Sezession
14. April 2010

Neapel und Baudrillard

Felix Menzel / 18 Kommentare

Die Woche vor Ostern verbrachte ich mit einem Freund in Italien. Eines unserer Ziele war Neapel und der Zufall führte uns in ein Hostel, das in einer von illegalen Einwanderern belagerten Gegend liegt.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Direkt hinter dem Hauptbahnhof und der Piazza Garibaldi begegnet einem in Neapel ein heruntergekommener Bezirk, der von Müll und afrikanischen Straßenhändlern überflutet ist. Mittendrin: unser Hostel. Als wir uns abends die Innenstadt ansehen wollten, warnte uns der Besitzer des Hostels vor der hohen Kriminalität. Wir sollten nur sehr wenig Bargeld, keine Kreditkarten oder offensichtliche Wertgegenstände mitnehmen und möglichst vor Mitternacht zurück sein.

Anscheinend hat der ältere Mann schon viele Gäste erlebt, die ihre Handtaschen oder ein paar Zähne bei der Rückkehr von einem Innenstadtbesuch verloren haben. Gleich vorweg: Uns ist nichts passiert. Dennoch hat uns die kurze Zeit in Neapel gezeigt, wie eine ethnisch völlig heterogene Massengesellschaft aussieht.

Auf der Hinfahrt nach Italien hatte ich begonnen, den bei Matthes & Seitz neu verlegten Essay Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder Das Ende des Sozialen von Jean Baudrillard zu lesen. Dieser relativ unbekannte Text des französischen Philosophen aus dem Jahr 1978 ist in seiner Endkonsequenz die radikalste Abrechnung mit den Massen, die ich kenne und übertrifft die von uns bisher rezipierten Theorien um Längen.

Baudrillards Massenkritik paßte nun zu meinen Eindrücken von Neapel wie die Faust aufs Auge:

Die Massen indes funktionieren eher wie ein gigantisches schwarzes Loch, das alle Energien und Lichtstrahlen, die in seine Nähe kommen, unerbittlich anzieht, nach innen biegt, krümmt und verzerrt. Eine implosive Sphäre, in der sich die Raumkrümmung beschleunigt, in der sich alle Dimensionen um sich selbst drehen und involuieren, eine Sphäre, die alles vernichtet und alles zu verschlingen droht.

Dieser Sicht der Dinge folgend, kann man die gleichgültigen Massen nicht steuern. Sie ließen sich statt dessen nur mit übertrieben spektakulären Reizen in Bewegung versetzen. Dadurch löse sich, beginnend im 19. Jahrhundert, das Politische, Ökonomische und Soziale auf.

Noch nie habe ich eine Auflösung aller Ordnung so deutlich verspürt wie in Neapel: Im Straßenverkehr ergibt sich alles spontan, die Menschenmengen drängeln auf den Gehwegen und niemand weiß, was als Nächstes geschieht. Ferdinand Gregorovius hat diesen anarchischen Gestus Neapels bereits vor weit über 100 Jahren erfaßt.

In den von afrikanischen Straßenhändlern überfluteten Gegenden ist das ganze Ausmaß der implosiven Mischung aus Vermassung und Überfremdung jedoch am greifbarsten. Soziale Gefüge gibt es hier nicht mehr. Junge, überschüssige Männer versuchen, sich als Parasiten einer kranken Gesellschaft selbst zu erhalten. Ihren Handel mit gefälschten Markenartikeln kann man beim besten Willen nicht mehr als „ökonomisch“ bezeichnen. Dies „ist das Ende des Ökonomischen, das durch den exzessiven, magischen, spektakulären, umgekehrten und fast schon parodistischen Gebrauch, den die Massen von ihm machen, von allen seinen rationalen Definitionen abgeschnitten wird“, so Baudrillard.

Das Ende des Politischen ist ebenfalls erreicht, weil der Staat weder in der Lage ist, diese Staatenlosen des 21. Jahrhunderts zu repräsentieren, noch sein Gewaltmonopol überall durchzusetzen.


Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (18)

Sugus
14. April 2010 14:14

Das ist die eine Seite der Medaille, dies die andere:
https://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/alle-afrikaner-vertrieben/
Druck erzeugt Gegendruck!

Toni Roidl
14. April 2010 14:38

Die Medien verkaufen uns die Verslummung und das vor-die-Hunde-gehen unserer Zivilisation als »Vielfalt« und »Bereicherung«. Der Rechtsstaat gibt überfremdete Stadtteile auf. Die Politik öffnet Tür und Tor noch weiter. Die Lösung liegt also bei den Betroffenen selbst. Man kann nur allen raten, bloß nicht bei der straffreien Abgabe unregistrierter Waffen mitzumachen, die wird man nämlich noch brauchen!

Kloppstock
14. April 2010 16:23

interessanter Link! Offensichtlich gibt es noch einen intakten Volkszorn in Italien. In der BRD wäre soetwas im Moment kaum denkbar. Der Michel verpennt lieber seine ethnische Auslöschung. Andererseits werden die Einwanderermassen hier auch mit Harz4 narkotisiert, wodurch es natürlich weniger Konflikte gibt.

Martin Lichtmesz
14. April 2010 17:36

Das ist nicht gut oder nur oberflächlich beobachtet. Die Ansammlungen von Einwanderern sind in Neapel auf ein paar Problemzonen beschränkt. Ansonsten ist man als Deutscher verblüfft, wie durchweg "ethnisch homogen" die Stadt ansonsten ist. Insofern hat der "Kulturschock" wohl Felix Menzels Augen getrübt, sonst würde er nicht von einer "völlig heterogenen Massengesellschaft" reden. Berlin etwa ist zigmal "heterogener" gemischt als Neapel. Im "sauberen" nördlichen Mailand gibt es ungleich mehr Einwanderer als dort.

Sowohl Vermassung als auch hohe Kriminalität sind hausgemachte Probleme der Region, die schon lange vor und unabhängig von der Einwanderung bestehen. Und diese Probleme sind weitaus dringlicher als die gestrandeten afrikanischen Straßenhändler. Dazu etwa das Buch von Roberto Saviano, "Gomorrah", das auch verfilmt worden ist und auch in Deutschland ein Bestseller wurde.

Und schließlich: der für ein mitteleuropäisches Auge ungewohnte chaotische Anblick täuscht darüber hinweg, daß es in einer Stadt wie Neapel starke soziale Gefüge sehr wohl gibt, noch dazu mit einem betont konservativen Anstrich.

Erwalf
14. April 2010 19:55

Martin Lichtmesz Auffassung scheint mir richtig. Außerdem beschäftigen mich in diesem Zusammenhang gerade eigene Erfahrungen. Ich war in der Woche nach Ostern für eine Woche in Rom und wohnte im "asiatischen Viertel" nähe Termini und Casa Pound. Die vielen kleinen Geschäfte waren fast vollkommen in dunklen oder hellen asiatischen Händen. Ich fragte mich, wie die bei dem Überangebot beispielsweise von Halsketten oder Schuhen ökonomisch über die Runden kommen können. Aber sie waren von früh bis spät geöffnet. Vor den Geschäften Massen von Händlern aller Art und gleicher Herkunft, dazu dann Bettler, Bettlerinnen, Prostituierte, Besoffene und Gruppen von Herumlungerern. Das Gefühl von direkter Bedrohung kam jedoch nicht auf. Auf den Plätzen der touristischen Sehenswürdigkeiten nervten die fliegenden und immer wieder fliehenden Händler unnützen leuchtenden oder quikenden Kinderkrams schon mehr. An zwei Tagen sah ich sie vor einer blonden Polizistin davon rennen, die ihnen schon einige Leuchtringe entrissen hatte. Das war einmal abends vor der Spanischen Treppe und einmal am Tage vor dem Colosseum. In Trastevere erklärte mir am Tisch ein besonders aufdringlicher Rosenverkäufer, ich sei ein reicher Mann - was nicht stimmt oder nur relativ - und er arm, hungrig und im Elend. Kurz: Mitleid und Ablehnung rangen in meinem Inneren; die multikulturelle Vielfalt hatte durchaus ihren Reiz und schien mir nach wenigen Tagen ganz natürlich, aber ich empfand auch: noch ein wenig mehr davon und alles geht vor die Hunde; insgesamt aber erschien auch mir Italien bzw. Rom noch weit mehr italienisch zu sein als Deutschland deutsch. Das kann allerdings am Touristenblick liegen. Schluß: Der Immigrant ist nicht das Problem, sondern mitunter ein liebens-, zumindest achtenswerter Mensch. Das Problem sind die europäischen Politiker, die grenzenlos in jeder Hinsicht sind.

Tiberius
14. April 2010 21:12

@erwalf

Zitat:"Der Immigrant ist nicht das Problem, sondern mitunter ein liebens-, zumindest achtenswerter Mensch".

Guten Abend,

ich könnte dem sogar fast gänzlich zustimmen.

Der Immigrant ist immer dann oft genug das Problem, solange er jung, männlich und muslimischen Glaubens ist. Allerdings bedarf er zusätzlich der unbedingten, fanatischen Unterstützung des einheimischen Gutmenschen, der seine Ankunft freudig begrüßt, jedewede Form der Kritik an Weltanschauung und Gewaltanwendung dieser Jungs als grundsätzlich faschistisch brandmarkt (neuerdings auch durch schwarze Blöcke mit Gewalt unterdrücken lässt) und unbedingt möglichst weit entfernt von diesen Menschen wohnt.

Damit wäre aus meiner Sicht der großteil des Problems beschrieben, oder ?

drieu
14. April 2010 22:23

... der Preis für lebende Neger war in Neapel seit einigen Tagen von zweihundert Dollar auf tausend Dollar gestiegen, und tendierte noch weiter zu steigen. Es genügte zu beobachten, mit was für gierigen Augen arme Leute einen Neger betrachteten, um zu verstehen, daß der Preis für lebendige Neger sehr hoch war und weiterhin anstieg. Der Traum aller armen Neapolitaner, besonders der Scugnizzi, der Gassenjungen, war es , sich einen "black" kaufen zu können , sei es auch nur für wenige Stunden. ... Der Neger hatte nicht den geringsten Verdacht. Er merkte gar nicht, wie er gekauft und jede Viertelstunde weiterverkauft wurde, arglos und glücklich ging er daher ...
'The hell with you, Malaparte'..."
("la pelle")

KS
14. April 2010 23:07

In den von afrikanischen Straßenhändlern überfluteten Gegenden ist das ganze Ausmaß der implosiven Mischung aus Vermassung und Überfremdung jedoch am greifbarsten. Soziale Gefüge gibt es hier nicht mehr. Junge, überschüssige Männer versuchen, sich als Parasiten einer kranken Gesellschaft selbst zu erhalten.

Allein für diese dümmlichen Sätze sollte man den Kerl zur Infanterie versetzen. Zum Glück hat sich Martin Lichtmesz erbarmt. F. Menzel tanzt schon sehr häufig Limbo, was das Niveau der übrigen SiN-Artikel betrifft.

Roi Danton
15. April 2010 09:15

Ich kann zwar nicht sagen, wie genau es nun um Neapel bestimmt ist, dennoch ist Menzels Problembeschreibung eine schockierende Tatsache für sehr viele europäische Städte. Es ist doch letztlich auch völlig unerheblich, ob es nun in Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder in Vierteln von Paris oder Neapel schlimmer bzw. weniger schlimm ist. Fakt ist: Das Gesicht Europas hat sich extrem verändert und wird es weiterhin tun, die Großstädte liefern überall ein deutliches Bild dessen ab.

Und ob der Immigrant nun als Mensch ein persönlich liebenswerter Obsthändler, Zahnarzt oder weiss der Teufel was ist, spielt ebenso keine Rolle für die staatsgefährdenden Probleme, die aus Masseneinwanderung resultieren. Niemand kann auch ernsthaft, zumindest in Deutschland, davon sprechen, generell seien alle derzeitigen Zuwanderer ein Problem. Denn von den vergleichsweise wenigen europäischen, amerikanischen und ostasiatischen Menschen, welche es jährlich zu uns zieht, stellt niemand eine systemische Gefahr dar. In großer Mehrheit sind das ohnehin Frauen und Männer aus dem gleichen Kulturkreis oder wenigstens aus einem insofern zivilisierten, als dass sie hier, wie im Falle vieler Ostasiaten, arbeiten, arbeiten, arbeiten und somit ökonomisch tatsächlich eine Bereicherung sind. Integrationsprobleme sind bei diesen Gruppen kaum existent.

Die Zuwanderung aus muslimischen Ländern allerdings ist nichts weiter als der Versuch einer Landnahme. Hier schwappen Wellen um Wellen von Menschen, die Angehörige einer antifreiheitlichen und unmenschlichen Ideologie sind, zu uns, nisten sich in den Sozialsystemen ein und schicken sich an, politisch sowie kulturell auf lange Frist hin die Herrschaft zu übernehmen.

Wenn sich hier in allen europäischen Staaten nichts ändert, wird auch ein noch so konservativ geprägtes Sozialgefüge, wie das in Süditalien, kollabieren. Mit großer Beihilfe durch das demographische Problem, das im Übrigen in Italien sogar noch gravierender ist, als hierzulande. Wenigstens aber haben die Italiener einen Berlusconi, der trotz aller korrupten Anwandlungen immerhin ein wenig versucht, gegenzusteuern.

Thorsten Tragelehn
15. April 2010 11:47

@Roi Danton

Bzgl. der muslimischen Landnahme: Die Bürgerbewegung Pax Europa hat eine Zusammenstellung von Zitaten verschiedener muslimischer Funktionäre erarbeitet, die einen guten Einblick in die Gedankenwelt dieser Leute gibt.

Es ging wohlgemerkt nicht darum, besonders blutrünstige Zitate zu erhalten, sondern eher darum, von solchen Funktionären Zitate zu finden, die vielerorts noch als Vertreter eines phantastischen "gemäßigten Islam" oder gar "Euro-Islam" gefeiert werden.

https://www.buergerbewegung-pax-europa.de/news/detail.php?nid=91

Toni Roidl
15. April 2010 14:13

Ich weiß nicht, ob die Italienexperten hier Recht haben. Aber ich finde, man sollte den armen Menzel mit Roi Danton in Schutz nehmen:

»Es ist doch letztlich auch völlig unerheblich, ob es nun in Berlin-Neukölln, Duisburg-Marxloh oder in Vierteln von Paris oder Neapel schlimmer bzw. weniger schlimm ist.« Genau.

»Und ob der Immigrant nun als Mensch ein persönlich liebenswerter Obsthändler, Zahnarzt oder weiss der Teufel was ist, spielt ebenso keine Rolle für die staatsgefährdenden Probleme, die aus Masseneinwanderung resultieren.« Ganz genau!

Gardeleutnant
15. April 2010 14:45

Das:

F. Menzel tanzt schon sehr häufig Limbo, was das Niveau der übrigen SiN-Artikel betrifft.

kann ich zwar nicht ganz bestreiten, aber "dümmlich" sind Menzels Sätze keineswegs. Woher wollen Sie überhaupt beurteilen, was Menzel in Neapel erlebt hat? Seine Bilder jedenfalls und das Erlebnis anderer, sogar deutlich wohlhabenderer europäischer Großstädte lassen vermuten, daß seine Einschätzung zumindest auf das von ihm besuchte Viertel zutrifft.

hans
15. April 2010 15:03

Die Welt zu bereisen und sie zu verstehen sind ganz offensichtlich zwei verschiedene Dinge. Lichtmesz' Kommentar halte ich hingegen für zustimmungswürdig.

Sebastian
15. April 2010 15:12

Auf der Hinfahrt nach Italien hatte ich begonnen, den bei Matthes & Seitz neu verlegten Essay Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder Das Ende des Sozialen von Jean Baudrillard zu lesen. Dieser relativ unbekannte Text des französischen Philosophen aus dem Jahr 1978 ist in seiner Endkonsequenz die radikalste Abrechnung mit den Massen, die ich kenne und übertrifft die von uns bisher rezipierten Theorien um Längen.

Habe gerade Sloterdijks "Zorn und Zeit" beendet, der ja nun auch zu den "von uns rezipierten" Massetheoretikern gehört, und muss sagen, dass seine Analyse in Sachen Tiefenschärfe und Treffgenauigkeit das vorgebrachte Baudrillard-Zitat übertrifft. Dieser wirkt dagegen sogar halbwegs hilflos um Worte ringend und holzschnittig.

Leider fehlst Sloterdijk das letzte Quäntchen stilistischer Eingängigkeit, so dass er für uns wohl als Schlagwortgeber mittelfristig nicht taugt.

Arialds_Blog
15. April 2010 18:05

Übertrieben oder nicht, die Ghettoisierungen nehmen zu, in ganz Europa. In Brüssel gibt es bereits Schießereien. Am hellichten Tage. Als ich vor einiger Zeit London besuchte, nachts permanent die Sirenen heulten, ich an "Vorsicht! In dieser Straße wurde ein Mord verübt!" Schildern vorbei ging und von massivem Sicherheitspersonal bewachte Schulen beobachten musste, dachte ich noch" "Was ein Glück dass die Zustände in Deutschland anders sind."

Ich werde zunehmend skeptischer ob das noch lange so bleibt.

Thomas Fink
16. April 2010 11:28

Noch einer, der auf diesen pompösen Nonsens von Baudrillard abfährt. Wie Dennis Dutton schon anmerkte: „Einige Autoren provozieren mit ihrer Art und Haltung absichtlich die Herausforderung und Kritik ihrer Leser. Andere laden Sie nur dazu ein zu denken. Baudrillard’s Hyperprosa verlangt nur, dass sie mit weit aufgerissenen Augen oder verwirrt Zustimmung grunzen. Er sehnt(e) sich danach, geistigem Einfluss zu haben, muß aber jede ernsthafte Analyse seiner eigenen Schriften abwehren, um von einer bombastischen Behauptung zur nächsten kommen zu können, egal, wie unverschämt unlogisch der Sprung war. Deine Aufgabe ist einfach, seine Bücher zu kaufen, seinen Jargon nachzuahmen und seinen Namen, wo immer möglich, fallen zu lassen.“ Der ganze Text hier:
https://denisdutton.com/baudrillard_review.htm. Da wird auch Baudrillard’s Massen„theorie“ zerpflückt.

lieber_aal
16. April 2010 12:42

Vielleicht könnte man die rechtskonservative Weltformel ja auch aus dem Spätwerk Eichendorffs oder den Apokryphen der Bibel etc. herausdestillieren? Jesus Sirach (11:34 Nimmst du den Fremden auf, entfremdet er dich deiner Lebensart) erscheint da eventuell aussichtsreich.

Scherz beiseite, die Erfahrung einer Schießerei in einem Problemviertel hab ich zumindest indirekt auch mal miterlebt. Vor vielen Jahren, damals war ich noch Student, fuhr ich mit Rainbowtours erstmalig nach Paris, wobei das Ziel ein rumpelig-charmantes Einsternehotel mir reizend bärbeißiger Concierge ("Café, chocolat ou thé??!!" *Kasernenhofton aus*) und auseinander fallendem Mobiliar im Afrikanerviertel war. Kurz vor der Nachtruhe kam es unmittelbar vor dem Haus zu einem Tumult mit Schießerei, es fielen mehrere Schüsse, und da mein Zimmer im ersten Stock lag, blieb ich eine Weile wie angenäht auf meinem Bett liegen.

Natürlich gibt es in Paris auch viele hochgebildete Ausländer (auch Afrikaner) aus dem diplomatischen Dienst und auch sonstige reizende Menschen ausländischer Herkunft, aber um die geht es hier ja nicht. Sondern eher um Stadtviertel, in die sich Normalbürger unter normalen Umständen nicht mehr hineinbegeben, es sei denn, sie verreisen mit Rainbowtours (wobei die Reise unter anarchistischen Gesichtspunkten aber durchaus einen gewissen Zauber hatte).

KS
16. April 2010 14:54

@Gardeleutnant: Selbstverständlich ziehe ich nicht grundsätzlich die im Text und Forum geäußerten Thesen und daraus gezogenen Schlüsse in Frage.

Nur kommt F. Menzel mit seiner Argumentation erheblich in Stolpern, wenn er nach der ca. 160 Seiten starken (Pflicht-)Lektüre seines medienwissenschaftlichen Proseminars aufblickt, Neapel sieht, es zu verstehen glaubt und uns eine profunde Analyse der Krise der modernen Welt bieten möchte. Er vergißt - M. Lichtmesz weist vollkommen zu Recht darauf hin - u.a. folgendes: Mafia, Arbeitslosigkeit, Senefregismo. Allesamt Probleme, die Neapel hatte, bevor auch ein Neger, Kosovo-Albaner oder Rumäne seinen Fuß auf die Halbinsel setzte.
Wo kommen da Menzels "überschüssige Männer" und das von ihnen mit bedingte "Ende des Politischen" ins Spiel?

Aber nochmal: Menzel hat nicht grundsätzlich unrecht. Er stapelt mir mit seinem einwöchigem Neapel-Trip nebst Zuglektüre einfach zu hoch.

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