Wie weiter? (X): Rumänien spielen

In Rumänien bezahlt man für 10 Eier zwischen 5 und 6 Lei, das sind: 1,20 bis 1,50 €. Zahlt man in Schnellroda auch, wenn...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

die Nach­ba­rin eine Packung über den Zaun reicht. Für einen Liter Milch muß man 4 Lei berap­pen, für ein Glas Honig 9 Lei. Die Frau, die bei dem alten Bau­ern, den wir besuch­ten, einen Tag lang Früh­jahrs­putz mach­te, erhielt 40 Lei und war sehr zufrie­den damit. Ein Land­ar­bei­ter hat am Abend nicht so viel in der Tasche.

Ges­tern war es in Schnell­ro­da so warm, daß ich ohne Hemd den Kar­tof­fel­acker umgra­ben konn­te. Heu­te habe ich die Knol­len gesteckt und gehäu­felt: Wir wer­den viel­leicht 100 Kilo ern­ten. Gear­bei­tet habe ich dafür locker 12 Stun­den. Die sechs Hüh­ner haben fünf Eier gelegt. Kositza hat Mohr­rü­ben aus­ge­sät, auch Radies­chen und Salat. In Keim­töpf­chen zieht sie Zuc­chi­ni- und Toma­ten­setz­lin­ge. Die gan­ze Arbeit hat einen mate­ri­el­len Gegen­wert von – groß­zü­gig auf deme­ter­ni­veau gerech­net – 200 €.

Den Kin­dern konn­te ich in Rumä­ni­en leicht plau­si­bel machen, war­um die jun­gen Zigeu­ner – von cha­rak­ter­li­cher Schlaff­heit abge­se­hen – nicht recht tun, wenn sie in der Son­ne sit­zen, wäh­rend hin­ter ihren Hüt­ten der Gar­ten ver­steppt. Man kann mit drei­ßig, vier­zig Hüh­nern eine Fami­lie grundversorgen.

Die­se ein­fa­che Rech­nung deckt sich mit dem, was mei­ne Oma aus den Nach­kriegs­jah­ren von ihrem klei­nen Hüh­ner­hof erzähl­te: Mein Vater trug die Eier zum Pfar­rer, zum Arzt, zum Leh­rer, in die gut­bür­ger­li­chen Häu­ser und auf den Markt, und davon leb­te die Fami­lie, bis irgend­wann in den Fünf­zi­gern alles teu­rer, bloß die Lebens­mit­tel immer bil­li­ger wur­den. Für eine Fla­sche Bier arbei­te­te 1955 ein Arbei­ter noch eine knap­pe Stun­de, in Rumä­ni­en bringt er es heu­te in der­sel­ben Zeit immer­hin auf einen Liter. Und im VW-Werk 2010? Da kann sich einer nach einer Stun­de am Band ins Koma saufen.

Wenn also eine der Töch­ter heu­te, nach­dem wir die Kar­tof­fel­hälf­ten mit den Augen nach oben gehäu­felt hat­ten, sag­te, daß wir nun “Rumä­ni­en gespielt” hät­ten, hat sie mei­nen wun­den Punkt getrof­fen: Das alles ist für ein paar Mark in her­vor­ra­gen­der Qua­li­tät zu haben, und so ist die Arbeit, die wir uns mit alle­dem machen, nicht exis­ten­ti­ell (also unaus­weich­lich auf­ge­ge­ben) oder auch nur nahe­lie­gend (wie für den, der in Rumä­ni­en einen Gar­ten besitzt), son­dern Selbst­er­zie­hung, Frei­zeit­be­schäf­ti­gung, Lebens­kon­zept, ein Ich-Bild sogar. Ich gestand das unum­wun­den ein und erzähl­te, war­um wir die­ses klei­ne Feld den­noch ange­legt hät­ten. Und ich glau­be, daß die Toch­ter nun den Markt­wert der Din­ge von ihrem ideel­len zu unter­schei­den gelernt hat.

Ich pflan­ze eben gern, gra­be gern, öff­ne mor­gens gern den Hüh­nern die Klap­pe und den Enten die Tür, ich ern­te gern und bin “sehr auf dem Lan­de”, wenn ich vom Schreib­tisch auf­ste­he und den Spa­ten oder die Baum­sche­re in die Hand neh­me. Das alles ist auch nicht so dau­er­ge­putzt wie die schi­cken Ern­te­körb­chen aus der Land­lust oder die immer sau­be­ren Werk­zeu­ge in irgend­ei­ner ande­ren Land-Roman­tik-Illus­trier­ten für Leu­te, die stets nur geis­tig und bei Son­ne auf dem Lan­de leben. Wir hat­ten den Fuchs im Stall, abge­fres­se­nes Kar­tof­fel­laub mit Hun­der­ten ekli­gen Käfern, Wühl­mäu­se, Salat­köp­fe, in denen zwan­zig Schne­cken schlei­mig siedelten.

Das alles gehört dazu. Ich muß mit einem Fuß immer in der Erde ste­cken, sonst wird’s im Kop­fe merk­lich dürr.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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