In der Höhle der Erinnerung – Autorenportrait Syberberg

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

Hans-Jürgen Syberberg verläßt heute nur noch selten sein Nossendorfer Wahnfried, um sich der Öffentlichkeit zu stellen. Im Mai 2007 luden ihn Redakteure der Filmzeitschrift Revolver zu einer raren Aufführung seines Hauptwerks »Hitler – Ein Film aus Deutschland« (1977) nach Berlin ein. Nur wenige Zuschauer versammelten sich in der Volksbühne, um an diesem sonnigen Sonntag die siebeneinhalb Stunden des nur selten gezeigten Films durchzusitzen. Etwas größer war der Zuspruch am folgenden Abend, als sich Syberberg im Prater einem Werkgespräch mit zwei Jungregisseuren der »Berliner Schule« stellte. Die taz konnte an dem einst von der Linken heftig angefeindeten Regisseur nichts Aufregendes mehr finden. Hitler interessiere ihn nicht mehr, ebensowenig der »Irrationalismus«, den er sich in den siebziger Jahren auf die Fahnen geschrieben hatte, und Gegenaufklärerisches« wurde nicht geäußert. Kurzum: ein »altersmilder Künstler aus Deutschland. Irgendwie wähnte man sich im falschen Film.«

 Gastbeitrag

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Die Irri­ta­tio­nen, die immer noch von sei­nem Werk aus­ge­hen, zeig­ten hin­ter den Kulis­sen den­noch ihre Wir­kung. Als Syber­berg sich nach der Ver­an­stal­tung noch Zeit nahm, in einem Gast­haus indi­vi­du­el­le Fra­gen zu beant­wor­ten, trat ein jun­ger öster­rei­chi­scher Doku­men­tar­fil­mer an ihn her­an und bat um ein Auto­gramm. Die Bit­te erwies sich als Fin­te, um Syber­berg unge­deckt zu erwi­schen. Kaum hat­te er den Stift abge­setzt, als der jun­ge Mann einen geziel­ten Satz abfeu­er­te: »Bis­her habe ich Sie immer für einen intel­li­gen­ten Neo­na­zi gehal­ten, seit ges­tern weiß ich nun, daß Sie ein intel­li­gen­ter Alt­na­zi sind.« Der Angrei­fer beging rasche Fah­rer­flucht und ließ eine betre­te­ne Stil­le am Tisch zurück. Der fei­ge Über­ra­schungs­an­griff hat­te sei­ne Wir­kung getan. Syber­berg war sicht­lich ver­letzt. Er schwieg, hielt die Augen nach­denk­lich gesenkt. Eine Sekun­de spä­ter setz­te er das Gespräch fort, als wäre nichts geschehen.
Jah­re zuvor hat­te Syber­berg in einem Inter­view mit dem Revol­ver die Maxi­me aus­ge­ge­ben: »Man muß so tief in die Wun­de gehen, daß man in Ver­dacht gerät.« Das kann auch hei­ßen: Wer nicht in Ver­dacht gerät, hat sich auch der Wun­de noch nicht genä­hert. Dies hat Syber­berg aber zeit­le­bens getan und ent­spre­chen­den Zorn auf sich gezo­gen. Der Tief­punkt war nach Erschei­nen sei­nes Buches Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutsch­land nach dem letz­ten Krie­ge erreicht. Frank Schirr­ma­cher, der ein Jahr­zehnt spä­ter den als »geschichts­re­vi­sio­nis­tisch« ver­schriee­nen Hit­ler-Film »Der Unter­gang« über den grü­nen Klee lob­te, ver­häng­te den Bannspruch: »Wo über Kul­tur gespro­chen wird, hat Syber­berg nichts mehr zu suchen.« Das war noch zurück­hal­tend, ver­gli­chen mit der denun­zia­to­ri­schen Wut Hell­muth Kara­seks, die sich im Spie­gel ent­lud: »Mit sol­chen Sät­zen, mit sol­chen Gedan­ken, mit sol­chen dump­fen Ver­schwö­rungs­theo­rien ist, man erin­ne­re sich, die Bücher­ver­bren­nung von 1933, ist die ›End­lö­sung‹ von 1942 vor­be­rei­tet und ermög­licht wor­den. (…) Sie sind kein abstru­ses Geschwätz, sie sind ver­bre­che­risch «. Es ist nicht ver­wun­der­lich, daß sich Syber­berg nach sol­chen Angrif­fen aus der Öffent­lich­keit zurückzog.

In den sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­ren hat­te der Regis­seur die Kon­fron­ta­ti­on mit sei­nen Kri­ti­kern noch offen­siv gesucht. Syber­bergs Film­buch such­te zu bewei­sen, daß der Pro­phet im eige­nen Lan­de nichts galt. Den abfäl­li­gen Ver­ris­sen in Deutsch­land stell­te er demons­tra­tiv über­schweng­li­che Kri­ti­ken aus Frank­reich gegen­über und pole­mi­sier­te gegen den bun­des­deut­schen Kul­tur­be­trieb, der in sei­nen Augen einen kunst­feind­li­chen Boy­kott gegen sei­ne Arbeit betrieb. Dar­auf­hin warf man Syber­berg Eitel­keit, Gel­tungs­sucht und Lar­moy­anz vor. Der ver­mu­te­te aller­dings wohl zu Recht, daß die Ableh­nung sei­nes Wer­kes in Deutsch­land nicht bloß ästhe­ti­sche Grün­de hat­te. »Unab­hän­gig von den Fil­men, allein das Sym­ptom einer sol­chen Reak­ti­on nur in Deutsch­land im Gegen­satz zur gan­zen Welt und nur hier so in die­sem Fall so, soll­te des Unter­su­chens wert sein.«
Obwohl Syber­berg inmit­ten der Wel­le des »Neu­en Deut­schen Films« eine unüber­seh­ba­re Figur war, war den Her­zog, Fass­bin­der, Schlön­dorff und Wen­ders von Anfang an klar, daß er kei­ner der Ihren war. In ihrem kano­ni­schen Buch Der Neue Deut­sche Film 1960–1980 ver­spot­te­ten Robert Fischer und Joe Hembus sei­nen eli­tä­ren, bil­dungs­bür­ger­li­chen Ges­tus und bezeich­ne­ten ihn als »wahn­se­li­gen Mytho-Masochisten«.
Die Distanz zu den Prot­ago­nis­ten des »Neu­en Deut­schen Kinos« hat­te ihre guten Grün­de. Syber­berg war rund ein Jahr­zehnt älter als sei­ne Kol­le­gen und hat­te sei­ne ent­schei­den­den Prä­gun­gen lan­ge vor 1968 erfah­ren. Er war auch nie ein blo­ßer Cine­phi­ler oder »Film-Buff« gewe­sen, wie er es ver­ächt­lich nann­te. Für sein ästhe­ti­sches Kon­zept spiel­ten Thea­ter, Oper, Lyrik und Male­rei eine nicht min­der bedeu­ten­de Rol­le. Ent­schei­dend war aber auch eine men­tal-bio­gra­phi­sche Prä­gung, die der Regis­seur 1984 so beschrieb: »Ich leb­te außer­halb der Nazi-Gesell­schaft und darf mich heu­te unbe­schä­digt von ihren Fol­gen bewe­gen, immu­ni­siert, ohne mich durch pro­tes­tie­ren­de Pro­fi­lie­rung von den Eltern abset­zen zu müs­sen und ohne Rache­ab­sich­ten gegen die ehe­ma­li­gen Verfolger.«
Syber­berg wur­de 1935 im pom­mer­schen Nos­sen­dorf auf einem spä­ter ent­eig­ne­ten Land­gut gebo­ren – das­sel­be, auf das sich der alte Mann inzwi­schen wie­der zurück­ge­zo­gen hat. Sei­ne ers­ten Film­ar­bei­ten waren Schmal­film-Mit­schnit­te von Pro­ben des Ber­li­ner Ensem­bles in den Jah­ren 1952/53. Nach dem Umzug in den Wes­ten und einem abge­schlos­se­nen Stu­di­um in Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Kunst­ge­schich­te arbei­te­te Syber­berg als frei­er Mit­ar­bei­ter fürs Fern­se­hen: »185 Fil­me zwi­schen 3 und 30 Minu­ten in 3 Jah­ren ab 1963. Aktu­el­les, Gebrauchs­fil­me zum kul­tu­rel­len Tages­ge­sche­hen, Kalen­der­ge­schich­ten zu The­men, die kei­ner woll­te«. Sei­ne frü­hen eige­nen Fil­me glei­chen den ers­ten Schrit­ten eines Suchen­den, der sein The­ma noch nicht gefun­den hat. Es folg­ten ab 1965 lan­ge Doku­men­tar­fil­me über Romy Schnei­der, Fritz Kort­ner und einen bay­ri­schen Soft­por­no-Pro­du­zen­ten. Syber­bergs Spiel­film­de­büt »Sca­ra­bea« (1968) und der auf einer Novel­le von Kleist basie­ren­de »San Dom­in­go« (1970) waren unge­wöhn­li­che, aber holp­ri­ge Geh­ver­su­che in der erzäh­le­ri­schen Form. Das Schei­tern Syber­bergs im Nar­ra­ti­ven mag er auch mit jener spä­te­ren ästhe­ti­schen Pro­gram­ma­tik kom­pen­siert haben, die er pole­misch als Gegen­ent­wurf zum »Bou­le­vard-Film hol­ly­wood­scher Tra­di­ti­on und sei­ner Kolo­nien « prä­sen­tier­te, mit einer Radi­ka­li­tät, die allen­falls mit Jean-Marie Straub und Daniè­le Huil­let ver­gleich­bar ist.

Für »Lud­wig – Requi­em für einen jung­fräu­li­chen König« (1972) fand Syber­berg schließ­lich die ihm gemä­ße Form: den Mono­log und das Tableau. Die­se streng sti­li­sier­te Sze­nen­fol­ge, die aus­schließ­lich auf einer Büh­ne gedreht wur­de, auf der Rück­pro­jek­tio­nen die Kulis­sen ersetz­ten, ist in ihrer künst­le­ri­schen Absicht schwer zu deu­ten. Ver­mut­lich war sie zunächst vor allem eine Zwi­schen­sta­ti­on eines sich immer noch vor­an­tas­ten­den Autors: »Ruhe, lan­ge Ein­stel­lun­gen, epi­sche Deut­lich­keit, Ver­frem­dun­gen, Pathos und Iro­nie, Traum- und Visi­ons­cha­rak­ter neben Klar­heit und Über­sicht, eine Bezie­hungs- und Gefü­ge­tech­nik ohne Zufall in Requi­sit, Klei­dung, Musik, Geräu­schen …« War das Ergeb­nis Brecht oder Wag­ner, Schroe­ter oder Valen­tin? War die­ser tun­ti­ge, som­nam­bu­le Bay­ern­kö­nig in Gestalt Har­ry Baers Par­odie, Camp, Hom­mage, Poe­sie? War die­ser Anti­po­de zu dem gleich­zei­tig ent­stan­de­nen Epos »Lud­wig II.« von Luchi­no Vis­con­ti denn über­haupt noch ein Film im her­kömm­li­chen Sin­ne? Der Papst der dama­li­gen Cine­as­ten, Hen­ri Lan­g­lois von der Ciné­ma­t­hè­que Fran­çai­se, reih­te Syber­berg jeden­falls fort­an unter die »Mur­n­aus des zeit­ge­nös­si­schen Films«.
Sein nächs­ter Spiel­film »Karl May« (1974) fiel dage­gen kon­ven­tio­nell aus, ließ aber die Marsch­rich­tung deut­li­cher wer­den. May, der Schöp­fer von Tri­vi­al­my­then, die in Deutsch­land gan­ze Genera­tio­nen geprägt haben, wird zum See­len­bru­der Lud­wigs als typisch deut­scher Träu­mer, des­sen Gefüh­le, Idea­le und künst­li­che Para­die­se das Leben erhö­hen sol­len und ihm doch feind­lich gegen­über­ste­hen, ja in den Abgrund füh­ren kön­nen. Bereits hier wur­de von der Kri­tik die exor­zis­ti­sche Ten­denz wahr­ge­nom­men, die zum Kern des Hit­ler-Films wer­den soll­te. »Die deut­sche Roman­tik – vom Nazis­mus befreit« titel­te die lin­ke Libé­ra­ti­on im Dezem­ber 1975. »Die­ser deut­sche Fil­me­ma­cher ver­sucht seit lan­gem über sei­ne eige­ne Geschich­te hin­aus­zu­ge­hen, um die Mytho­lo­gie sei­nes Vol­kes wie­der­zu­fin­den. « Kein Zufall war in die­sem Zusam­men­hang die Beset­zung mit UFA-Legen­den wie Hel­mut Käut­ner und Kris­ti­na Söder­baum. Dabei akzep­tier­te Syber­berg durch­aus die in deut­schen Nach­kriegs­ver­wer­fun­gen pos­tu­lier­te Lini­en­füh­rung, die in Hit­ler kei­nen blo­ßen Betriebs­un­fall sah, son­dern das Dra­chen­ei des­sel­ben Geis­tes, der Goe­the, Wag­ner, Nietz­sche, und eben auch Lud­wig und Karl May her­vor­ge­bracht hat­te. Syber­berg ver­such­te die­se Zusam­men­hän­ge unter dem Begriff des »schöp­fe­ri­schen Irra­tio­na­lis­mus« zu fas­sen, den er pole­misch dem »Ratio­na­lis­mus und Mate­ria­lis­mus« entgegenstellte.
Im Jahr des »deut­schen Herbs­tes« ent­stand schließ­lich »Hit­ler, ein Film aus Deutsch­land«, eine monu­men­ta­le, kalei­do­sko­pi­sche Mischung aus vor­ge­tra­ge­nem Text, Thea­ter, Doku­men­ta­ti­on, Spiel- und Musik­film. Sze­ne­rie ist eine in düs­te­res Chia­ros­cu­ro getauch­te, von Tro­cken­eis-Nebel umweh­te Thea­ter­büh­ne, auf der eine maka­bre Invo­ka­ti­on statt­fin­det. Aus­ge­stat­tet mit Pup­pen, Mario­net­ten, Film­pro­jek­tio­nen, Pla­ka­ten, Kunst- und Film­zi­ta­ten, Papp­fi­gu­ren his­to­ri­scher Gestal­ten und einem Gru­sel­ka­bi­nett an Requi­si­ten, dia­lek­tisch und sug­ges­tiv unter­malt von ori­gi­na­len Ton­do­ku­men­ten und der Musik von Haydn, Mozart, Beet­ho­ven und Wag­ner wird die Büh­ne zur schwar­zen Höh­le des Unter­be­wuß­ten, in der Traum und Alp­traum des »Drit­ten Reichs« neu geträumt und reflek­tiert wer­den. Zur Höh­le, aber auch zur Höl­le: Mit expli­zi­tem Bezug zu Dan­te ver­steht sich »Hit­ler« als eine Unter­welt­fahrt in den Hades deut­scher und euro­päi­scher Geschich­te und Gegenwart.

Hans-Jür­gen Syber­berg kom­men­tier­te sei­ne Absich­ten in dem Essay Die Kunst als Ret­tung aus der deut­schen Mise­re: »Kann und darf, gera­de und aus­ge­rech­net, ein Film über Hit­ler und sein Deutsch­land Iden­ti­tä­ten wie­der­fin­den, hei­len und erlö­sen? Aber, so fra­ge ich, wird man je wie­der frei wer­den vom bedrü­cken­den Fluch der Schuld, wenn man nicht ins Zen­trum der boh­ren­den Krank­heit kommt?« Und: »In der frei­wil­li­gen Selbst­auf­ga­be sei­ner schöp­fe­ri­schen Irra­tio­na­li­tät vor allem, und viel­leicht ein­zig hier, hat Deutsch­land wirk­lich den Krieg ver­lo­ren … die­ses Land ist bru­tal und mate­ria­lis­tisch gewor­den … Deutsch­land wur­de see­lisch ent­erbt und ent­eig­net, was nicht sozio­lo­gisch, gesell­schafts­po­li­tisch zu recht­fer­ti­gen war, wur­de ver­schwie­gen.« Die Deut­schen sei­en ein »kran­kes Volk ohne Iden­ti­tät«, ihr schöp­fe­ri­sches Bes­tes, den »ver­fluch­ten Haupt­strang ihres Wesens« haben sie »ver­drängt, den Nazis kampf­los zuge­scho­ben, ihn mit dem Fluch des Faschis­mus belegt«.
Heu­te erscheint der Film als eben­so fas­zi­nie­ren­des wie stra­pa­ziö­ses Mons­trum mit einem erkleck­li­chen Anteil an Ver­quast­hei­ten, Län­gen, Red­un­dan­zen und ästhe­ti­schen Fehl­grif­fen. Im Grun­de unpreu­ßi­sche Maß­lo­sig­kei­ten, die auch für Syber­bergs essay­is­ti­sches Werk cha­rak­te­ris­tisch sind. Syber­bergs Schrif­ten sind eine unebe­ne, schwie­ri­ge, aber immer pro­vo­zie­ren­de Lek­tü­re. Typisch ist die Reak­ti­on eines Rezen­sen­ten auf den Band Die freud­lo­se Gesell­schaft (1981): »Ein sol­ches Wech­sel­bad aus Ärger, Zustim­mung, Ableh­nung, Zorn und Ver­ständ­nis als Lese-Reak­ti­on ist mir noch nicht wider­fah­ren.« Syber­bergs zwei­fel­los gewich­tigs­te Pole­mik ist der unmit­tel­bar vor und wäh­rend der Wen­de ent­stan­de­ne und 1990 publi­zier­te Band Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutsch­land nach dem letz­ten Krie­ge, der expli­zi­ter als je zuvor die Fra­ge nach der Wie­der­ge­win­nung einer spe­zi­fisch deut­schen Kunst und Ästhe­tik, mit­hin einer deut­schen See­le, nach 1945 frag­te. Den Auf­takt des Buches mach­te eine Pho­to­gra­phie vom Paro­le­saal des zer­stör­ten Stadt­schlos­ses von Ber­lin, kom­men­tiert durch ein Zitat von Ernst Jün­ger: »Wo Bil­der fal­len, müs­sen sie durch Bil­der ersetzt wer­den, sonst droht Ver­lust«. Die­se Bil­der zu schaf­fen oder zu fin­den, müs­se die Auf­ga­be der Kunst sein. Die­se hat­te sich jedoch nach dem Krieg in einem heil­lo­sen Mise­ra­bi­lis­mus verloren:

»Alles, was jahr­hun­der­te­lang als Ziel und Aus­druck der Frei­heit des Men­schen im Wech­sel sei­ner Idea­le galt, muß­te ver­mie­den wer­den, galt als ver­füh­re­risch, erhielt einen Makel. Jede Gegen­for­mel war erwünscht, von der ein­fa­chen Iro­ni­sie­rung des Hel­den bis zur Häß­lich­keit in den Vari­an­ten der Armut des Geis­tes, ohne Ewig­keit der See­le. Den Gegen­wel­ten des Schö­nen waren alle Tore geöff­net, grin­send und markt­be­herr­schend, frech.«
Hand in Hand mit die­ser »Ästhe­tik der Ver­klei­ne­rung« geht eine »patho­lo­gi­sche Selbst­zer­stö­rung«, die mit der Kul­tur auch noch die »Aus­lö­schung der Natur« mit sich zieht. Von der Demon­ta­ge des Schö­nen, der Tra­gik, des Eros, des Heroi­schen hät­te ledig­lich die »Plas­tik­welt« des Kon­sums pro­fi­tiert. Beson­ders fatal wir­ke sich jedoch das unter der Gei­ßel einer ein­sei­ti­gen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung ent­stan­de­ne »Kla­ge­ver­bot« aus. Kaum ein Kunst­werk nach 1945, das das Aus­maß des Unter­gangs und Ver­lus­tes aus­ge­schöpft hät­te. Die »zen­tra­len The­men unse­rer Zeit« zu behan­deln aber wäre die Auf­ga­be der Kunst gewe­sen. Syber­berg nann­te den »Zusam­men­bruch des Deut­schen Rei­ches und sei­ne Umstän­de in Ver­ge­wal­ti­gung als Befrei­ung und Umer­zie­hung in der Mit­te des Kon­ti­nents und sei­ne Fol­gen mit der Tei­lung Deutsch­lands und damit Euro­pas und das Ver­schwin­den eines der zen­tra­len Kul­tur­staa­ten, näm­lich Preu­ßens. Zwei­tens Ausch­witz und der Exo­dus der euro­päi­schen Juden nach Isra­el und Ame­ri­ka. Und drit­tens die Ver­trei­bung von 15 Mil­lio­nen Men­schen aus den öst­li­chen Pro­vin­zen Deutsch­lands … was einer zwangs­wei­sen Völ­ker­wan­de­rung von säku­la­rem Maß gleichkommt.«
Man wird nun unschwer erah­nen, was im Jahr der deut­schen Ein­heit den Haß der natio­nalpho­bi­schen Feuil­le­tons aus­ge­löst hat. Das Ver­dikt Schirr­ma­chers nütz­te aber am Ende nichts: Obgleich es still um Syber­berg gewor­den ist, ist die Aktua­li­tät und unter­ir­di­sche Strahl­kraft sei­nes Wer­kes unge­bro­chen. Kei­ne sei­ner Hoff­nun­gen hat sich bis­her erfüllt: der unto­te Hit­ler hielt allen Exor­zis­men stand, die Chan­ce auf eine neue »Stun­de Null« nach der Wen­de ist unge­nutzt ver­stri­chen, die Kunst ist unfrucht­bar geblie­ben. Immer­hin hat sich die Erin­ne­rungs­ar­beit zäh, aber ste­tig in Bewe­gung gesetzt und die Kla­ge­ver­bots­mau­er mür­be gemacht. »Das Ver­ges­sen trägt den Namen Hit­ler, der die Land­schaft der deut­schen Geschich­te kolo­ni­siert«, schrieb Hei­ner Mül­ler über Syber­bergs Hit­ler-Film. Der anti­ko­lo­nia­le Befrei­ungs­kampf, die gedul­di­ge und beharr­li­che »Wie­der­erobe­rung des besetz­ten Gelän­des« sind heu­te unse­re Aufgabe.

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