Sezession
1. Oktober 2009

Die Deutsche Frage

Gastbeitrag

pdf der Druckfassung aus Sezession 32 / Oktober 2009

von Karlheinz Weißmann

Der Begriff »Deutsche Frage« bezog sich ursprünglich nicht auf die Lage nach 1945, sondern auf die Situation, die mit dem Untergang des alten Reiches entstanden war. 1802 erschien im Druck ein Notenwechsel zwischen Frankreich und Rußland, die deutsche Frage betreffend. Das war am Vorabend des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 und jenes denkwürdigen Aktes, bei dem der letzte Habsburger die Kaiserkrone niederlegte und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nach tausend Jahren zu bestehen aufhörte. Die »Deutsche Frage« – und darin liegt allerdings eine Berührung mit dem letzten Nachkrieg – entstand in dem Augenblick, als fremde Mächte, hier: Frankreich und Rußland, zu Herrn des deutschen Schicksals geworden waren, die nationale Einheit unmöglich schien und Hegel feststellen mußte: »Deutschland ist kein Staat mehr.«Für die Zeitgenossen hatte diese Deutsche Frage Ähnlichkeit mit der italienischen oder polnischen. Eigentlich handelte es sich nach einem Diktum Napoleons nur noch um »geographische Begriffe«. Deutschland, Italien und Polen waren am Beginn des 19. Jahrhunderts kaum mehr als ungefähr abgrenzbare Regionen, in sich zersplittert, teilweise unter Fremdherrschaft, ohne politischen Zusammenhang und ohne Möglichkeit der Selbstbestimmung, Manövriermasse der Diplomatie, Auf- und Durchmarschgebiete mächtigerer Nachbarn. Aber es gab noch die Erinnerung an Zeiten, in denen Deutschland, Italien oder Polen als Staaten bestanden hatten. Eine Erinnerung, unklar im Bewußtsein der Völker, schärfer konturiert im Bewußtsein der Führungsschichten, wo sie sich mit der Vorstellung verknüpfen konnte, daß aus der Geschichte das Anrecht auf neue Einheit erwachsen würde. In diesem Sinn hat Freiherr vom Stein angesichts der Niederlage Napoleons sein Bekenntnis abgelegt: »… ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland, und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehöre, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben. … mein Wunsch ist, daß Deutschland groß und stark werde und seine Selbständigkeit, Unabhängigkeit und Nationalität wieder erlange. Mein Glaubensbekenntnis ist Einheit.«
Die italienische, polnische und deutsche Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts wurden von dem Glauben an »Einheit« getrieben. Er motivierte immer neue Versuche, sich auf revolutionärem Wege oder im Bündnis der bestehenden Ordnung Freiheit und einen Staat zu verschaffen, der alle Italiener, Polen oder Deutsche vereinigen sollte. Die »italienische«, »polnische« oder »deutsche Frage« galt so lange als unbeantwortet, so lange dieses Ziel nicht erreicht war. Das erklärt, warum es eine erste Welle von Veröffentlichungen – Aufsätze, Broschüren und Bücher – zur Deutschen Frage im Vormärz gab, dann während der Revolution von 1848 und schließlich nach deren Scheitern. Dabei ging es einerseits um das Problem, wie man zum Nationalstaat gelangen wollte, weiter um dessen richtige Verfassung, vor allem aber um die Klärung der Grenzen eines neuen deutschen Reiches. Das war deshalb so problematisch, weil man nicht nur entscheiden mußte, ob und wenn ja, welche fremdnationalen Elemente innerhalb des eigenen Gebietes bleiben sollten (Dänen, Tschechen und Polen vor allen Dingen), sondern auch, wie mit Österreich zu verfahren war. Bis zur Märzrevolution, die das Problem zum ersten Mal von der theoretischen auf die praktische Ebene verschob, dürfte die Mehrzahl der Deutschen für eine großdeutsche Lösung gewesen sein, und es waren machtpolitische Umstände, nicht prinzipielle Erwägungen, die dazu führten, daß sich die Anhänger der kleindeutschen durchsetzten, was aber ein dauerndes Unbehagen angesichts der Irredenta hinterließ.


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