung zu stel­len. “Tun Sie das nicht, Land­au­er!” sag­te ich drin­gend, “Sie sind ein geis­ti­ger Mensch und haben dort nichts zu suchen!” – “Eben gera­de des­halb muß ich hin! Hier gibt es für mich kein Zau­dern.” – “Sie wer­den unter die Räder kom­men! Die Revo­lu­ti­on frißt ihre eige­nen Kin­der!” – “Las­sen Sie sie fres­sen! Aber ich kann nicht zuse­hen, wie das Volk von der Reak­ti­on auf der einen und vom Spar­ta­kus­bun­de auf der ande­ren Sei­te zer­rie­ben wird. Der Geist muß sie­gen!” Ich schwieg. Hier war nichts mehr zu raten, und ich lenk­te ab, indem ich mich nach dem Erge­hen von Mar­tin Buber erkun­dig­te. “Der kommt auch!” – So nahm das Schick­sal sei­nen Lauf.

Der Kai­ser dank­te ab und been­de­te damit offi­zi­ell die deut­sche Geschich­te, ein wir­res, in Etap­pen abrut­schen­des Volk zurück­las­send. In Mün­chen schwang sich Eis­ner zum Nach­fol­ger des abge­dank­ten Prinz­re­gen­ten auf, und das Nar­ren­spiel begann. Land­au­er saß in Krum­bach am Gra­be sei­ner Frau. Er hielt den anbre­chen­den Revo­lu­ti­ons­kar­ne­val für “Flam­men­zei­chen” und schrieb mir, er sei auf dem Sprun­ge in jene Stadt, in der mög­li­cher­wei­se die “Erneue­rung der Mensch­heit” zustan­de kom­men wür­de. Ich schrieb ihm, er sol­le die Fin­ger davon las­sen, er sei ein geis­ti­ger Mensch und habe mit poli­ti­schen Din­gen nichts zu schaf­fen. Ich sei – so endig­te ich mei­ne Post­kar­te – “königs­treu und kon­ser­va­tiv”. Land­au­er lehn­te ab; er müs­se nach Mün­chen, um dem Vol­ke den Geist zu brin­gen, “nen­nen Sie sich im übri­gen königs­treu und kon­ser­va­tiv – ich nen­ne mich, wie immer, Ihren Gus­tav Land­au­er”, – das war das letz­te Lebens­zei­chen, das ich von ihm erhielt.

Der Rest war Mün­chen. Nun brach­te es der Gang der Ereig­nis­se mit sich, daß auch ich nach Mün­chen fuhr. Gewis­se Tei­le der Jugend­be­we­gung hat­ten sich dem Kom­mu­nis­mus ange­schlos­sen, und man ver­mu­te­te wie­der merk­wür­di­ger­wei­se, daß ich das auch getan hät­te, weil, einer selt­sa­men Auf­fas­sung nach, der Geist links ste­he. Ande­re wie­der glaub­ten von mir das Gegen­teil zu wis­sen. Nun hat­ten sich in Mün­chen damals Tei­le des zurück­strö­men­den Hee­res nie­der­ge­las­sen, teils um zu stu­die­ren, teils um lit­ter­a­ri­schen und poli­ti­schen Unfug zu trei­ben. Kurz­um, man erwar­te­te, daß ich end­gül­tig Stel­lung bezö­ge. Denn eine schwan­ken­de Hal­tung, wie sie etwa der gleich­falls in Mün­chen wei­len­de Tho­mas Mann ein­nahm, der über­all, an allem etwas Gutes fand und nicht unge­recht sein woll­te – eine sol­che Hal­tung erwar­te­te man von mir nicht. Ich habe daher die mei­ni­ge in einem Vor­trag “Deut­sches Reich, Juden­tum und Sozia­lis­mus” zu erken­nen gege­ben und damit die Gemü­ter ori­en­tiert und beru­higt. So ganz unpo­li­tisch war ich also nicht; immer­hin aber ist es etwas ande­res, ob man sein Vater­land ver­tei­digt oder für ver­schwom­me­ne Mensch­heits­er­neue­run­gen ein­tritt. Damals sam­mel­te sich um mich die gan­ze gut aus­se­hen­de Jugend, meist in Uni­form, ras­sisch und per­sön­lich her­vor­ra­gend betont, wäh­rend sich auf der Gegen­sei­te das gan­ze lang­haa­ri­ge, schlecht­fri­sier­te Gesin­del auf­stau­te, Lit­te­ra­ten­volk mit tie­fen Mensch­heits­bli­cken, der Typus des damals her­um­lun­gern­den frei­deut­schen Abfall­pro­dukts: sol­che Leu­te etwa wie Erich Müh­sam, Land­au­ers Duz­freund. Dar­auf aber stütz­te sich Land­au­ers Hoff­nung auf Erneue­rung der Menschheit.

Ich ver­mied es, ihm zu begeg­nen, traf ihn nur, wie er zusam­men mit Mar­tin Buber in Pelz­jop­pe und hoher Pelz­müt­ze auf der Stras­se spa­zie­ren­ging; er sah aus wie der alte Kro­pot­kin leib­haf­tig. Land­au­ers Stel­lung zwi­schen den Par­tei­en war nun eine wesent­lich schwie­ri­ge­re als die mei­ne. Er hat­te ers­tens Fein­de und zwei­tens Geg­ner. Mit bei­den muß­te er, kos­te es, was es wol­le, fer­tig wer­den. Der Feind war “das fre­che Ber­lin”. Dort herrsch­te die Regie­rung Ebert-Schei­de­mann, die den preu­ßi­schen Geist über­nom­men hat­te und die ent­schlos­sen war, jeden Sepa­ra­tis­mus mit Waf­fen­ge­walt zu unter­drü­cken. Man muß die­se geschicht­li­che Ent­schei­dung schon der Sozi­al­de­mo­kra­tie zugu­te hal­ten, deren mus­ter­haf­tes Orga­ni­sa­ti­ons­ta­lent damals das Reich geret­tet hat. Denn die Fran­zo­sen droh­ten mit der Main­li­nie. Aus dem Mun­de der Frau Müh­sam aber – ihn habe ich nie ken­nen­ge­lernt – erfuhr ich die Paro­le: “Lie­ber die Fran­zo­sen als die Preu­ßen!” Land­au­er jedoch betrieb die Auf­lö­sung des Deut­schen Rei­ches in mög­lichst vie­le anar­cho-sozia­lis­ti­sche “Gemein­den”. Indes­sen der Feind Preu­ßen war – vor­läu­fig – weit vom Schuß. Anders stand es mit den bol­sche­wis­ti­schen Emis­sä­ren, die im Auf­tra­ge Mos­kaus die Räte­re­pu­blik vor­be­rei­te­ten und errich­ten woll­ten. Es waren die bei­den Juden Dr. Levi­en und Levi­né. Mit die­sen fühl­te er sich inner­lich ver­wandt; hat­ten sie doch gemein­sam mit ihm das The­ma der “Erneue­rung der Mensch­heit”. Nur waren die Mit­tel ver­schie­den, und in die­sem Fal­le bedeu­te­te das doch Ver­schie­den­heit des Zie­les und vor allem des Cha­rak­ters. Land­au­er hat das betrüb­li­che Ver­dienst, in der Beur­tei­lung der Bol­sche­wis­ten die­se als “Kin­der” und “betro­ge­ne Ehr­li­che” dar­ge­stellt zu haben. Die Leu­te also, die kur­ze Zeit dar­auf den berüch­tig­ten Gei­sel­mord insze­nie­ren sollten!

Irgend­wann muß es ihm dann doch wohl ange­kom­men sein, daß mei­ne War­nung rich­tig war, denn sei­ne Brie­fe wur­den immer ver­zwei­fel­ter. Eis­ner, mit dem er eng befreun­det war, wur­de ermor­det. Die Hilf­lo­sig­keit wird immer grö­ßer. “Die Revo­lu­ti­on bei uns war für ein paar Stun­den und Tage groß und wirk­lich”, schreibt er an Mar­ga­re­te Suß­mann. “Schon bin ich fast so ein­sam wie vor der Revo­lu­ti­on; am Wer­ke sehe ich nur hilf­lo­se Ver­kehrt­heit und Gemein­heit” (an G. Sprin­ger). Eben! An Nett­lau schreibt er von sei­nem “bit­tren Gram über den Ver­lauf die­ses Revo­lu­ti­ons­ver­su­ches und die Erbärm­lich­keit der Deut­schen.” Den Höhe­punkt aber der Mün­che­ner Revo­lu­ti­on schil­dert er noch sei­ner Toch­ter Gun­du­la: “Gelieb­tes Kind! … Über Eis­ners schö­ne Anspra­che hast Du viel­leicht einen Bericht gele­sen. Er stand da wie eine Gestalt von Bar­lach: aus ganz Irdi­schem, wie Gefes­sel­tem rang sich die Begeis­te­rung und der Auf­schwung los. Er schloß sehr schön an die Trom­pe­ten­si­gna­le aus der Leo­no­ren-Ouver­tü­re an, die in das Dun­kel der Ver­zweif­lung hin­ein die Frei­heit ver­kün­den. Von dem Volk, das im Dun­keln wan­delt und ein gro­ßes Licht sieht, sang auch die Arie von Hän­del. Das Wun­der­volls­te war, wie am Schluß das gan­ze gro­ße Haus den Gesang der Völ­ker mit­sang. All­mäh­lich stan­den alle auf, und das Haus beb­te, als woll­te es sich nach oben öff­nen. Die fei­er­li­che Melo­die des Nie­der­län­di­schen Dank­ge­be­tes liegt zugrun­de, und was beim Lesen der Wor­te unrhyth­misch klingt, kommt in der Musik ganz natür­lich und hoheits­voll her­aus.” Aber dann wars aus. Mit einem Wor­te: Karneval.

Die wah­re Natur sei­ner bol­sche­wis­ti­schen Freun­de hat Land­au­er noch vor dem Zusam­men­bruch der Har­le­ki­na­de erkannt. Sei­ne vol­le Ver­zweif­lung aber über das, was Poli­tik ist und was zu begrei­fen er so völ­lig unfä­hig war, drückt sich in eini­gen Wor­ten aus, die er an Fritz Mauth­ner schon am 14. Okto­ber 1918 gerich­tet hat­te: “Hel­fen könn­te jetzt nur noch ein über die Welt klin­gen­des, strah­len­des Wort der Mensch­heits-Reue und des Mensch­heits-Vor­sat­zes, ein Wort der Reli­gi­on, das von uns kom­men müß­te… Denn wahr­haf­te Poli­tik, die Poli­tik, die auf Lao­tse und Bud­dha und Jesus zurück­geht, ist nicht die Kunst des Mög­li­chen, son­dern des ‘Unmög­li­chen’…” Daß er mit die­ser Auf­fas­sung schei­tern muß­te, liegt auf der Hand.

Wie man heu­te weiß, haben nicht die lie­be­vol­len Wor­te Gus­tav Land­au­ers die Levi­en oder Levi­né samt ihrem Anhang zur Räson gebracht, son­dern die in Mün­chen ein­rü­cken­de Reichs­wehr unter Gene­ral von Epp. Levi­en gelang die Flucht, Levi­né wur­de ver­haf­tet. Man mach­te ihm den Pro­zeß, und er wur­de wegen Hoch­ver­ra­tes und Mor­des stand­recht­lich erschos­sen. Ich kann mich auch irren, wem die Flucht gelang und wer erschos­sen wur­de; einer von bei­den wird es ja wis­sen. Beim Abtrans­port der Gefan­ge­nen wur­de Land­au­er, schon Gefan­ge­ner und unter dem Schut­ze der Gefan­gen­schaft ste­hend, von wütend erreg­ten Sol­da­ten ermor­det, nach­dem ein Frei­herr von Gagern ihn mit der umge­kehr­ten Reit­peit­sche geschla­gen und damit sei­nen guten Namen für immer geschän­det hat­te. Ich erhielt die schau­er­li­che Nach­richt, an die man in Ber­lin lan­ge Zeit nicht glau­ben woll­te, weil deut­sche Sol­da­ten damals – ich mei­ne damit, vor Hit­ler und sei­ner Haken­kreuz-Ethik – im Rufe stan­den, der­glei­chen nicht zu tun. Aber ein Tele­phon­ge­spräch mit Frau Augus­te Hausch­ner belehr­te mich des Schlim­me­ren. Mei­ne eige­nen Wor­te klan­gen mir im Ohr: Land­au­er, gehen sie nicht nach Mün­chen; Sie haben dort nichts zu suchen!-

 Gastbeitrag

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