Sezession
12. April 2010

Porträt des Anarchisten Gustav Landauer

Gastbeitrag

Ein Gastbeitrag von Hans Blüher (links im Bilde)

Anmerkung: Am 7. April jährte sich der Geburtstag des deutsch-jüdischen Anarchisten Gustav Landauer zum 140. Mal. Der 7. April war 1919 der Tag der Ausrufung der Münchner Räterepublik, der sich Landauer an exponierter Stelle anschloß. Im Zuge deren Niederschlagung im Mai desselben Jahres wurde Landauer von Soldaten der Reichswehr ermordet. Der folgende Text ist ein stark gekürzter Auszug aus der Autobiographie Hans Blühers, Werke und Tage (1953). 

Der junge Blüher, umstrittener Chronist und Deuter des "Wandervogels", hatte Landauer 1915, während seiner "linken" Phase im Umkreis der Zeitschrift "Der Aufbruch", kennengelernt. Die knapp dreißig Seiten, die Blüher Landauer widmet, gehören zu den fesselndsten und einprägsamsten Passagen des Buches.  Hier trafen harte Gegensätze ebenso wie geistiger und menschlicher Respekt aufeinander: der Anarchist auf den Preußen, der (latente) äußerste Rechte auf den äußersten Linken, der Parteigänger des "Vaterlands" auf den Parteigänger der "Menschheit", der (spätere) Antisemit auf den Juden. Blühers Erinnerungen an Landauer gerieten trotz der weltanschaulichen Distanz zur einfühlsamen Hommage, aber auch zur scharfen Analyse und Kritik eines Typus der "ewigen Linken", wie man ihm auch heute noch begegnen mag, freilich in abgeschwächter Form und ohne die geistige Größe und Ausstrahlung eines Gustav Landauer.

***

Meine Beziehungen zu Gustav Landauer, die sich unversehens fast zu einer Freundschaft umgewandelt hätten, sind ein guter Beweis dafür, daß das Geistige, wenn es nur rein gepflegt wird, imstande ist, auch die äußersten Gegensätze zu überbrücken. Der Lage gemäß, in der sich mein Vaterland während des ersten Weltkriegs befand, konnte ich Landauer nach allem, was er dachte, sprach und tat, nur als einen Hochverräter ansehen, und es wäre fast meine Pflicht gewesen, ihn anzuzeigen. Doch so etwas tut man eben nicht. Umgekehrt hätte Landauer in den kurzen Tagen, da er an der Münchener Machtergreifung teilhatte, mich erschießen lassen müssen. Doch das hatte er auch nicht getan.

Ich lernte Gustav Landauer in jenem Siedlungsheim kennen, von dem ich schon sprach; dorthin zog es ihn, weil die dort vertretene Auffassung von Sozialismus, die der englischen Fabian Society nahestand, auch die seinige war; er stand im härtesten Gegensatz zum politischen Marxismus, den er leidenschaftlich bekämpfte. Landauers Erscheinung machte auf mich jungen Menschen von siebenundzwanzig Jahren einen erhebenden Eindruck; es ging Integrität von ihm aus. Und es ist einfach falsch, wenn er in seinem am Weihnachtsabend 1915 an Ernst Joel geschriebenen Brief über mich schreibt, er, Landauer, „stoße mich ab“. Das Gegenteil war der Fall. Er ist der einzige Hebräer, dem ich es glaube, wenn er schreibt, er habe nicht die mindeste Anlage, „die Freude an meinem Judentum auch nur einen einzigen Tag zu vergessen“. Diese Freude war in der Tat so ansteckend, daß ich ihm einmal sagte, er wirke auf mich wie ein reiner Arier. Halb scherzend antwortete er: „Aber hören Sie mal...! Das ist ja beinahe eine Beleidigung!“ Damit wollte er nichts gegen die arische Rasse sagen, denn dieser Begriff war damals noch nicht korrumpiert.

Dabei konnte es in der politischen Ebene, die ich immer streng eingehalten habe, keine größeren Gegensätze geben als Landauer und mich. Er nannte mich öffentlich in Reden den „famosen Norddeutschen“ - ich aber nannte mich einen Preußen, woran man allein die große Kluft, die zwischen uns war, erkennen kann. Wenn Landauer Karl Liebknecht den einzigen nannte, der „in den Kriegsjahren dem deutschen Namen Achtung verschaffte“ - was für eine politische Groteske! - so war derselbe Mann für mich nichts weiter als ein Hochverräter, der an den Galgen gehörte. Das lag daran, daß für mich „Staat“ (immer als Preußen gedacht) konstitutives Element meines Charakters ist, und für ihn nicht. Er leugnete den Staat überhaupt und nannte sich einen Anarchisten.

„Allerdings halte ich Anarchismus für das gemäßeste Wort für meine Lebensanschauung“, schrieb er an Paul Eltzbacher. „Auch habe ich nicht die anarchistische Zukunftsgesellschaft über Bord geworfen, sondern nur den Glauben, daß sie mit den jetzt lebenden Menschenmassen in irgend absehbarer Zeit erreicht wird. Dagegen glaube ich an ihre Vernünftigkeit und an ihre Realisierbarkeit unter nur einigermaßen einsichtigen und gutwilligen Menschen. Allenfalls glaube ich an kleinere anarchistische Siedlungen, die später vielleicht von den Nicht-Anarchisten in Ruhe gelassen werden.“


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